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Jts. 159

Samstag, den 13. Juli 1895

22. Jahrgang

FiiIdaerWZeitllng

mit Unterhaltrrngs-KrUage „Sterne und Kinmen".

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X Zur Aachener Heiligthurnsfahrt

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3|| Hierzu eine KeiLage. i:

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IV.

Es ist verständlich, daß in den ersten christlichen Jahrhunderten die Reliquien des Herrn und der heiligen Personen, welche ihm zunächst standen, nicht offenbar wurden, flammte doch an allen Enden, wo der christliche Glaube sich erschloß, die Verfolgung gegen ihn auf, mußte man doch auch, um dem Götzen­dienste wirksam entgegenzutreten, den schwächsten Anlaß zum Aergerniß benehmen, als ob im Chrrstenthum nicht die mit den Dingen verbundene göttliche Macht, son­dern jene selbst verehrt würden. Ebenso selbsterständlich ist es aber auch, daß die Apostel, die Jünger des Herrn, die frommen Frauen und alle jene, die durch die Anschauung des Lebens und Leidens des Heilandes begnadigt, feine Lehre annahmen, alle jene Dinge sorgsam sammelten und in heiliger Scheu verehrten, um so, nachdem der Herr selbst zum Himmel ge­fahren, in ihnen ein Bindeglied zu haben zwischen Himmel und Erde.

Nachdem sodann mit der Bekehrung des römischen Kaisers Konstantin das Christenthum siegreich im ersten Glanze seiner göttlichen Morgenröthe strahlend sich über der Welt erhob, da erstanden mit einem Male alle die herrlichen Blumen christlichen Lebens, vom Strahle der himmlichen Sonne geweckt, die bis- heran schlummernd im Schooße der Verborgenheit ge­legen, gewärtig des allmächtigen Wortes der göttlichen Vorsehung, die sie zur Glorie der heiligen Kirche für alle Zeiten wecken sollte.

Auf ihrer Reise nach Jerusalem im Jahre 445 soll die Kaiserin Eudoxia die Windeln des Herrn erworben und nach Konstantinopel geschickt haben, wo der heiligen Reliquie von der Kaiserin Pulcheria ein prachtvoller Tempel Chaleoprateion erbaut wurde. Jedenfalls sind gleichzeitig mit dem Gewände der allerseligsten Jungfrau die Windeln nach Aachen gekommen, sind sie doch schon in der allerersten Auf­forderung erwähnt, die Karl der Große an seine Völker ergehen ließ zur Verehrung der kostbaren Heiligthümer zu Aachen. Wie der stets gleichzeitig, schon in Kon­stantinopel erwähnte Gürtel der allerseligsten Jung­frau verblieb die Reliquie fortan in dem Reliquien­schatze Karls des Großen.

Und nun das letzte Kleidungsstück des göttlichen Heilandes, das Lendentuch, ein grobes Leinwand­gewebe von weißlicher Farbe. Das Tuch, mit dem man die Blöße des Gekreuzigten bei seinem letzten Leiden bedeckte, scheint den noch vorhandenen Gieren nach aus einem alten Hemde gefertigt Heute ist es ein 1,52 Mtr. langes, 1,32 Mtr. breites Tuch, das voller Blutspuren ist, ja stellenweise wie in ge­ronnenem Blute getränkt erscheint. Nur die Enden, wo das Tuch auf dem Rücken des Erlösers zusammen­geknüpft war, sind rein. Bei der Vorzeigung der heil. Reliquien bleibt das Tuch zusammengefalten und es wird mit ihm, des Blutes des Heilandes wegen, der Segen gegeben.

Dieses Heiligthum scheint ebenfalls von Kon­stantinopel nach Aachen gekommen gekommen zu sein. Von dort wurden ja auch die Grabtücher nach der deutschen Kaiserstadt verbracht, von wo sie später nach Cornelimünster gelangten, wo sie heute noch gleich­zeitig mir der Aachener Heiligthumsfahrt ausgestellt und verehrt werden. Im Aachener Reliquienverzeichnisse des Jahres 1192 finden wir das Lendentuch schon ausdrücklich verzeichnet, und von da ab ist sein Besitz unbestritten.

Das vierte große Heiligthum hat keine direkte Beziehung zum Weltheilande, sondern zu seinem Vor­läufer, dem hl. Johannes den Täufer. Es ist das Tuch, in welches nach der von Herodias, der Nichte des Herodes, verlangten Enthauptung des hl. Johannes dessen Kopf eingehüllt worden ist. Heute noch hat das die Form eines länglichen Vierecks tragende Stück deutliche Blutspuren aufzuweisen. Es ist ein feines

Leinengewebe, was ja erklärlich ist, da es aus des Herodes Palast entstammte.

