Einzelbild herunterladen
 
  

Jto 158

Freitag, den 12. Juli 1895

22. Jahrqana

uldlierWZeittng

mit U»terhalt««ss-KrUase „Ktrrue und Ktumen".

x Zur Aachener Heiligthnmssahrt.

III.

In einem alten Manuskripte non St. Denis, welches die aus dem Beginne dieses Jahrtausends stammenden „Annalen von Orleans" von Saussay rheilweise wiedergeben, heißt es in ganz auffallender Uebereinstimmung mit anderen zuverlässigen, weit ent­fernten Gegenden angehörigen Chronisten des großen Kaiser Karl, wie folgt:

„König Karl fandte kömgltcke Boten fast über den ganzen Erdkreis, um anzukündigen, daß Alle am 13. Juni nach Aachen kommen möchten zur Verehrung der hochheiligen Reliquien, nämlich von der Dornen- kione des Herrn 8 Dornen, ein Nagel des Herrn, ein Stück vom Kreuze, das Schweißtuch des Herrn, daS Hemd der seligsten Jungfrau Maria, die Windel, womit der Körper des Herrn umwickelt und gebunden war in der Krippe, ferner den Arm des hl. Greifes Simeon und viele andere hochheilige Reliquien. So­wohl Papst Leo als der hehre König und auch die Erzbischöfe, Bischöfe und andere zahlreiche Würden­träger haben diesen Erlaß, mit dem ein Ablaß ver­bunden war, gutgeheißen und bestätigt, damit alle, welche zum Besuche und zur Verehrung jener hoch­heiligen Reliquien hinkämen, Vergebung aller ihrer Sünden und Sündenstrafen erlangtem, wenn sie vorher ihre Sünden reumülhig gebeichtet hätten. Das sind die Namen der Prälaten: Papst Leo, Erzbischof Turpin von Rheims, Erzbischof Justin vor: Boulogne. Bischof Humbert von Samtes, Bischof Gmbert von Orleans, Bischof Johannes von Avranches, Bischof Godefried von Noyon, Israel von Metz, Rudolf von Cambrai u. s. w. mit vielen anderen, deren Namen anzuführen überflüssig wäre."

Hier stehen wir vor der ersten Aachener Heilig- thumsfahrt, im Jahre 809 am Mittwoch, 13. Juni. Alljährlich am zweiten Mittwoche des Monates Juni, der damals den Anfang der Quatemberfaften bildete (1085 erst verlegte die Synode von Mainz dieselben auf den noch heute gütigen Termin in der Pfingst- woche) sollten, nach der Bischöfe und des Kaisers Beschluß, fortan die heiligen Reliquien gezeigt werden. So gefchah es bis im Jahre 882 die Normanen in das Reich einbrachen, vor deren Raubgier die kost­baren Reliquien zuerst nach dem in den Ardennen gelegenen Kloster Stavelot und von dort nach Mainz in Sicherheit gebracht worden waren. Aber schon im folgenden Jahre finden wir den Schatz schon wieder in Aachen. Trat unter den verschiedenen Zeit- verhältnifsen eine kleine Abweichung in der Heilig- thumsfahr! statt, so läßt sich doch feit dem 14. Jahr­hundert die regelmäßige siebenjährige Zeigung der Reliquien nachweisen. Die ganze Geschichte dieser großartigen deutschen Pilgerfahrt kurz zusammenfassend, schreibt Dr. Lersch in seinem sehr empfehlenswerthen „Führer von Aachen":

„Man weiß, daß bereits im Jahre 1232 die Pilqerzügen nach Aachen zahlreich waren. Im 14,,

16] K Uw Gut und Kirrt.

Roman aus den napoleonischen Kriegen. Bon M. Benno.

Böllersalven, welche in hundertfachem Echo aus den Bergen widerhallten, verkündeten im Paffeierthale einen festlichen Tag. Dazwischen vernahm man dann und wann einen Büchsenschuß und einen fröhlichen Jodler. Eme halbe Vierielstuude von dem Wirthshause „am Sand" entfernt befand sich auf einem mit kurzem Grafe bewachsenen Anger der Schießstand für die Paffeier Schützen, Himer dem sich als natürlicher Kugelfang ein mächtiger Felsblock mit zackigen Spitzen erhob. Eine ganze Reihe Scheiben war ausgestellt. In einer aus unbehauenen Stämmen aufgeschlagenen Bude hatte man Tische und Bänke angebracht und im Hintergründe waren eine Anzahl Bierfässer aufgeschichtet und mit nassen Tüchern bedeckt.

