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Beilage jiw Aulöaev Zeitung.

M 148 WonLctg, öen 1. Juli 1895. 22. Jahrgang

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-s In Handwerkerkreisen

herrscht gegenwärtig eine wenig frohe Stimmung an­gesichts der Thatsache, daß der Reichstag wieder heim­gekommen ist, ohne zur Abstellung der schlimm­sten Mißbräuche etwas geleistet zu haben. Nicht gegen die Abgeordneten und die handwerkerfreundlichen Parteien richtet sich der Unmuth, sondern gegen die Regierung, der es allein zuzuschreiben ist, daß die wichtigen angekündigten Vorlagen nicht einmal an den Reichstag kamen, oder, soweit sie vorgelegt wurden, „schätzbares Material" für eine spätere Session blieben.

Für die Landwirthschast ist allerdings auch herzlich wenig zu Stande gekommen, und was für dieselbe noch eben vor Thoresschluß geschaffen wurde, hat wesentlich nur für die östlichen Großgrund­besitzer Bedeutung; daß die Hauptarbeiten zur Linde­rung des landwirthschaftlichen Nothstandes, soweit die Gesetzgebung in Betracht kommen kann, noch so weit zurück sind, haben die Schreier für den „Antrag Kanitz" verschuldet, welche sich darauf steiften: Nur Kanitz und nichts Anderes kann und soll helfen!

Es ist leider Gottes nicht zu leugnen, daß auch unsere innere Politik amRegierungstische von der Hand in den Mund lebt, und dieser Umstand hat die sachlich bedauerliche, aber natürliche Folge, daß gesetz­geberisch auf dem Gebiete zunächst am meisten in An­griff genommen wird, auf welchem sich zeitweilig die regste Agitation entfaltet. Ohne der landwirthschaft- lichen Agitation in etwa zu nahe treten zu wollen, darf man wohl behaupten, daß dieselbe unter der Füh­rung des „Bundes derLandwirthe" mehrfach sehr stür­misch aufgetreten ist und hart an die Grenzen des politisch Erlaubten streifte, wie es durch das Herkom­men bei uns festgesetzt ist. Der Handwerker-Be­wegung wird man das nicht nachsagen können, sie hat sich stets auf dem Boden des Sachlichen gehalten und ihre Vorschläge und Forderungen waren stets der Art, daß sie im Allgemeinen wenigstens hinsichtlich ihrer Ausführbarkeit keinen Zweifel zuließen, wie sie auch ja seit lange in den Anträgen Hitze, Lieber rc. sich zu fertigen Anträgen verdichteten, welche die Bil­ligung des Reichstages fanden.

Wenn man der Handwerker-Bewegung einen Vor­wurf machen will, kann man es von unserem hand­werkerfreundlichen Standpunkte aus nur dahin thun, daß sie in der letzten Zeit nicht die wünschens- werthe Energie entfaltet, daß anscheinend ein Hauch sommerlicher Ermattung über ihr liegt, den man ja nach den vielfachen Enttäuschungen, den end­losen Vertröstungen auf „Erhebungen", „Enqueten", „Berufszählungen" u. s. w. sehr wohl begreifen, nicht aber vertheidigen kann. Für die Agitation des Hand­werks im weiteren Sinne des Wortes liegt gegenüber der landwirthschaftlichen Agitation ein bedeutend er­schwerendes Moment vor, welches man nicht außer Acht lassen darf, um die beiderseitigen Erscheinungen richtig zu würdigen, nämlich Folgendes: Die ge­summte Landwirthschäft hat eine große Reihe wichtiger Interessen, welche ihr gemeinsam sind, vorn kleinen Ackerbauer bis zum größten Grundbesitzer; auf Grund dieser läßt sich eine generelle Bewegung „von Memel bis Trier" auf natürliche Weise leicht und erfolgreich aufrecht erhalten. Entsprechende Korn- preise z. B. wünscht der Kleinbauer ebenso sehr, tote der große Majoratsherr, gute Viehpreise sind Forde­rungen des einen wie des andern.