Auch dieses Heiligthum ist der zuverlässtigen Tra­dition zufolge von Karl dem Großen nach seiner Pfalz gebracht worden, wenn auch erst seit 1460 schriftliche Aufzeichnungen sich darüber vorfinden. Seitdem ist die Kette des nachweisbaren Vorhandenseins der hl. Reli­quien geschlossen bis zum heutigen Tage.

Das find die heiligen Reliquien, welche in der alten Kaiserstadt in diesen Tagen jedes gläubige Knie andachtsvoll zur Erde zwingen. Das ist das selige Unterpfand, das uns der Herr im Thal der Thränen zum Tröste, gleichsam als ein Stück des verlorenen Paradieses mit seinem siebenfachen Gnadenstrom zurück­gelassen hat.

Ueberall, wo unsere heilige katholische Kirche sich groß und mächtig gezeigt hat, da hat sie auch ihre Gegner gefunden, die sie entfacht von infernalem Neide mit dem bittersten Haffe verfolgten. So ist auch die großartige Wallfahrt der deutschen Katholiken ost genug die Zielscheibe gegnerischen Spottes geworden. Vergebens aber suchen wir in den verschiedenen Pam­phleten nach einer sachlichen Erwidergung; haltlose Behauptungen ohne Beweise setzt man in die Welt, und läßt dann die billigen Lügen sich ihre kurzen Beine ablaufen. Es ist hier nicht die Stelle, den streng geschichtlichen Nachweis der Echtheit der Aachener Reli­quien zu führen, wer ihn sucht, findet ihn ausgezeichnet in dem schon mehrfach erwähnten Buche des verstor­benen Kanonikus Kessel über die Heiligthümer.

Wir sprechen hier zu gläubigen Katholiken, und diesen genügt es, daß ihre heilige Kirche, die gerade der Reliquienverehrung mit einer beispiellosen Sorgfalt und Gründlichkeit zu allen Zeiten zu Werke ging, nunmehr über ein Jahrtausend jenen heiligen Gegenständen ihre Verehrung zollt. Würde der Geist Gottes, der ihr verheißen ist bis an's Ende der Tage, es dulden, daß Millionen gläubiger Herzen ihre besten Gefühle einer Täufchung widmen? Der beste Beweis aber für uns, sicherer als alle kritische Historik, ist derjenige, welchen die göttliche Allmacht durch die Kette von offenbaren Wundern gleichsam das göttliche Siegel der Echtheit den Reliquien aufdrücken.

Möge in diesen segensvollen Tagen der Himmel seine besten Schätze öffnen und Kirche und Staat segnen; möge er vor Allem auch uns deutschen Katho­liken Muth und Kraft verleihen, in Eintracht und Liebe das makellose Kreuzbanner in dem Kampfe gegen den modernen Unglauben zum Siege zu tragen!

Deutsches Reich.

Berlin, 12. Juli.

* Der Kaiser kehrte, wie aus Stockholm gemeldet wird, gestern Abend 10 Uhr im besten Wohlsein an Bord der „Hohenzollern" zurück. Heute Mittag 12 Uhr ging die Hohenzollern nach Tullgarn in See. Das Wetter war gestern regnerisch, scheint sich aber jetzt aufzuklären.

* Während der diesjährigen Kaisermanöver sollen einige Abtheilungen von Radfahrern gebildet und dann als radfahrende Infanterie verwendet werden. Man will Versuche machen, inwieweit wohl eine solche radfahrende Infanterie im Stande ist, einen entfernt gelegenen Punkt von taktischer Wichtigkeit zu besetzen. Die „radelnde Infanterie" wird gleichsam ein Jn- fanteriekorps darstellen, das sich schnell über große Entfernungen zu bewegen und zu fechten hat. Bei den Kaisermanövern wird die radfahrende Infanterie aber auch im weitesten Sinne des Wortes zu Er­kundigungen verwendet und weiter werden eingehende Versuche dahingehend gemacht werden, wie weit sie im Stande ist, mit anderen Waffen zu wirken.

* Aus dem Beschlüsse des Bundesrathes, daß die freie Eisenbahnfahrt der Reichstagsabgeordneten von ihrem Wohnsitz nach Berlin auf die Zeit vom 16.—20. August ausgedehnt werden soll, geht hervor, daß die Mitglieder des Reichstags zu der am 18. August stattfindenden Grundsteinlegung für das National­denkmal Kaiser Wilhelms eingeladen werden sollen. Der Reichstag hat sich bekanntlich nach mancherlei unliebsamen Erfahrungen jedes Einflusfes auf die Gestaltung des Denkmals und die Wahl des Platzes begeben und nur das Geld dafür bewilligt.

Sehr zahlreich wird Mitte August die Betheiligung der Abgeordneten an der Grundsteinlegung wohl nicht fein.

