Einzelbild herunterladen
 

148

Montag, den 1. Juli 1895

22. Jahrgang

Lrschrint täglich, Sonn- und Feiertage ausgenommen. — vierteljährlicher Abonnementsprei» ohne Bringerlohn und Bestellgeld in Fulda und au-wärt» 1 Mark 60 Vfanrig. Inserate kosten die einspaltige Garmondzeile oder deren Raum 15 Pf., Reklamen die Petitzeile 25 Pf., bei Wiederholungen entsprechender Rabatt.

FiildaerWZeitiiiiij

mit Unterhaltrrngs-Keilage „Sterne und Klurnrn".

muii>,i»»>iiii,^>aa>am»uiuouuum«»ouiu>umm>umi>nu«it«uuoauo«a»imai>.>ii>n>,a<n!,>i.

j Hierzu eine Heilage. |

l L r6 1

»♦♦♦♦'♦"♦♦«Md

Deutsches Reich.

Berlin, 29. Juni.

* Einen wahren Hymnus auf das deutsche Kaiserpaar stimmt der Journalist Maurice Loir, der Spezialkorrespondent des Pariser ,Figaro', in seinem „L’epilogue des fetea Kiel - Hambourg“ überschriebenen Schlußartikel an. Vom Kaiser heißt es da: „Welch verlockende Zauberkraft übt dieser Herrscher aus! Er ist reizend, um nicht mehr zu sagen. Als er bei seinem Einzug in Hamburg vom Zug stieg, erschien er mir in seiner prächtigen weißen Uniform mit dem Silberhelm wie das leuchtende Standbild der Jugend. Ein glückstrahlendes Lächeln umschwebte seinen Mund, und wie Ruhmesglanz sprühte es aus seinen Blicken. Nie habe ich eine solche Erscheinung der Majestät und des Glanzes gesehen. Beim Bankett von Hamburg, wo ich ihn aus der Nähe gesehen habe, auf der „Hohenzollern", in der Marine-Akademie wie beim Schlußbankett von Holtenau, immer habe ich in ihm die gleiche seltene Macht unwiderstehlicher Verführung entdeckt. Die Stimme ist zwar etwas trocken und die Worte werden in militärischem Kommandotone heraus­gestoßen, aber seine Haltung ist ganz Grazie und Eleganz .... Was mir an ihm besonders auffiel, das ist die außerordentliche Beweglichkeit und Leb­haftigkeit seines Blickes, der, zeitweilig sanft und ein­schmeichelnd, dann wieder streng und stolz wird und dann von Neuem liebenswürdig in unvergleichlicher Weise. Die Menge steht unter dem von ihm aus­gehenden Zauber und jauchzt ihm stürmisch zu. Die Männer find stolz auf ihn, und was die Frauen an­belangt, so ist es ersichtlich, daß sie ihn bewundern. Wenn dieser Kaiser in Frankreich regierte, würden wir ihn vergöttern!" Von der Kaiserin sagt Herr Loir: „Diese Frau, welche von ganz Deutschland mit Recht verehrt wird, hält sich etwas im Hinter­gründe, obwohl sie, wenn das ihrem Sinne entspräche, in erster Reihe glänzen könnte. Sie ist von hübschem Wuchs, eine imponirende Erscheinung, ihr regelmäßiges Gesicht hat den sanften Ausdruck der blonden deutschen Frauen. Die drei, vier Mal, wo ich sie sah, fand ich sie entzückend gekleidet!"

* Die Hetze gegen Hru. v. Bötticher geht fort. Pikant wird der neueste Artikel der .Hamburger Nachrichten' dadurch, daß nun auch Herr v. Mar­schall sein Theil erhält. Es heißt da: „Wir halten es für eine ungenaue Klassifikation, wenn man Herrn v. Bötticher und Herrn v. Marschall gewissermaßen in einen Topf wirft als Gegner der Landwirthe. Herr v. Bötticher ist nun an und für sich kein Gegner der Landwirthe, noch sonst einer Richtung. Er hat das

6] ft Um Gut und Kirrt.

