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Dienstag, den 23. Juli 1895
Jahrgang
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mit Unterhalt««gs-Keilage „Sterne und Flumen".
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K> Zur Handwerkerfrage.
Durch die Presse laufen jetzt allerlei Nachrichten über den derzeitigen Stand der Handwerkerftage Da sich diese Nachrichten mehrfach widerfprechen und an dieselben auch mehr oder weniger zutreffende Bemerkungen geknüpft werden, erscheint es angebracht, die Vorgänge der letzten Zeit kurz zu rekapituliren.
Auf dem unlängst in Halle a. S. abgehaltenen deutschen Handwerkertage sind die Beschlüsse des vorjährigen großen Berliner Handwerkertages, die im Wesentlichen die obligatorische Innung und den Befähigungsnachweis forderten, vielfach wiederholt worden. Gleichzeitig wurde in Halle beschlossen, durch eine Abordnung dem Kaiser eine Immediateingabe über die Lage des Handwerks und die Wünsche der Handwerker überreichen zu lassen. Die Bitte, die Eingabe persönlich überreichen zu dürfen, ist abgeschlagen worden, wohl aber wurde den Handwerkern freigestellt, die Eingabe an daö Civil- kabinet einzusenden. Das ist denn auch geschehen und die Eingabe selbst wurde dann in der,Allgem. deutschen Handwerkerztg.' veröffentlicht.
In dieser Eingabe wird ausgeführt, daß die Lage des deutschen Handwerks von Jahr zu Jahr gedrückter, bedrängter und trostloser werde. Dann heißt es weiter: „Die Verhältnisse des deutschen Handwerkerstandes können nur dann zum Besseren sich wandeln, wenn demselben durch Einführung der obligatorischen Innung und Handwerkerkammern eine festgefügte Organifation und eine legitime Vertretung, und zwar auf der Basis des Befähigungsnachweises gegeben wird. Nur durch letzteren und eine gesetzliche Festlegung der Grenzen zwischen Handwerk und Fabrik wird es ermöglicht werden, die Hebergriffe des Großkapitals und der Großindustrie auf gewerbliches Gebiet hintanzuhalten."
Gemäß den in der letzten Reichstagsfession von der Negierung gemachten Andeutungen plant die letztere eine Organisation des Handwerks durch die Einführung von Handwerkerkammern und Fach- genofsenschaften. Vorher solle aber eine Stichprobenenquete über die Frage, inwieweit in gewissen Gewerbebetrieben eine Organifation überhaupt möglich fei, veranstaltet werden. Gleichzeitig ließ die Regierung durchblicken, daß sie der Einführung des Befähigungsnachweises widerstrebe, gegen den sich die Bundesregierungen mit großer Mehrheit ausgesprochen hätten.
Von dem Ergebniß der Stichproben - Enquete ist bisher nichts bekannt geworden, wohl aber haben, wie bereits bekannt, drei Beamte aus dem preußischen Handelsministerium und dem Reichsamte des Innern eine Informationsreise nach Oesterreich unternommen, um sich dort über die Wirkungen des Befähigungsnachweises und der obligatorischen Handwerkergenossenschaften zu unterrichten. Die Herren sind bereits wieder nach Berlin zurückgekehrt und werden nun über ihre Erfahrungen Bericht erstatten. Ist eine osfiziöse Notiz über die Richtung, in der sich dieser Bericht bewegen
25] K> Um Gut ittifr Klut.
Roman aus den napoleonischen Kriegen.
Von M. Benno.
Rasch, aber vorsichtig stieg die ganze Kolonne zu Thal. Die Dragoner und der Wagen kamen ihnen in Sicht. Von den Soldaten waren einzelne abgestiegen und ihre Pferde weideten das Gras am Straßenrande ab. Mit erhitztem Gesichte stieß Poldl zu den Männern. Er jubelte laut auf, als er Agil erkannte und die bewaffnete Zigeunerschaar sah. „Nun kann'- nicht mehr fehlen," frohlockte er. „Nun wollen wir den Schurken die Suppe versalzen. Du hast ganz Recht gehabt, Cajetun," wandte er sich an diesen. „Der Förster Schleicher ist richtig Derjenige, von dem die ganze heillose Geschichte ausgeht. Ich habe ihn vorhin, wo er mit einem der Dagoner sprach, deutlich erkannt. Er verschwand zwar wieder, aber wir werden ihn schon finden, und dann geht es ihm schlecht."
Peitschenknall drang zu dem bewaldeten Abhange heran.
„Der Wagen von Tannenberg kommt," flüsterte Poldl, „ich hörte schon vorher sein Rollen, nun vorwärts zum Kampfe!"
