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Samstag, den 29. Ium 1895
22. Iayraang
FilldaerWZkitlliig
mit Unterhaltnngs-Keilage „Sterne und Slumeu".
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Lokales.
Fulda, 28. Juni.
Die gestrige Festfeier des hiesigen Lehrerseminars zum 25jährigen AmtsjubilSum des Hern» Seminar- Oberlehrers Dietrich, über deren offiziellen Theil wir bereits in der gestrigen Nummer der ,Fuldaer Zeitung' ausführlich berichtet haben, fand Abends ihren Abschluß in einer gemüthlichen Zusammenkunft in der Restauration „Bellevue". Es hatten sich eingefunden der Direktor und die Lehrer deS Seminars nebst ihren Familienangehörigen, die Zöglinge der Anstalt, zahl- reiche Lehrer nebst Familie und verschiedene andere Gäste. Es herrschte allgemein eine vortreffliche ftöhliche FesteSstimmung, der schönste Beweis für bte Liebe und Anhänglichkeit, welche sowohl die Kollegen, als auch die früheren und jetzigen Schüler für den Jubilar hegen, anderseits aber auch für daS schöne Verhättniß zwischen dem Seminar und der hiesigen Lehrerschaft, die ja zum weitaus größten Theile au- ehemaligen Zöglingen der Anstalt besteht. Wesentlich erhöht wurde die ftöhliche Stimmung durch die vortrefflichen musikalischen, gesanglichen und theatralischen Aufführungen von Seiten der Seminaristen. Mit Rücksicht auf den uns zu Gebote stehenden Raum können wir aus dem reichhaltigen „Menu" nur einzelne Gerichte hier besonders erwähnen: Zur Einleitung wurde die „Jubelouverture" vierhändig (von zwei Seminaristen) auf dem Klavier in vollendeter Form vorgetragen und damit erhielten die Anwesenden einen Vorgeschmack von all dem Guten und Schönen, was da noch kommen sollte. Die Solo-Violinvorträge mit Klavierbegleitung, das Biolin-Ensemblespiel mit Klavierbegleitung, sowie die verschiedenen Sologesänge und Chöre legten beredtes Zeugniß ab für die sorgfältige Pflege, welche dem Gesang und der Musik im Seminar zu Theil wird, und die humoristischen Vorträge (Duette und Quartette) zeigten, daß die Seminaristen bei allem dem Studiurw gewidmeten Ernste und Eifer doch auch einen offenen Sinn und Verständniß für bte heiteren Kinder der Musen sich bewahrt haben. Großen Beifall fanden namentlich auch die theatralischen Ausführungen: „Das Wirthshaus zum schwarzen Schaf", „Der Sturz vom Pegasus" und „Heute mir, morgen Dir." Ein Herr sprach im Namen der Gäste den Dank aus für das herrliche Fest, für den „Tag, den der Herr gemacht hat." Der Dank galt den Veian- staltern des Festes, insbesondere dem Herrn Seminar« direktor Dr. Ernst, dem Seminarlehrerkolleg'um unb den Zöglingen der Anstalt. Die mit gutem Humor
Des Festes Peter und Paul wegen erscheint die nächste Nummer am Montag.
Letzte Nr. des 2. Quartals.
In Erinnerung bringen wir den geehrten Lesern der ,IuLdaer Zeitung" die sofortige Erneuerung des Abonnements für das III. Quartal 1895.
Deutsches Reich.
Berlin, 27. Juni.
* Der Kaiser nahm gestern in Kiel an einem Blumenkorso sämmtlicher Boote des Manövergeschwaders Theil. Er erschien bald an der Steuerbord-, bald an der Backbordseite und wurde überall stürmisch begrüßt, während die Musikkapellen die Nationalhymne und andere patriottsche Weisen spielten. Der Kaiser wurde mit Blumen förmlich überschüttet und erwiderte die Ovationen mit einem wahren Blumenregen auf die die Längsseiten passirenden Boote, was immer erneute Hurrahruse zur Folge hatte. Der Blumenkorso dauerte von 71/» bis 88/< Uhr Abends. Gegen 9 Uhr bestieg der Kaiser das Kaiserruderboot, woselbst er den Platz am Steuer einnahm. Er begab sich an Bord des amerikanischen Flaggschiffes „New Aork" zum Diner beim Admiral Kirkland.
* Finanzminister Miquel hat eine bemerkenswerthe Anordnung getroffen. Bei den Provinzial-Regierungs- behörden soll denjenigen Bureaubeamten, die mit der Bearbeitung der Einkommen- und der Gewerbesteuer beauftragt sind (Steuersekretären und Supernumeraren), Unterricht in der kaufmänuischen Buchführung er- theilt werden.
* Die Budgetkommission hat die Eisenbahn- verftaatlichuugs-Borlagen unverändert angenommen.
* Die Regierungskommissare, welche die in Oesterreich mit der Zwangsorganisaüou des Handwerks gemachten Erfahrungen studiren sollen, fhb am Montag dorthin abgereist.
