Montag, den 22. IM 1895
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beide Richtungen, die Bebel'sche und die Vollmar'sche werden bestrebt sein, ihre Mannen in Breslau in möglichster Stärke erscheinen zu lassen, damit entschieden werde, wer im sozialdemokratischen Reich herrschen soll: ob Herr Bebel oder Herr von Wollmar, der gern sozialdemokratischer Bauernkönig werden möchte.
Vorläufig nimmt nur der sozialdemokrafische Reichstagsabgeordnete Schippel in dem offiziellen Wochenblatt der Partei, dem .Sozialdemokrat', zu dem Programm- Entwurf Stellung, den er ziemlich geringschätzig behandelt. Der „Bauernschutz" nehme zwar in dem Entwurf den breitesten Raum ein, es habe jedoch das Er- gebniß der Kommisfionsberathungen schlagend darge- than, „daß wir als Anwälte der Arbeiter und als ehrliche Politiker hierin niemals mit den bürgerlichagrarischen Parteien zu konkurriren vermögen und daß wir mit unserer Hast und unserem Uebereifer auf einem tobten Strang festzufahren drohten." Herr Schippel verspricht sich auch von den aufgestellten „ Bauernschutz"- Forderungen nicht viel. „Im Ganzen werden wir mit diesen Forderungen weder dem konservativen Agrarer- thum, noch der liberalen Opposition, soweit diese auf dem Lande noch existirt, irgend eine Bauernseele ab- gewinnen können. Der in Frankfurt gepredigte sozialistische Bauernschutz war als Agitations-Zugmittel (!) von vornherein eine Todtgeburt. Soweit wir das Land wirklich erobern können, werden wir es weiter mit dem alten Arbeiter-Programm thun müssen." Das klingt für die Arbeiter der sozialdemokratischen Agrarkommission, der auch Herr Schippel angehörte, wenig verheißungsvoll.
Um Augenblickserfolge zu erzielen, will eine Richtung innerhalb der Sozialdemokratie auf dem Lande die rothe Fahne in die Tasche stecken und „innerhalb der heutigen Staats- und Gesellschaftsordnung" in „Bauernschutz" machen. Die Bauern sind aber nicht so dumm, daß sie nicht merken sollten, was man eigentlich mit ihnen vorhat und so werden die Herren ihre Lockpfeife vergeblich anftrengen.
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Deutsches Reich.
Berlin, 20. Juli.
* Von den gesetzgeberischen Aufgabe« des Reichstages in der nächsten Sessron ist ein großer Theil schon bekannt, und was bekannt ist, reicht hin, um in dem im jetzigen Reichstage üblichen Tempo eine ganze Session auszufüllen. Rach einer Zusammenstellung der ,Franks. Ztg.' wird einen Hauptgegenstand daS Gesetz zur Reform der Börse bilden. Der bereits veröffentlichte Entwurf liegt zur Einbringung am ersten Tage bereit. Das Gesetz über den unlautern Wettbewerb, ein Margarinegesetz, Reform und Ausdehnung der Unfall-Versicherung sind bestimmt angekündigt. Dazu kommen die wiederkehrenden Rückstände der letzten Session: Reichs-Finanzreform und Tabaksteuer, die Novelle zur Gewerbe-Ordnung, die sich auf den Hausirhandel usw. bezieht. Fraglich ist, ob das Justiz- an den Mund hielt und in langem Zuge aus ihr trank. Auch sie begab sich in die oberen Räume hinauf.
Eine halbe Stunde verging. Ein paar Mal hatte man während dieser Zeit gehört, wie Thüren auf und zu gingen, wie Schritte sich über den Korridor hin und her bewegten, und dann und wann auch ein paar Worte vernommen, deren Klang auf weibliche Stimmen hinwies. Dann war es aber auf einmal ganz still geworden, man hörte keinen Laut mehr, Schloß Tannenberg schien ausgestorben zu sein.
Da wurde die Thüre des blauen Zimmers behutsam geöffnet und Salome trat heraus. Sie blickte durch das Fenster in den Hof und eilte dann mit befriedigendem Grinsen nach dem Gemache, in welchem sich der Förster Schleicher befand. Wieder pochte sie. „Alles in Ordnung", flüsterte sie hastig dem sofort zum Vorschein gekommenen Bräutigam zu; „nun rasch an's Werk!"
Schleicher rief einen Befehl in's Zimmer hinein. Ein junger Mann in bayerischer Uniform trat vor. „Vorwärts!" kommandirte der Förster und begab sich, von Salome gesührt, nach dem blauen Zimmer. Ein eigenthümlicher Anblick bot sich hier dar. Hinter einem runden Tische, auf welchem kalter Aufschnitt neben einer Flasche Wein mit zwei zum Theile geleerten
gesch, das die Wiedereinführung der Berufung und die Entschädigung unschuldig Verurtheilter enthielt, wieder eingebracht wird, nachdem die Kommission ttotz monatelanger Thätigkeit die Berathung nicht zu Ende geführt hat. Nicht fraglich scheint eS, daß der größte Todte der letzten Session: das Umsturzgesetz, endgilttg begraben bleibt.