* Die einfache Thatsache, daß Frhr. v. Buol die Einladung des Meppener Denkmal - Komitee'S zur Windthor st-Feier an die Reichstags-Abgeordneten weitergegeben hat (Herr v. Köller hat bekanntlich als Präsident des Abgeordnetenhauses ganz dasselbe gethan), regt noch immer einige Patentpatrioten auf. Sie meinen jetzt, der Vorgang sei vielleicht nicht so schlimm, aber insofern bedenklich, als er „ohne Präcedenz" da- stehe. Das ist allerdings unleugbar, aber bisher sind noch keine Denkmale für verstorbene Reichstags - Ab­geordnete eingeweiht worden, folglich konnte auch kein Präsident dazu einladen. In der Folgezeit wird sich das wohl ändern, denn es erfcheint uns zweifellos, daß die Zukunft noch mehr hervorragende Parteiführer auf­zuweifen haben wird. Die Nationalliberalen erfteuen sich schon heute, wie die ,Köln. Volksztg/mit feiner Ironie hervorhebt, ihres v. Eynern, und die Freikouservativen ihres Zedlitz - Neukirch. Das 20. Jahrhundert bringt uns vielleicht Männer, die noch bedeutender sind als sie.

* Bei der im Posen'schen Wahlkreise Meseritz- Bomft bevorstehenden Stichwahl zwischen dem Kandidaten der vereinigten polnischen und deutschm Katholiken, Propst Szymanski, und dem freikonser­vativen Rittergutsbesitzer von DziembowSki geben be­kanntlich die Antisemiten nahezu den Ausschlag. Da ist nun ein Artikel der antisemitischen ,Staatsb-. Ztg/ über die Stimmung der Antisemiten dieses Wahl­kreises nicht ohne Interesse. Der ,Staatsb.-Ztg.' er­scheint eS nämlich sehr zweifelhaft, daß alle Antifemiten -für Hrn. v. Dziembowski stimmen werden. Allerdings sei bei der Aufftellung der Kandidaten zwischen Freikonservativen und Antisemiten ein Ab­kommen getroffen worden, wonach die Partei, die in die Stichwahl kommen würde, von der andern unter­stützt werden solle. Vorbedingung sei aber eine sach­liche Kampfesweise gewesen und diese Vorbedingung sei von freikonservativer Seite nicht erfüllt worden. Landräthliche Wahlbeeinfluffungen feien vorgekommen, den Antisemiten habe man die Säle abgetrieben und zwar auf Wunsch des Landraths, auch seien die Führer der Freikonservativen während des Wahlkampfes gegen die antisemitische Partei von einer Anmaßung und einem Dünkel gewesen, der aufs tieffte verletzen mußte und der sich jetzt, wo die Herren auf die Unterstützung der Antisemiten angewiesen seien, „leicht schwer rächen dürste." Nun bittet zwar die ,Staatsb.-Ztg.' ihre Parteigänger, von allen persönlichen Empfindungen abzusehen und für den deutschen Kandidaten zu stimmen; aber sie befürchtet doch, daß ein nicht kleiner Theil der Wähler für Hrn. v. Dziembowski nicht zu haben sein werde. Nachdem das Blatt noch erwähnt, daß dir Freikonfervativen um die Gunst der Juden gebuhlt und sogar ihren bei Juden gedruckten Wahlaufruf von Juden hätten unterschreiben lassen — für welche Be- thätigung des Deutschthums die Antisemiten kein Ber- ständniß hätten — fährt es fort: „Wenn die Nach­wahl diesmal zu Gunsten der Polen ausfiele, so würden wir dies aufs tiefste bedauern, würden die Schuld daran aber der Reichspartei selbst zuschreiben müssen." Die freikonfervative ,Postt ist ob dieser merkwürdigen Empfehlung des Kandidaten Dziembowski ganz verstimmt.

* Wie die Bremerhavener ,Prov.-Ztg.' erfährt, sind gegenwärtig Vorbereitungen im Kriegsministerium im Gange für eine außerordentliche militärische Nebuug, die innerhalb der nächsten 14 Tage im Bereiche des 10. Armeekorps (Hannover) stattfinden soll, und an der Infanterie, Kavallerie, Artillerie, Pioniere und ein Theil der Luftschifferabtheilung theil- nehmen sollen. Den Truppen ist ein Befehl noch nicht zugegangen; diese werden vielmehr erst eine Stunde vor dem Abvücken alarmirt werden, wahrscheinlich am 13. ober 15. d. M. Das eigentliche Manöver dürste bei Münster in der Lüneburger Haide stattfinden; von ihm soll alles Publikum streng abgeschlossen werde«.

* Ein Erlaß des Kultusministers vom 9. b. betont, weil in letzter Zeit wieberholt Verfügungen ber Verwaltungsbehörben, bie nicht für bie Oeffent- lichkeit bestimmt waren, unter grobem Vertrauensbruch von Beamten veröffentlicht würben, baß bie Mittheilung amtlicher Schriftstücke an unbefugte Dritte als schwere Verletzung der Dienst- unb Amts-Vecschwie-