* Bei der Landtagsersatzwahl in Franken- fiein-Münsterberg wurde Pfarrer Langer (Ctr.) mit säinnttlichen abgegebenen Stimmen gewählt.
* Der Kaiser hat bestimmt, daß die Ablegung des wissenschaftlichen Theiles der letzten Bernfsprüfung für die Offiziere der Fußartillerie und somit auch bte Prüfungskommission für Hauptleute und Premier- lieutenonts der Fußartillerie in Fortfall kommt.
* Wie die .Post' hört, werden in kürzester Frist der Kreuzer „Kaiserin Augusta", der Panzer „Hagen" und das Schulschiff „Stosch" nach Marokko abgehen.
* Mellages Mitarbeiter soll bekanntlich nach einer Mittheilung eines Berliner Blattes der bekannte Prediger Th u m mel gewesen sein. Jetzt wird dem,Echo d. Gegenw ' mitgetheilt, daß der dritte Theil der Schrift nicht von Mellage herrührt. Das wird wohl Herr Lenzmann bestätigen können. Und der .Volksfreund' schreibt: „Die Haupthelfer des Herrn Mellage waren Sozialdemokraten, — unb in der geschäftlichen Ausbeutung des Prozesses konkurriren Berliner „liberale", „freisinnige" und „reformjüdische" „Künstler", „Dichter", Drucker u. Verleger mit sozialdemokrattschen!! Während des Prozesses war die Loge in Aachen in eifriger und freudiger Bewegung; wie der Sohn eines Logenmannes in dem Jubel über den Gang des Prozesses in seinem Herzensbraus ausplauderte, wurden in Sogen« jreifat viele Tausende von Mark für Herrn Mellage
für den Fall seiner Verurtheilung gesammelt. In der westfälischen Mark geht inzwischen auf Anregung des nationalliberalen Fabrikanten Quincke, der wohl auch Logenmann ist, der Klingelbeutel herum, um Herrn Mellage für seine angeblichen finanziellen Opfer schadlos zu halten und ihm wohl auch „den Dank des Vaterlandes" in wohlgeprägter Reichsmünze entgegenzubringen. So vereinigen sich allerlei einander sonst feindliche Faktoren in „brüdlicher" Eintracht, um die ganze Geschichte in das „Sternbild" des Geschäfts zu erheben. Interessante Dinge würden auch zu Tage kommen, wenn man einmal die Vorgeschichte der Thättg- keft Mellages erforschen wollte. Die Frage, wie der weit über 100 Kilometer von Aachen entfernt wohnende Schenkwirth, der in keinerlei Beziehung zu Aachen oder den dortigen Anstalten jemals gestanden hat, auf einmal dazu kommt, eine so weite Reise zu machen, um einen ihm gänzlich unbekannten Menschen zu „befreien" — harrt noch der Lösung.
* Aachen, 27. Juni. Die Pachtung der Anstalt Mariaberg durch die Rheinprovinz ist auf zwei Jahre beschlössen. Der Jahrespacht beträgt 35,000 Mark. Die Provinz hat das Recht, das Pachtverhältniß um weitere zwei Jahre zu verlängern. Direttor soll Dr. Gottlob, Assistenzarzt Dr. Flügge werden. Auf den Antrag des Vorsitzenden legte der Provinzialausschuß Verwahrung gegen die Verdächtigungen und Angriffe ein, die aus Anlaß des Aachener Prozesses gegen den Provinzialausschuß, den Landesdireftor und andere Beamte gerichtet wurden. Die Berichte über die Revision der Anstalt Lindenthal bei Köln und der Alexianer- anstalt in Crefeld durch den Direktor Dr. Pelmann und Dr. Peretti, die bereits beim Landesdirektor eingegangen sind, haben durchaus beftiedigende Resultate ergeben. Der LandeSdirektoc hat noch drei Assistenz- arztstellen ausgeschrieben.
* München, 27. Juni. Vom Preußenftesser Dr. S i g l vorn .Bayerischen Vaterland' kommt eine sonderbare Kunde. Er sammelt Material, um die Annexion Boyern« durch Preußen zu befürworten. Er ist über bte Haltung ber bayerischen Regierung in ber Währungsfrage so verstimmt, daß er erklärt: „Anders wäre es auch dann nicht, wenn in München statt so vieler Minister ein preußischer Oberpräsident residirte; aber billiger."
Ausland.
* Wien, 27. Juni. Nachdem gestern Vormittag in ber Plenarversammlung ber ungarischen Delegation bie Uebereinftimmung der Nuntien beider Delegationen festgestellt worben war, würben Nachmittags die Delegationen mit dreimaligen Elfen- bezw. Hochrufen auf den Kaiser und König geschlossen.
