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Freitag, den 28. Juni 1895

22. Jahrgang

FuldaerMZeitimg

mit Uuterhalttmgs-Krttagr „Sterne und Slnmru". ______

fclAMnt Urft* Soun, und Frikttaae ausgenommen. — Vierteljährlicher «bonnementspreir ohne Bringerlohn und Bestellgeld in Fulda und auswärts 1 Mark 60 Pfennig.

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Die ,Fuldaer Zeitung' behandelt die neuesten Tagesfragen in allgemein verständlicher Weise. Die politischen Nachrichten sind kürz und übersichtlich zusammengestellt, den lokalen und provinziellen Vorkommnissen wird große Sorgfalt gewidmet, und auf ein spannendes, sittlich reines Feuilleton besonders Gewicht gelegt. Zahlreiche zuverlässige Mitarbeiter in Berlin sowie in der Provinz setzen uns in den Stand, über alle wichtigen Er­eignisse bedeutend früher zu berichten, als die anderen hiesigen Blätter. Die __________

Fuldaer Zeitung ==

ist unter den in Fulda wöchentlich mehrmals erscheinenden Blät- tern das w e i t a u s g e l e s e n st e Blatt und eignet sich deshalb auch ganz besonders als Jnsertionsorgan. Anzeigen sind von sicherer Wirksamkeit. __

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MM- Wir laden unsere Leser zu recht zahlreichem Abonnement ein und richten zugleich an sie die Bitte, «ns in der Gewinnung neuer Abounente« durch Empsehlung >n Freuudeskreisen nach Kräften zu unterstützen.

Fulda, im Juni 1895.

Redaktion und Verlag der .Fuldaer Zeitung'.

Deutsches Reich.

Berlin, 26. Juni.

* Der Kaiser nahm in Kiel im Laufe des gestrigen Vormittags die Vorträge des Chefs des Civil-, des Militär- und des Marine - Kabinets entgegen. Der Kaiser kehrt am Freitag nach Berlin zurück und tritt am 1. Juli von Kiel aus die Reise nach Schweden an. In Stockholm, wo er am 3. Juli eintrifft, wird er einige Tage verweilen. , ,

* Herzog Ernst Günther von Schleswig Holstein, der Bruder der Kaiserin, ist zum Major befördert worden. Der Herzog, welcher im 32. Lebensjahre steht, gehört der Armee seit dem 2. Juni 1881 an.

* Die Schifffahrt auf dem Nordostser-Kaval wird mit dem 1. Juli für Schiffe mit einem Tiefgang bis zu 7^2 m eröffnet. — Der .Reichsanz.' veröffent­licht den Erlaß, durch welchen für Unterhaltung und Betrieb des Kanals zum 1. Juli eine dem Reichsamte

4] <Q Um Gut und Klut.

Roman aus den napoleonischen Kriegen.

Von M. Benno.

Judith hatte ihre Augen mit den Händen verhüllt. Thränen brachen zwischen den schlanken Fingern her­vor. Auf einmal warf sie sich vor Agil auf die Knie und hob die Hände zu ihm empor.

„Grausamer!" stöhnte sie, „warum bm ich vor den Eingang eines Paradieses geführt worden, dessen Be­treten Du mir versagst? Du weißt, daß ich meine Verirrung furchtbar gebüßt habe und daß mein Herz, wie ehedem, für Dich schlägt. Ein Wort aus Deinem Munde und Alles wird gut. Sprich es aus — ber Vergangenheit und unserem gemeinsamen Lieblinge Ferdinand zu Liebe, der in mir seine liebende Mutter verehrt." ,

Die Augen Agil's bekamen bei den letzten Worten Judith's einen eigenthümlichen Glanz. Er hob sie auf.

„Du bist meinem Ferdinand wirklich eine treue Mutter gewesen," sagte er, „eine That, die Dir Nicht zum Wenigsten meine Verzeihung erwarb. Von der ganzen Tragweite derselben hast Du freilich keine Ahnung, aber Du wirst sie einstens erfahren, wenn mein Zweck erreicht ist. Nur fo viel sollst Du wissen,

des Innern unmittelbar unterstellte Reichsbehörde unter der Bezeichnung „Kaiserliches Kanalamt" mit dem Sitze in Kiel errichtet wird.