* Ueber die beiden kriegführende« Armee« des deutsch-französischen Kriegs bringt die ,Kreuzzeitung' einen Leitarttkel, der durch die Zusammenstellung der bekannten Ziffern sehr lehrreich ist. Die Armee Frank- reichs hatte eine etatsmäßige Stärke von 567,000 Mann; beim Ausbruch des Kriegs befanden sich aber bei dm Fahnen nur 393,500 Mann, in der Reserve 61,500, Ersatztruppen mit 5monatlicher Dienstzeit 119,500 Mann. Von dieser Summe waren abzuziehen: die Abkomman- dirten, Gendarmen, Garnisonen und die Truppen in Algier mit zusammen 230,500 Mann, so daß für dar Feld übrig blieben 336,500 Mann. Die Artillerie war der deutschen bei weitem nicht gewachsen; die Militärverwaltung schlecht; nichts aus den Krieg vorbereitet; große Verwirrung herrschte bei Ausbruch des Krieges. Deutschland rückte ins Feld mit 462,300 Mann Infanterie, 56,800 Kavallerie und 1584 Geschützen. Nur an Geschützzahl — wenigstens auf dem Papier - waren die Franzosen überlegen; ihre Artillerie war aber der deutschen bei weitem nicht gewachsen, wohingegen das deutsche Jnfanteriegewehr — die Zündnadel — dem ftanzöstschen Chassepot nachstand. An Besatzungstruppen rc. waren in Deutschland vorhanden 297,500 Infanterie, 25,900 Kavallerie, 40,500 Mann Festungsartillerie. Im Monat August, d. h. 3 Wochen nach Ausbruch des Krieges, hatte die deuffche Armee auf den Beinm 1,183,389 Mann mit 250,000 Pferden, während die Franzosen bei ihrer Armeeorganisation einer erheblichm Steigerung ihrer Streitkräfte unfähig waren.
* Zur Erhöhung der Bermögeussteuersätze hat der Finanzminister eine Ausführungsanweisung erlassm, in der bestimmt wird, daß § 19 des Ergänzungssteuergesetzes durch die Verordnung nicht berührt werde, d. h. es haben nach wie vor Steuerpflichtige mit steuerbarem Vermögen von nicht mehr als 32,000 M., wenn sie nicht zur Einkommensteuer veranlagt sind, höchstens 3 M. jährlich, wenn sie zu den ersten vier Stufen der Einkommensteuer veranlagt sind, höchstens einen um 2 Mark unter der von ihnen zu zahlenden Einkommensteuer verbleibenden Bettag, also höchstens 4 bezw. 7, 10 und 14 M. an Ergänzungssteuer zu entrichten. Die Steuersätze des neuen Tarifs treten mit dem 1. April 1895 in Kraft, sind also von allen vom 1. April 1895 ab Steuerpflichtigen von diesem Zeitpunkte ab, von den zu einem späteren Termine in die Steuerpflicht tretenden Personen vom Eintritt der Steuerpflicht ab zu entrichten.
* Eine Neuorganisation der Handelskammer« wird bekanntlick von der Regierung erwogen, die in erster Linie die Errichtung obligatorischer Handelskammern für das ganze Gebiet des preußischen Staates Gläsern gestellt war, ruhten zurückgelehnt Angela und Stasi auf dem Sopha in unverkennbar festem Schlafe. Das durch den Einttitt der drei Personen verursachte Geräusch brachte auf sie nicht die mindeste Wirkung hervor.
Auch als der Förster Stasi erfaßte und sie in seine Arme nahm, zuckte das Mädchen mit keiner Wimper, und das Gleiche war bei der durch den Soldaten emporgehobenen Angela der Fall. Die Beiden setzten sich mit ihren Lasten in Bewegung und trugen sie in den Hof. Hier hatte sich auch etwas Seltsames er- eignet. Neben den nicht ausgespannten Pserden lag der Kutscher am Boden und rührte sich nicht. Eine geleerte Flasche hielt er in der Hand. Schleicher gab dem Soldaten, ,der das Fräulein bereits im Innern des Wagens untergebracht hatte, einen Wink. Dieser hob den Kutscher auf seine ttästigen Arme und trug ihn nach dem Pferdestall, auS welchem er nach Ver- fluß von ein paar Sekunden wieder erschien. Indessen hatte Schleicher auch Stasi in den Wagen gehoben und neben Angela gelegt. Er ergriff die Hand der Letzteren und zog einen Ring von ihrem Finger, den er in seiner Tasche verbarg. Dann verschloß er den Wagen und wandte sich an den Soldaten.
„Also an der Zillerbrücke findet die Umladung statt.
