Einzelbild herunterladen
 
  

M 164

Freitag, den 19. Juli 1895

22. Jahrgang

FiildaerMZeitüng

mit Unterhaltnngs-Krilagr „Sterne »«d Klnmeu".

LriLemt täglich, Sonx- und Feiertag- ausgenommen. - vierteljährlicher «bonuementäprei, ichue Bringerl»h»»»d Bestell«» m Fulda m» au-wärtä 1 »erf 60 8ftn»fr «nqtna 8 gnfetate kotzen die einspaltige Sarmoudzeile oder dereu Raum 15 Pf., ReNamen die Petitzeile 25 Pf., bei Wiederholungen entsprechender Radalt.

□ Die Franzosen in Madagaskar.

Im März d. I. haben die Franzosen bekanntlich eine aus rund 15,000 Mann bestehende Expedition nach Madagaskar geschickt, um das bisherige Schein­protektorat über die Insel zu einem wirklichen zu machen und um den herrschenden Stamm der Hovas zu „strafen", welche von der ftanzösischen Herrschaft nichts wissen wollten. In der ftanzösischen Presse wurde s. Z. von der Ausrüstung der Expedition, für welche das Parlament 65 Millionen Francs bewilligt hatte, viel Wesens gemacht und dem neuen Kolonial­kriege nur eine kurze Dauer prophezeit. That- sächlich schickte der Oberkommandirende des Expeditions­korps Siegesbulletins über Siegesbulleüns nach Paris, aber der hinkende Bote folgte bald nach. Briefe der aus Madagaskar schreibenden Soldaten entwerfen ein mißliches Bild von der Lage. Ein großer Theil des Expeditionskorps ist krank, die Verpflegung ist un­genügend, und bereits sind die ersten Schiffe mit kranken und rekonvaleszenten Soldaten in Frankreich eingetroffen. Nicht die Hovas, die sich ins Innere des Landes zurückziehen, bereiten den Franzosen Schwierigkeiten, sondern Klima und Bodenbe­schaffenheit des Landes. Sehr bezeichnend ist es auch, daß 400 Sappeurs nachgeschickt werden müssen, um dem Expeditionskorps den Weg durch die Wildniß nach der Hauptstadt Tananarivo zu bahnen. Sollten die früher eingefchifften Genietruppen schon durch Krankheit oder Ueberanstrengung erschöpft sein? Mit dem „militärischen Spaziergang" ist es jedenfalls nichts, und ein Nachschub an Geld wie Truppen scheint unvermeidlich zu sein.

Die ostaftikanische Insel Madagaskar, auf der festen Fuß zu fasten, die Franzosen sich schon seit 200 Jahren bemühen, ist sehr groß (592,000 qkm mit rund 31 /» Millionen Einwohner). Sie ist die dritt­größte Insel der Erde (nach Neu Guinea und Borneo) und etwas größer als daS deutsche Reich. Das Innere ist unwegsam, Straßen gibt es gar nicht, das Klima an der Küste ist höchst ungesund, im Innern dagegen auch für Europäer zukömmlich. Die Bevölkerung, wenigstens daS herrschende Volk der Hovas, ein Mischvolk aus polynesischen und afrika­nischen Elementen, ist sehr kriegerisch, aber noch ver­schlagener und tückischer als kriegerifch. Die meisten stnd Heiden, doch gibt eS auch katholische und protestantische Christen. Sowohl die Königin Rana- valo III wie der Minister-Gemahl sind strenggläubige Protestanten, und stehen unter dem Einfluß einer Quäkergesellschaft, die in Madagaskar eine Nieder­lassung besitzt, und die zugleich das Hauptquartier der Unabhängigkeitspartei bildet. Die englischen Missionare sind bekanntlich fchneidige Pioniere der englischen Welt­macht. Es wird sogar behauptet, daß der Äeneral- stab des Hovasheeres aus zwölf Engländern und Amerikanern bestehe, und daß bie Engländer der Expedition gerne alle möglichen Posten spielen

22] <0, Um Gut und Ktttt.

Roman aus den napoleonischen Kriegen.

Bon M. Benno.

Martin Teimer, der im Jahre 1805 als Major -es Landsturmes heldenmüthig für Oesterreich und fein Vaterland Tyrol gestritten hatte, war nach Beendigung des Krieges nach Kärnten gezogen, um ein Gut zu verwalten, das sein Eigenthum war. So lange Oester­reich sich passiv verhielt, hatte auch er sich ruhig ver­halten. Nun aber erschien er wieder auf dem Schau­platze. Er dantte nach allen Seiten hin für den herz­lichen Willkommgruß und ein Strahl hoher Beftiedi- gung drang aus seinen blauen Augen hervor.

„Ich dachte es mir," sagte er, „daß ich alle braven Männer des Passeierthales beim Andres treffen werde und lenkte deshalb meine Schritte hierher. Gott zum Gruß, meine lieben Kriegskameraden von 1805! Es war damals eine Unglückszeit und mit Thränen in den Augen hängten wir den Stutzen an die Wand. Das Blättlein hat sich jedoch gewendet und ich hoffe, daß das damals Verlorene nunmehr mit Zins und Zinseszinsen hereingebracht wird."

