Brief eines Missionars unglaubliche Dinge. Der Brief ist datirt aus Manders, Bezirk Usegua, vom 5. Mai und besagt, daß durch ungeheuere Heuschreckenschwärme zum dritten Male die Ernte völlig vernichtet wurde. Alle Abwehrmaßregeln waren vergeblich, und nun ist die Noth aufs Höchste gestiegen. Viele Leute sterben vor Hunger. Es ist bekannt, daß in einem in der Nähe von Mpnapua gelegenen Orte von fün- zigEinwohner sechsundvierzig dem Hungertode anheimfielen. „Vor vierzehn Tagen kam ich in ein Dorf, wo von fiebenzehn erwachsenen Leuten neun in einer einzigen Woche vor Hunger starben." Weiter werden in dem Briefe zahlreiche Einzelfälle der schrecklichsten Art gemeldet. Mit Recht fragt da der Westf. Merkur: „Gibt es denn keine B e h ör d e n in unseren Kolonien, oder finden diese sich nicht bemüßigt, etwas zu thun, um das Leben Tausender zu retten? Kann denn die deutsche Reichsregierung nicht einige Schiffsladungen mit Reis an die Militär- und Missionsstationen vertheilen, damit die dem Tode Nahen dort etwas Nahrung finden? Damit würde man größere Eroberungen machen, als mit 1000 Mann der Schutztruppe."
* Kiel, 24. Juni. Gestern in aller Frühe sind das russische, das österreichisch-ungarische und das norwegische Geschwader in See gegangen; um 7^2 Uhr Vormittags folgte das dänische Geschwader. Heute stütz verließ das italienische Geschwader den Hafen. — Die vier Kaiserlichen Prinzen reisten heute Vormittag in Begleitung des Ober-Gouverneurs, Obersten von Deines und des Militär-Erziehers, Second - Lieutenants von Rauch mittels Sonderzuges von Kiel nach Potsdam zurück. Der Ober-Hofmeister der Kaiserin Freiherr von Mirbach ist bereits gestern nach dem Neuen Palais zu- rückgekehrt.
tärischen Bewaffnung oder anderer Ursachen stark genug fühlen und die Gelegenheit, über unS erfolgreich herzufallen, ihnen günstig zu sein scheint. Ueber diese Sachlage wollen wir uns doch durch keine Fesfftimmung täuschen lassen, sondern wie früher die Augen offen und unser Pulver ttocken behalten." Es hat sich gar Niemand täuschen lassen. Daß auf Frankreich weder heute noch morgen, weder unter der Republik noch unter der Monarchie, Verlaß ist, das ist eine uralte Sache und braucht der aufhorchenden Welt nicht erst von den »Hamburger Nachrichten' verkündet werden. Aber der Zweck des Arttkels ist klar: er soll eben in den Festjubel einen Mißton werfen. Wenn der Kaiser vor aller Welt vom Frieden, wenn ein gewisser Jemand in den Hamb. Nachr.' vom Kriege redet, so liegt die Absicht klar zu Tage und beweist wieder einmal die großartige von seinen Verehrern so gepriesene „nationale" Gesinnung des Einsiedlers im Sachsenwalde.
* Zu lebhaften Auseinandersetzungen über den Entwurf eines deutschen bürgerlichen Gesetzbuches, wie er aus den Berathungen der zweiten Kommission hervorgegangen ist, kam es in der letzten Sitzung der Juristischen Gesellschaft Berlins vor einigen Tagen. Eingeladen und erschienen waren, wie die .Kreuzztg.' nachttäglich meldet, der preußische Justizminister Schönstedt und die meisten Mitglieder der Kommission für das bürgerliche Gesetzbuch. Geh. Rath Professor Dr. So hm aus Leipzig, ebenfalls ein Mitglied dieser Kommission, hatte die Aufgabe übernommen, den neuen Entwurf zu vertteten. In seinem Vortrage stellte er den Entwurf hin als die denkbar beste Lösung, als den angemeffenen Ausdruck derUeberzeugungen der deutschen Juristenwelt. Als Sohm unter großem Beifall der Versammlung geendet hatte, erhob sich Geh. Rath Professor Dr. Gierke, um seinen wiederholt ausgesprochenen Bedenken auch gegenüber dem zweiten Entwurf erneuten, wenn auch abgemilderten Ausdruck zu geben. Gierke verkannte nicht die bedeutenden Verbesserungen des zweiten Entwurfes gegenüber dem ersten, erklätte aber diese Verbesserungen als noch nicht genügend und forderte eine nochmalige gründliche Durcharbeitung, um den Entwurf noch volksthümlicher, noch deutscher und noch sozialer zu gestalten, insbesondere um ihn von seinen zahlreichen kasuistischen und formalistischen Bestimmungen zu befreien, um ihn mit deutschem Geist ganz zu erfüllen. Gierke hob dabei einzelne Beispiele hervor, insbesondere aus dem Familienrecht. Auch Gierke's Ausführungen fanden den lebhaften Beifall der Versammlung. Zunächst wird der Entwurf von der Kommission noch einer redaktionellen Revision unterzogen und sodann dem Bundesrathe unterbreitet werden. Es ist kaum anzunehmen, daß der Entwurf im Reichstage so glatt, wie es seine Urheber wün- schm, durchgehen wird. Voraussichtlich wird der Reichstag eine besondere Kommission mit erneuter Durch- berathung des Entwurses beauftragen. Es ist viel zu viel römisches Recht in dem Gesetzbuche; hoffentlich wird es gelingen, das Schlimmste auszumerzen, wenn es auch ein Jahr länger bauert.
