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Dienstag, den 9. Juli 1895

22. Jahrgang

F«li>aerWZkitilng

mit Unterchaltungs Kettagr „Sterne und Klumen".

LriÄrmt täglich, ©onn« und Feiertage ausgenommen. — vierteljährlicher «bonnementsprei« ahne Bringerlahn und Bestellgeld in Fulda «nd auswärts 1 Mark 50 Pfennig. Inserate losten die einspaltige Sarmondzeile oder deren Raum 15 Pf., Reklamen die Petitzeile 25 Pf., bei Wiederholungen entsprechender Radatt.

r*i Die 25jährige Wiederkehr der Gedenktage von 187O|71

gibt Anlaß zu mancherlei Erinnerungen und Betrach­tungen in Deutschland sowohl wie in Frankreich. Daß diese Erinnerungen in französischen Herzen nicht von freudiger Art sein können, daß sie vielmehr den Schmerz über die Niederlage und über den Verlust Elsaß- Lothringens und bei einem Theile der Franzosen auch den Durst nach Rache auf's Neue beleben, ist begreiflich. Um so mehr hat Deutschland die Pflicht, mit Schonung gegen die Empfindungen Frankreichs und unter Ver­meidung alles Ueberschwanges, alles Spottes über die Unterlegenen und alles Sädelrasselns die patriotischen Gedenktage, welche uns bevorstehen, zu feiern. Deutsch­land hat vor Kurzem erst durch die Feste in Hamburg und Kiel gezeigt, daß es ehrlich den Frieden zu erhalten bemüht ist. Auch die Franzosen haben die Bedeutung dieser friedlichen Kundgebungen aner­kennen müssen. Aber gar vielen von ihnen ist diese Anerkennung sauer, sehr sauer geworden, und sie würden jede passende Gelegenheit ergreifen, um das Anerkenntniß von Deutschlands Friedfertigkeit wieder in's Wanken zu bringen und das Mißtrauen an der Ehrlichkeit unserer Friedensbetheuerungen neu zu wecken.

Den Uebelw ollenden ist ja eine solche Gelegen­heit leicht geboten, ihnen wird die Thatsache, daß die deutschen Kriegervereine und Regimenter die Gedenktage der Schlachten, in denen sie sich ausgezeichnet, festlich begehen, zur Verdächtigung der Friedfertigkeit Deutsch­lands genügen; mit ihnen können wir daher nicht rechnen. Wohl aber müssen wir Rücksicht auf die Ehrlichen nehmen, die zwar keine Gelegenheit, das Mißtrauen gegen uns zu wecken, suchen, aber so empfindlich sind, daß ihr wirkliches, ungekünsteltes Mißtrauen sehr rasch wieder auflebt.

Darum sollten wir, soweit wir nicht — wie die Veteranen von 1870 — auch ein berechtigtes mili­tärisches Interesse an den Gedenkfeiern nachweisen können, die militärische Seite derselben möglichst aus dem Spiele lassen. Wir Deutsche sind ja ein fried­liches Volk. Wir berauschen uns nicht, wie es leider unsere westlichen Nachbarn so gerne thun, an der gloire, am Kriegsruhm, an blutigen Erinnerungen. Wir müssen den Krieg, auch wenn er uns Sieg und Ehren gebracht hat, als ein Uebel ansehen, das zu­weilen nothwendig und auch in seinen Folgen erfteulich sein kann, aber selbst doch immer ein Uebel bleibt. Stellen wir also nicht die blutigen Siege beim Ge­denken des Kriegsjahres in den Vordergrund, sondern das, was wir durch sie erreicht haben: die Kaiser­proklamation und den Frankfurter Frieden.

Nicht als ob wir nicht auch der Schlachten ge­denken sollten: nein, auch ihrer sich zu erinnern ist heilsam, aber diese Erinnerung kann nur sehr ernst sein und uns keinen Anlaß zum Säbelrasseln bieten. Gedenken wir vor Allem der Gefallenen, die ihr Leben eingesetzt haben, bei ernster Feier und nament-

13] ß Uw Gut und Ktut.

Roman aus den napoleonischen Kriegen.

Bon M. Benno.

Der Beamte fühlte sich wie ein Federball in die Höhe gehoben, und wäre vielleicht zerschmettert worden, wären nicht auf einen Wink des Offiziers mehrere Soldaten dem Bedrängten zu Hilfe geeilt. Hofer wurde von einem halben Dutzend Arme zugleich ange­packt. Dadurch bekam Hofftetten Lust und zog sich, von dem eisernen Griffe befreit, schleunigst aus der gefährlichen Nähe zurück. Er schäumte vor Wuth. „Bindet den Elenden!" befahl er den Soldaten, „diesen schuftigen Volksverführer und Rebellen, der Hand an den Stellvertreter des Königs zu legen gewagt hat, in die Kasematten von Kufstein mit ihm! Wenn er stch wehrt, so stoßt ihm ein Bajonett in den Leib."

Die Soldaten gingen zum Angriffe über. Hofer drängte sie jedoch wiederholt von sich ab. Andere Tiroler eilten zu seiner Hilfe herbei und ein blutiger Kampf stand bevor . . .

