Einzelbild herunterladen
 

M 160

Montag, den 15. Juli 1895

22. Jahrganp

FllldakrSZeitllng

mit Uuterhaltnngs-Krilage „Sterne und Hlnme«**.

Lrjchemt täglich, Sou*- und Feiertage ausgenommen. — vierteljährlicher Abonn«meatsprei« ohne Bringerlohu und Bestellgeld ht Fulda u*d auäwärt« 1 Mark 60 Pfennig Inserate kosten bie einspaltige Sarmondzeile oder dereu Raum 16 Pf., Reklamen die Petitzeile 25 Pf., bei Wiederholungen entsprechender Rabatt.

h Die Wirren im Orient.

Die Situation im Orient ist seit Jahren nicht mehr so trübe gewesen, wie gegenwärtig. Allgemeine finan­zielle Verwirrung in Serbien, Gährung in Bulgarien, Aufftände in Mazedonien, Umtriebe in Kreta, Ver­wickelungen in Armenien, Verschwörung in Konstan­tinopel — der reinste Hexensabbath. Wenn jetzt eine Großmacht die orientalische Frage wieder auftollen wollte, so hätte sie eine seltene Auswahl von schönen Gelegenheiten.

Gar übel ist der Sultan daran. Er weiß nicht, wo wehren. Von Frankreich, Rußland und England wird er wegen Armenien bestürmt, in Mazedonien schlagen sich türkische Truppen mit der aufgehetzten Bevölkerung und aus der türkischen Hauptstadt kommen allerlei dunkele Gerüchte von Verschwörungen gegen das Leben des Sultans seitens der fanatischen Ulemahs, welche die Berufung des europäischer Sympathien ver­dächtigen Reformers Said Pascha zum Großvezier in Aufregung verfetzt hat und an denen die große Be­wegung, welche jetzt durch die muhamedanische Welt geht, nicht fpurlos vorübergegangen ist. So schwebt denn der arme Padischah beständig in Aengsten für fein Leben.

In politischer Beziehung ist die wichtigste Frage die armenische. Auf die erste Weigerung des Sultans, in das von den Botschaftern Rußlands, Frankreichs und Englands ausgearbeitete Reform-Programm ein­zutreten, sind neue Vorstellungen erhoben worden. Etwas wird geschehen müssen, wobei auf die Haltung des neuen englischen Kabinets sehr viel ankommen wird. Armenien liegt in der gefährlichen Nähe des russischen Eisbären und die Bewegung unter den armenischen Christen, welche Anschluß an Rußland, das ihnen glaubensverwandt ist, verlangen, wächst noch beständig.

Augenscheinlich hat das Wiederaustauchen der arme­nischen Frage den mazedonischen Komitee's den Ge­danken nahe gelegt, durch Anstiftung von Unruhen in Mazedonien Europa an die Erfüllung der Bestimmungen des Berliner Vertrages für diese Provinz zu erinnern. Daß es bereits zu schweren Zusammenstößen zwischen den türkischen Truppen und der Bevölkerung gekommen ist, steht fest. Es haben auch beträchtliche türkische Truppenverschiebungen stattgefunden. Die englischen Blätter sehen die Sache für ernst an, und erst noch jüngst ließ sich die Londoner,Times'aus Konstantinopel berichten: „Der zunehmende Ernst der Lage in Maze­donien und Kreta dürfte die Mächte über kurz oder lang nöthigen, die Lage aller christlichen Unterthanen der Pforte in Erwägung zu ziehen. Von Bulgarien werden Waffen und Geld in ansehnlicher Menge nach Mazedonien gesandt; jede Wahrscheinlichkeit für den Eintritt ernster Ereignisse ist dort vorhanden. Es ist möglich, daß bald ein europäischer Kongreß zusammentritt, um dem Vorschläge des Sultans gemäß einen allgemeinen Reformplan für die europäifchen Provinzen der Türkei auszuarbeiten." In der bulga-

18] q> Um Gut und Klnt.

Roman aus den napoleonischen Kriegen.

Von M. Benno.

Hofer, Stasi und Angela nahmen Abschied von Poldl, und unter den halblauten Verwünschungen der Tiroler führten die Soldaten ihn ab. Schleicher folgte mit dem Unteroffizier in kurzem Abstande.

Stasi hatte ihr Köpfchen an die breite Brust des Vaters gelegt, der sie zu trösten suchte, aber nicht bindern konnte, daß ihm eine Thräne in den Bart fiel. Da wurden sie plötzlich durch einen Knall auf- geschrecü. Man vernahm von der Straße herüber das Geschrei und die zornigen Flüche der Soldaten. Ueber dem Förster aber und dem Unteroffizier, die noch auf der Anhöhe standen, zeigte sich eine leichte Rauchwolke, welche der Wind vor sich hin trieb. Schußfertig hielt Schleicher noch das Gewehr in der Hand. Er hatte also geschossen. Auf wen? Jähes Entfetzen hielt die Lippen der Tiroler gebannt.

