161 Dienstag, den 16. Juli 1895 22. Jahrgang
F«ldllkrMZeit»ng
mit UnterhaLtrrrrgs-KeUage „Sterne und Klumen".
Lrichemt täglich, Sou»- und Feiertage ausgenommen. — vierteljLhrlichrr Lbouuemestrpreit »hue Bringerloh» und Bestell«» in Fulda nab antwärtt 1 Mark 60 Pfavatg. Inserate kosten die einspaltige Aarmondzeile oder deren Rau« 16 Pf., Reklamen die Petitzeile 25 Pf., bei Wiederholungen entsprechender Rabatt.
Zur Einweihung
Der hannoversche Wahlkreis Meppen, welcher im Jahre 1867 den ehemaligen hannoverschen Justizminister Dr. Windthorst in daS preußische Abgeordnetenhaus und in den Norddeutschen Reichstag und dann im Jahre 1871 in den Deutschen Reichstag wählte und von da ab ununterbrochen bis zu Windthorst's Tode wiederwählte, ist durch diesen seinen Vertreter in den Parlamenten weithin bekannt und berühmt geworden, lieber die nächste Umgebung hinaus war das Städtchen Meppen früher gänzlich unbekannt, bis es in Verbindung mit dem Namen Windthorst nicht nur in Deutschland, sondern in der ganzen civilisirten Welt mit einem Male in Aller Munde lebte. Und heute richten sich die Blicke aller Katholiken Deutschlands dorthin, denn heute wird dort das Denkmal des großen Mannes enthüllt, dem die deutschen Katholiken so Vieler zu verdanken haben. Heute, wo die Hülle des Denkmals fällt, dessen Abbildung wir hier unfern Lesern vorführen, und die künstlerisch nachgebildete Gestalt des verewigten Dr. Windthorst im Kreise seiner Schüler, seiner Wähler, seiner Verehrer und der theilnehmenden Gäste aus den anderen Parteien dasteht, geht nicht nur durch die Festversammlung, sondern auch durch das ganze mitfeiernde katholische Deutschland das erhebende Gefühl: Er ist gestorben, aber er ist nicht todt; wir haben seinen Leichnam begraben, aber wir haben ihn nicht verloren; er hat sein irdisches Leben vollendet, aber was er lebend gedacht und gesagt und gethan hat, das wirkt noch in uns und um uns; sein Geist bleibt noch in segensreicher Kraft!
Der Geist ist es, der lebendig macht — auch die Denkmäler. Wenn das zuschaumde Volk nichts mehr spürt von dem Geiste dessen, der dargestellt wird, so bleibt bei der höchsten Kunst des Künstlers das Denkmal todt und stumm und unnütz. Aber wenn im Herzen und Hirn des Beschauers etwas lebt und webt von der Krafr, die einst den nachgebildeten Körper durchglühte, dann geht der elektrische Strom hin und her zwischen Denkmal und Auge, dann wird die Todtenfeier am Denkmal innig, heilig und fruchtbar. Und dieser Strom der Gedanken- und Gefühlsgemeinschast ist nicht an den beschränkten Kreis der physischen Lichtwellen gebunden; das herzliche, kräftige Gedenken zaubert ihn überall hin. Und so wollen wir Alle am heutigen Tage im Geiste in Meppen auf dem Festplatze sein, wo auch die Arbeitsstätte, das Haus oder die Krankenstube den Körper zurückhalten möge, und in den Weihespruch der körperlich Gegmwärtigen stimmen Millionen über Millionen mit urkräftiger Willensmeinung ein: Windt
horst, unser großer Führer in schwerer Zeit, wird von seinem Volke gefeiert!
Die Trauer und der Verlust kommt heute nicht zu Worte. Nein, wir danken heute Gott, daß er eine solche Kraft so lange Zeit und mit so großem Erfolge unfern Führer sein ließ, und wir freuen uns, daß im katholischen Deutschland Windt- horst'scher Geist und Windthorst'sche Tugend noch so kräftig und vielversprechend nachwirken. Der Rus dieses Tages ist nicht Lebewohl, sondern Lebehoch! Wenn
auch sein Körper den Vergänglichkeitsgesetzen den Tribut zahlte, sein Geist lebt und soll leben zu unferm Heil, zum Wohl der guten Sache und zur Ehre Gottes.
