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Jli 145

Donnerstag, den 27. Ium 1895

22. Jahrgang

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* Der „Fall Mellage" im Abgeord­netenhause.

Die „ Mellage-Interpellation" der Abgg. Sattler und Genossen ist am Dienstag im Abgeordnetenhause zur Verhandlung gelangt. Es konnte ja nicht zweifel­haft sein, daß die Nationalliberalen, von denen die Interpellation ausging, damit nur eine Gelegenheit gewinnen wollten, um ihre Kulturkampfs-Tiraden an den Mann zu bringen, Kulturkampfsstimmung auch bei den anderen Parteien und der Regierung zu schüren, insbesondere einen neuen Klostersturm vor­zubereiten und zugleich einem neuen „antiklerikalen" Kartell die Wege zu ebnen. Dieser Plan ist aber in seinen wesentlichsten Theileu mißlungen, da weder die Konservativen noch die Regierung Lust verspürten, den religiösen Genossenschaften die Jrrenpflege mehr als anderen Privatanstalten zu erschweren oder gar zu entziehen. Ein Ueberblick über die Verhandlungen wird dies bestätigen.

Begründet wurde die Interpellation von dem Abg. Sattler, einem der eingefleischtesten nationalliberalen Kulturkämpfer, zunächst mit dem Hinweise auf die grenzenlose Erregung der Aachener Bevölkerung, die nicht bloß katholisch, sondern auch ultramontan sei. Diese Erregung sei vollkommen berechtigt, denn es seien Rohheiten festgestellt, die Deutschland zur Unehre gereichten, und die nicht in einem Augenblicke der Erregung vorgekommen, sondern als Disziplinarmittel angewandt worden seien. Herr Sattler rügte sodann die Behörden, unter deren Augen diese Exzesse statt­gefunden, die Mangelhaftigkeit der Revisionen, die noch dazu dem Kloster vorher bekannt gewesen seien, das Tantiemeverhältniß, die ungenügende Zahl und geringe Bildung der Aerzte u. s. w. Hielt Herr Sattler bis dahin noch etwas an sich, so brach der Kultur­kämpfer jetzt um so stärker durch. Ein deutsches Kloster, so rief er, wurde von ausländischen Bischöfen benutzt, um „mißliebige" (!) Geistliche fest­zuhalten! „Wie ist das möglich?" fragte er und meinte, nur die Nachlässigkeit der Behörden und ihr zu großes Vertrauen zu den Alexianern und ihrem Kloster könne solche Zustände ermöglichen. Herr Sattler verlangte die rücksichtloseste Ermitt lung der Schuldigen, insbesondere Aufklärung darüber, wie die Anklage statt gegen die Alexianer sich gegen Mellage richten konnte. Er forderte, daß von dem Staats- anwalte, von Herrn Dr. Capellmann und dem Kreis- physikus Rechenschaft gefordert werde, daß alle katho­lischen und evangelischen Anstalten mit rücksichtsloser Strenge untersucht würden, daß die öffentlichen An­stalten zur Verdrängung der privaten Irren­anstalten erweitert, diese Anstalten aber sämmtlich unter ärztliche Leitung gestellt würden und daß die Medizinalbeamten eine bessere Ausbildung der Psychia­trie » rhalten sollten. Dann suchte er wieder den Bischöfen am Zeuge zu flicken, denen er „Unkenntniß" der gesetz­lichen Bestimmungen vorwarf, weil der Kaplan Rhein­dors länger als 3 Monate vom Bischof „festgehalten"

31 & Um Gut und Kiut.

Roman aus den napoleonischen Kriegen.

Bon M. Benno.

2.

Wie hübsche Schmuckkästchen lagen da und dort auf den Höhen von Innsbruck kleine Landhäuser und Villen, an denen man die üppigen Spaliere bis unter die Dächer hinaufranken sah. An einem derselben waren alle Gardinen herabgelassen, die Thüren und Fenster verschlossen, so daß man hätte glauben können, es sei gar nicht bewohnt. Und doch war dies der Fall. Aller­dings befand sich nur eine Frau einsam in dem hübsch ausgestatteten Parterrezimmer, und diese saß regungs­los an dem Tische, auf welchem ein ganzer Berg von geöffneten Briefschaften lag. Sie hatte den mit dich­ten, aber schon reichlich von Silberfäden durchzogenen Haaren umwallten Kopf auf die linke Hand gestützt und starrte stumm vor sich hin. Ihre Brauen waren tief auf die dunklen Augen herabgesenkt, welche in düsterem Feuer brannten. Die Frau schien einst sehr schön gewesen zu sein. Ihre ganze Gestalt, die eben­mäßigen Formen und namentlich die Gesichtszüge wiesen darauf hin. Man bemerkte jedoch auch jene Spuren, welche erkennen ließen, daß in der Vergangenheit dieser

worden sei. Schließlich sprach er in drohmdem Tone die Erwartung aus, daß die Regierung ihm eine befriedigende Antwort ertheilen werde.