In der Thal fuhr unten ein geschlossener Wagen gegen die Zillerbrücke heran, aus deren linken Seite
wird, genau, dann sind die Aussichten des Befähigungsnachweises trübe, während in Betreff der Zwangsorganisationen die Aussichten günstiger zu sein scheinen. Freilich ist noch immer nicht klar, ob zunächst nur die Bildung von Handwerkerkammern geplant wird oder ob gleich nach den früheren Vorschlägen des Handelsministers v. Berlepsch eine umsassende Organisation in's Leben gerufen werden soll.
Vielleicht erfolgt eine Klärung auf der Ende dieses Monats nach Berlin einberufenen Handwerker- Konferenz, an der ja auch Kommissare der Regierung theilnehmen sollen. Der Worte sind ja nun wirklich genug gewechselt. Den Handwerkern liegt jedenfalls daran, daß endlich die Sache in Fluß kommt und sie werden schwerlich das überaus vorsichtige Vorgehen der Regierung dadurch stören, daß sie sagen: Alles oder nichts. Sie werden schon zufrieden fein, wenn nur endlich angefangen wird. Das Weitere wird sich dann schon finden. Die handwerkerfreundlichen Parteien des Reichstages, voran das Centrum, werden schon dafür sorgen, daß die Wünsche des Handwerks genügend vertreten werden und nicht zu kurz kommen, wenn erst die entsprechenden Vorlagen an den Reichstag kommen. Freilich bis in's nächste Jahrhundert darf die Sache, die nun den Reichstag beinahe zwei Jahrzehnte in jeder Tagung beschäftigt, nicht verschoben werden, denn dann dürfte es zu spät sein.
Deutsches Reich.
Berlin, 22. Juli.
* Der Kaiser hielt, wie aus Hörnesand berichtet wird, am Sonntag an Bord der „Hohenzollern" Gottesdienst ab. Nachmittags fand eine Segelregatta zwischen den Kuttern der „Hohenzollern" und des „Gefion" statt. — Aus Stockholm meldet man der ,Voss. Ztg.' unter dem 17. d. Mts., der Kaiser habe bei seiner Abreise von dort dem deutschen Gesandten, Grafen Bray-Steinburg, 1000 Kronen zur Vertheilung an die Armen der Stadt übergeben. — Die Ankunft des Kaisers in Saßnitz ist, wie von dort gemeldet wird, definitiv auf den 7. Aug. festgesetzt. Die Kaiserin mit den beiden ältesten Prinzen wird erst Anfang August auf Schloß Dwasieden eintreffen.
* Zur Kaiserreise nach Rom erfährt der ,Hamb. Corr/, anscheinend offiziös, daß die Mittheilung eines italienischen Blattes, die diesjährige Begegnung des Kaisers mit dem König Humbert habe eine erhöhte Bedeutung wegen der Unterhandlungen bezüglich der Erneuerung des Dreibundes, unzutreffend sei. Zu Unterhandlungen nach dieser Richtung liege zur Zeit noch kein Anlaß vor. Der .Hann. Cour.' erfährt ferner, die Meldung von einer Reife des Kaisers nach Rom sei überhaupt erfunden. Bisher seien keine derartige Bestimmungen getroffen. Wir haben von Ansang an die Ansicht vertreten, daß es sich bei der ganzen Mittheilung nur um einen Fühler und „frommen Wunsch" handelt. Dem gesammten Liberalismus und dem mit
sich die Dragoner - Abtheilung befand. Er hielt und der Kutscher sprang von dem Bock. Mit neugieriger Hast und unter rohem Gelächter eilten einige der Soldaten heran.
Der erste griff nach dem Kutschenschlag, um zu öffnen; da ertönte im Hintergründe ein wildes Geschrei. Schüsse fielen und dazwischen hörte man die Flüche der Dragoner.
„Nieder, die Mädchenräuber, schießt sie zusammen, die Schufte, das Regiment der Blutsauger ist aus," tobte es durch einander, und ein hitziges Handgemenge entstand, da die meisten der so unerwartet überfallenen Dragoner ihre Pferde nicht mehr erreicht hatten.
Die Soldaten wehrten sich zwar tapfer und mancher der Angreifer trug bedenkliche Wunden davon, aber schließlich erkannten Erstere doch, daß die Uebermacht viel zu groß war. Der Eine um den Anderen zog sich zurück, schwang sich in den Sattel und sprengte davon. Sobald Cajetan Döninger dies bemerkte, mahnte er von weiterem Kampfe ab und duldete auch nicht, daß man die Fliehenden verfolgte. Sie hatten ja nur gethan, was durch die Vorgesetzten von ihnen verlangt worden war.
Der Kutscher mit dem zweiten Wagen hatte gleich beim Beginn des Kampfes das Weite gesucht. Leopold Walluer war indesfen zu dem von Tannenberg
ihm verbundenen Logenthum in Italien würde es natürlich ein Hochgenuß fein, wenn der deutsche Kaiser am 20. September, dem Jahrestage der Beraubung des hl. Stuhles, in Rom weilte. Den Herren ist es natürlich ganz gleichgiltig, daß Deutschland circa 20 Millionen Katholiken zählt, die dem Herzen des deutschen Kaisers ebenso nahe stehen, wie die Deutschen anderer Religionsbekenntnisse.