Dauerhafter noch, so hoffen wir, als das dauerhafte Bildwerk von Erz und Stein wird das Denkmal in den katholischen Herzen sein. Aber neben diesen inneren Denkmälern wollen wir auch äußere; wir wollen unsere Verehrung gegen den großen Todten auch sinnfältig bekunden, wir wollen auch denen, die im Herzen dem Todten nicht so nahe stehen, sein Bild in erhebender Weise vorführen ; wir wollen unserem vielgeliebten und vielgeschmähten Führer alle Ehren geben, die den großen Männern der Weltgeschichte zukommen.
Das Centrum hat nun ein neues Heiligthum, das katholische Deutschland einen neuen äußerlichen Zielpunkt für seine Windthorst-Verehrung. Neben das Grab Windt- horsts in Hannover tritt jetzt das Denkmal in Meppen. Und die dritte Stelle wird, so Gott will, bald die St. Ludwigskirche in Berlin einnehmen, die als Windt- Horst-Gedächtnißkirche dessen hl. Namenspatron geweiht ist. Das Denkmal ist glücklich fertiggestellt; die Kirche bedarf zu ihrer Vollendung noch bedeutende Mittel. Das Denkmal ist eine Ehre für uns Alle; es wäre eine Schande für uns Alle, wenn der Kirchenbau wegen Mangel an Mitteln ins Stocken geriethe. Wer seine Theilnahme an der Feier vom 16. Juli äußerlich bekunden möchte, der kann es nicht besser, als wenn er eine Postanweisung mit feinem und feiner Genossen Beitrag an den Bauherrn (Pfarrer Kappenberg, Berlin, Potsdamerstr, 37) sofort an diesem Tag absendet. Der Kirchen- und Seelsorge- noth in der Diaspora, vor Allem in dem gefährdetsten Punkt, Berlin, abzuhelfen, ist ein echt Windthorst'sches Streben.
Was sind schöne Gefühlswallungen und schöne Worte, wenn sie keine entsprechenden Thaten hervorzubringen vermögen! Kräftig, ausdauernd, opfermüthig zu h a n d e l n im Geiste des gefeierten Führers, das sei unser wirksamer Vorsatz an dem Tage, wo sich in Windthorst das katholische Deutschland ehrt.
* * *
Heber das Denkmal selber haben wir schon in der gestrigen Nummer der ,Fuldaer Zeitung' berichtet; wir wollen diese Angaben heute noch ergänzen durch die Aeußerungen eines hervorragenden protestantischen Kunstkritikers, welcher schreibt: Der Bildhauer Heinrich Pohlmann hat in seinem Ludwig Windthorst-Denkmal ein sehr tüchtiges plastisches Werk geschaffen, das sowohl in charakteristischer als auch in würdiger Weise die ganze bedeutende Persönlichkeit dieses geistig
so hervorragenden Mannes zur Geltung bringt. Der Meister, für dessen Künstlercharakter besonders seine Werke religiöser Richtung und stimmungsvolle Trauerfiguren bezeichnend sind, hat den Verstorbenen treu, naturwahr, in ruhiger und monumentaler Haltung gegeben. Man denke sich Windthorst auf der Treppe des Reichstages, ' von wo aus er dort gewöhnlich seine Reden zu halten pflegte: mit dem rechten Unterarm lehnt er sich leicht auf den Eckpfeiler der Ballüstrade am Treppengeländer,
des Windthorst-Denkmals in Meppen.
19] <0, Um Gut und Klnt.
Roman aus den napoleonischen Kriegen.
Bon M. Benno.
Das Rollen des Wagens bekundete, daß dieser weiterfuhr. Unwillkürlich schaute Cajetan einen Augenblick rückwärts, dann aber waltete er wieder seines Amtes. Der Wald nahm die Beiden auf, und bald sahen sie in dem Zwielicht der Abenddämmerung eine Anzahl aus rohen Stämmen errichtete niedrige, theil- weise rußgeschwärzte Hütten vor sich.
