M 157
Donnerstag, den 11. Juli 1895
22. Jahrgang
FnldaerMZtitiilig
mit UntrrIialt««S»-Keilagr „Sterne and Klumen"._________________
Rückständig ist noch die Stichwahl im KrnseDortmund woselbst sich der nationalliberale Abg. Möller, dessen Mandat der Reichstag kassirt hat, einer Neuwahl zu unterziehen hat. Der Dortmunder Kreis wird sowohl vom Centrum, wie von den Sozialdemokraten stark bedroht. ,
Bisher ist fast ber allen Ersatzwahlen eme große Zerfahrenheit der Parteiverhältnisfe zu Tage getreten, ausgenommen in den Centrums Wahlkreisen Passau, Aschaffenburg und Köln. Der „Thurm" steht noch, während ringsherum die alten Parteien wanken.
dererseits ist eine Persönlichkeit damit verknüpft, die man sich in den gegenwärtigen überaus schweren Zeiten nicht zum Feinde machen darf. Sie verliebte sich in einen schönen und vornehmen Mann mit der | ganzen Leidenschaftlichkeit, die mir auch an Angela schon so viel Kummer gemacht hat. Die Familie sah die Verbindung nicht gerne, da der Erkorene bezüglich seines Lebenswandels nicht im besten Rufe stand. Euphemia kehrte sich nicht daran. Sie heirathete den Geliebten und zog mit ihm nach München. Eine aeit lang schwebte sie in einem Meer von Wonne und Glück; da, — plötzlich geschah das Unerhörte, das ich heute noch nicht zu begreifen vermag. Euphemia verschwand. Was zwischen ihr und dem Gatten vorgefallen, erfuhr ich bis heute nicht. Letzterer verweigerte jede Auskunft, und Brüder, welche ihn hätten zwingen können, besaß Euphemia nicht. Er ist em Günstling des Hofes. Seine Rechtfertigung fiel ihm nicht schwer. Von der Unglücklichen hat man nichts mehr gehört. Sie wurde vom Gerichte als tobt erklärt und der Gatte behielt die ganze reiche Erbschaft. Alle Versuche, ihn wenigstens zur Herausgabe eines Theiles zu zwingen, waren vergeblich. WaS fragt man gegenwärtig nach Recht und Gesetz! Das ganze Verfahren war die reinste Willkür, obgleich man wohl nicht zu
Mitte August in Elsaß-Lothringen den Festlichkeiten anläßlich der Wiederkehr der Tage, an dem vor 25 Jahren die glorreichen Siege dort erfochten wurden, beiwohnen würde. Diese Nachricht entbehrt der Begründung. Der Kaiser gedenkt am 17. August von England in Berlin wieder einzutreffen und am 18. August die feierliche Grundsteinlegung für das Kaiser Wilhelmdenkmal zu vollziehen, so daß eine Anwesenheit in Elsaß-Lothringen um diese Zeit niemals in Frage kommen konnte. m .
* Im Gefolge des Käfters auf ferner Nordlandsfahrt befindet sich neben dem Gesandten v.Kiderlen- W ächt er, welcher den Monarchen als Vertreter des Auswärtigen Amtes begleitet, auch der Botschafter in Wien, Graf Eulenburg; der Graf hat aber für diese Reise keinerlei offizielle Funktionen; er ist lediglich Gast des Kaisers, der es bekanntlich liebt, auf seinen Nordlandtouren einen intimeren Kreis um sich zu haben. Neben dem Grafen Eulenburg gehören diesmal der bekannte Jagdfreund des Kaisers, Gras Schlitz genannt v. Görtz, der Marinemaler Salz mann, der bekannte Alpinist Prof. Dr. Gößfeldt und der Wiesbadener Hoftheater-Jntendant Major v. Hülsen zu diesem Kreise.
* Der .Reichsanzeiger' macht bekannt, daß der bisherige Gesandte am niederländischen Hofe Gras ! Rantzau (der Schwiegersohn des Fürsten Bismarck) ! auf seinen Antrag in den einstweiligen Ruhestand versetzt worden ist. .
* Der Landtag ist heute Nachmittag ziemlich sang- und klanglos geschlossen worden, und da auch der Kaiser bereits am 4. d. M. von Kiel aus seme diesjährige Nordlandsfahrt angetreten hat und der Reich S- ikanzler, der Staatssekrekär des Aeußeren, Herr \ v. Marschall, sowie noch einige Minister in die Sommerfrische gegangen sind, so kann nunmehr auf dem Gebiete unserer inneren Politik die Sauregurkenzeit beginnen. Für den Zeitungsschreiber ist eigentlich die Zeit der sauren Gurke die angenehmste Zeit, indem er seine Aufmerksamkeit auch anderen Gegenständen zuwenden kann und muß, als der Besprechung von allerlei mehr oder weniger wichtigen „actuellen" Tagesfragen. Heuer freilich werden jedenfalls die englischen Parlamentswahlen die rechte sommerliche Windstille nicht aufkommen lassen, auch wenn die Klemen auf der Balkanhalbinsel und die Ostasiaten keinen Strich durch die Rechnung der Ruhe bedürftigen Diplomaten machen.
