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dem Großen im Jahre 809 selbst veranstalteten Heilig- thumsfahrt im Strome der Zeit dahingeflossen, fünf Jahrhunderte lang besteht die segensvolle Pilgerfahrt mit ihrer regelmäßigen siebenjährigen Wiederkehr, in der jetzt noch üblichen Gestalt bis zum heuttgen Tage, der auch uns Gelegenheit gibt, andachtsvoll den heiligen Reliquien unsere Verehrung darzubringen. Wie zu allen Zeiten das wahrhaft Große der katholischen Kirche die Zielscheibe des gegnerischen Hasses und billigen Spottes gewesen ist, so wird auch heute sich nach Aachen manch giftiger Blick, manch gallgettänktes Wort wenden. Uns aber kann dieses ohnmächtige neidvolle Aufbäumen nicht berühren. Getrieben von frommer Sehnsucht eilt unser Schritt zur alten Segensstätte, oder dehnt die Seele zum wenigsten ihre Schwingen, um theilzunehmen an dieser großartigen katholischen Kundgebung. Ja, mit Fug und Recht schreibt der schon erwähnte Kanonikus Dr. Kessel:

„Die Aachener Heiligthumsfahrt ist ein laut schallendes Credo an die heiligen Geheimnisse des christlichen Glaubens, das um so ergreifender wirkt, als es noch immer in ttaditioneller Form nach Väter Art abgelegt wird; sie ist zugleich ein friedlicher Protest gegen die Gottentftemdung unserer Zeit, gegen die Herrschaft des krassen Materialismus, gegen die Nei­gung, in buntgefärbtem Staube Befriedigung zu suchen."

Auf denn, den Pilgerstab nach Aachen gerichtet, auf zum wenigsten du, katholisches deutsches Herz, zur alten Kaiserstadt, unserm Herrgott zur Ehre, Kirche und Vaterland zum Wohle und uns allen zum reichen Segen!

11] <o> Um Gut und Kirrt.

Roman aus den napoleonischen Kriegen.

Von M. Benno.

6.

Joseph Speck »acher hatte sich nicht getäuscht. Schleicher war rüstig bergan geschritten, aber nur so weit, daß die Entfernung zwischen ihm und dem Sand- wirthshause ungefähr zwei Büchfenschußweiten betrug. Dann blieb er stehen und wandte sich um.

„Ein Verdacht gegen mich liegt nicht vor," flüsterte er; „das fand ich bereits heraus. In dieser Hinsicht also darf ich ganz ruhig fein. Aber zweierlei möchte ich wisfen: Einmal, was diese drei Hauptrebellen zu­sammengeführt hat, und dann, wer das Unglückskind ist, das durch meine Kugel niedergestreckt wurde, die ich auf den verdammten Bauern abschoß. Eine Dame von Stand, davon überzeugte ich mich auf meinem Laufcherposten in der Nähe des Sandwirthshauses, wohin mich unwillkürlich die Besorgniß wegen des Geschehenen trieb. Die Sache scheint nicht gefährlich zu sein, sonst würde sie nicht so heimlich abgemacht. Man spräche auch in weiten Kreisen davon; es besteht für mich keine Gefahr."

Langsam und vorsichtig schritt er auf dem gleichen Wege, den er soeben gekommen war, wieder zurück.

Wieder blieb er stehen. Es war ihm, als höre er eine Thüre gehen und dumpfe Stimmen. Sofort trat jedoch wieder vollständige Stille ein, und nur der Bach rauschte an ihm vorüber zu Thal. Er kletterte den kleinen Abhang hinauf und schlich sich auf die Rückfeite des Wirthshauses „Zum Sand."

