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Beilage Mv Mulöaer Zeitung.

M 147

Samstag, öen 29. Juni 1895.

22. Jahrgang

5] <0, Um Gut und Killt.

Roman aus den napoleonischen Kriegen.

Bon M. Benno.

Er setzte sich wieder in Bewegung und erreichte nach kurzer Wanderung abermals einen Wald. Dieser zog sich in einem dichten, aber nicht breiten Streifen die Anhöhe hinauf. Schleicher durchschritt ihn. Als er an dem jenseitigen Saume ankam, hemmte er aber­mals seine Schritte und lauschte. Deutlich vernahm er herrlichen Mädchengesang.

Er trat auf einen Busch ganz am Rande des Ge­hölzes zu, bog die Zweige auseinander und spähte in daS offene Gelände hinaus. Seine Augen begannen zu leuchten, die Brust hob und senkte sich mächtig und eine freudige Ueberraschung drückte sich in seinem Mienenspiele aus. Kein Wunder! schaute er doch auf eine Idylle, wie kein Künstler sie anmuthiger und fesselnder zu malen vermocht hätte. Einzeln und in Gruppen weidete auf der üppigen Alm eine Viehheerde das saftige GraS ab. Ein paar Ziegen und ein zahmes Reh sprangen in munterem Spiel zwischen den größeren Thieren umher. Melodisch tönte das Schellengeläute zu dem Lauscher hinter dem Busche.

Der Jäger hatte jedoch dafür weder Auge noch Ohr. Seine Blicke waren nach einem sich senkrecht auf der Matte erhebenden Felsen gerichtet, wo die Sängerin stand. Mit den Augen verschlang er fast die Gestalt des jungen Mädchens, dessen Gebirgstracht die wunder­volle Plastik der schönen Gestalt noch mehr hervorhob.

Die dichten Zöpfe von schwarzblauem Haar waren nur kunstlos um die reine Stirn geschlungen und bildeten den Rahmen zu einem Antlitze von so klassi­scher Schönheit, wie man sie nur bei den Kindern der Berge antrifft. Unter hochgeschwungenen dunklen Brauen «länzten wie zwei Sterne die treuherzigen braunen lugen hervor, und die Rosen auf den zarten Wangen wetteiferten mit der Frische der Lippen, zwischen denen man die elfenbeinweißen Zähne hervorschimmern sah.

Mit einem wie Lerchenschlag klingenden Jodler be­gann sie ein zweiter Lied:

Auf der Alm, da ist ein Leben, Auf der Alm, da ist es fchön, Wo die Wolken kühn umschweben Eisgekrönte Gletscherhöh'n.

Wo die Gemse zierlich schreitet An dem steilen Bergeshang, Und das Herz sich mächtig weitet Bei des Giesbach's Feengesang.

Wo zum Himmel auf, zum blauen, Sich das Lied der Senn'rin schwingt, Engelsgrüße niederthauen Und das Alphorn Psalmen singt.

Wo vom Herzenssturm getrieben, Froh der Bua zum Dierndel fliegt, Um zu träumen und zu lieben, Sich an's treue Herzchen schmiegt. Holderi, holderio, holderihoho —

In halber Verzückung stand der Förster auf seinem Platze, seine Brust pochte fast hörbar vor Aufregung. Nur ein Gedanke beherrschte ihn — der Gedanke, daß das herrliche Wesen dort oben, diese bezaubernde Mädchenblüthe, sein Eigen werden sollte — sein Weib! Er konnte sich gar nicht satt sehen und fühlte sich von süßer Hoffnung, von Glück und Seligkeit ganz be­rauscht. *

Er war nicht im Stande, in dieser grenzenlosen Verwirrung vor die Erwählte zu treten und suchte sich vorher zu fassen. Dies gelang ihm endlich, und er stand im Begriffe, sein Versteck zu verlassen, da tönte als Echo auf das Gejodel der Sennerin ein kräftiger Juchschrei von unten herauf.

„Holdie dui, holdie, holdie," jauchzte das Mädchen.

Schleicher sah, wie eine glühende Röthe sich über ihre lieblichen Züge ergoß. Sie klatschte in die Hände und stieß auf's Neue einen Jubelruf aus.