Indessen hatte sich die Kirche geleert und der Pater auf dringendes Zureden, von einigen treuen Männern begleitet, während des Getümmels die Flucht ergriffen. Stasi und Gertrud waren schon vor der Begegnung Hofer's mit Hofftetten weinend nach Hause

lich im Gebete. Zu Freudenfesten eignen sich aber die Tage der blutigen Schlachten nicht, auch wenn sie — nicht in erster Linie durch unser Verdienst — für uns siegreich ausgefallen sind. Was würde der Krieg genützt haben, wenn trotz der siegreichen Schlachten Deuffchland uneinig und ohne Elsaß und Lothringen geblieben wäre? Ohne die Kaiserproklamation und den Frankfurter Frieden müßten wir des Kriegsjahres, wenn es uns trotz aller Opfer so gar Nichts gebracht hätte, sogar mit Schmerz und Scham gedenken. Darum sollen wir uns der Früchte der Siege freuen, nicht aber der Opfer an Blut und Gut, die sie uns und den Franzosen gekostet haben. Zumal der Sedan­tag ist nicht geeignet, den Gipfel der Gedenkfeste zu bilden. Ihn könnten wir Katholiken nicht freudig mitfeiern, weil ihm unaustilgbar zugleich auch die Erinnerung an den Kulturkampf anhaftet. Nicht wir sind schuld daran, sondern die Kulturkämpfer: sie haben den Sedantag entweiht, indem sie ihn zu wüsten Orgien ihres Hasses gegen die katholische Kirche mißbrauchten.

Diese Erinnerung darf nicht aufs Neue belebt werden. Das Jahr 1895/96, das fünfundzwanzigste nach dem Geburtsjahre des Deutschen Reiches, sollte durch keinen Mißklang getrübt werden. Es sollte ein Jahr desFriedens sein, nach innen und nach außen! Möchten in diesem Geiste die Gedenktage gewählt und gefeiert werden!

Deutsches Reich.

Berlin, 8. Juli.

* Die Feier der füufundzwanzigjährigt« Gedeuk- lage des Krieges 1870—71 nimmt in diesem Mo­nate ihren Anfang. Den Tag der Mobilmachung (16. Juli) wird das in Brandenburg garnisonirende 35. Infanterie-Regiment (Prinz Heinrich von Preußen) festlich begehen. Dm Tag von Weißenburg wird das 7. Infanterie-Regiment (2. westpreußisches), das sich in dieser Schlacht unverwelkliche Lorbeeren gepflückt hat, nicht ohne Feier vorübergehen lassen. Der 6. August bringt die Schlachten von Spicherm und Wörth; soweit bekannt, sind bereits von den Jnfanterie- Regimentem 8, 12, 39, 48 und 52 umfassende Vor­bereitungen getroffen wordm, um den erstgenannten Schlachtentag würdig zu begehen. Die Infanterie- Regimenter Nr. 46, 50, 59, 82, 83, 87, 88, 94, 95, 120 (2. württembergisches), sowie die Feldartillerie- Regimenter Nr. 5 und 11 werden die Schlacht von Wörth in großartigster Weise feiern. Es folgen die heißen Schlachttage um Metz, zunächst der 14. August (Colombey-Neuilly), wo sich die Infanterie-Regimenter Nr. 1 und 15 mit Ruhm bedeckten und darum Grund genug haben, sich ihrer Waffenthaten durch eine glänzende Feier zu erinnern. Der 16. August (Vion- ville—Mars la Tour) hat bekanntlich nicht nur der Infanterie Gelegenheit geboten (17., 78., 79., 91. Infanterie-Regiment), sich hervörzuthun, sondern auch

geeilt. Das Mädchen kam in die Stube Angela's hin­auf. Unter Schluchzen und Jammern erzählte sie das Geschehene und wies in ihrer grenzenlosen Angst auf die Möglichkeit noch weiterer Gefahren und Unbilden hin.

Angela hatte ihr ruhig zugehört. Der Widerschein eines plötzlichen Entschlusses erschien auf ihrem Ge­sichte. Sie verließ das Bett. „Hilf mich ankleiden, Stasi," bat sie mit bebender Stimme, „ich muß hinaus, ehe em Unglück geschieht. Dein Vater, Stasi, Dein Vater!"

In ungeheurer Ueberraschung schaute das Mädchen in Angela's erregtes Gesicht.

„Du!" rief sie, „Du? Was willst Du ausrichten, wo sogar die Kraft und Entschlossenheit der Männer nichts hilft?"

Angela erwiderte nichts. Sie nahm ein Kleidungs­stück ums andere aus dem Schranke und Stasi half ihr mechanisch beim Ankleiden, obgleich ihr das Vor­haben ganz unbegreiflich erschien. Sie schloß sich Angela an, als diese das Haus verließ und hastig der Kirche zuschritt.

