M 151
Donnerstag, den 4, Juli 1895
22. Jahrgang
uldaerMZeitmig
mit Unterhattrrngs-Krilage „Sterne und Klumen".
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z Thümmel und Mellage.
Als vor Kurzem ein antisemitisches Blatt meldete, der bekannte Prediger Thümmel in Remscheid habe an der famosen Broschüre Mellage's mitgearbeitet, brachte die Berliner .Volkszeitung', die schon wiederholt ihre Spalten Herrn Mellage zur Verfügung gestellt hat, folgende Erklärung:
„Die durch das ,Volk' verbreitete Nachricht, der bekannte Pa stör Thümmel in Remscheid habe bei der Broschüre des Herrn Mellage über die Zustände in Mariaberg mitgewirkt und sogar selbst „einige Seiten davon geschrieben", entbehrt, wie uns Herr Mellage mittheilt, jeder thatsächlichen Unterlage. Sie beruht schlechtweg auf Erfindung."
Nun veröffentlicht dieselbe Berliner.Volkszeitung', wie wir schon gestern unfern Lesern in Kürze mit- theilten, ein längeres Schreiben des Herrn Thümmel, welches Herrn Mellage direkt Lügen straft. Das Schriftstück lautet:
Remscheid, 29. Juni 1895.
Die vereheliche Redaktion der .Volkszeitung' bitte ich er« gebenst um gütige Aufnahme des Nachfolgenden:
Die von Ihnen nach Erkundigungen bei Derrn Mellage gebrachte Bestreitung des von anderen Blättern gebrachten Gerüchts, daß ich an der Herausgabe der Mellage'schen Broschüre mitbetheiligt sei, ist dennoch unrichtig.
Der Sachverhalt ist folgender: Einige Wochen vor Drucklegung der Mellage'schen Broschüre kam der Verleger derselben und spätere Mitangeklagte, Herr Warnatzsch, zu mir mit der Bitte, die Mellage'schen Aufzeichnungen einer Durchsicht zu unterziehen und nach Gutdünken (!) hinzuzufügen oder davon zu thun. Obwohl sich mir nun bald die Verschiedenheit meines Stand- Punktes von dem des Katholiken (!) Mellage herausstellte, hatte ich doch einen besonderen Grund, an der Wahrheit der kaum glaublichen Erzählung Mellage's keinen Zweifel zu hegen. Ungefähr ein Jahr vorher hatten zu verschiedenen Zeiten zwei ehemalige katholische Wärter (nicht Brüder) derselben Anstalt Mariaberg mich aufgesucht und mit denselben Angaben gebeten, ich möchte ihre Enthüllungen veröffentlichen. (Wie hießen diese Wärter, und waren sie Zeugen beim Prozeß?) Ich mußte damals dieses Ansinnen ablehnen, da mir die Zeit zu einer mit Reisen und sonstigem Zeitverlust verbundenen Prüfung dieser Angaben durchaus fehlte, ich auch die Erzählungen selbst für mindestens übertrieben hielt. Jetzt, da ich keine Verantwortung mit übernehmen sollte, konnte ich um so lieber Helsen, da die Sache Mellage's, wenn sich seine Angaben auch nur zur Hälste bewahrtet hätten — nachher ist der tatsächliche Sachverhalt bekanntlich zehnmal (!!) schlimmer gewesen — zweifellos eine Sache der Gerechtigkeit war. Daher flocht ich gern gemäß dem Wunsche des Herrn Warnatzsch einige nützlicheWahr- heiten in den Mellage'schen Text hinein — davon gethan habe ich nichts, um die köstliche (!) Ursprünglichkeit der Schrift nicht zu verwischen — aber von meinen Randbemerkungen hat Herr Warnatzsch, wie ich sehe, die Hälfte wieder gestrichen: ich sehe eben die Unmenfchlichkeil der Alexianer als Frucht des katholischen Systems an, in welchem sie gefangen sind, während die Herren Warnatzsch - Mellage ohne spezielle konfessionelle Betonung die Schandthaten an sich aufgedeckt haben wollten. (Das ist nun doch nicht geschehen, durch Herrn Thümmel's „Verdienst" vor Allem.) Die von mir in diesem ganzen Handel erkannten konfessionellen Momente sind noch zu lesen z. B. S. 15 und 27 und an anderen Stellen der Broschüre. Unter den von der Staatsanwaltschaft unter Anklage gestellten zwanzig Stellen der Schrift war nur eine, welche ich versaßt hatte. Aus den oben angeführten Gründen dürften von der ganzen
91 <0, Um Gut und Klut.
