JE 162
Mittwoch, dm 17. IM 1895
22. Jaürqanfl
FiildaerWZeitlllig
mit Untrrhaltrmgs-KeUasr „Kterur und Kiumeu«.
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Die englischen Parlamentswahlen find in vollem Gange, doch wird das Ende des Monats herankommen, ehe dasGesamntt-Ergebniß sich übersehen llrfien wird. Der Wahltag wird in England nicht wie auf dem Festlande von der Regierung, sondern von den einzelnen Wahlvorstehern festgesetzt und ist darum nicht für das ganze Land derselbe. Das stammt noch aus alten Zeiten. Damals, wo die Wege schlecht und die Postkutschen langsam waren, dauerte es oft wochenlang, bis die Wahlbefehle die entfernteren Kreise erreichten, und man ließ deshalb den Wahlvorstehern einen bedeutenden Zeitraum. Bei den heutigen Verkehrsmitteln hätte längst eine Aenderung eintreten können, aber man ist in England sehr konservativ. Es war einstmals so Brauch, und das genügt. Im Laufe der Jahre ist allerdings dem Belieben der Wahlvorsteher eine gewisse Schranke gezogen worden, aber die von der letzten liberalen Regierung eingedrachte Wahlbill, der zufolge alle Wahlen im Reiche an einem und dem nämlichen Tage, und zwar an einem Samstage, stattfinden sollten, ist unerledigt geblieben. Die Tories wünschen, daß möglichst wenige Wahlen an einem Samstage stattfinden, um die Stimmziffer der Arbeiter zu verkleinern. An Samstagen schließt deren Arbeit nämlich schon zeitig am Nachmittage, so daß ihnen ohne Lohnverlust freie Zeit bleibt, zu wählen, was an anderen Tagen nicht immer der Fall ist.
In dem aufgelösten Parlamente saßen 268 Liberale, 72 irische Nationalisten und 9 Panelliten. Im Ganzen also 349 mehr oder minder sichere Regierungsleute. Auf der andern Seite des Hauses befanden sich 272 Konservative und 49 »monistische Liberale. Die gegenwärtige konservative Regierung hat also noch immer eine Majorität von 28 Liberalen gegen sich. Daraus folgt, daß die neue Regierung zunächst über 14 Sitze gewinnen muß, um die liberale Mehrheit lahm zu legen. Den Ausschlag dürste die Wahl in London geben, woselbst 59 Abgeordnete zu wählen sind und TorieS und Liberale sich scharf gegenüberstehen.
Von dem allgemeinen Stimmrecht ist man in England, wie wir neulich darlegten, noch weit entfernt. Das aktive Wahlrecht ist an einen gewissen Besitz und an eine bestimmte Seßhaftigkeit gebunden und da die Kandidaten außerdem die Kosten der amtlichen Wahl- kommiffare und die sonstigen Wahlunkosten zu tragen haben, so ist es erklärlich, daß die Arbeiter in England bei den Parlamentswahlen nicht die einflußreiche Rolle spielen, wie z. B. bei uns. Meist befinden sich zudem die Arbeiter in der Gesellschaft der alten Parteien, die zum Dank dafür einige Wahlsitze an Arbeitervertreter abtreten und die Wahlkosten aus der Parteikasse bestreiten. Diesmal hat zwar die unabhängige Arbeiterpartei einige dreißig Kandidaten ausgestellt und auch die Sozialdemokratische Föderative ist mit vier Kandidaten auf dem Plan erschienen, aber große Erfolge werden sie schwerlich erreichen und die Kandidatenziffer ist zudem bei 670 Mitgliedern des Unterhauses belanglos. Dagegen hat das Dutzend
20] <Q> Um Gut und Klut.
/ Roman aus den napoleonischen Kriegen.
Bon M. Benno.
Lebhaft hob er nach ein paar Sekunden den Kops.
„Ist schon besorgt", versicherte er, „ein Plätzchen, wie Du es brauchst, ist ganz in der Nähe — das Köhlerdorf. Die braven Menschen dort nehmen Dich gerne auf, und einen Berräther unter ihnen gibt's nicht. Ich begleitete den Pater Joachim Haspinger als Meßner zu dem todtkranken Joseph Almhuber, der soeben nach Empfang der hl. Sterbesakramente verschied. Die Beichte des Alten scheint eine ganz besondere gewesen zu fein, denn ein so ernstes, fast verstörtes Gesicht sah ich an dem guten Pater noch nie. Du gehst mit mir zu ihm. Er kennt Dich ja, und wenn er vollends ein gutes Wort für Dich einlegt, dann bist Du so sicher, wie in Abraham's Schooß."
Er zog Poldl mit fort. Plötzlich blieb er wieder stehen.
„Halt", rief er, „das Beste hätte ich fast vergessen. Du weißt wohl nicht, daß Deine Stasi in Tannenberg ist?"