So günstig steht es beim Handwerke nicht. Das Handwerk im großen Maßstabe ist die Fabrik, und diese ist sofort der Gegensatz des Handwerks im eigentlichen Sinne. Während der kleine Landwirth bei seinen Hauptforderungen die wirksame Unterstützung des Großgrundbesitzers findet, muß der Kleinhandwerker in dem Fabrikanten und kapitalistischen Unternehmer seinen geborenen Widersacher in den Interessen erblicken, und dieser ist es ja auch in erster Linie, welcher den Fort­schritt der Handwerks-Reform hintangehalten hat. Es fällt dem Handwerke ungeheuer schwer, über diese Klippe hinwegzukommen, die Erfolge der Handwerker- Bereinigungen werden durch die Macht der Fabrikanten- und kapitalistischen Unternehmer-Verbände nut zu leicht lahm gelegt. Es ist ja ein großer Unterschied, ob sich tausend kleine Leute vereinigen oder hundert große, die letzteren wissen einen ganz anderen Ein­fluß in die Wagschale zu werfen. Die Handwerker-

Vereinigungen sind ihrer Natur nach Verbände von kleinen Leuten, und daher können sie, wie nach dem oben betonten Charakter unserer offiziellen Regierungs- Politik die Dinge einmal liegen, nur dann wirksam ouftreten, wenn sie durch ihre Massenhaftigkeit imponirend auftreten.

Das sollte man in allen Handwerkerkreisen viel mehr beachten, als es bisher geschehen ist: bis zum letztenMann müssen die Handwerker zusammenstehen und ihre klar zu Tage liegenden Ziele verfolgen; an Führern fehlt es nicht, die Mannschaften müssen ihre Pflicht thnn, und dazu ist es jetzt Zeit, hohe Zeit. Deshalb, deutsche Handwerker aller Gaue, schließet euch allesammt dem „Deutschen Handwerkerbunde" an und fördert dessen Bestrebungen nach Kräften!

«r Kerlin im Sommer.

„Berlin im Sommer ? Im Sommer gibt es gar kein Berlin, Berlin ist nur im Winter Berlin, int Sommer liegt an seiner Stelle ein ödes Dorf." So würde sicherlich mancher Bewohner von Berlins sich äußern, wenn er die Überschrift dieser Zeilen zu sehen bekäme. Es gibt in der Thai eine Menge Leute in Berlin, die sich Berlin ohne Theater und ohne all' das bunte Leben und den schillernden Flitter nicht denken können, mit denen die sogenannte „Gesellschaft" ihre Langeweile todtzuschlagen sucht. Im Winter nur sind die Herrschaften alle in Berlin, nur im Winter sausen ihre eleganten Equipagen durch die Sttaßen des west­lichen Berlin, nur int Winter trifft „man" sich im Theater, bei den Gesellschaften, auf dem Subskriptions- ball, dem Presseball usw. — kurz, nur im Winter gibt es eine „Saison", der Sommer ist die „todte" Jahres­zeit. Da weilt der kaiserliche Hof nicht in Berlin; da gehen die hohen Beamten auf Urlaub; da schicken die Börsianer und „Konfettionäre" ihre hoffentlich besse­ren Hälften in die Bäder, mit dem Vorsatze, ihre Sttohwittwerzeit nach Kräften auszunutzen; die Theater schließen ihre Pforten, kurz, „es ist nichts mehr los" in Berlin. Freilich gibt es zunächst noch eine „Renn­saison", aber auch diese geht jetzt zu Ende oder ist es vielleicht schon.