„Holderio, juh, jnh," tönte wieder das Echo, aber dieses Mal so nahe, daß der Förster in demselben eine männliche Sttmme erkannte.

Er wandte den Kopf nach der Richtung, aus welcher die Laute kamen, und sah, wie ein junger Bursche im schnellsten Laufe den Abhang herauf kam.

Wo vom Herzenssturm getrieben Froh der Bua zum Dierndel fliegt, Um zu träumen und zu lieben, Sich an's treue Herzchen schmiegt.

Holderi, holderio I

wiederholte das Mädchen die letzte Strophe des von ihr kurz vorher gefangenen Liedes und eilte dann, ihren Platz auf dem Felsen verlassend, auf dem staffel- ottigen Seitenabstiege desselben, behend wie eine Gemse, auf den Boden herab.

Schleicher war leichenblaß geworden. Wie einen tödtlichen Schlag empfand er das, was vor seinen

Augen geschah; er ahnte die Bedeutung und sah sich plötzlich aus allen seinen Himmeln gestürzt. „Zu spät!" summte es ihm wie Hohngelächter durch die Ohren, „zu spät! das Herz Derjenigen, die dein Glück krönen sollte, hat schon einen Anderen erwählt." Diese Er- kenntniß wühlte in seinem Innern erst recht die Leiden­schaften auf; er zitterte am ganzen Leibe vor Erregung und Wuth. Der Uebergang von überschwenglicher Hoff- nungsfteudigkeit zu bitterer Enttäuschung war zu rasch gewesen, fast vernichtet starrte er auf die Matte hinaus.

Es schwindelte ihm bei dem Anblicke, der sich seinen Augen darbot, und doch konnte er sich nicht losreißen. Eine geheimnißvolle Macht bannte ihn an die Stelle, wo rasende Eifersucht sein Gemüth mit jeder Minute auf'S Neue zerriß. Seine Finger um­krallten unwillkürlich den Lauf des Gewehres, das er vom Rücken herabnahm.

Der Bursche hatte indessen den Platz vor dem Felsen erreicht. Jodelnd und singend schwang er mit den sehnigen Armen den Hut. Vom raschen Laufe waren seine Wangen geröthet, die Augen strahlten und jubelnd schloß er die ihm entgegen eilende Sennerin an seine Brust.

„Poldl!" „Stasi!" mit unbeschreiblicher Innigkeit kamen diese beiden Namen über die Lippen der Beiden hervor. Der Bursche hob das Mädchen in die Lust und schwenkte die reizende Gestalt mit Riesenkraft hin und her unter dem durch Jodler und Juchzer unter­brochenen Wechselgesang:

Holderi, Holderio Mei lieber Bua — Mei Sennerin An Stutzen zua Dein Bilderl drin Holderi, Holderio Lieb's Schätzer! mein Mei Bua, mei Bua Dein Herz ist mein Tirol derzua! Dein bin ich, Dein!

Da schallten von den Kirchthürmen St. Leonhardt und St. Marttn feierlich die Morgengebet-Glocken vom Thale in das Gebirge herauf. Der Bursche gab das Mädchen frei und Beide bekreuzten sich. Sie falteten andächttg die Hände und jedes sprach ein stilles Gebet.

Das Geläute verstummte. „Gelobt sei Jesus Christus", riefen die frommen Naturkinder sich zu, und begaben sich Hand in Hand zu einem Steinblock, der sich am Fuße des Felsens befand. Hier ließen sie sich nieder und schauten eine Zeit lang mit glücklichem Lächeln auf das sich vor ihren Augen ausbreitende landschaftliche Bild.

Die Sonne war indessen ziemlich weit am Himmel emporgestiegen. Unter ihrem feurigen Kusse erschienen die thauftischen Matten, Wald und Felsen wie mit Millionen Diamanten besäet.

„Wie schön ist doch unser Land'l", nahm Stasi nach einer Weile das Wort, „unser lieb's, lieb's Tirol! Viel schöner kann es im Paradiese nicht sein! Können wir doch die Wolken oft fast mit der Hand greifen und schauen schier gar in den Himmel hinein!"