In der unteren Stube brannte kein Licht mehr. Demnach mußte er auf die Erreichung des ersten Theiles feiner Absicht verzichten. Die Gäste hatten sich schon entfernt; er schaute in die Höhe; ein Licht­schein schimmerte zwischen den herabgelassenen Vor­hängen heraus. Der Förster schritt auf einen Baum zu, der sich dem erhellten Fenster gerade gegenüber erhob, lautlos erklomm er denfelben und verbarg sich in dem dichten Geäste. Er spähte scharf nach dem Fenster, aber ohne Erfolg. Er sah dunkle Schatten hin- und herhuschen, sonst aber nichts. Auf einmal wurden die Vorhänge zurückgestreist, das Fenster ging auf und Schleicher schaute in eine freundlich ausge­stattete Kammer hinein. In derselben bemerkte man einen Tisch, mehrere Stühle, einen: Kleiderschrank und ein Bett.

In letzterem saß aufgerichtet eine bleiche Dame, welche eine Speise zu sich nahm, die ihr Stasi auf einem Teller vorhielt. Es war die Gesuchte, er zweifelte nicht; brennend hingen die Blicke des Försters an dem anmuthigen Bilde; plötzlich zuckte er zusammen; ein Gedanke war in ihm erwacht. Diese prächttgen Locken, diese großen, unvergleichlich schönen Augen und dieses Madonnengesicht sah er heute nicht zum ersten Male. Die Dame, welche er gegen seinen Willen in Gefahr gebracht hatte, war ihm schon auf seinem Lebenswege begegnet; aber wie und wo, siel ihm trotz allen

' Grübelns nicht ein.

Die Speise war verzehrt und Stasi stellte den Teller zur Seite; dann setzte sie sich auf den neben dem Lager stehenden Stuhl. Die Verwundete beugte sich zu ihr nieder und schmiegte sich zärtlich an sie.

Dem Förster auf seinem Lauerposten schoß bei diesem Anblicke das Blut ins Gesicht. Durch eine neue Ueber- raschung wurde er in Aufregung gesetzt. Was er bis jetzt noch nicht beachtet hatte, stand in überzeugendem Bilde vor ihm: Stasi und die schöne Fremde glichen sich Zug um Zug! War das nur ein Spiel der Natm, oder irgend ein Geheimniß mit der auffallenden That- sache verknüpft? Die Beiden sprachen miteinander, das sah er, verstehen konnte er jedoch nichts. Die ausge­tauschten Zärtlichkeiten bewiesen ihm jedoch zur Genüge, welch' inniges Verhältniß zwischen der Tochter Andreas Hofer'S und der Kranken bestand.

Mit überwältigender Macht drängte sich die Leiden­schaft für das herrliche Mädchen abermals aus seinem Gemüthe hervor. Er zitterte vor ungeheurer Auflegung und seine Augen funkelten unheimlich.

Er, der königliche Förster, der angesehene Mann, sollte auf diese Perle verzichten, einem Bauernjungen zulieb! Nein, nein, und tausendmal nein! Seine ganze Natur bäumte sich in wildem Aufruhre gegen diesen Gedanken aus. Kämpfen wollte er und siegen, oder doch wenigstens den verhaßten Nebenbuhler verderben, durch den er um die schönste Hoffnung seines Lebens gebracht worden war.

Hofer mit Gertrud erschien in dem Krankenzimmer. Schleicher sah, wie der Sandwirth der Kranken die Hand reichte, wie diese sie küßte und wie sie mit strahlenden Blicken zu dem in kraftvoller Mannes­schönheit vor ihr stehenden Sandwirth aufsah. Aber­mals fühlte er sich von einer eifersüchtigen Regung durchzuckt. Liebe und Freundschaft überall, und ihm war das Herz gestohlen worden, das er bereits als sein Eigenthum betrachtet hatte.

Gertrud schloß das Fenster und zog die Gardinen vor. Der Förster vermochte nicht mehr zu sehen, was weiter in.dem Zimmer vorging. Er ließ sich behutsam an dem Baumstamme auf den Boden hinab und schlich davon. In einiger Entfernung hemmte er seine Schritte und richtete, sich umwendend, seine Blicke nochmals auf das Wirthshaus am Sand.