* Der Vertreter des Staatssekretärs des Reichsmarineamts macht im ,Mar.-Ver.-Bl.' amtlich bekannt, daß, nachdem der Kaiser bei der Eröffnung des Nordostseekanals diesen Kanal den Namen „Kaiser-Wilhelm- Kaval" beigelegt habe, fortan diese Bezeichnung im amtlichen Verkehr ausschließlich anzuwenden sei.
* Ueber das Programm der diesjährigen großen Flottenmanöver erfährt der,Hamb. Corr.' Folgendes: Die Herbstmanöver der Marine werden sich in diesem Jahre sowohl auf die Ost- wie auf die Nordsee erstrecken, während in den letzten Jahren das Manöverfeld hauptsächlich in der Ostsee zu suchen war. Die Formatton der Herbstübungsflotte wird sich in der ersten Augusthälfte in Wilhelmshaven vollziehen. Die eigentlichen Manöver der Flotte dagegen werden erst in der ersten Augusthälste ihren Anfang nehmen und bis gegen den Schluß desselben Monats dauern. Taktische Manöver werden die gesammten diesjährigen Ue6ungen beenden. Unmittelbar daran werden die zu- sammengezogenen Geschwader u. die Torpedobootsflottille aufgelöst, und die Außerdienststellungen nehmen ihren Anfang. Die Zahl der bei den diesjährigen Flottenmanövern betheiligten Kriegsfahrzeuge wird sich auf derselben Höhe halten wie in den letzten Jahren; nur nehmen an. den Manöver» zum ersten Mal die vier Panzerschiffe I. Klasse und vier der IV. Klasse Theil.
* Professor Dr. Rudolf v. Gneist, der bekannte liberale Parlamentarier und hervorragende Staatsrechtslehrer, ist in der vergangenen Nacht nach längerem Leiden im Alter von fast 79 Jahren gestorben, v. Gneist, ein geborener Berliner und seit 1858 ordentlicher Professor an der Berliner Universität, gehörte in der Konflikts-Periode der sottschrittlichen Opposition an, wurde später nationalliberal und war bis 1884 auch Mitglied des Reichstages. In diesem Jahre wurde er durch König!. Vertrauen in den Staatsrath berufen. Dem Abgeordnetenhause hat er bis vor Kurzem angehört, ist aber wegen hohen Alters und Kränklichkeit in der letzten Zeit parlamentarisch nicht mehr hervorge- treten. Im Kulturkämpfe gehörte Prof. Gneist neben seinen Fraktionsgenossen Wehrenpfennig, Junge und Dr. Petri zu den eifrigsten Rufern im Streite, doch fand er, von dem man scherzweise sagte, daß er Alles beweisen könne, in den verstorbenen Centrnms-Abgeord- neten Mallinckrodt, Windthorst, Peter Reichensperger und Frhr. v. Schorlemer-Alst schneidige Gegner. War er auch ein eifriger Kulturkämpfer, so beobachtete er doch die parlamentarischen Formen, was von seinen Freunden nicht immer gesagt werden konnte. Er hat es später erleben müssen, daß ein Theil der von ihm gekommenen Wagen geeilt und hatte den Schlag auf- gerissen.
In mächtiger Bewegung stieß er einen Schrei aus. Leichenblaß, gleich einer Todten, lag Stasi in der Ecke der Polster und ihr gegenüber Angela mit ebenso verstörten Zügen. Er schwang sich hinein. Er erfaßte die Hände der Braut und drückte seine Lippen auf sie, er rief ihren Namen, aber das Mädchen schlug die Augen nicht auf. Verzweiflungsvoll und das Schlimmste befürchtend, schaute der Bursche sich um. Da sah er den Zigeuner Agil, der vor dem geöffneten Wagenschlage stand. Er ries ihn herein. Auch auf dem Gesichte des Zigeuners lag der Ausdruck großer Bestürzung, der jedoch sofort verschwand. Ein bitteres Lächeln spielte um seinen Mund.
„Wir brauchen nicht in Sorgen zu sein," sagte er. „Ich weiß nun, wie man diesen höllischen Anschlag ins Werk gesetzt hat. Das Fräulein und Stasi sind durch ein starkes Mittel so in Schlaf versetzt worden, daß wahrscheinlich noch viele Stunden vergehen werden, bis ein Aufwachen erfolgt. Das ist ein schändliches Spiel, welches nur dadurch ermöglicht wurde, daß Jemand dabei im Schlosse selbst eine Rolle gespielt hat. Doch, man wird es erfahren und strenge Vergeltung üben; die Verbrecher werden nicht mehr durch die Fremden beschützt."