* Das zur Abstrafung der marokkanischen Piraten bestimmte deutsche Geschwader ist bereits unterwegs. Wir bekunden damit die feste Absicht, das deutsche Ansehen immer und überall aufrecht zu erhalten. Gestützt auf die reelle Macht deutscher Kanonen wird unser dortiger Geschäftsträger mit verdoppelter Energie die Genugthuung für die Ermordung des unglücklichen Rockstroh veranlasfen und durchsetzen können. Schon dieser Zweck allein würde die Entfaltung der deutschen Macht verlohnen, denn es gilt dabei nicht nur eine begangene Gewaltthat zu sühnen, sondern auch vor künftigen Greuelthatei^^chützem
antisemitische und 395 sozialdem. Stimmen
Die gestrige Ersatzwahl im Wahlkreise Waldeck- Pyrmont ist ebenfalls unentschieden geblieben; es hat eine Stichwahl stattzufinden zwischen dem nationalliberalen Kandidaten Dr. Böttcher, welcher bisher das Mandat inne hatte, und dem gemeinsamen Kandidaten der Antisemiten und des Bundes der Land-
Deutjches Reich.
Berlin, 10. Juli.
* Das offiziöse Wolff'fche Bureau verbreitet folgende Meldung: Vor Kurzem begegnete man in einigen Zeitungen der Mittheilung, daß der Kaiser
15] <q> Um Gnl und Klut.
Roman aus den napoleonischen Kriegen.
Bon M. Benno.
„Wenn sie nur wenigstens Nachricht gäbe", fuhr Letztere fort, „aber kein Bote, kein Brief. Es ist nicht recht von ihr; aber fo ist sie eben. Sie geht ihre eigenen Wege, und wenn vollends das Gefühl ins Spiel kommt, existiren Schranken nicht mehr für sie Ich fürchte, daß sie dadurch noch einmal dem gleichen unheilvollen Loofe wie ihre Schwester verfällt."
Sie verstummte und wischte ein paar Thränen ab, welche sich aus den erloschenen Augen hervorgedrängt hatten.
Salome erhob sich und trat zu der Herrin: „Regen Sie sich doch nicht auf, theuere Frau Gräfin," mahnte sie mit einschmeichelndem Tone, Sie wissen, daß der Doktor Mäßigung befahl. Ist es denn," fügte sie lauernd hinzu, „der Frau Euphemia gar so- schlimm ergangen, weil die Erinnerung an sie Euer Gnaden jedes Mal Thränen auspreßt."
Die Gräfin stützte den Kopf auf den Arm.
„Schlimm, ja," wiederholte sie, „fo schlimm, daß ich Dft, gute Salome, Alles nicht sagen kann. Denn einerseüS beruht Vieles nur auf Bermuthungen, an
zweifeln braucht, daß die Unglückliche tobt ist. Die Isar könnte wahrscheinlich erzählen, wie sie m jener verhängnißvollen Nacht die Arme in ihren Wogen b^MeThür ging in diesem Augenblicke behutsam auf und eine seltsame Gestalt trat in das Zimmer. Es war einer jener Bedauernswerthen, welche die Jcatur schon von Jugend auf zum Krüppel gemacht hat, em verwachsener Menfch, kaum vier Fuß hoch, dessen Kopf tief in den höckerigen Schultern steckte, sein nicht unschönes Gesicht war bleich, trug aber den Stempel der Intelligenz und Gutmüthigkeit.
Was gibt es, Cajetan?" fragte Salome, tnbem sie dem etwa 30jährigm Manne einen Schritt entgegen 9m%iefer blinzelte mit dm Augen. Ein heimliches Lächeln spielte um seinen Mund. „Der Herr Förster Schleicher ist im Vorzimmer," berichtete er, „und läßt Tra3Sie Zofe schnellte auf. Ein Strahl hoher Freude brach aus ihren Augen hervor. „Georg," rief sie, dem Kleinen in's Wort fallend, „o, gnädige Frau
। Gräfin, erlauben!" Sie wartete die Antwort nicht ab, sondern stürmte hinaus. .
I Der Förster stand am Fenster und schaute m den
ErfchrnU tiglich,^SE^undQFe«itagk^auS^gmom^m^^^Liert^chüich« Raum"l5^ Pf^RrNamen
, , , । immer stärker hervortretende Differenz zwischen seiner >
(C Rerchstagsnachwaylen. politischen Ueberzeugung und der Stellungnahme der
«d-- »M, ts Än"“Ä' SSÄÄI
VZWMGZZDWZ
t «SÄ180,2 u6n -*** Stimmen erzielten. Daß auch der katholische Kandidat Zuwachs erhielt, erklärt sich schon daraus, daß der Kreis zu 53°/o katholisch ist. Wären die Parteiverhältnisse dort nicht so zerklüftet — früher gab es dort auch gegen 2000 freisinnige Stimmen — fo müßte der katholifche Kandidat siegen. Die Sozialdemokraten, welche ebenfalls einen Kandidaten aufgestellt hatten, haben es bisher nur auf einige hundert Stimmen bringen können.
Von freikonservattver Seite werden die Antisemiten an das vor der Wahl abgefchloffene Abkommen erinnert, wonach die Partei, die in die Stichwahl kommen würde, von der anderen unterstützt werden solle. Es bleibt abzuwarten, ob die Antisemiten diese Zusage einlösen. Vorläufig wird in der mittelparteilichen Presse ein Kesseltreiben gegen die Centrumsabgeordneten Dr Bachem und Fuchs veranstaltet, weil diese für die Wahl Szymanskis, der längere Zeit als Redakteur bei der ,Germania' thätig war, im Kreise agitatorisch thätig gewesen sind, und die dadurch ihre „nationale Anstandspflicht" verletzt haben sollen
Inzwischen hat auch der wildliberale Abg. Rosicke, der im ersten anhaltischen Wahlkreise Dessau von Nattonalliberalen und Konservativen tn der Stichwahl gegen einen Sozialdemokraten gewählt worden ist, sein Mandat niedergelegt. Als Grund führt er an, die