„Stasi?" In grenzenloser Ueberraschung stieß der Bursche diesen Namen hervor.
alter Gewerkschaftsführer, das schon im letzten Parlament saß, Aussicht, mit liberaler Hilfe wieder gewählt zu werden. Die Zahl der Abgeordneten ist übrigens viel zu groß. Sie haben nicht einmal im Sitzungssaal Platz. Aber ein großer Theil von timen läßt sich auch nur wählen, um sich der erzielten gesellschaftlichen Glorie und sonstiger Privilegien zu erfreuen und um die Sitzungen zu schwänzen. Nur wenn ein großes parlamentarisches Erdbeben droht und ein politischer Vesuv Feuer speit, nehmen sie ihren Platz im Unterhause ein, um wo möglich das Verschlingen ihres Standesvergnügens zu verhindern.
Es geht überhaupt in England ebenso menschlich zu, als anderwärts. Bereits wird das neue konservative Kabinet „ein Kabinet en famille" genannt. Lord Salisbury, der neue Premier, hat zweien seiner Neffen Ministerposten geschenkt und seinem Schwiegersohn bito. Chamberlain hat seinem Sohn einen Unterstaatssekretärposten geschenkt und das Gleiche für zwei Verwandte seiner Familie gethan. Da das Kabinet ein Koalitionskabinet ist, d. h. die Unionsliberalen mitumfaßt, so haben letztere auch mit Ministerstellen (sieben) bedacht werden müssen. Darüber herrscht viel Gram in den vornehmen Tory-Klubs, weil mehrere Parteigenossen Lord Salisburys auf hübsche Pöstchen gerechnet hatten, nun aber im Kalten verbleiben müssen. Wie die Neuwahlen ausfallen, ist ganz unbestimmt. Aber ob sie nun konservativ ober liberal ausfallen, so wirb bei ben eigenartigen englischen Verhältnissen am Wesen ber Sache wenig geänbeit. Das geflügelte Wort bes alten Meyer-Arnswalbe: es geht auch so! trifft auf keinen Staat so zu, wie auf England.
Deutsches Reich.
Berlin, 16. Juli.
* Der Kaiser wird, italienischen Blättern zufolge, im Herbst nach Italien gehen. Die ,Gazetta Piemontese" erklärt die Behauptung der ,Italia", Kaiser Wilhelm werde im Herbste nicht nach Rom kommen, für unbegründet, da der Kaiser dem Könige Humbert seine Ankunft bereits offiziell angekündigt habe. Die diesjährige Begegnung habe eine erhöhte Bedeutung wegen der Unterhandlungen bezüglich der Erneuerung des Dreibundes. — Obwohl in dem Befinden der Kaiserin eine fortdauernde Besserung in der letzten Zeit zu koustatiren und dasselbe augenblicklich als ein durchaus zufriedenstellendes zu bezeichnen ist, so sind doch über eine Reise der Kaiserin nach Saßnitz noch keinerlei feststehende Bestimmungen getroffen.
]-[ Die Blätter sind jetzt angefüllt mit Artikeln, Betrachtungen, Erinnerungen und Schilderungen über die ereignitzvollen Julitage vou 1870, in denen der gewaltige Krieg entfesselt wurde. Auch die ,Nordd. Allg. Ztg." brachte zur Erinnerung an die vor 25 Jahren in der französischen Kammer erfolgte Kriegserklärung einen Artikel, der eine beherzigenswerthe Mahnung an die Adresse der Franzosen enthält. „Wir würden einen gegen uns gerichteten Revanchekrieg
„So vermuthe ich wenigstens", erklärte Döninger, „und es wird auch nicht weit gefehlt fein. Beim Heraufgehen begegneten wir einem Wagen, der den Herrn Konsul Graff, unser Fräulein Angela und Dein Deanderl enthielt. Jetzt werden sie wohl schon im Schlosse angekommen sein. Irgendwo andershin fuhr Angela wohl nicht. Die alte Gräfin wartet ja schon Tage lang mit Schmerzen auf sie."
Poldl's Augen schimmerten in freudigem Glanze. „Stasi in Tannenberg", murmelte er, „so nahe! Das ist ein wunderbarer Zufall! Ich kann mir jedoch schon denken, wie es sich gemacht hat. Das Fräulein und Stasi sind ein Herz und eine Seele. Sie konnten sich halt nicht trennen, und da Angela abreifen mußte, nahm sie mein Deanderl mit. Aber daß auch ich auf den Gedanken, Dich aufzusuchen, verfiel! Es ist, wie ich mich jetzt erinnere, davon gesprochen worden, daß das Fräulein sich auf Besuch bei ihrer Verwandten aufhalte, aber ich dachte nachher nicht mehr daran. Und nun soll ich nicht nur sie hier finden, sondern auch meine liebe Stasi, die sich meinetwegen nicht wenig gegrämt haben mag."
Cajetan lächelte.
„So ohne Weiteres wird das nicht gehen", warnte er, „am besten ist es, wenn Du im Verborgenen bleibst.