Der verehrte Leser könnte nach alledem vielleicht auch verwundert fragen: „Wenn nichts mehr los ist in Berlin, wozu bann dieser Brief? Soll ich etwa lesen, was es Alles im Sommer nicht gibt in Ber­lin?" Nein, weither Leser, so steht die Sache doch nichts! Freilich — wo nichts ist, hat auch der Kaiser sein Recht verloren, meine Wenigkeit also erst recht; glücklicher Weise aber haben diejenigen Unrecht, die behaupten, daß im Sommer in Berlin nichts zu finden sei. In Berlin wohnen doch auch noch einige andere Leute, als Minister, Geheimräthe, Börsianer, Konfek­tionäre und Theater-Prinzessinnen, und es gibt noch einige andere Straßen und Viertel als „Unter den Linden", die Friedrichstraße, das Geheimraths- und das Thiergarten-Viertel. Die Fremden, welche nach Berlin kommen, pflegen allerdings kaum etwas Anderes zu sehen, als den vornehmen Westen. Und doch wer­den sie kaum merken, daß es dort jetzt „tobt“ fei; ihnen wird Berlin noch lebendig genug vorkommen, lebendiger vielleicht, als ihnen lieb ist.

Die Fremden finden ja auch noch genug zu sehen: an der Hand des Bädeker werden gewissenhaft alle „Sehenswürdigkeiten der Residenz", als da sind: Museen, Schloß, Denkmäler, Reichstagsgebäude rc. rc. „abgemacht", und es wird wohl kaum einen mit Spree­wasser getauften Berliner geben, der in seinem ganzen Leben so viele „Sehenswürdigkeiten" seiner Vaterstadt zu schauen bekommt, wie der Fremde in wenigen Tagen — es sei denn, daß er den „Bärenführer" spielen müßte für Verwandte oder Bekannte „ans der Provinz", und dieser schweren Aufgabe pflegt sich der Berliner bann allerdings mit bewundernswerther Gewissenhaftig­keit, Ausdauer und Geduld zu unterziehen. Einen süßen Lohn für seine Mühen mag er dabei freilich darin finden, wenn die Bewunderung oder das Staunen der Besucher bei Bettachtung der hauptstädttschen Herr­lichkeiten seinen lokalpatriottschen Stolz befriedigt. Der verehrte Leser möge nicht glauben, daß ich hier von meinem Thema abweiche: Die Fremden mit und ohne „Bärenführer" gehören nämlich durchaus in das Bild des sommerlichen Berlins. Ueberall sieht man sie jetzt — ja, man sieht sie, denn auf den ersten Blick kann man sie als Fremde erkennen, selbst wenn sie nicht in Reisekleidern umhergehen. Der Fremde geht langsam und sieht sich fleißig um, er bleibt plötzlich, unbekümmert um die hieraus sich ergebende Verkehrs­stockung an der belebtesten Straßenecke stehen und be- ttachtet sich das prunkende Wappen eines Bierpalastes oder sonst etwas, an dem der Blick des Berliners acht­

los vorbeigeht. An jedem Denkmal macht er Halt und umschreitet es dann langsam, alle Seiten genau betrachtend und im Bädeker nach der Erläuterung suchend. Dort treiben sich deshalb auch immer die Verkäufer vm „Führern durch Berlin" oder „Ansichten von Berlin" herum; in jedem Menschen, der sich ein Denkmal nicht bloß im Borübergehen ansieht, erblicken sie einen Fremden und sind ganz verwundert, wenn sie doch einmal die Antwott erhalten: „Aber ich bin ja kein Fremder." Daß auch ein Berliner einmal vor einem Denkmal stehen bleiben kann, will ihnen nicht einleuchten.