* Rom, 27. Juni. Der Deputirte Cavalotti erklärt im ,Don Chisciotte', er werbe bie durch seine Veröffentlichung gegen Crispi in Rede gestellte Angelegenheit vor bie Gerichte bringen. Als Cavalotti gestern bie Kammer verließ, würbe von seinen Freunben eine Kunbgebung für ihn veranstaltet. Dabet würben einige Jnbivibuen verhaftet, jedoch balb wieber fteige- laffen. _______________________________________________________
K. Aus de« preuß. Abgeordnetenhause.
81. Sitzung vom 27. Juni.
Der Abg. Dr. Hartmann (Lübben, kons.) zeigt an, daß er durch seine Ernennung zum Landgerichtsdirektor am Landgericht I zu Berlin sein Mandat für erloschen erachte.
Ohne Debatte erklärt zunächst das Haus die Wahlen der Abgg. Meyer zu Selhausen (kons.) und Dr. Klasing (kons., 2. Minden), sowie des Abg. v. Baumbach (kons., 8. Kassel) für giltig und tritt sodann in die zweite Berathung des Gesetzentwurfs über die Berpflegungsstationen ein.
Nach § 1 sollen nach den Komnussionsbeschlüssen an geeigneten, in angemessener Entfernung von einander liegenden Orten nach Bedürfniß Berpflegungsstationen eingerichtet werden. Die Vorschriften über die Einrichtung und Verwaltung rc. sollen nach § 8 vom Provinzialralh nach Anhörung des Provinzial- ausschusfes bezw. der Landesausschüsse erlaffen werden. Nach § 3 der Regierungsvorlage soll die Hälfte der Kosten von den Kreisen, die andere Hälfte von den Provinzen getragen werden. Die Kommission hat dagegen beschlossen, den Kreisen nur ein Drittel, den Provinzen und dem Staate je ein weiteres Drittel der Kosten aufzuerlegen.
Abg. Freiherr v. Zedlitz (frk.) richtet an den Finanz- Minister die Frage, ob bei den Berpflegungsstationen auf einen Staatszuschuß zu rechnen sei oder nicht. Bon der Beantwortung dieser Frage werde für einen großen Theil der Mitglieder dieses f Hauses die Entschließung über die Borlage abhängen.
Finanzminister Dr. Miquel bittet, den § 3 der Borlag in der Kommissionsfafsung abzulehnen und die Regierungsvorlage wiederherzustellen, da andernfalls das Zustandekommen deS Gesetzes gefährdet sei. Die Regierung erblicke nach wie vor in der Förderung der Verpflegungsstationen eine wesentliche soziale Aufgabe und würde es bedauern, wenn in Folge des Anspruches, den die Kommission an den Staat erhebe, das ganze Gesetz scheitern sollte. Vom finanziellen Standpnntte sei es aber bedenklich, den Staat da anzurufen, wo die provinziellen Verbände einzutteten hätten. 7- bis 800,000 M. seien bei der jetzigen Finanzlage des Staats keine Kleinigkeit. Die Ablehnung de» Staatszuschufses seitens der Regierung beruhe keineswegs auf engherzigen fiskalischen Erwägungen, sondern auf allgemeinen wirthschaftspolitischen Gesichtspunkten, die sich aus unserer ganzen Berwaltuugsorganisatton ergäben. Die Regierung wolle nicht den ersten Schritt thun, die Staatsgewalt auf dieses Gebiet auszudehnen, denn man würde sonst genöthigt sein, im Jntereffe der Staatsfinanzen einen viel größeren Antheil an der Verwaltung zu fordern, als ihr die Kommission eingeräumt, und selbst die ursprüngliche Regierungsvorlage gefordert habe.
Die Mehrheit des Hauses bestand auf dem Kommissions- beschlusse und lehnte auch einen Bermittelungsantrag der Abgg. v. Huene (Ctr.) und v. Tzschoppe (ftk.) ab, der den Staats- zuschuß beseitigen, dafür aber 2/i der Kosten den Provinzen auflegen wollte.
Die Abgg. v. Woyna (frk.) und Hu mann (Ctr.) betonten, daß das Gesetz an sich schon eine gefährliche Brücke betrete und nur dann angenommen werden könne, wenn auch der Staat neben Provinz und Kreis zu den Kassen beiträgt
Außerdem wurde auch noch ein Antrag v. Zedlitz- v. Kardoff (ftk.) angenommen, daß die Entscheidung über die Errichtung, Organisation und Verwaltung statt dem Oberpräsidenten den provinziellen Selbstverwaltungsinstanzen zustehen soll. Damit wird die Vorlage für die Regierung erst recht unannehmbar. Der Rest deS Gesetzes wurde im Wesentlichen nach den Kommisssonsbeschlüssen angenommen. Ein großer Theil des Hauses, auf der Rechten besonders, will die Vorlage anscheinend unter allen Umständen ablehnen, wie schon die sehr zweifelhafte Majorität für § 1 bewies.
Am Freitag steht der Antrag auf Aufhebung der Rückzahlung der Grundsteuerentschädigungen auf der Tagesordnung.