* Die ,Hamb. Rachr.' werden immer freundlicher gegen Herrn v. Bötticher. Jetzt erklären sie gegen­über der ,Voss. Zig.', der Schwiegervater des Herrn v. Bötticher sei nicht durch Unterstützung aus dem W e l f e n f o n d s, sondern ausschließlich durch seinen Schwiegersohn aus seinen Geldverlegenheiten be­freit worden. Da die Quittungen der Welfenfonds- Kostgänger verbrannt sind, läßt sich den,Hamb. Nachr.' das Gegentheil jedenfalls nicht beweisen. Die ,Hamb. Nachr.' erklären ferner, Herr v. Bötticher sei an und für sich kein Gegner des „Bundes der Landwirthe", und wenn der Kaiser gegen den Antrag Kanitz ge­sprochen habe, so sei wahrscheinlich die Inspiration dazu nicht von Herrn ».Bötticher ausgegangen. Haben die ,Hamb. Nachr.' vielleicht eine andere Persönlichkeit in diesem Verdacht? Bezeichnend ist es jedenfalls, daß die Hamb. Nachr.' dem Kaiser nicht zutrauen wollen, daß er aus eigenem Nachdenken ein Gegner des An­trags Kanitz geworden sein könne.

* Der Adjutant Wißmann's, Dr. Bumiller, ist, wie die,Rat -Ztg.' erfährt, zum Kaiserl. Regierungs­rath ernannt worden.

* Die Budgetkommission des Abgeordnetenhauses hat die Centralkreditbank-Vorlage ohne größere Aenderungen angenommen und zum Berichterstatter an das Plenum den Abg. v. Mendel (kons.) bestellt.

* Aeußerungen der gegnerischen Presse über die Mellage-Juterpellation liegen heute nur noch wenige vor; soviel aber ergibt sich aus diesen, daß man auf gegnerischer Seite die Sache für im Sande verlaufen ansieht. Die,N a t i o n a lz e i t u n g' bemüht sich, ihren Aerger darüber unter einigen gehässigen Bemerkungen zu verbergen, findet, daß „an dem all­gemeinen Urtheile des Landes, wie namentlich die Äbgg. Sattler und v. Eynern es gestern wiedergegeben, die Einwendungen der Centtumsredner nichts zu ändern vermocht haben", nennt die Rede des Abgeordneten Porsch, dem dieselbe bekanntlich verkürzt wurde, „skurril" und tadelt schließlich die Schwäche der Behörden. „Vor Allem aber ist durch die gestrigen Mittheilungen des Ministers Bosse über das Verhalten der Aachener Regierung festgestellt, daß diese den Alexianern gegenüber eine Pflichtvergessenheit bethätigt hat, welche uns an der gesammten preußischen Ver­waltung irre machen müßte, wenn wir nicht — wie wir es aber thun — annehmen wollten, daß der­artiges nur vermöge der Schwäche solcher Behörden möglich ist, deren Leiter oder sonst maßgebende Mit­glieder persönlich unfrei gegenüber der Hierarchie und demKlerikalismus sind." Die ,Vosfische Zeitung', die den früheren Winkel-Advokaten, jetzigen Gastwirth Mellage als einen leuchtenden Stern in der modernen Jrrenpflege gefeiert hat, begnügt sich heute, offenbar ebenfalls sehr verstimmt über die gestrige ruhige Be­handlung der Sache, mit einem kurzen Resums der daß vielleicht gerade Deine Liebesthat die von Dir verlangte Sühne herbeiführen kann. Vorerst aber stehen höhere Ziele im Vordergründe, vor denen alles Andere zurückweichen muß. Nicht unsere persönliches Verhält- niß zu Hofstetten kommt in Betracht, sondern seine Eigenschaft als bayerischer Gewaltherrscher in unserem schönen Tirol, wo er sich als der gleich rücksichtslose Tyrann, wie in seinem Privatleben zeigt. Doch vielleicht nicht mehr lange. Es regt sich allenthalben der Zorn in den Gemüthern der Tiroler, und so Gott will, jagt man die übermüthigen Franzosenfreunde schon in den nächsten Wochen zum Lande hinaus. Auch Ferdinand und ich werden nicht fehlen. Du stehst, daß ich schon deshalb auf Deine Wünsche nicht eingehen kann. Es ist auch besser, unser Verhältniß bleibt so, wie es ist. Ich hoffe, daß Du später mit mir zufrieden sein wirst, und sollte mich je vorher das Schicksal ereilen, so wird man Dir mein T-.stament einhändigen, das Dir den Weg zeigen wird, welchen Du zur Verwirklichung Deiner Abrechnung nvt Hofstetten einschlagen mußt."