Da tauchte auf einmal auf dem jenseitigen Straßen­abhange eine Gestalt auf, die sich behend über den abschüssigen Felsenrand schwang. Sie richtete sich auf und schwang mit einem Juhschrei den Hut. Es war Poldl; er hatte den Häschern zu entkommen gewußt. Er drehte sich wieder um und sprang wie eine Gemse

rischen Sobranje haben die Russenfteunde die Oberhand und an der Spitze der bulgarischen Deputatton, welche in den letzten Tagen in Petersburg einttäf, steht ein gefährlicher Wühler, der Metropolit Clement.

Deutschland ist zunächst an der schweren Finanz- krisis interessirt, an der Serbien darniederliegt. Die Vertreter der Staatsgläubiger hatten bekanntlich in Karlsbad einen Finanzvertrag vereinbart, worin sie auf den fünften Theil ihres Zinsengenusses verzichteten und sonstige Vortheile gewährten gegen die Verpflichtung Serbiens, eine Ueberwachung der serbischen Finanz­verwaltung zuzulassen. Gegen dieses Abkommen haben aber alle Parteien opponirt und die Radikalen sprechen bereits davon, daß den serbischen Staatsgläubigem statt den geschuldeten 5°/o nur 3°/o gezahlt werden sollen. Das wäre der Staatsbankerott in aller Form. Seit Jahren ist viel Geld aus Deuffchand nach Serbien ge­flossen. Das Vertrauen, welches unsere serbischen Emissionsbanken genießen, hat so ziemlich den Löwen- antheil an den serbischen Anleihen in Deuffchland unter­bringen helfen, und darum ist die Spannung begreif­lich, mit welcher in Deutschland Tausende von großen und kleinen Rentnern einer Lösung der serbischen Finanz- ftage entgegensehen. Da es sich bei Serbien nicht um das Nichtkönnen handelt, sondem um eine ordentliche Wirthschast und scharfe Kontrolle, so soll unsere Reichs­regierung durchaus entschlossen sein, die Rechte der serbischen Staatsgläubiger in Deutschland mit aller Energie zu wahren.

Deutsches Reich.

Berlin, 13. Juli.

* Zur Volkszählung am 1. Dezember 1895 bemerkt die ,Berl. Korr.', daß die Bundesstaaten mit eigener Militärverwaltung ein Interesse daran hätten, daß bei der nach dem Gesetz über die Friedenspräsenzstärke voraussichtlich für 1898/99 bevorstehenden neuen gesetz­lichen Regelung der Friedenspräsenzstärke nicht die Ergebnisse der fast um 10 Jahre zurückliegenden Volkszählung von 1890 zu Grunde gelegt werden. Weiter bilden die Ergebnisse der Volkszählungen die Grundlage für die Vertheilung der Matrikularbeittäge und Ueberweisungen; schließlich ist es auch für die innere Verwaltung von Interesse, die Volkszahl und ihre Vertheilung auf Geschlechter und Altersklassen in regelmäßigen Zwischenräumen festgestellt zu sehen. - Der .Vorwärts' brachte kürzlich die Bemerkung, daß, da durch die diesjährige Volkszählung die Zahl der militärisch ausgebildeten oder nicht ausgebildetm Land­sturmpflichtigen ermittelt werden soll, mit Sicher­heit auf eine neue Militärvorlage geschlossen werden könne. Demgegenüber stellt die ,Berl. Korr.' fest, daß mit der in Rede stehenden Maßregel lediglich ein militärisch-statistisches Interesse verbunden ist. Es soll dadurch nur ermittelt werden, wieviel Landsturm­pflichtige überhaupt vorhanden sind, und wie sich diese auf die einzelnen Bezirke vertheilen. Hierüber kann

von Block zu Block, bis an den Waldsaum hinauf, in dem er verschwand. Ein vielhundertstimmiger Jubel­ruf der Tiroler begleitete ihn.

Stasi stand da wie verklärt. Freudenthränen glänzten in ihren Augen. Sie faltete die Hände; „Poldl ist frei, frei," flüsterte sie, „o Du mein Herr­gott im Himmel droben, wie danke ich Dir!" In diesem Augenblicke fuhr in schnellem Laufe eine Kutsche gegen das Wirthshaus heran.

Gleichzeitig sah man, wie Schleicher feinen Platz verließ und sich ebenfalls dahin begab.

Dieser eilte in den Hofraum und erreichte denselben in dem Moment, als ein älterer Herr den Wagen verließ.

„Georg — Hans," erklang es von den Lippen der Beiden. Schleicher zog den Angekommenen in einen Schuppen und hatte eine längere Unterredung mit ihm.

Als Letzterer wieder zum Vorschein kam, strahlte sein Gesicht von Behagen und Genugthuung. „Sei unbesorgt, Georg," raunte er dem nachfolgenden Förster zu, „Du gibst dem Burschen den Schlag zehnfach zurück. Er ist aus dem Wege, und wenn er sich je zurückwagen sollte, verkauft. Im Uebrigen geht ja Alles wie am Schnürchen. Nicht wahr, ich habe hier für einen ordentlichen Trubel zu sorgen gewußt! Der

die Militärverwaltung sich auf andere Weise nicht unterrichten, da eine gesetzliche Kontrolle des Land­sturms nicht besteht. Als Unterlage für eine neue Militärvorlage würde diese Stattstik überhaupt keinen Werth haben können.