Auf dem Vorplatze derselben hatte der Tumult in­dessen eine bedenkliche Wendung genommen. Die Tiroler befanden sich zwar weitaus in der Mehrzahl, aber sie waren nicht bewaffnet, und überdies hielt sie die Furcht vor den Folgen von einem energischen Ein-

ber Kavallerie, vor allen Dingen den 16. Ulanen und den 7. Kürassieren, die den durch die Poesie verherr­lichten Todesritt unternahmen. Die beiden Regimenter werden an ihrem Ruhmestage in Salzwedel ver­sammelt sein. Auch die 13. Dragoner Haden Ursache, mit Stolz auf diesen Tag zurückzublicken. Der 18. August (Gravelotte - St. Privat) sah unsere Garden bluten und siegen. Von England ist der Kaiser um diese Zeit schon wieder zurück, und er wird, wie man annehmen darf, den Festen seiner Garden nicht fern bleiben. Die große Herbstparade des gesammten Garde­korps wird in diesem Jahre bekanntlich am 2. Sep­tember abgehalten werden.

* Der Präsident des Abgeordnetenhauses Excellenz v. Köller, hat dem ,Westfälischen Volksbl.' zufolge dem Denkmals-Komit« in Meppen unter sehr warmen und anerkennenden Worten für Windthorst erwidert, daß er wegen Kränklichkeit und Alters zu seinem Bedauern nicht in der Lage sei, der Ent­hüllung des Windtorst - Denkmals beizuwohnen. (Aus gleichen Gründen hat Herr v. Köller auch den Kieler Festen nicht beigewohnt). Der Centrumsfraktion werde, so schreibt er weiter, die Einladung schon anderweittg zukommen; den übrigen Fraktionen des Abgeordnetenhauses werde er dieselbe zur Kemttniß bringen. (Was sagt dazu die ,Nat. Ztg.'?)

* Der Reichstags - Abgeordnete Rösicke richtete an das national-liberale Wahlkomitö ein Schreiben, in welchem er mittheilt, daß sein Stundpunkt von dem der National-Liberalen in Fragen wie das Umsturz­gesetz, Tabak- und Branntweinsteuer, Auttag Paasche zur Zuckersteuer, Münzkonferenz, ferner auf dem Gebiet der socialen Gesetzgebung abweiche, er also nicht mehr als geeignete? Vertreter national-liberaler Partei-An­schauungen gelten könne und deshalb sein Mandat in die Hände der Wähler nieder lege.

* lieber die in den letzten Tagen viel erörterten Handwerkerfragen schreibt die offiziöse ,Berl. Korr.': „Die vor wenigen Tagen in einer Kommission des Abgeordnetenhauses von dem Minister für Handel ge­machte Bemerkung, daß zu einer wirksamen Vertretung des Handwerks eine Zwangsorganisation er­forderlich sei und die Thatsache, daß in voriger Woche Kommissare des Handelsminifters und des Unterstaats­sekretärs des Innern nach Wien gereift sind, um sich über die Berhältniffe des Handwerks in Oesterreich zu unterrichten, haben den öffentlichen Blättern zu einer Reihe von Erörterungen Anlaß gegeben, die von un- zutteffenden Voraussetzungen ausgehen und zu irrigen Ergebnissen gelangen. Namentlich ist die Nachricht ver­breitet worden, daß ein Reichsgesetz vorbereitet werde, wodurch die Handwerkerkammern als Oberbau der Handwerkerorgauisattou festgestellt, die Gestaltung des Unterbaues aber den Landesregierungen ober ber Landesgesetzgebung überlassen werden solle, woran dann Befürchtungen wegen Zerstörung ber einheitlichen beutschen Gewerbegesetzgebung geknüpft werben. In der Sitzung des Reichstages vom 15. Januar d. I haben schreiten ab. Die beabsichtigte Fesselung und Gefangen­nahme Hofer's aber duldeten sie doch nicht. Sie bildeten einen dichten Kreis um ihn und deckten ihn mit ihren Leibern. Die Soldaten hatten bis jetzt noch keinen Gebrauch von ihren Waffen gemacht. Der Miß­erfolg erbitterte sie jedoch allmählich. Hofftetten war vor Grimm ganz außer sich.

„Schießt die Hunde doch nieder!" schrie er ein über das andere Mal, „nieder mit ihnen! Sie sind nicht mehr werth." Dieser Aufforderung wäre vielleicht Folge geleistet worden und gräßliches Unheil geschehen ; doch plötzlich änderte sich die Scene. Eine hochge­wachsene Frauengestalt in einfach schwarzem Kleide, mit wallenden Locken und bleichem Gesichte drängte sich durch die Menge.

Sie sah die drohende Haltung der Soldaten. Sie erkannte Andreas Hofer, sie sah die Flintenläufe nach ihm gerichtet, und ein gellender Angstruf entfuhr ihrem Munde. In der nächsten Sekunde stand sie vor Hof­stetten. Verblüfft schaute dieser sie an. Er erblaßte und schloß stöhnend die Augen, als habe er das Haupt der Medusa erblickt. „Die Gewehre ab!" kommandirte Angela mit weithin schallender Stimme. „Im Namen des Kaisers Napoleon befehle ich es."

Verwundert betrachteten die Soldaten die Dame. Sie hielten dieselbe offenbar für eine Wahnsinnige. Gleich-