„Diese Kneipe", stieß er grimmig hervor, „ist der Hauptherd der Unzufriedenen, und Hofer derjenige, durch welchen das Bauernvolk sich zu Allem hinreißen läßt; die beiden Anderen, welche ich heute dort traf, aber sind feine Handlanger. Leider verstand ich an jenem Unglücksmorgen nur theilweise, was der nichts­würdige Bauerntölpel Stasi erzählt hat. So viel aber ist sicher, daß man in Tirol etwas gegen uns Bayern im Schilde führt. Die Aeußerungen Poldl's in Ver­bindung mit dem heuttgen Rendezvous der drei Rädels­führer geben einen genügenden Grund ab, daß man Maßregeln trifft. „Ihr mögt Euch in Acht nehmen, alle miteinander", fügte er in drohendem Tone hinzu, „ich will eine Suppe einschneiden, daß Euch beim Essen der Löffel abbricht. Gewöhnliche Mittel führen zu nichts. Stasi ist für mich verloren, wenn ihr nicht die Hingabe an mich als einzige Rettung aus irgend einer entsetzlichen Lage erscheint. Diese Lage zu schaffen ist also meine Aufgabe; ich werde sie schaffen, an den nöthigen Mitteln und Werkzeugen fehlt es mir nicht."

Wieder sann er einige Sekunden lang nach. „Vor Allem", fuhr er dann abermals fort, „muß ich mir eine Unterstützung sichern, auf die man sich verlassen kann. Wie wäre es, wenn — —"

Er zögerte. „Ah, ich hab's", rief er plötzlich und schlug sich mit der Hand vor die Stinte, „Hans Graff; er ist mein Freund und Gönner und besitzt alle Eigen­schaften, die mein Vorhaben verlangt."

Schleicher hatte nicht bemerk, wie von der Sette ein Mann an den Paß herangeschlichen war, aus dem er stand. Um so mehr erschrak er, als dieser uuver- muthet neben ihm auftauchte und ihm halblaut zu­raunte : „Sie haben Recht, Herr Förster, Hans Graff ist ein vorttefflicher Mann!"

Schleicher hatte sich wieder gefaßt und den Ange­kommenen mit einem raschen Blicke gemustett; sein Gesicht röthete sich. „Raffl, Du bist's", stieß er mit vor Zorn, bebender Sttmme hervor, „Du wagst eS, mir auf den Weg zu stehen und mich zu belauschen! Hinweg von mir, oder ich peitsche Dich durch wie einen Hund!"

Der Bedrohte rührte sich nicht. Er lachte heiser. „Das werden Sie wohl bleiben lassen, Herr Förster", entgegnete er, „sonst erzähle ich den Leuten, wer die schöne Dame beinahe todtschoß, welche im Sandwirths- haus gepflegt wird."

Schleicher war leichenblaß geworden. Er packte den Mann an der Brust. (Fortsetzung folgt.)

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Beilage Mv Mulöaev Zeitung.

M 153 Samstag, Öen 6. Juki 1895. 22. Jahrgang

X Zur Aachener Heiligthumsfahrt. ii.

Die Zeit der Eröffnung der Heiligthumsfahrt ist da. Bereits am Vorabende des Festes des heiligen Johannes Bapttsta wurden unter dem Geläute der Glocken an den Stellen, an denen die Heiligthümer gezeigt werden, die kostbaren Tücher ausgehangen, welche bei der Vorzeigung als Unterlage dienen. Am 9. Juli findet dann getreu dem Jahrhunderte lang bewahrten Ceremoniel durch das Domkapitel und den Rath der Stadt die Oeffnung des Marien- schreines statt, aus dem die vier großen Heilig­thümer: das Kleid der allerfeligsten Jungfrau, die Windeln des Heilandes, das Tuch der Enthauptung des heiligen Johannes des Täufers, und das blut- gettänkte Lendentuch Jesu Christi, eingehüllt in kost­bare Seidenstoffe,*) herausgenommen und in feierlichem Zuge unter dem Klange der Musik und den feier­lichen Tönen aller Glocken in die im Thurme gelegene Heiligthumskammer getrogen werden. In alter Zeit wurde nunmehr die „Freiheit" geblasen, zum Zeichen, daß selbst den aus Stadt und Land Verbannten, mit Acht und Bann Belegten der Zutritt zur Kaiserstadt gestattet sei, um den hehren Reliquien die gläubige Verehrung darzubringen. In der obengedachten Heilig­thumskammer verblieben einst die kostbaren Kleinode für die Dauer der Festtage (9.-24. Juli), stetig bewacht von 2 Kanonikern und 2 Vikaren. Vom 10. Juli an findet die öffentliche Zeigung der Heilig­thümer täglich Morgens von 10 — 12 Uhr statt.