Bunte Fähnchen in den Tiroler Farben flatterten auf den Zinnen, und über der Eingangspforte hing das mit Blum?» und Tannenreis eingefaßte Bild St. Hubertus, des Schützenpatrones. Auf dieses Plätz­chen zogen nach dem Vormittags-Gotlesdienfte von allen Seiten her die Burschen und Mädchen im besten

15. und 16. Jahrhunderte kamen solche großentheils aus Ungarn und Böhmen, wie denn schon im Jahre 1221 einzelne reiche Ungarn zu den Aachmer Heilig- thümern reisten. Später wallfahrteten ungarische Fürsten mit großem Gefolge in glänzendem Aufzuge dahin. Nicht selten mußten bie Sradtthore geschlossen werden, um den in gefährlicher Weise anwachsenden Strom der Wallfahrer zu hemmen. In verschiedenen Städten (z. B. Hildesheim, Lübeck, Lüneburg, Ham­burg) standen Gasthäuser den Aachener Pilgern offen. Im Jahre 1496 sollen an einem Tage 142,000 Pilger in Aachen aezählt worden sein. Als im Jahre 1776 aber Joseph II. das Wallfahren verbot, minderte sich der Zufluß aus den österreichischen Ländern be­deutend. Als die nach Paderborn geflüchteten Reli­quien zurückgebracht worden, sah man am 22. Juli 1804 35,063 Menschen durch die Stadtthore kommen. Im Jabre 1860 hat man an einzelnen Tagen 50, ja 65,000 zur Stadt Gekommene gezählt, 1874 an zwei Sonntagen die Summe von nahe 150,000, 1881 an 3 Sonntagen fast 150,000."

Schätzen wir die heutige katholische Bewegung recht, so wird die diesjährige Herligthumsfahrt die genannten Ziffern mindestens erreichen, wenn mcht gar über­treffen. Nachdem wir die ein Jahrtausend alte Pilger­fahrt in ihrer Geschichte kurz gekennzeichnet, wenden wir uns nunmehr den verehrenswürdigen Gegenständen selbst zu, welche unter der Bezeichnung „große Heiligthümer", den stolzen Glanz der alten Kaiser- und Krönungsstadt Aachen, das selige Ent­zücken seiner frommen Pilger in diesen Tagen aus­machen. c ,

Der selige Bischof Laurent nannte das Aachener Münster sehr schön einmal „die Kleiderkammer des Herrn, weil es die Kleidung aufbewahrt, die den Heiligen aller Heiligen im Mutterschooße, im Stalle und am Kreuze bedeckt". Betrachten wir zunächst das Kleid der heiligen Gottesmutter. Aus gelb- weißer Leinwand gewebt, 2^8 Ellen lang und l5/s Ellen breit, gleicht dasselbe genau der im Morgenlande üblichen Untertracht der Frauen. Am Halsausschnitte finden toir eine hübsche Verzierung, deren Muster in der Folge vielsach bei Stickereien für Meßgewänder verwandt worden ist. Auffallend wird dem Beschauer, daß der eine Aermel bedeutend kürzer als der andere ist; ein bei dem Heiligthume wachender Priester soll das feh­lende Stück einmal abgeschnitten haben.

Im Jahre 451 fanden auf einer Pilgerfahrt nach Palästina zwei Männer, Galbus und Candidus, das Kleinod bei einer Jüdin, wo es fchon in stiller Verehrung stand und viele Wunder geschahen. Es gelangte durch die Beiden nach Konstantinopel, wo Kaiser Leo ihm eine prächtige Unterkunft gab. Dort­hin erging nun von weit her ein eifriges Wallfahrten bis um das Jahr 800, wo es der mächtige Kaiser Karl jedenfalls von Konstantinopel her zum Geschenk erhal­ten hat. Thatsächlich finden wir eine Erwähnung an letzterem Orte nach dem Beginn der Heiligthumsfahrt nicht mehr, so daß wir mit Sicherheit annehmen dür- Gewande. Auch ältere Männer, sogar hochbetagte Greise beteiligten sich bei dem Feste. Die gleiche Anziehungs­kraft wie jede kirchliche Feier, übt von jeher ein Schützentag in Tirol.

Andreas Hofer stand unter der Thüre seines Hauses und schaute sinnend auf das fesselnde Bild. Wie ost schon hatte er an einem solchen Feste theilgenommen, wie oft war er als Sieger aus dem Wettkampf her- vorgegangen! Nun ließ er das Vergnügen den Anderen. War es doch seine Pflicht, mit Gertrud für die Be- wirthung -er vielen Gäste zu forgen, wobei trotz der reichlichen Aushilfe sein persönliches Eingreifen immer wieder nothwendig erfchien.

Für feine Nichtbetheiligung an der allgemeinen Freude und Lust hatte der Sandwirth noch einen weiteren, einen tiefer liegenden Grund.

Seit Tirol bayerisch geworden, freute ihn sein Stutzen nicht mehr. Unbenutzt hing die stets blank- geputzte Waffe seit Jahren schon an der Wand. Zum Vergnügen wollte er sie nicht mehr handhaben, dagegen schwebten ihm andere Hoffnungen vor. Schon bei dem letzten Ringen zwischen dem Kaiserstaate und dem ge= waltthätigen Corsen hatte er sich einen weit über die Berge seiner engeren Heimath hinausklingenden Namen gemacht. Wenn die Stunde schlug, die nach seiner

fen, daß es sich um das gleiche Gewand handelt. Von >en Aachener Heiligthümern ward dann das kostbare Gut niemals getrennt und blickt, rote schon gesagt, an dieser Stelle schon aus eine mehr als tausendjährige Vergangenheit zurück.