* Folgende Schenkungen im Jahre 1894 haben die Allerhöchste Genehmigung gefunden: Für evan­gelische Kirchen und Pfarrgemeinden 81 Zuwendungen im Gesammtbetrage von 1,365,253 Mark, für evang- kirchliche Anstalten, Stiftungen, Gesellschaften, Vereine 30 Zuwendungen mit 803,491 M., für Bisthümer und deren Institute 24 Zuwendungen mit 131,396 M , für katholische Kirchen und Pfarrgemeinden 140 Zuwendungen mit 1,812,592 M, für katholisch-kirch­liche Anstalten, Stiftungen rc. 54 Zuwendungen mit 1,963,508 M. Es sind also in Preußen im Jahre 1894 Schenkungen und Stiftungen zu kath.-kirchlichen Zwecken int Gesammtwerthe von 3,907,496 Mark ge­macht worden, ein glänzendes Zeugniß für die Opferwiligkeit der preußischen Katholiken.

* Amtlicher Nachweisung zufolge belief sich die Ein­nahme an Wechsclstempelste«erv im Deutschen Reiche für die Monate April bis Ende Juni auf 2,076,351,70 Mark, oder 27,074,50 Mark mehr als im gleichen Zeittaum des Vorjahres.

* Die Verhandlungen wegen des Lehrerdotations­gesetzes sollen zwischen dem Kultus- und Finanzminister wieder ausgenommen sein. Der Kultusminister hofft, ein solches Gesetz in der nächsten Session im Landtage einbringen zu können.

* Schon wieder ein Verfasser der Mellage-Bro- fchüre hat sich gemeldet. Also an Mel läge und Thümmel ist es nicht genug. An dem großartigen literarischen Produtte will auch Herr Klausing be- theiligt sein. Wer ist Klausing? Hören wir, was die ,Westd. Volksztg.' schreibt: „Neben den Herren Mellage und Thümmel taucht jetzt noch ein Dritter auf, der die fchriststellerischen „Ehren" der berüchtigten Bro­schüre mit in Anspruch nimmt. Wie uns aus Barmen geschrieben wird, behauptet der dorttge Oberlehrer a. D. Klausing der eigentliche Verfasser der Herrn Mellage zugeschriebenen Broschüre zu sein. Letzterer habe blos das „rohe Material" zu derselben geliefert. Er dagegen habe der Schrift jene Form gegeben, deren „köstliche Ursprünglichkeit" Herrn Thümmel so gefallen hat. Diese Enthüllung ist schon heiter genug; aber es kommt noch besser. Herr Klausing ist nicht allein der eigentliche Verfasser der Broschüre, sondern er hat auch (gerade wie Herr Thümmel die ihm ver­sprochenen hundert Mark) von Herrn Warnatzsch das in Aussicht gestellte Honorar von 6 9 (YMark nicht bekommen und ist deshalb mit diesem Herrn höchlich unzufrieden. Letzterer behauptet nämlich, Herr Klausing habe die Broschüre so schlecht geschrieben, daß das ihm zugedachte Honorar für vermehrte Satzkosten braufgegangen fei. Herr Klausing will, wie man hört, die Entscheidung des Gerichtes anrufen, und wir glauben, daß Herr Warnatzsch mit seiner Einrede kein

Fahnenaufftecker war von mir gedungen und hat sich deshalb auch so schnell als möglich aus dem Staube gemacht. Glück muß man haben; die Sache macht sich fast ohne unser Zuthun von selber, und zwar wahr­scheinlich besser, als wir sie zu Stande gebracht hätten. Ich zerbrach mir mit meinem Planchen unnöthig den Kopf. Bis morgen Abend sind die Täubchen da, wo man sie haben will. Aber jetzt genug. Es darf Nie­mand wissen, wie gute Freunde wir sind.

Während der Förster sich den von ihrer ftuchtlosen Verfolgung des Flüchtlings zurückkehrenden Dragonern anschloß, begab der Herr sich ohne Weiteres auf den Schießplatz. Mit einem herzlichen „Grüß Gott, Herr Graff" und treuherzigem Handschlag empfing ihn Hofer und auch von verschiedenen anderen Seiten erhielt er ein freundlichen Willkommen. Man erzählte ihm das foeben Vorgefallene, und er hörte zu, ohne auch nur durch eine Miene zu verrathen, daß er durch Schleicher bereits von Allem in Kenntniß gesetzt war. Er schien sich ganz außerordentlich darüber zu freuen, daß dem bedrohten Burschen die Flucht geglückt war.

Indessen hatte er seine Augen da und dorthin ge­richtet und endlich gefunden, was von ihm gesucht wurde. Er schritt auf den Platz zu, wo Angela sich mit Stasi wieder gefetzt hatten. Sein Erscheinen war offenbar eine angenehme Ueberraschung für das Frau-