Nicht ohne Ironie erwiderte der Kultusminister Dr. Bosfe, ob seine Antwort den Erwartungen des Vorredners entsprechen werde, wisse er nicht; sein Bestreben werde sein, angesichts der Erregung, welche der Prozeß in Aachen hervorgerufen, nicht ab irato, sondern objektiv die Verhältnisse so darzustellen, wie sie sich ergeben haben. Wir muffen dem Minister bezeugen, daß er in seiner Rede sich in der That von diesem Bestreben hat leiten lassen und die Frage durchaus sachlich behandelt hat. Der Minister gestand die Berechtigung der Erregung im Volke und der öffentlichen Besprechung im Landtage zu, beklagte die vorgekommenen Mißhandlungen und besonders, daß dieselben nicht zur Kenntniß der Behörden gelangt seien, um dann den Nachweis zu führen, daß die Staatsregierung keine Mitschuld an den Zuständen in Mariaberg treffe. Er bemertte zunächst, daß er sofort nach seinem Amtsantritt einen bewährten Psychiater, Professor Möhly, in das Ministerium berufen habe; dieser sei noch jetzt Dezernent sür das ganze Jrren- wesen. Was die Revisionen der Privatirrenanstalten angehe, so sei der Kreisphysikus verpflichtet, zweimal jährlich jede Anstalt zu revidiren. In den Revisions- Protokollen über Mariaberg werde betont, daß die dortigen Verhältnisse den Vorschriften entsprechen, daß die Üost gut sei (Heiterkeit), daß alle neueren Erfind­ungen in Anwendung sind. (Große Heiterkeit ) Bei solchen Berichten habe die Regierung keinen Anlaß zum Einschreiten gehabt. Habe sie sich geirrt, so habe sie sich deshalb geirrt, weil sie ihren Organen zu sehr vertraute, und wenn diese nach dem Ergebniß der ein­geleiteten Untersuchungen sich etwas haben zu schulden kommen lassen, so gebe er heilig und theuer die Versicherung, daß dies nicht ungerügt und ungesühnt bleiben würde. (Bravo!) Der Minister theilte sodann mit, daß der Aachener Regierungspräsident im vorigen November in einem Berichte, den er (der Minister) aus Anlaß der Mellage'schen Broschüre eingefordert, wiederum bestättgt habe, daß in Mariaberg Alles in Ordnung sei, und es nur als wünschenöwerth be­zeichnet habe, daß ein Arzt in der Anstalt wohne. Er (Redner) habe diesen Wunsch gebilligt, jedoch vor­gezogen, mit diesem Schritte zu warten, bis der Prozeß beendigt sei, damit der Regierung nicht vorgeworfen werden könne, sie habe einer Verdunkelung des That- bestandes Vorschub geleistet. Der Minister wies dann weiter auf die Schließung der Anstalt hin, die jetzt durch ein Abkommen mit den Alexianern zunächst pacht­weise in die Hand der Provinzialverwaltung über­gegangen sei, und auf die sehr günstig verlaufenen Revisionen der Alexianeranftalten in Weißensee bei Berlin und in Köln. Er theilte mit, daß er eine all­gemeine Revision aller Privatirrenanstalten angeordnet und zu diesem Zwecke eine besondere Kommission ein­gesetzt habe, die aber erst im nächsten Etatsjahre in Thätigkeit treten könne. Der Minister machte auch

Frau ein Leben voll Aufregung und Leidenschaft lag. Mit einem tiefen Athemzuge fuhr sie nach einer Weile aus ihrer Versunkenheit auf.

Hastig stieß sie die Briefe von sich, daß einzelne derselben auf den Boden fielen. Dann stand sie auf und setzte mit einer halblauten Verwünschung den Fuß auf eines der Schreiben.

„Gift, Gift!" zischte sie, „ein tödtlicher Tropfen war jedes Wort, das der Elende schrieb. Und ich Thörin, ich glaubte ihm! Ich ließ mich hinreißen durch seine Betheuerungen und Schwüre, ich verscherzte in meiner unbegreiflichen Verblendung ein Glück, nach dem ich nur die Hand auszustrecken brauchte — ich habe auch ihn, den Heißgellebten, durch meinen Ver- rath unglücklich gemacht! Und an alledem trägt allein jener Unhold die Schuld. O, wäre ich ein starker Mann wie Agil! Schon längst hätte ich ihn gezüchtigt für das grausame Spiel, das er mit mir und Anderen trieb. Aber Agil ist der Alte nicht mehr! Es ist mir ganz unfaßbar, wie er einem Manne auch noch Dienste leisten mag. der ihn um den Traum seiner Jugend be­trog. Aber dennoch liebe ich ihn, ich habe ihn trotz Allem immer geliebt und würde ihm gern demüthig dienen wie eine Magd — aber sein Herz hat sich in einen Stein verwandelt. Er ist gut, er sorgte für