].[ Der diesjährige sozialdemokratische Parteitag
soll nach einer Bekanntmachung des Parteivorstandes in den Tagen vom 6. bis 12. Oktober in Breslau stattfinden. Der Parteivorstand begleitet seine Ankündigung mit dem Hinweis auf die besondere Wichtigkeit der bevorstehenden Verhandlungm, in denen über höchst wichtige Fragen Beschluß gefaßt werden solle und bei denen bedeutsame Entscheidungen für die Weiterentwickelung der Partei fallen würden. Gemeint ist damit die Agrarfrage, insbesondere die Entscheidung über den von der sozialdemokrattschen Agrar- Kommission ausgearbeiteten Agrarprogramm-Entwurf, der ob seiner Kompromiß- und Zweckmäßigkeitspolitik scharfem Widerstand bei den „Zielbewußten" begegnen dürste.
Auf dem vorjährigen Parteitag in Frankfurt a. M. ist es bekanntlich zu scharfen Auseinandersetzungen mit den Bayern gekommen, die unter Vollmars und Grillenbergers Führung nach Bebels Ansicht eine partikularistische, spießbürgerliche Polittk trieben, die Bauern um jeden Preis, selbst unter Verschleierung der letzten Ziele der Partei zu gewinnen suchten, damit aber auf eine Versumpfung der Partei hinarbeiteten. Nach dem Parteitag hielt Bebel in einer Berliner Versammlung eine „scharfe Aussprache" über den Frankfurter Parteitag. Er trat mit großer Entschiedenheit dafür ein, daß auf dem Lande „mit offenen Karten" agitirt werden müsse und daß die letzten Ziele, die Verwandlung von Grund und Boden in Gemein- rigenthum nicht verschleiert werden dürsten. Die Hauptsache sei die Gewinnung der Landarbeiter; die Bauern werde man nicht gewinnen. Bitter beschwerte er sich über Vollmars Kompromiß- und Zweckmäßigkeits- polittk. „Wenn die Dinge so weiter gehen — erklärte er — ist es das Gerathenste, Vollmar zum Leiter der Partei zu machen, dann wird man sehen, wohin wir steuern." An diese „scharfe Aussprache" schloß sich eine heftige Preßfehde, deren Austrag durch die Umsturzvorlage unterbrochen wurde.
Es hat den Anschein, als ob der Kampf zwischen Bebel und Vollmar, der zuerst auf dem Erfurter Parteitag im Jahre 1891 hell aufloderte, diesmal aus Anlaß des Agrarprogramm - Entwurfs mit voller Schärfe wieder ausbrechen wollte. Vorläufig handelt es sich, wie bereits berichtet, nur um unmaßgebliche Vorschläge der Agrarkommission. Es sollen erst noch die Genossen in der Presse und in Volksversammlungen zum Worte kommen, und das wird wohl in ausgiebigster Weise geschehen. Dann erst will die Agrar- kommission zur endgiltigen Beschlußfassung wieder zusammentreten und dann soll der Parteitag als oberste Instanz die Entscheidung treffen, deren Ausfall vorläufig ganz unbestimmt ist. Sicher wird aber der alte Parteichef Bebel Alles ansbieten, um die Vollmar'schen Possibilisten unterzuttiegen. In München und Nürnberg wird man wohl auch wissen, daß in Breslau allerdings „bedeutsame Entscheidungen" bevorstehen und
24] K> Uw Gut und Ktnt.
Roman aus den napoleonischen Kriegen.
Bon M. Benno.
In diesem Augenblicke erschallten Hufschläge, Peitschenknall und das Rollen eines Wagens vom Hofe herauf. Salome erschrak. Schnell verkorkte sie die Flasche wieder und eilte mit derselben die Treppe hinab.
Ein Wagen hielt in dem Hofe. Der Kutscher öffnete soeben den Schlag und half Angela v. Haynald und Stasi Hofer heraus. Die Zofe trat vor und drückte dem Kutscher mit einer raschen Bewegung, ohne daß es von den Ankommenden bemerkt wurde, die Flasche in die Hand, die der Beschenkte ebenso schnell mit behäbigem Schmunzeln in seiner Manteltasche verbarg. „Die Gräfin schläft schon", wandte Salome sich indessen an Angela, „und will heute nicht mehr gestört fein. Ich habe deshalb das blaue Zimmer Herrichten lassen, wo nachher auch gedeckt werden kann."
Das Fräulein erwiderte nichts. Sie ergriff den Arm Stasi's und schritt mit dieser nach oben. Salome folgte. Unter der Thüre drehte sie sich um; der Ausdruck augenscheinlicher Genugthuung zeigte sich auf ihrem Gesichte, als sie wahrnahm, wie der Kutscher, welcher sich neben die Pferde gestellt hatte, die Flasche
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mit Untrrhaltnngs-Krllage „Sterne und Klnmen". ____