Roman aus den napoleonischen Kriegen.

Bon M. Benno.

Poldi schilderte das Gelingen des gefahrvollen Werkes und fügte dann mit eigenthümlichem Lächeln hinzu : „Hatte die Dame schon vorher durch ihr ganzes Wesen einen mächtigen Eindruck auf mich gemacht, so geschah dies noch mehr, als ich ihr Gesicht näher be­trachtete. Ich fand in demselben eine so auffallende Aehnlichkeit mit Dir, daß ich förmlich in Verwirrung gerieth. Ich sagte aber natürlich nichts und ging, da Agil die weitere Führerschaft übernahm, wieder heim. Hier erfuhr ich am gleichen Tage noch etwas, was durch das erlebte Abenteuer in den Hintergrund ge­drängt worden ist."

Der Bursche hielt inne und schaute sich, wie wenn er Angst habe, belauscht zu werden, nach allen Rich- tungen um. „Du sollst es wiffen, Stasi," fuhr er dann fort, „denn Du bist ja eine Tyrolerin mit Leib und Seele. Es ist etwas im Werke. Oesterreich rüstet und erklärt Napoleon demnächst den Krieg. Dann werden auch wir Tyroler uns wieder erheben und das schmähliche Joch abschütteln, welches man uns aufge-

Bedürfniß, in dem Amte, in der Beschäftigung und in der Wohnung zu bleiben, worin er sich be­findet, und an Ehre und Auszeichnung fehlt ihm eigentlich nichts mehr als die Mitgliedschaft in der Rangklaffe der Feld Marschälle, die er erreicht haben würde, wenn er nach dem Abgänge des Fürsten Bismarck preußischer Ministerpräsident geworden wäre. Im Uebrigen ist er kein nothwendigerGegner irgend einer Partei und geschäftlich von großem Geschick und Erfahrung. Er ist daher schon aus letzterem Gmnde mit Herrn v. Marschall durchaus nicht in die gleiche Kategorie zu stellen." Mehr gemeine Bosheit in wenigen Zeilen zu sagen, ist kaum möglich. Also Herr v. Bötticher ist kein „Kleber", beileibe nicht, er hat nur das „Bedürfniß, in der Wohnung zu bleiben". — Der Wortwitz mit den Feld„marschällen" steht auf der Höhe der Betonung der „geschäftlichen" Erfahrung des Ministers. Nun, es will uns bedünken, daß der Herzog von Lauenburg fürs „Geschäft" immer ein ganz außergewöhnliches Talent bekundet hat, so z. B. als er die Gehälter eines Reichskanzlers, Minister­präsidenten, Handelsministers und des Ministers von Lauenburg bezog und auch sonst. Angesichts solcher Dinge kann man nur der ,Köln. Bolksztg.' zustimmen, welche der Ansicht ist, daß keine „tiefsteEntrüstung" mehr heute in Regierungskreisen angesichts der letzten Reden des Fürsten Bismarck eine Abstimmung wie diejenige vom 23. März Hervorrufen werde. Im Gegentheil könne man jetzt in Regierungskreisen manch­mal anerkennenswerthe Worte hören über die politische Kaltblütigkeit, welche sich bei jener Abstimmung in Betteff der Geburtstagsgratulation kundgegeben habe.

* Einen Beittag zur Geschichte des „Gründers der deutschen Einheit" bringt der jüngst erschienene vierte Band der Tagebücher Theodor von Bern­hardts, des bekannten Diplomaten, der 1866 preuß. Militär-Bevollmächtigter in Italien war. Da ist unter dem Jahre 1861 zu lesen: „Zu den Merkwürdigkeiten des Tages gehört dann auch, daß Bismarck-Schön- Hausen, der schon zum Gesandten in England ernannt war, durchgesetzt hat, daß man ihn nach Paris sendet. Die Politik, die er im Sinn hat, ist bekannt: ein preußisch-französisches Bündniß, Abtretung des linken Rheinufers an Frankreich — Ver­nichtung Oesterreichs — Vergrößerung Preußens im Innern Deutschlands." — Den Kommentar überlassen wir den Verehrern des „Säkular- menschen".