Roman aus den napoleonifchen Kriegen.
Von M. Benno.
Bei dieser Frage hob Graff den Kopf, welchen er immer noch gesenkt gehabt hatte. Sein unschönes Gesicht mit den weit vorstehenden Backenknochen war leicht geröthet und stechend glühten die grünlich schimmernden Augen über die scharf zugespitzte Nase hervor.
„Ich kann es beschwören, Sire," betheuerte er, die Hand auf die Brust legend, „ich will. . ."
„Das genügt," fiel ihm Napoleon in's Wort. „Dieser Punkt wäre somit abgemacht. Zu etwas Anderem. Sie verkehren, wie man mir sagte, auch am Wiener Hofe. Kennen Sie die Prinzessin Marie Louise ?"
Graff verzog die dünnen Lippen zu einem Grinsen. „Gewiß," erklärte er, „ein prächtiges Kind, das eine wunderschöne Dame zu werden verspricht."
Napoleon lächelte geheimnißvoll. „Ich habe einen Auftrag nach Wien an den Gcheimsekretär Hauber," erklärte er, „der etwas delikater Natur ist. Das Nähere enthält ein Brief, der durch eine zuverlässige Person bestellt werden muß. Diese Person will ich in Ihnen gefunden haben und füge hinzu, daß der geleistete Dienst gut bezahlt werden wird. Wollen Sie mein Bote fein?"
Der Ausdruck grenzenloser Gier erschien auf Graff s
80 Seiten umfassenden Broschüre kaum drei Seiten aus meiner Feder stammen.
Ich muß also die Ehre der That dieser Schrift durchaus dem muthigeu und ausdauernden Herrn Mellage allein überlassen, wie er auch mit Herrn Warnatzsch zusammen allein die schwere Verantwortung getragen bat
Einige Wochen vor dem Prozeß beehrte mich Herr Mellage selbst mit seinem Besuche. Ich merkte bald, daß Herr Mellage von meinem Verhältnisse zu seiner Schrift nichts wußte; um ihm die Unbefangenheit für den Prozeß nicht zu nehmen, jagte ich ihm damals nichts davon. Wir besprachen nur, welche Chancen der Prozeß hätte und welche Wege einzuschlagen wären.
Darum konnte Herr Mellage wohl denBescheid geben, den er gegeben hat. Herr Warnatzsch dagegen wird die Richtigkeit meiner Angaben bezeugen, durch welche ich die umlaufende Meinung über meinen Antheil auf das ihr zukommende, kaum nennenswerthe Maß zurückgeführt zu haben glaube, und durch welche ich die Melodie, die int Abgeordnetenhaufe leider nur 'von Einem angestimmt wurde, wieder aufgenommen haben möchte: Hoch klingt das Lied vom braven Mann Mellage!
Hochachtungsvoll und ergebenst Pfarrer Thümmel.