lieber das gewaltige Schauspiel, was sich nun­mehr entfaltet, möge uns der vortreffliche Geschichts­schreiber der Aachener Heiligthumsfahrt Kanonikus Dr. Joh. Hub. Kessel in seiner packenden Weise berichten. Er schreibt:

Wer einmal einer Aachener Heiligthumsfahrt bei* gewohnt und in christgläubigem Sinne entweder in der Höhe der Thurmgallerie oder in der Nähe die Heiligthümer geschaut und verehrt hat, der begreift es, wie int Mittelalter große Prozessionen mehr als hundert Meilen weit nach Aachen pilgern konnten, um hier Trost, Kraft und Gnade für ihr Herz und ihre Seele zu gewinnen. Wer kann die Wonne, ja das Entzücken des frommen Christenherzens beschreiben, welches sich unwillkürlich in dasselbe einsenkt, sobald daS jungfläuliche Gewand der gebenebeiten Gottes­mutter Maria, vom Hauch der Luft getragen, sich vor den Blicken der knieenden Pilgerschaaren auSbreitet ? Es ist, als ob die seligste Jungflau vom Himmel herabkäme, um als Mutter der Gnade die Herzen der Menschen zu erquicken und zu erfreuen. Kommen aber die zusammengefaltenen Windeln des Jesusttndes zum Vorschein, dann durchkreuzen sich fast die Gefühle des Herzens, man schweigt, man betet, man liebt, man seufzt; es ist, als ob das Auge der Seele in das jelige Geheimniß des Kindes von Bethlehem schauen dürfte. Und wie könnte es auch anders sein? Mit ihm und aus ihm leben die Seelen der streitenden, leidenden und triumphirenden Kirche; ein Band des gemeinschaftlichen Lebens umschlingt sie alle. Kinder sind sie eines Hauses und eines Geschlechtes; nur wandern die einen noch in der Fremde auf Erden, die anderen büßen ihre Strafen im Fegfeuer, während die Vollkommenen in der Herrlichkeit des Himmels ttiumphiren. Tritt nun jden Pilgern auf Erden etwas entgegen, worin die Lebenskraft des Herrn sich offenbart, da spüren sie gleich die Luft ihrer Heimath, Gottes Nähe und Trost, Kraft, Muth, Segen und Gnade wird ihnen zu Theil. Was wären Reliquien, wenn Christus sie nicht mit seinem Leben durchwehte? Das sind Betrachtungen, die man außerhalb der Zeigungszeit bei sich selbst anstellt; während derselben wird man von den Eindrücken, welche die Heilig­thümer auf den Geist ausüben, zu stark ergriffen. Und kommt nun das blutgetränkte Tuch, worin das Haupt des hl. Vorläufers Christi toeggetragen und begraben worden ist, dann meint man den Finger zu sehen, der hinweist auf das göttliche Lamm, das die Sünden der Welt hinwegnimmt. Wenn endlich das rauhe, mit den Blutspuren der Erlösung bezeichnete Tuch, welches des Gekreuzigten Blöße verhüllte, in Kreuzesfvrm über alle Zuschauer erhoben wird, dann fühlen sich die Herzen zerknirscht in Reueschmerz, die Häupter beugen sich zur Anbetung und Danksagung, während der Ge­kreuzigte selbst mit seinem Lendentuche, dem Wahr­zeichen seines bitteren Kreuzestodes, Alle segnet und mit sich zu versöhnen sucht (II. Kor. 5, 19).

lieber tausend Jahre sind seit der ersten von Karl

♦) In einem späteren Artikel werden wir uns mit der näheren Beschreibung der Reliquien und der Heiligthurnssahrt, ihrer Geschichte und den gegen sie erstandenen Gegnern aus- führlicher besassen.

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