Ein Schatten hatte sich auf das wetterbraune Gesicht des Burschen gelegt. „Du hast Recht, Stasi", entgegnete er, „ein herrlicheres Land'l als Tirol gibt'S gar nicht. ES hausten auch jederzeit nur glück­liche, fröhliche und zufriedene Menschen auf den Bergen und drunten im Thale. DaS ist aber eben nimmer so, seit man Tirol dem guten, guten Kaiser Franz'l gestohlen und uns die Bayern und Franzosen auf den Nacken gesetzt hat. Sie möchten das Land'l vollends ganz an sich reißen, so daß es zuletzt gar keine Tiroler mehr gäbe. Drängen sie sich doch jetzt schon überall in die Familien hinein und stiften Zwiettacht und Zank!"

Betroffen schaute das Mädchen bei dieser Andeu­tung zu dem Burschen hinauf.

„Ja, es ist so, herzige Stasi", bestättgte Poldl, und zog das Mädchen näher an sich, „es ist so; aber wir Tiroler sind halt auch noch da und vielleicht weht schon recht bald ein ganz anderer Wind. Von den bayerischen Mucken kann ich selbst ein Liedchen singen, das ich Dir gleich hersagen will. Handelt es sich doch um eine Person, die Dir nicht gleichgiltig ist — meine Schwester. Liesel hat mir vorgestern ein Brief­lein geschickt, in welchem sie mich bat, auf ein paar Stunden heimzukommen, da sie mich in einer wichtigen Sache um Rath fragen müsse. Da der Fuß des Vetters, dem ich seither ausgeholfen, besser ist, konnte ich leicht abkommen, und so wanderte ich sofort Win- disch-Matrey zu. Liesel war mir entgegengekommen. Ohne Weiteres schüttete sie ihr Herz vor mir auS. Ich war wie aus den Wolken gefallen; denn an alles

Andere hätte ich eher gedacht. Denke Dir nur, meine Schwester, die Tirolerin, die Tochter Anton Wallner's, der für unser Land'l den letzten Blutstropfen zu ver­spritzen bereit ist, hat ihr Herz an einen Bayern ge­hängt, und vollends noch an einen Offizier, einen Menschen, der Schergendienste gegen die Tiroler ver­sieht."

Stasi hatte die Farbe gewechselt. Die Mitteilung des Geliebten machte augenscheinlich den peinlichsten Eindruck auf sie. „An einen Bayern!" rief sie mit einem Tone, in dem ein unverkennbarer Zweifel durchklang.

„Ja, an einen Bayern!" bestätigte Poldl. „Es ist traurig, aber ändern kann ich's halt nicht. Auf dem Schlosse Weißenstein liegt eine bayerische Jäger- abtheilung unter dem Befehle des Hauptmannes Her­mann Hohenberg. Liesel ist mit der Tochter der Haushälterin des alten Schloßherrn besteundet. Sie kam häufig zu dieser, und da wurde dann die Ge­schichte zwischen ihr und dem Offizier angebaudelt, der allerdings, wie ich mich selbst schon überzeugt habe, kein unrechter Mensch ist. Ueberhaupt sind unsere Nachbarn im Bayerischen drüben durchaus nicht so schlimm, sondern im Gegenthrile recht brave Leute; aber ihre Soldaten taugen nichts. Diese sind durch, die Franzosen verdorben worden und wissen gar nicht mehr, was und wo ihr Vaterland ist. Ein bayerischer Soldat aber ist der Offizier. Das sagte ich auch meiner Schwester. Aber an der ist Hopfen und Malz verloren, da sie bis über die Ohren verliebt ist. Die Tirolerin freilich verleugnet sie nicht, und gerade des­halb kam sie in einen gewissen Zwiespalt mit sich hinein, wegen dessen sie mich nach Matrey berief. Dabei fällt mir gerade etwas ein, daS mir bei meinem Besuche daheim passirt ist. Eine vornehme Dame kam in unsere Wirthschaft und verlangte einen Führer. Ich bot mich, da ich gerade nichts zu thun hatte, selber an, und führte sie, ihrem Wunsche gemäß, auf die Wallwand hinauf. Unterwegs sprach die Dame auf's Herablassendste mit mir, und ich fand bald heraus, daß sie eine gute Tirolerin ist. Ich hatte sie vor dem Betreten des Randes gewarnt, wo der Felsen viele hundert Fuß senkrecht abfällt, aber sie kannte keine Angst und schritt hinauf. Das war ein großes Glück. Kurz vorher nämlich war der Zigeuner Agil Sorbet abgestürzt und hing zwischen Himmel und Erde. Die Dame erkannte dessen furchtbare Lage, und nun zeigte eS sich so recht, wie entschlossen und muthig sie ist. Während ich vor Schrecken rathlos dastand, zog sie rasch ihr Oberkleid aus und gab mir ruhig die An­weisungen über das, was zu thun war."