Er sah die auf dem Boden liegenden Briefe und hob sie auf. Nachdem er einen derselben flüchtig durch­gelesen, legte er sie auf den Tisch. „Warum warfst Du diese Wische nicht schon lange ins Feuer?" be­merkt er leichthin, „sie haben doch keinen Werth und rufen in Dir nur immer wieder die Erinnerung^an

Verhandlung. Das Gleiche thut die .Freisinnige Zeitung'. Die »Berliner Neuesten Nach­richten' schreiben: „Die Hauptverantwortung trifft eben für all das Unheil die Aachener Revisionsbehörde, die sich um den Zustand der Kranken nicht genügend kümmerte. Wenn die Interpellation nicht über alle Punkte völlig erschöpfenden Aufschluß gebracht hat, so darf man wenigstens die Beruhigung aus ihr ent­nehmen, daß in der Hauptsache dem erregten Volks- gewiffen in hinreichendem Grade durch die Ergevnisse der Besprechung Genüge geschehen ist." Die meisten Berliner Blätter schweigen sich noch völlig über die Sache aus. Die konservative ,K r e u z z t g.' spricht ihre Freude darüber aus, daß die Abgeordnetenhaus-Verhandlung über das Jrrenwesen „einen viel sachlicheren Charakter getragen, als es nach dem Wunsche einiger national­liberalen Kulturkämpfer, insbesondere des Abg. v. Eynern geschehen sollte", und die Versuche dieser Herren weder bei den Ministern noch bei den übrigen Parteien Gegenliebe fanden. Die freikonservative,Post'dagegen hätte — unähnlich ihrem Fraktionsredner v. Kardorff — lieber einen kulturkämpferischen Ton gehört, wie sich aus ihren gehässigen Bemerkungen gegen die Abgg. Spahn, Dauzenberg und Porsch ergibt. Die national- liberale ,Nat.-Ztg.' ist, wie gesagt, mit dem Justiz­minister unzufrieden, weil er die Weigerung des Staats­anwalts, dem Anträge des Herrn Mellage gemäß An­klage gegen die Alexianer zu erheben, gerechtfertigt hat; auch wirft sie dem Aachener Regierungspräsidenten „Pflichtvergeffenheit" vor und verlangt, daß in katho­lischen Gegenden nur solche Beamte angestellt werden, die „vor klerikalen Einflüssen gefeit" sind. Die Aachener werden sich wundern, wenn sie hören, daß ihr Regierungs­präsident unter „klerikalem" Einflüsse gestanden habe. In Aachen hat man davon wahrlich noch nichts gemerkt!

* Zwei Sozialdemokraten sind vom Schöffen­gericht zu Havelberg wegen groben Unfugs zu sechs Wochen Hast verurtheilt worden. Worin bestand der Unfug, der ihnen eine fo schwere Strafe einbrachte? Sie haben am 1. April während des Umzuges der Bismarckoerehrer mit einem rothen Tuche ge­schwenkt. Der Amtsanwalt beantragte eine Woche Haft. Das Gericht hielt jedoch diese Strafe nicht für ange­messen, sondern erkannte auf sechs Wochen Haft. Ganz besonders wurde von dem Vorsitzenden betont, daß die Strafe deshalb so hoch zu bemessen sei, weil die An­geklagten der sozialdemokratischen Partei angehörten und gegen die Feier eines um den Staat hochver­dienten Mannes demonstrirt hätten. Gegen das Urtheil ist wegen dieser Begründung Revision eingelegt worden. Immerhin hat es gesprochen werden können. Wenn also nächstens ein Katholik als Gegenkundgebung gegen einen Bismärcker-Umzug die gelb - weiße Papstfahne schwenkt, so riskirt er eventuell sechs Wochen Haft, und wenn ein Hannoveraner bei einem Bismarckfeste gar etwa ein rothes Schnupftuch mit dem springenden weißen Rosse schwenkte, so käme der Mann die schlimme Vergangenheit wach, deren Spuren man am besten für immer verlöscht. Diese gebrochenen Schwüre sind keine Waffen, mit denen man gegen einen so gewaltigen Mann, wie Hofstetten, etwas aus­richten kann. Hat doch die Familie seiner ersten Gattin selbst mit rechtlich unanfechtbaren Dokumenten nichts gegen ihn auszurichten vermocht."

Er nahm Platz und ersuchte Judith, die indessen ruhiger geworden war, ein Gleiches zu thun. Im Gegensätze zu seiner vorher gegebenen Mahnung, die Vergangenheit ruhen zu lassen, fing er nunmehr, aber in vollständig unbefangenem Tone, selbst davon an.

Er sprach von jenen Tagen, wo er und Judith als Künstler einem CircuS angehört hatten und wo allmählich einö innige Zuneigung in ihren Herzen auf­gekeimt war; 'von den vielen schönen Stunden, den Zukunfts-Hoffnungen und Träumen — bis eines Tages ein reich:r junger Wittwer, Theodor v. Hof­stetten, sein Auge auf die schöne Kunstreiterin warf und der Traum der Liebenden ein Ende nahm, wie es unter ähnlichen Verhältnissen ja häufig geschieht. Ueber das Weitere ging er mit einem resignirten Lächeln hinweg und erzählte, dieses Thema ganz verlassend, von seinen Erlebnissen in den letzten Tagen; von seinem gefährlichen Absturze, der wunderbaren Rettung und von der Entdeckung, welche von ihm bezüglich der