Seitwärts bemerkte man auf der sich weit hinziehenden Lichtung eine ganze Reihe von rauchenden Meilern und hohe Schichten fertiger Kohlen, zur Abfuhr bestimmt. Auch über den Hütten hoben ringförmige Ranchwölkchen sich in die Luft.
Beim Klange des Glöckleins wurde es in dem vorher so stillen Köhlerdörfchen auf einmal, lebendig. Weiber und Kinder kamen zu den offen stehenden Thüren heraus. Auch die Männer verließen ihre moosbedeckten Meiler und eilten herbei. Die gleiche Scene, wie bei der Begegnung mit Angela, Stasi und Graff, spielte sich ab. Der Pater gab den Segen, den das andächtige Völklein mit gefalteten Händen empfing. Ersterer wurde durch ein paar Frauen zu einem der Häuser des Dorfes geführt.
Von Cajetan begleitet ging er hinein. Der Verwachsene erschien jedoch bald wieder im Freien und gesellte sich zu der Gemeinde, welche im Flüstertöne betend die Hütte umstand.
Nach Verfluß von einiger Zeit wurde die hohe Gestalt des Paters unter der Thür sichtbar. Er winkte mit der Hand. Cajetan begab sich mit einigen Männern und Frauen in die Hütte. Hier befand sich in einem ärmlichen Bette ein Greis, dem das Siegel des Todes bereits auf die Stirne gedrückt war. Gleichwohl lag ein stiller Friede auf feinen Zügen. Er ergriff die Hand des Paters und führt; sie an seinen Mund. Dann grüßte er die Eingetretenen.
„Ich danke Euch, Ihr guten Landsleute," begann er mit schwacher Stimme, „für Euere Liebe und Geduld. Ich war ihrer nicht werth. Eine schwere Schuld trug ich Jahre lang in mir umher. Der Pater weiß es. Doch der liebe Gott ist barmherzig. Er wird mir verzeihen. Betet für mich. Auch Du wirst es thun, Hochwürden, gelt," wandte er sich an den Ordensmann; „an Gottes statt hast Du mir meine Sünde vergeben, und was der Priester vergibt, das wird auch im großen Schuldbuche des Himmels gelöscht. Was ich Dir anvertraute, war nicht eine Beichte, die Dich zum Stillschweigen zwingt. Du sollst vielmehr Gebrauch davon machen, was ich oft selbst thun wollte, i
wozu ich aber den Muth nicht besaß. Mein Bekenntniß und das Dir Uebergebene, von mir, jenem Zeugen und dem Geistlichen unterzeichnet, werden den Beweis liefern, daß die Ehe der armen Euphemia eine giftige und rechtmäßige gewesen und daß sie ohne Roth den unseligen Schritt gethan Hai. Ich sträubte mich Anfangs gegen das Bubenstück, ich forgte auch durch die Berufung eines wirklichen Priesters dafür, daß jener Elende seine Absicht nicht erreichte, aber ich war eben leichtsinnig. Das Geld, das viele Geld hat mich verführt. Es brachte mir keinen Segen. Unter meinen Fingern rollte es fort. Nach dem schrecklichen Ende hielt ich es in dem Paläste nicht mehr aus. Ich war noch Zeuge jener gräßlichen Scene, die Euphemia in den Tod trieb. Dann entfloh ich. Ruhelos trieb ich mich Jahrelang umher. Endlich kehrte ich in die Hei- math zurück. Ich wurde wieder ein Tiroler. Mit meiner Hände Arbeit erwarb ich mir das kärgliche Brod unter den guten Leuten, und wäre vielleicht glücklich gewesen, hätten nicht immer wieder die Gewissensbisse meine Ruhe verscheucht. Ich bereute unb betete, ich suchte wenigstens einigermaßen zu sühnen, da ja jener Frevel doch niemals mehr gut gemacht werden kann. Aber Eines kann geschehen, und das magst Du, Hochwürden, thun: Dem Elenden die Maske vom Gesichte reißen, der nicht nur der Anstifter jenes