Andreas Hofer legte seinen Arm auf Teimer's Schultern und blickte ihm tief in die Augen.

„Sag', Martin, ist es fo werth," fragte er, „bringst

würden, erscheint sehr glaubhaft. In England kann man es dem Marquis os Salisbury nicht ver­zeihen, daß er sich 1890 zu der Anerkennung der ftanzösischen Schutzherrschast über die große Insel bequemt hat. ES steht auch fest, daß die HovaS von englischen Lieferanten Kriegsmaterial beziehen.

Schon seit zweihundert Jahren bemühen sich, wie gesagt, die Franzosen Madagaskar zu einer fran= zösischen Kolonie zu machen und sich so am indischen Ozean eine beherrschende Stellung zu schaffen. Die Kolonie Reunion und daS an die Engländer ver­lorene Mauritius waren Früchte dieser Bemühungen. Aber die Bewohner Madagaskars sind keine Wilden, sondern haben ein stark entwickeltes politisches Be­wußtsein. Erst 1886 gelang es Frankreich, ihnen eine Schlinge um den Hals zu werfen: ein Vertrag wurde abgeschlossen. Aber er bot den Franzosen zu wenig und die Hovas drückte er schwer. Beide Theile wußten wohl beim Abschluß, daß es ein Provisorium sei. Es handelt sich also bei der Expedition nicht um ein vom Zaun gerissenes Unternehmen, sondern um die Fort­setzung einer Jahrhunderte alten Politik.,

Eine Proklamation der Königin Ranavalo besagt, daß die Hovas zum Kriege bis auf'S Messer entschlossen seien. Unter keinem Vorwand soll Land abgetreten werden. Die Proklamation leitet daS Volk zum Buschkrieg und zur Aushungerung des Feindes an. Auf der anderen Seite kennt der französische Heer­führer, Divisionsgeneral Duchesne, bisher Platzkom­mandant von Belfort, die KriegSführung in den Kolonien, denn er hat schon die Expeditton von Formofa mitgemacht. Wenn man freilich bedenkt, welche langen Kämpfe die Eroberung TonkingS kostete, mit welchen Schwierigkeiten die französischen Eroberer in Dahomey und anderwärts zu ringen hatten, ehe sie ihr Ziel erreichten, so darf man annehmen, daß die neueste „Beschäftigung" Frankreichs von einiger Dauer sein wird. Un8 kann das recht sein. Denn jemehr die Franzosen in den Fieber-Morästen von Madagaskar sich verirren, desto weniger bedroh­lich sind sie in Europa!

Deutsches Reich.

Berlin, 18. Juli.

* Der Kaiser wird nach den bisherigen Bestimm­ungen von seiner Nordlandfahrt am 28. d. M. wieder in Kiel eintreffen, dort zunächst an Bord seiner Dacht „Hohenzollern" einen kurzen Aufenthalt nehmen und sodann am 2. August von Kiel aus durch den Kaiser Wilhelm-Kanal die Reise nach England antreten. In England gedenkt der Kaiser bis zum 16. August zu bleiben und über Wilhelmshaven die Rückreise nach Berlin zu machen. — Finanzminister Miquel und Landwirthschastsminister von Hammer st ein reiften heute Nachmittag von Posen nach Jnowrazlaw zur Besichtigung der im dortigen Kreise gebildeten Renten­güter. Morgen werden beide mit dem Präsidenten Du uns gute Botschaft; hat der österreichische Aar sich zum Fluge aufgemacht?"

„Ja," versicherte Teimer, „Kaiser Franz hat den ftanzösischen Uebermuth satt. Unser Landsmann Hor- mayr wurde zum Intendanten der nach Tyrol bestimm­ten Truppen ernannt und von dem bin ich gesandt. Er läßt Dir sagen, Andrä, daß die Oesterreicher unter Anführung des Marquis v. Chasteler und des Gene­rals Hiller diese Nacht die Grenzen von Tyrol über­schreiten und daß, wenn auch Ihr Euere Schuldigkeit thut, der bayerifch - französischen Herrschaft bald ein Ende gemacht werden wird."

Hofer's Augen leuchteten. „Wir werden hier un­sere Schuldigkeit thun," versicherte er, „wir wollen wieder zu unseren Stutzen greifen und für unser und unseres Kaisers Recht kämpfen bis zum letzten Athem- zuge!"

„Hurrah! Juchhe! Die Oesterreicher kommen!" jubelten die anderen Gäste und wirbelnd flogen die Hüte'an die Decke hinauf. Die Begeisterung riß jeden der Anwesenden mit fort.

Hofer aber hob den Blick aufwärts und faßte mit beiden Händen nach dem Kruzifix, das er auf der Brust trug.