Mittheilungen über die von ihm auf dem Gebiete des Jrrenwesens geplanten Reformen, zu denen er schon vor drei Jahren die einleitenden Schritte gethan. Danach soll die Aufnahme in die Anstalten sehr er­schwert werden, besonders durch obligatorische Zu­ziehung eines beamteten Arztes. In den Anstalten soll stets ein Arzt wohnen, und das Wärterpersonal soll unbedingt den Anordnungen der Aerzte unterstellt sein — die Klage über die Wärter sei ja überall die gleiche, und der Abg. Sattler habe kein Recht, über die religiösen Pfleger schärfer zu urtheilen als über diejenigen, die nur um Gelderwerb sich der Pflege unterziehen (lebb. Zustimmung im Centr. und rechts), aber der Arzt müsse die Leute, die nicht pariren, ent­fernen können. Die Medizinalbeamten sollten eine bessere psychiatrische Ausbildung erhalten. Auch erwäge er den Gedanken, daß jeder Irre einen rechtlichen Ver­treter erhalte, der in Allem seine Interessen wahrzu­nehmen habe. Der Minister sprach die Hoffnung aus, das Haus von dem ernsten Willen der Staatsregierung, ähnliche Vorkommnisse, wie in Mariaberg, zu verhüten und jede Schuld ohne Rücksicht zu sühnen, überzeugt zu haben.

Die Rede des Ministers wurde auf allen Seiten des Hauses mit lebhaftem Beifalle ausgenommen — ob dieser bei den Nationalliberalen, die sicherlich etwas Kanonendonner gegen die klösterlichen Anstalten lieber vernommen hätten, so recht von Herzen kam, mag dahingestellt bleiben. Auf Antrag des nationalliberalen Abg. v. Eynern wurde einstimmig die Besprechung der Interpellation beschlossen. Zunächst kam St6g. Spahn vom Centrum zum Wort. Er mißbilligte die in Mariaberg vorgekommenen Rohheiten auf's Schärfste und erklärte, daß gerade im katholischen Volke dadurch eine große Erregung hervorgerufen und zweifellos ein gewisses Mißtrauen gegen die Alexianer geweckt worden sei. Zu einem Klostersturme aber, so betonte Abg. Spahn, gibt der Prozeß keinen Anlaß. Für die Ueber- treibungen und Verallgemeinerungen, von denen auch die Rede des Abg. Sattler nicht frei war, machte Abg. Spahn die Prozeßleitung und die Urtheilsbegründung verantwortlich: die Prozeßleitung sei alsbald von dem Vorsitzenden gänzlich auf die Vertheidiger übergegangen, die ihr Amt mißbrauchten, indem sie es nicht in den Dienst der Wahrheit, fondern der Rechthaberei stellten, und das Urtheil sei überaus oberflächlich begründet und häufig selbst in den tatsächlichen Angaben falsch. So werde gleich anfangs von einer Anstalt mit 660 Kranken gesprochen, während in Mariaberg doch nur 300, die andern in Aachen selbst waren. Ebenso stelle das Urtheil Mißhandlungen fest, die gar nicht in Mariaberg, fondern in einer anderen Anstalt begangen worden seien. Der Redner bemängelte sodann, daß das Urtheil wiederholt den Wahrheitsbeweis durch ein­seitiges Zeugniß von Geisteskranken und Epileptckern erbracht ansehe, wo man versäumt habe, auch die be­schuldigten Brüder zu hören. Meistens sei auch nicht festgestellt, wann die betreffenden Mißhandlungen vor­gekommen sein sollen, nur in drei oder vier Fällen mich, aber für das, was ich ihm sein möchte, womit ich vielleicht wieder gut machen könnte, was ich gefehlt habe, hat er keinen Sinn mehr." Sie verstummte plötzlich und lauschte. Rasche Schritte näherten sich dem Hause.

Sie drückte die Gardine ein wenig aus die Seite und schaute hinaus. Auf einmal färbten sich ihre bleichen Wangen und ein Freudenstrahl brach aus den Augen hervor.

„Er kommt!" jubelte sie, „Agil kommt! Er er­füllt meine Bitte. O, vielleicht, vielleicht . . . ."

Die Thür wurde geöffnet und der Zigeuner Agil Sorbet trat in das Gemach.

Die Frau »ging auf ihn zu und wollte ihn mit den Armen umfangen, doch kühl lächelnv wies Agil diese zärtliche Begrüßung von sich.

„Laß das, Judith," sagte er, „es paßt für alte Leute, wie wir sind, nicht mehr. Ueberdies kennst Du ja die Grundlage, auf welcher unser gegenseitiger Um­gang beruht. Du hast mir geschrieben," fuhr er fort, ohne dem Ausdruck tiefer Trauer, welcher auf dem Antlitze der Dame erschien, eine Beachtung zu schenken, „daß ich baldmöglichst bei Dir einkehren solle. Nun bin ich da. Sage mir, welche Sorge Dich drückt."

Die Frau hatte sich wieder gefaßt. Gleichwohl fand