* Der Schluß der Landtagssession wird offiziell bis spätestens zum 13. Juli erwartet.

* In Sachen der Krankenkassen veröffentlicht der Handelsminister folgendes Schreiben:

Bei den Arbeitgebern, namentlich denen des Maurerge­werbes, soll es vielfach üblich sein, Arbeiter, die Mitglieder der Orts-Krankenkassen sind, grundsätzlich zurückzuweisen und nur solche Personen zur Arbeit anzunehmen, die Mitglieder einer eingeschriebenen Hilfskasse oder bereit sind, solche zu werden. Euer Hochwohlgeboren ersuche ich ergebenst, gefälligst zu berichten, ob solche Beobachtungen auch in dem dortigen Verwaltungsbezirke gemacht worden sind, und wie sich diesen Uebelständen eventuell int Wege der Abänderung des Gesetzes entgegentreten läßt. Dabei bemerke ich ergebenst, daß im Maurergewerbe angeblich

zwängt hat. Die Vorbereitungen dazu sind schon im Gange."

Mit wachsender Spannung hatte Stasi auf die Mittheilungen des Burschen gehört."

Obgleich, wie ihr Mienenspiel bekundete, das Er- lebniß Poldl's mit der fremden Dame und dem Zigeuner ihr Interesse in hohem Grade erregt hatte, knüpfte sie nun doch keine Bemerkung daran. Unter dem Einflüsse des zuletzt Vernommenen verlor alles Andere fast jede Bedeutung für sie.

Sie athmete tief auf.

„Tyrol wieder frei — frei!" flüsterte sie. „O Poldl, dies Glück fasse ich fast nicht. Aber es mußte so kommen. Der liebe Gott im Himmel und die Heiligen, zu denen wir so inbrünstig gebetet haben, leiden es nicht, daß man uns für immer in der Hand der Fremden läßt. Nun geht mir ein Licht auf. Nun weiß ich, warum der Vater in der letzten Zeit so viel mit den Wirthen Hueber, Wintersteller, Aspacher, Straub, Angerer und Speckbacher verkehrt hat."

„Du täuschest Dich uicht," fiel ihr Poldl in's Wort. „Diese Braven werden das Heft in die Hand nehmen, und daß Dein Vater der Erste und Oberste ist, ver­steht sich von selbst. Auch der meinige wird nicht

weniger die soliden Unternehmer in der angegebenen Weise ver­fahren, als vielmehr Maurerpolier, denen die Annahme der Arbeiter übertragen ist, und schwindelhafte Bauunternehmer, denen daran gelegen ist, auch die geringen Beiträge für die Krankenkasse zu sparen. Ihrem gefälligen Berichte sehe ich binnen vier Monaten ergebenst entgegen. Der Minister für Handel und Gewerbe. Gez. Freiherr von Berlepsch."

* Am Sonntag konnten die katholischen Arbeiter­vereine Berlins (mit Umgebung) bereits ihre 10. Generalversammlung abhalten. Der starke Besuch derselben und die Begeisterung der Theilnehmer legten Zeugniß ab von dem Aufblühen der katholischen Arbeitersache inmitten der sozialdemokratischen Um­gebung.