Wir kommen nun zu dem zweiten großen Heilig- thume, nämlich den Windeln des göttlichen Heilandes. Wir finden in ihnen ein dickes und dichtes Wollengewebe von mehr bräunlicher als gelber Farbe; einem schwammigen porösen Filzstoffe sieht es nicht unähnlich. Das heilige Stück ist dreimal zu­sammengeschlagen und an dem einem Ende wie zu einem Halskragen gefaltet. Wir finden uns in diesem Theile der wirklichen Armuth gegenüber, in welcher der Herr der Welten zur Erde zu kommen gewollt hat. Eine alte Aachener Traditton erzählt uns, daß das heilige Ehepaar in der bedränqnißvollen, für die Menschheit so endlos segensreichen Nachr zu Bethlehem im armen Stalle die Windeln aus der Fußbekleidung des heil. Joseph gemacht habe.

Deutsches Reich.

Berlin, 11. Juli.

* Der Kaiser nahm, wie aus Stockholm gemeldet wird, gestern auf Schloß Stora-Sundby an einer von dem Grafen Wedel veranstalteten Abendunterhaltung theil, bei welcher der bekannte Sänger Bellmann'scher Lieder, Sven Scholander, mitwirkte. Heute sind des unsteten Wetters halber Vergnügungen im Freien unterblieben. Der Kaiser unternahm mit dem Grafen Wedel einen mehrstündigen Spaziergang in der Nähe des Schlosses. Heute Abend um 6 Uhr wird Se. Majestät nach Stockholm zuruckkehren. — Der Kaiser wird nach einer Meldung des Wolff'schen Bureau's der feierlichen Enthüllung des Denkmals für weiland Kaiser Fried­rich III. in Wörth, die gegen Mitte des Monats Ottober erfolgen wird, beiwohnen.

* Der Bundesrath trat heute zu einer Plenarsitzung zusammen. Es wurde die Ausdehnung der Berech­tigung der Reichstagsabgeordneten zur freien Eisen­bahnfahrt und Gepäckbeförderung zwischen ihrem Wohn­orte und Berlin auf die Zeit vom 16. bis 20. August dieses Jahres genehmigt. Dem Ausschuß-Anträge, betreffend den Etat der Zollverwaltungskosten für das Großherzogthum Oldenburg, wurde die Zustimmung ertheilt, ebenso dem Ausschußantrage, betreffend den Entwurf eines Vertheilungsplanes für den durch daS Gesetz vom 22. Mai 1895 zur Verfügung gestellten Betrag zu Beihilfen an bedürftige ehemalige Kriegs- theilnehmer. Dem Ausschußantrage, betreffend den Entwurf der Bestimmungen für die Volkszählung von 1895, wurde die Zustimmung ertheilt. Heber den Reichstagsbeschluß betreffend die Aufhebung des Jefuitengesetzes wird der Bundesrat, wie der ,Hamb. Cour." erfährt, erst nach den Ferien berathen. Die Stellung der preußischen Regierung soll nach wie vor ablehnend sein. Dann wird natürlich die Sache im nächsten Jahre wiederkehren.

felsenfesten Heberzeugung bald kommen mußte, wo der österreichische Aar wieder die Schwingen erhob und der Rus seines Kaisers: „Auf zu den Waffen, mein treues Tirol!" in die Berge und Thäler hereinschallte, wenn es dem heiligen Ernste galt, dann sollte die nie ihr Ziel verfehlende Büchse nicht länger feiern, dann war ihr Platz in seiner Hand.

Diese Gedanken durchwogten unwillkürlich Hoser's Gemüth. Seine mächtige Gestalt richtete sich noch höher auf. Muth und Begeisterung leuchteten aus seinen Augen. Er preßte beide Hände auf die heftig pochende Brust. „Mein Oesterreich", flüsterte er, „mein Kaiser, mein Franzi, mein lieb’« Vaterland! Für euch kämpfen, für euch bluten, für euch siegen! Für euch in den Tod, wenn Gott eS so will!" Er hatte das schwache Geräusch hinter seinem Rücken überhött. Erst der herzliche Gruß Stasi's weckte ihn aus seinem Sinnen und er drehte sich um.

Arm in Arm standen die Tochter und Angela vor ihm. Letztere erglühte unter dem mildfreundlich en Blicke des Sandwirthes und fenkte den Kopf.

Was Schleicher auf feinem Lauscherposten entdeckt hatte, das fand nun auch Hofer : die auffallende Aehn- lichkeit der beiden lieblichen Mädchengestalten. Diese Erkennmiß rief jedoch bei ihm nur ein roehmüthiges