Frankreichs nicht verstehen ... Wir sind in eine Phase der Weltgeschichte eingerückt, in der die europäischen Staaten mit Kriegen, in denen sie ihre Kräfte gegenseitig zerfleischen, einen unverantwortlichen Luxus treiben und die Zukunft Europas, vor Allem in wirth- schastlicher Hinsicht, freventlich aufs Spiel setzen. Die Aufgaben der Gegenwart für die europäischen Groß- staaten, Aufgaben von unermeßlicher Bedeutung für die innere Entwickelung aller dieser Staaten und die Sicherung ihrer Bevölkerung vor hochbedenklichen, wirth- schastlichen Krisen, liegen auf dem Gebiet der fr emd en Erdtheile, und das Ziel, hier bei Zeiten einen regelnden und beherrschenden Einfluß zu gewinnen, kann nicht anders erreicht werden, als durch Beseitigung des innereuropäischen Haders und einen Zusammenschluß der Kräfte." Das sei die Bahn, in die auch Frankreich eintreten müßte, wenn es nicht eine kurzsichtige Politik des Eigensinns und der Hartnäckigkeit treiben wolle, und in der es ihm nicht an Gelegenheit fehlen würde, durch Waffenthaten Revanche an uns zu nehmen und den vollen Glanz seines kriegerischen Ruhmes zu erneuern. An einen raschen Umschwung der Gesinnung in Frankreich ist zwar zunächst wohl kaum zu denken, aber die ,R. Allg. Z." hat vollständig Recht. Die wirthschaftliche Entwickelung wird in nicht so langer Frist die europäischen Staaten zwingen, ihre politischen Jndianerstreitigkeiten zu begraben und sich zu einem großen Wirthschastsgebiet zu Bereinigen. Schon jetzt macht das mächtig auftretende Amerika der Alten Welt auf dem Weltmarkt starke Konkurrenz und sie wird noch verschärft werden, wenn nach Vollendung der sibirischen Eisenbahn der russische Koloß einen gewaltigen wirthschastlichen Druck auf Westeuropa ausüben und das ©einige zur Erschließung Chinas thun wird. Von Amerika, Ostasien und Rußland droht Westeuropa gleichmäßig eine große wirthschaftliche Gefahr nnd diese wird es wohl auch bewirken, daß endlich die das Mark der Völker aussaugenden Lasten des Militarismus beseitigt werden, da mit diesen Lasten Europa aus dem Weltmarkt unterliegen muß.
* Ueber die in verschiedenen Blättern erörterte Frage der etwaigen Konversion der prentzischen Kon- sols schreiben die ,Berl. Polit. Nachr.": „Es unterliegt keinem Zweisel, daß, wenn mit einer solchen Maßnahme vorgegangen werden sollte, dies nur mit Zustimmung des Landtages zu geschehen haben würde. Am wenigsten haben daher die Besitzer von 4prozent. Konsols Anlaß, sich durch solche Erörterungen in der Presse beunruhigen zu lassen."
* Was für ein beneidenswerthes Amt das eines prentzischen Kreisphysikns ist, darüber gibt Folgendes Auskunft: „Die Kreisphysici sind nach ben neuen Ber- orbnungen unb Instruktionen mit ben schwierigsten unb zeitraubenbsten technischen Untersuchungen unb Arbeiten beauftragt unb können nicht länger auf bie Privatpraxis, als ihre hauptsächliche Erwerbsquelle, angewiesen bleiben. Sie haben jetzt allen an sie er- gehenben polizeilichen unb gerichtlichen Requisitionen
Die Bayern unb Franzosen schnüffeln überall umher, unb gerabe unser Schloß ist für Dich ein ganz gefährlicher Platz. In neuester Zeit nämlich läßt ber Förster Schleicher sich wieber sehen ..."
Ein finsterer Schatten erschien auf Polbl's Gesicht.
„Schleicher, biefer heimtückische unb boshafte Mensch", fiel er, von einem unwillkürlichen Argwohn erfaßt, bem Freunde ins Wort. „Hat am Ende dieser Bube bei dem Schritte Stasi's die Hände im Spiele?"
Wieder verzog der Mund Cajetan's fich zu einem Lächeln.
„Du bist auf dem Holzweg", beschwichtigte er, „die Besuche des Försters in Tannenberg haben einen anderen Grunh. Er machte schon ftüher unserer Zofe Salome allen Ernstes den Hof, unb scheint nun auf einmal wieber hereinbringen zu wollen, was längere Zeit von ihm versäumt worben ist. Salome spricht bereits von einer balbigen Hochzeit."
Nun lachte auch Polbl. Sein Argwohn verschwand.
„Ich gratulire dem Paare", sagte er; „wahrscheinlich ist der Förster dadurch bekehrt worden, daß er gemerkt hat, wie ihm bei einer Anderen das Maul sauber bleibt. Doch nichts mehr von ihm. Stasi wird ihn schon heimschicken, wenn er ihr zu nahe treten will. Mir aber mußt Du ein Ständer! verschaffen,