* Ueber eine Verschärfung der Studienbeding- uvgm für angehende Aerzte schreibt man der,Köln. Volksztg.' Folgendes: „Auf Veranlassung des Reichs­kanzlers fand am 15. d. Mts. in Berlin eine Sitzung statt, an welcher u. A. Vertteter aller Universitäten theilnahmen. In derselben wurde vereinbart, daß das für Studirende der Medizin bisher am Schluffe des vietten Semesters vorgeschriebene tentamen physicum erst nach fünf akademischen Semestern gemacht werden darf. In demselben soll in Anatomie und Physiologie so streng geprüft werden, wie jetzt im Staatsexamen. Dann folgen fünf klinische Semester. Das Staats­examen kann erst nach zehn Semestern (jetzt nach neun) gemacht werden. Ferner darf der Doctor medicinae nicht mehr vor dem Staatsexamen ge­macht werden. Außerdem ist nach dem Staatsexamen noch ein praktisches Jahr obligatorisch an den größeren Krankenhäusern. Die meisten Krankenhäuser, Hospitäler rc. haben sich freiwillig angeboten, so daß jährlich 800 Kandidaten untergebracht werden können. Das halb« Jahr als einjähriger Arzt wird angerechnet. Außerdem schweben Verhandlungen betreffs Regelung des Titels Spezialarzt. Es ist der Vorschlag gemacht worden, denselben von einer mindestens zweijährigen Assistenten­zeit abhängig zu machen."

* Der ,Reichsanzeiger' veröffentlicht eine drei Spalten lange neue Anweisung des Arbeiten- ministers Thielen über die Ausbildung der Regie­rungsbauführer des Hoch- und des Wasserban- fachs, welche an Stelle der Anweifung vom 15. No­vember 1886 tritt.

□ Die antisemitischen Abgg. Ahlwardl und Zim­mermann sollen gute Bekann te als chre „Diener" zu den Kanalfesten mitgenommen haben; es war nämlich jedem Abgeordneten gestattet, einen Diener an Bord der Festschiffe mitzubringen. Nun behauptet die antisemitische .Staatsbürgerzeitung', auch eine größere Anzahl von Abgeordneten anderer Parteien hätten Personen als Diener mitgenommen, die sonst nicht in diesem Verhältniß zu ihnen stehen. Auf der „Trave" hätten sich 32, auf der „Columbia" 18 Diener befunden; ziehe man hiervon die 15 offi­ziellen Diener (Fraktionsdiener u. f. w.) ab, so blieben noch 35 Privatdiener der Abgeordneten übrig, von denen viele den Dienerposten nur für diese Fahrt übernommen hätten, um der Feier in der Nähe bei­wohnen zu können. Mehrere Abgeordnete hätten ihre

fehlen und mit den Bayern und Franzosen nicht schlecht umspringen, wenn es einmal Zeit ist. Das ist es nun gerade, was meine Liesel so in Sorgen gebracht hat. Auf der einen Seite freut sie sich als echte Tyrolerin, auf der andern aber fürchtet sie für ihren Schatz. Sie ftagte mich deshalb, wie sie sich hinaushelfen solle. Ich riech ihr, vorerst gar nichts zu thun, und wenn es wirklich so weit sei, Alles dem Vater zu sagen. Der werde dann schon handeln, wie es billig und recht ist. — Wieder entstand eine Pause. „Die arme Liesel!" unterbrach Stasi wieder das Schweigen, „sie bauert mich recht. Aber einen Bayern!" fügte sie seufzend hinzu, „das brächte ich nicht über's Herz."

Ein schelmisches Lächeln spielte bei dieser Bemer­kung um Poldl's Mund.

„Wirklich?" hielt er, dem Mädchen in die schönen Augen schauend, entgegen, „selbst nicht, wenn er einen stattlichen rothen Bart und einen königlichen Förster­hut trägt ?"

Stasi erröthete bis an die Haarwurzeln. Ihr Mienenspiel drückte halb Verlegenheit, halb Unwillen aus.

„Wie magst Du nur so abgeschmackt fragen," schmollte sie, „Du weißt recht gut, daß ich von jenem Menschen, den Du meinst, nichts wissen will. Auch wenn ich Dich