(Fortsetzung folgt.)

Vermischtes.

* lieber den Manu, der ,.keine Zeit hat", plaudert ein Mitarbeiter der ,W. Pr.' in folgender lustiger Weise: Der Mann, der „keine Zeit hat," ist in allen Berufssphären zu finden und bleibt unter allen Umständen ein gleich unangenehmer Patron. Er hat auf der Straße kaum Zeit, unfern Gruß zu erwidern, und bietet man ihm etwa die Hand, so wird er flüchtig einen Finger entgegenreichen, als schiene es ihm einen Mehr­aufwand von Zeit zu bedeuten, die volle Hand zu geben. Die Unterredung ist natürlich eine kurze, denn — sagt er ent­schuldigend - „ich habe keine Zeit." Im Geschäfte hat er natürlich auch keine Zeit, und es passirt ihm dabei nicht selten, daß er geschäftliche Aufträge und Abmachungen, welche er wegen Zeitmangels nur flüchtig behandelte, halb vergißt, was natür­lich die doppelte Zeit kostet. Den Freund, der ihn nach ,ahre- langer Trennung aufsucht, weist er an seine Familie, denn er selbst hat jetzt keine Zeit, und wenn es gilt, bett Seinen einen frohen Tag zu bereiten, und sie in die grüne Herrlichkeit von Wäldern und Wiesen zu führen, überträgt er dies an Frau und Gouvernante, denn er selbst hat bekanntlich „keine Zeit . Ist er Junggeselle im stark heirathsfähigem Alter, so läßt er wohl einen „Heirathsantrag" einschalten, der mit den Worten beginnt: „Junger Mann, dem es an Zeit mangelt, Damenbekanntschast zu suchen" u. s. w. Der Dame seiner Wahl muß keineswegs ein beneidenswerthes Loos beschieden sein an der Seite eines Mannes, der nicht einmal so viel Zeit hat, sich eine Braut zu suchen! Woher soll er auch die Zeit nehmen, sich seiner Familie zu widmen? Er findet natürlich auch nicht die Zeit, em Theater zu besuchen ober ein Buch zu lesen unb es gibt unter Seinesgleichen sogar wunderliche Käuze, von denen man die Frage hört: „Was gibt es wohl Neues? Wissen Sie, tch habe nämlich keine Zeit — Zeitungen zu lesen." Stubengelehrte und hier und da übereifrige Kaufleute stellen ihr Kontingent zu dieser Schaar, bereit Existenz man heutzutage beinahe bezweifeln möchte. Unb doch gibt es solche, welche von dem Wahne be­fangen sind, keine Zeit zu haben, um ein Blatt zu lesen, und sich im hastigen Gespräch darüber unterrichten lassen wollen, was in der Welt vorgeht! Das geistige Armuthszengniß, welches sich solche Leute mit einem derartigen Geständniß ausstellen, ist sehr bedeutend, allein sie haben keine Zeit, dies zu merken.

* In Berlin ist der seltene Fall vorgekommen, daß ein Steuerzahler reklamirt, weil er zu niedrig eingeschätzt wurde. Ein Schneidermeister auS dem Nordosten fühlte sich dadurch, daß er in die 5. Klasse eint agiert worden war, empfindlich ge­kränkt und hat in einer Eingabe den Nachweis geführt, daß er seinen Einkünften gemäß dazu berechttgt se,, Steuerzahler der 8. Klaffe zu sein. Dem Manne wird geholfen werden.