Wo ist nun aber der richtige Berliner im Sommer zu finden? Werttags natürfidj bei seiner Arbeit, aber es gibt doch immer noch eine ganze Menge Menschen, die auch „Wochentages" — wie man hier sagt — Zeit finden, dem Vergnügen ober ber Erholung nachzugehen. Man muß ba einen Unter­schieb machen zwischen bem Mittelstanb unb ben Ar­beitern. Im Mittelstände gibt es eine erkleckliche Zahl von Leuten, die ein paar Wochen „auf Sommerwohnung gehen", ohne daß ihr Geschäft darunter leidet. Wo es außerhalb Berlins einen mageren Kiefernbestand gibt ober gar einen schönen See, ba gibt es sicher auch Berliner „auf Sommerwohnung", um bie reine Land- lüft unb bie frischgemolkene Milch zu genießen. Wer nicht selbst Berlin verlassen kann, sucht es wenigstens zu ermöglichen, baß Frau unb Kinber ein paar Wochen „braußen Luft schnappen". Der Kleinstäbter macht sich überhaupt keinen Begriff bavon, wie sehr ber Berliner aufs „Luftschnappen" unb ,,'wat Jrienes zu sehen kriegen" versessen ist. Die Arbeiter unb anberen „kleinen Leute", bie sich eine Sommerwohnung nicht leisten können, lassen aber ganz gewiß keinen Sonntag vorübergehen, ohne mit Kind und Kegel nach „Mutter Grün" hinauszupilgern. Dann ist der Grünewald von Berlin bis Potsdam angefüllt mit frohen, schwatzen­den, lachenden, lärmenden, mnsizirenden und jodelnden (sie versuchen es wenigstens), mit wandernden und mit lagernden, dabei ihre „von Muttern in'n Freßkober injepackte Stullen" (Butterbrode) verzehrenden und manche ebenfalls mitgebrachte Flasche leerenden Men­schen, bereit Zahl sicher weit in bie Hunberttausenbe geht. Wer's nicht glaubt, ber sehe sich ben Grüne­wald bloß einmal an: überall ist trotz ber Tafeln, bie es verbieten, ber Boden mit weggeworfenem „Stullenpapier", mit Eierschalen unb Bierflaschen­scherben bedeckt.

Werktags ist ber Wald auch nie völlig leer. Dem einzelnen Wanderer scheint er freilich leer zu sein; könnte man ^ber Alle, bie auf bem meilenroeiten Raume vertheut finb, an einem Platze versammeln, so gäbe es doch noch eine mehr als stattliche Volks­versammlung. Ich habe eine kleine Ahnung bavon; benn jeden Morgen sehe ich von meiner Wohnung in Charlottenburg aus („Schorrendorf", wie es die Berliner ttotz seiner 135,000 Einwohner noch immer nennen) Dutzende jener langen, viele Menschen fassenden Verdeckwagen, „Kremser" genannt, alle dicht besetzt, vorüberfahren in der Richtung von Berlin nach dem „Bock" oder nach ber „Zibbe", biefen vielbesuchten Biergärten am Norbranbe bes Grunewalbes. Es finb Schulen, Vereine, bie ihren regelmäßigen Ausflug machen, ferner fjabrifarbeitetfdjaften, bie bem Her­kommen gemäß auf Kosten unb wohl auch unter Theil- nahme des Fabrikherrn ihren sommerlichen Arbeits­feiertag im Grünen verbringen wollen. Die Wagen finb festlich mit Laub unb Fähnchen geschmückt; in einem entfacht ein Musikkorps, in bem bie Posaune bie Hauptrolle, man könnte sagen „bie erste Geige" spielt, bie Begeisterung unb festliche Stimmung ber Theilnehrner, bie benn auch schon, Männlein wie Weiblein, „feste mitfingen", während bie Kinder — bie „Jöhren" — zugleich auf ben schrecklichsten Blas­rohren tuten — ein gemischter Chor, ber von ben Charlottenburgern auch nur mit sehr gemischten Gefühlen vernommen wirb. Unter jebem Wagen hängt ein Bier­fäßchen, unb neben bem Kutscher auf bem Bock thürmt sich eine „Futteraschekiste" über bie anbere. Bei ben Wirthen wirb nicht viel verzehrt, benn viel kosten barf bas Vergnügen nicht.

Um nun vollständig zu sein, müßte ich auch noch vom Sport reben, von ben Rablern, ben Ruder- unb Segelregatten u. s. w., aber barauf verstehe ich mich zu wenig, und die Sportlust ist ja auch außer­halb der Residenz in stetem Wachsen begriffen. Mein Sport ist das Wandern durch Wald und Flur, und das ist ein gesunder Sport, den ich Jedermann nur empfehlen kann. Und damit Punktum.