„Laßt uns beten, meine Freunde," mahnte er, „laßt uns dem lieben Herrgott und unserem heiligen Schutz-

der Ansiedelungskommission Dr. v. Wittenburg nach Gnesen reisen, um die im dortigen Äreife befindlichen Ansiedelungen zu besichttgen.

* Zwei welthistorische fünsund;wan;igjiihrige Jubiläen fallen auf den heutigen 18. Juli. Im Jahre 1870 am 18. Juli wurde auf dem Vatikanischen Konzil die lehramtliche Unfehlbarkeit des Papstes in Sachen des Glaubens und der Sitten, zugleich mit einer genauen Definition der Rechte des obersten kirchlichen Hirtenamts des Papstes, als Dogma verkündigt, und damit die geistliche Vollgewalt des Statthalters Jesu Christi über jeden, hier und da auch noch in den letzten vorausgegangenen Zeiten innerhalb der Kirche erhobenen Zweifel und über alle Anfechtun­gen erhoben — gegenüber den steigenden geistigen Wirren in der Welt und gegenüber dem drohenden und bann auch bald erfolgenden Verlust der die Unabhängigkett der Kirchenregierung stützenden weltlichen Herrschaft in Rom ein unerschütterliches geistiges Bollwerk gegen alle Fährnisse und Verwickelungen der Zeit. Und an demselben 18. Juli, erging in aller Form die französische Kriegserklärung an Preußen, die seit der Behandlung, welche die Emser Depesche am 15. Juli bei der ftanzösischen Regierung und in den französischen Kammern gefunden, allerdings zu er­warten war, und vor der auch schon auf beiden Seiten die Mobilmachung der Armeen begonnen hatte.

* Der Entwurf eines bürgerlichen Gesetzbuches wird, wieosfiziösmitgetheiltwird, vorWeihnachten dem Reichstage nicht vorgelegt werden. Dem Bundesrath wird die Schlußredaktion schwerlich vor Ende September zugehen. Die erste Berathung im Plenum wird also erst im Laufe des Januar möglich sein. Daß der Reichstag, wie hier und da gehofft zu werden scheint, auf eine Kommissiousberathung der Vorlage verzichten werde, ist, wie die,Freis. Ztg.' meint, im höchsten Grade unwahrscheinlich oder, besser gesagt, ausgeschlossen, auch wenn alle Parteien gewillt sein sollten, die Berathung möglichst zu beeilen.

* Der sozialdemokratische Agrarprogramm-Eut- wurf, welchen jüngst der sozialdem. Parieivorstand im .Vorwärts' gleichzeitig mit der Ausschreibung des dies­jährigen Parteitages nach Breslau veröffentlichte, wird in der Presse vielfach analysirt und glosfirt. Es handelt sich aber nur um einen vorläufigen Entwurf der sozial­demokratischen Agrarkommission, deren Mitglieder sich völlig freie Hand behalten haben. Zunächst sollen die Genossen in der Presse und in Versammlungen Stellung nehmen und etwaige Abänderungsanträge stellen. Dann erst will die Kommission kurz vor dem Parteitage zur enbgiüigen Feststellung des Entwurfs nochmals zu- sammentretm. Bei ben norddeutschen Genossen dürste der Entwurf, der in feiner jetzigen Fassung wesentlich auf die ländlichen Verhältnisse Süd- und Mitteldeutsch­lands zugeschnitteu ist, auf lebhaften Widerstand stoßen. Ein neues Turnier Bebel -Vollmar steht in Aussicht, und man wird in Breslau wahrscheinlich eine Fort­setzung der auf dem Frankfurter Parteitage unentschieden Patron danken. Sie haben es so für uns erbittet und sie werden auch fürderhin mit uns fein!"

Die Männer verstummten. Sie falteten ihre Hände, neigten ihre Häupter auf die Brust und bewegten ihre Lippen in leisem Gebet.

Hofer wandte sich wieder anTeimer. „Die Schützen des PasieierthaleS," sagte er, „und diejenigen aus der ganzen Umgegend haben mich zu ihrem Führer gewählt. Ich hab'S angenommen, weil sich halt ein Jeder da­hin stellen muß, roo er am meisten ausrichten kann. Als solcher frage ich Dich nun? Hast Du etwas Schriftliches bei Dir?"

Der Angeredete brachte ein versiegeltes Schreiben unter feinem Mantel hervor.

„Hier ist ein »rief von Hormayr," erklärte er, „ich denke, daß dies Dir genügt."

Hofer nahm ihn, erbrach das Siegel und las.

Abermgls wurde fein männlich schönes Gesicht von dem Ausdruck hoher Freude erfüllt.

Dann trat er vor. „Meine lieben Freunde," rief er, „in verheißungsvollster Weise sind unsere Wünsche erfüllt. General Chasteler rückt in's Pusterthal ein, General Hiller geht auf Innsbruck los, wir aber müssen dafür sorgen, daß der Aufftand so schnell wie möglich von einem Ende des Tyrolerlandes bis zum andern ausflammt."