Mit Recht sagt die .Germania', Herr Thümmel stelle in diesem Schriftstücke sich als einen vollendeten „Jesuiten" in seinem Sinne dar, d. h. er selber thut das, was er und seine Gesinnungsgenossen fälschlicher und verleumderischer Weise den Jesuiten nachsagen. Thümmel sagt, „Herr Mellage hätte wohl den Bescheid geben können, den er gegeben hat," d. h. in der ganz absoluten apodiktischen Weise, die wir oben mitgetheilt haben, hätte Herr Mellage die „Mitwirkung" des Herrn Thümmel, dessen volle Verfasserschaft für „einige Seiten" bestreiten dürfen. Das Gegentheil ist aber doch nun nach Thümmels eigenem Zeugniß wahr! Wenn Herr Mellage das wußte, dann "hat er direkt gelohen, wußte er aber nichts von Thümmels Mitwirkung, dann wußte er doch sicher, daß er, Melage, die Broschüre nicht allein geschrieben hatte. Und falls er nun den Autor oder die Autoren für einen Theil der Broschüre wirklich nicht kannte, dann hat er leichtfertig gelogen, indem er speziell Thümmel ableugnete, der sich doch nun wirklich theilweise als Verfasser entpuppt und mit dem der Verleger der Broschüre und später auch Mellage selbst verhandelt hat.
Von dem, was Herr Thümmel eingestandener Maßen in die Broschüre hineingeschrieben hat, möge eine Probe genügen; er schreibt auf Seite 15: „Indem ich die Erlebnisse des Tages überdachte, stellten sich die verschiedensten Erwägungen bei mir ein. I ch war ein überzeugtes Mitglied der katholischen Kirche und ich bin bis zur Stunde in dieser Religionsgemeinschaft; aber wenn i ch die geschäftsmäßige Unverfrorenheit überdachte, mit der mir die frommen (?) Klosterbrüder eine bewußte Unwahrheit nach der anderen vorzubeten gewagt hatten, dann kamen mir riesengroße Zweifel, ob die Klöster wirklich die Stätten der Heiligkeit wären, als welche sie uns Katholiken immer dargestellt werden. Warum bei uns dieses Absperren von der Welt?
Gesicht. „Mit Freuden," rief er, „für Ew. Majestät bin ich zu jedem Dienste bereit!"
„Das setze ich voraus," bemerkte Napoleon, „Sie sind deshalb auch zur Lösung einer weiteren, für mich in höchstem Grade wichtigen Aufgabe bestimmt."
Er trat an seinen Schreibtisch, öffnete ein Fach und nahm ein in Goldrähmchen gefaßtes Bild hervor, das eine junge Dame vorstellte. Er hielt es dem Konsul vor die Augen. „Kennen Sie diese Brünette?" fragte er.
Ein Lächeln huschte über das gelbbraune Gesicht Graff's. „Ja," bestätigte er, „eS ist ..."
Der Kaiser preßte ihm die Hand auf den Mund. „Still, keinen Namen," gebot er, „daß Sie die Kleine kennen, genügt." Er legte das Portrait wieder an seinen vorherigen Platz. „Wissen Sie vielleicht auch sonst noch etwas — sagen wir etwas Interessantes von ihr, etwas, das mit einem hochstehenden Verehrer im Zusammenhänge steht," forschte er dann weiter und richtete seine durchdringenden Blicke auf Graff, der unter dem Einflüsse derselben in augenscheinliche Verwirrung gerieth.
„Ich verstehe Sie nicht, Sire," stammelte er.
Napoleon lachte. „Machen Sie mir keine Flausen vor," entgegnete er. „Ich bin ftst überzeugt, daß ein Mann von Ihrer Art über die Sache, welche ich vorhin andeutete, vollkommen auf dem Laufenden ist. Sie
Daß die Klosterleute allein ihres Gelübdes wegen frömmer seien, als andere Menschen, ist nicht wahr; denn dann dürfen sie nicht so kaltblütig lügen, wie ich es in Mariaberg, einem Spitzbuben zum Trotz, erlebt hatte."
Wohlgemerkt, das hat der evangelische Prediger Thümmel geschrieben, er ist eS, der diese Worte dem „Katholiken" Mellage in die Feder legt.
Was es mit dem „überzeugungstreuen Katholiken" Mellage auf sich hat, ersieht man aus einer Zuschrift eines Iserlohner Katholiken an die in Oelde (Westfalen) erscheinende Zeitung ,Die Glocke'. In dieser Zuschrift heißt es: „Auch ich mißbillige voll und ganz die Vorgänge in Mariaberg. Nicht aber kann ich es billigen, daß man die Iserlohner Katholiken jetzt als unduldsame Menschen hinzustellen beliebt, die den guten Katholiken Mellage ohne Weiteres beschimpft und ausgehungert hätten. Was die Herren Lenzmann rc. unter einem „guten Katholiken" verstehen, scheint etwas besonderer Natur zu sein; wir verstehen jedenfalls darunter etwas Anderes. Mellage läßt seine Kinder protestantisch erziehen und hat seit Jahren keiner hl. Messe mehr beigewohnt. Er hat den Katholiken stets feindlich gegenübergestanden und sich u. A. nicht gescheut, einem katholischen Priester körperliche Gebrechen in taktlosester Weise vorzuhalten."
Auch das Räthsel, wie Herr Mellage an den Kaplan Rheindorff gekommen ist, um sich der „Affaire Forbes" zu bemächtigen, ist jetzt gelöst. Die Haushälterin des Herrn Kaplans Rheindorff, die Auguste Fiefel, über welche in dem Prozeß gar sonderbare Dinge M Tage gekommen sind, ist die Schwester der Frau des Herrn Mellage.
Die Enthüllungen, welche im Anschlüsse an die von Herrn Mellage und seinen Hintermännern in- scenirte Hetze allmählich erfolgen, dürften nach und nach Manchem die Augen öffnen, der Anfangs mit in das Entrüstungshorn geblasen hat, ohne zu ahnen, von welchen Elementen der Taktstock geschwungen wurde.
Deutsches Reich.
Berlin, 3. Juli.
* Der Kaiser wird nach den bisherigen Bestimmungen morgen Abend 11 Uhr an Bord der Jacht „Hohenzollern" von Kiel nach Stockholm abreisen und dort Samstag Mittag 12 Uhr eintreffen, wo er durch den König von Schweden und Norwegen empfangen wird. Er wird dann einige Tage incognito in einem unweit von Stockholm gelegenen Königlichen Schlosse verbleiben und sich sodann auf einige Zeit zum Besuche des Kronprinzenpaares nach Tullgarn begeben.
* Wegen Verleumdung des Ministers v. Bötticher soll der .Volksztg.' zufolge gegen die Hamb. Nachr.' und die Harden'fche .Zukunft' gerichtlich vorgegangen werden. — Inzwischen wird von den Bismarckblättern
waren damals in München, wo der hohe Herr dies engelgleiche Wesen zum ersten Male sah. Sie haben mit ihr als Bekannter aus früheren Zeiten verkehrt. Sie wurden fogar von ihr in gewissen Familien-An- gelegenheiten um Unterstützung angegangen, und wie ich bestimmt weiß, hält die Dame etwas auf Sie. Gerade diese Ueberzeugung hat mich Sie zu engagiren bestimmt."
Das Mienenspiel Graff's bekundete, daß des Kaisers Anschauung nicht unrichtig war. Ehe er jedoch zu einer entsprechenden Erwiderung das rechte Wort fand, begann Napoleon wieder:
„Also mein Interesse für diese Dame ist Ihnen bekannt. Hören Sie nun weiter: Ich bewog dieselbe, mir nach Paris zu folgen, und glaubte sie an mein Hoflager für immer gefesfelt zu haben durch Huldigungen und Auszeichnungen, wie sich deren von meiner Seite noch selten eine Dame erfreut hat. Ich bemerkte auch, wie ihr Ehrgeiz sich geschmeichelt fühlte und wie ich meinem Ziele von Tag zu Tag näher kam, da rief der Aufstand mich nach Spanien ab, und als ich zurückkehrte, war die Dame verschwunden unter Umständen, die man geradezu eine Flucht nennen muß. Ich kenne halbwegs den Grund. Josephine hat scharfe Augen. Sie ahnte meine Absichten, und das genügte ihr, gelegentlich ein Wort fallen zu lassen, das der Dame ihren Argwohn verrieth. Diese ist aber nicht