* Ueber die Hungersuoth, welche in Deutsch- Ostafrika ausgebrochen ist, über die aber bisher genügende Einzelheiten seltsamer Weise nicht bekannt geworden sind, berichtet der ,Westf. Merkur' nach dem einem etwa zwanzigjährigen Manne hängen, dessen Gesichtsbildung und Farbe mit dem Zigeunertypus in auffallendem Gegensätze stand und dessen Stirne von blondem Kraushaar umwallt war. Ihr Mienenspiel bekundete, daß irgend eine Idee in ihr erwacht war. Sie schüttelte jedoch den Kopf, ohne dem Gedanken Ausdruck zu geben, durch den sie augenscheinlich in eine gewisse Aufregung versetzt worden war. Ihre Aufmerksamkeit wurde durch einen neuen Zwischenfall in Anspruch genommen. Ein zierliches Mädchen mit rabenschwarzem Haare kam auf sie zu und küßte ihr ehrerbietig die Hand. Mit Wohlgefallen betrachtete die Dame das schöne Geschöpf.
„Wie heißt Du?" fragte sie.
„Fattne," antwortete die Kleine.
Die Dame wollte dieser das von Poldl verschmähte Geldstück geben, doch mit fast trauriger Miene wies es auch diese zurück.
Dagegen ergriff sie abermals die Hand der Dame. „Darf ich?" flüsterte sie.
Die Gefragte begriff sofort den Wunsch des Mädchens und lachend ertheilte sie die Erlaubniß.
Fatme versenkte die glühenden Augen einige Sekunden lang auf die Linien der inneren Fläche und sprach dann nach kurzem Besinnen mit plötzlich veränderter (Stimme:
Ich sehe Dich in blutigen Gefahren, Bon Hinterlist und Feinden oft bedroht. Ein Genius jedoch wird Dich bewahren: Der Liebe Zaubermacht in schwerster Noth.
Du mutzt des Lebens herbsten Schmerz empfinden, An einem fernen Grabe weinend knien, Doch Dein Gebet wird bald Erhörung finden, Der Rache-Engel durch die Lande zieh'«.
Und jenen Tag wirst Du alsdann erleben, Wo er, der Dir die tiesste Wunde schlug, Vom Schicksal in der Feinde Hand gegeben, Herniederstürzt vom stolzen Adlerfiug.
Ausland.
* Paris, 25. Juni. Anläßlich des Jahrestages des Todestages Carnots fand heute Vormittag im Pantheon eine Gedächtnißfeier statt. Zu derselben begaben sich der Präsident der Republik Felix Faure mit dem Präsidenten des Senats Challemel-Lacour und dem Präsidenten der Deputirtenkammer Brisson, welchen die Minister, die Vertreter der auswärtigen Mächte, Senatoren und Deputirte folgten, in feierlichem Zuge zu dem Grabmale Carnots. Hier traf der Zug nach 10 Uhr ein. Präsident Faure legte einen Kranz auf das Grabmal nieder mit den Worten: „Im Namen der Republik lege ich an dem Tage, welcher die Trauer des Vaterlandes erneuert, diesen Kranz auf das Grab des Präsidenten Carnot nieder." Eine überaus zahlreiche Volksmenge hatte sich an den Eingängen des Pantheon eingefunden. Um 11 Uhr fand in der Madeleine-Kirche eine Gedächtnißfeier statt, welcher der Präsident Felix Faure, Casimir Perier und zahlreiche Notablitäten beiwohnten.
* Rom, 24. Juni. Cavalotti's Anklageakt gegen Crispi ist nun endlich am Samstag in einer Extra-Ausgabe des radikalen,Secolo' erschienen unter der Überschrift: „An die ehrlichen Leute unter allen Parteien." Noch niemals sind einem Minister so ungeheuerliche Dinge in so furchtbar beleidigender Form vordem ganzen Lande in s Gesicht geschleudert worden.
®ie Wahrsagerin preßte ihre Lippen schnell noch einmal auf die Hand der Dame, dann eilte sie schleunigst davon. t m
Das Gesicht der Letzteren war ernst geworden. An eine Bedeutung des Vernommenen glaubte sie nicht, aber dennoch hatten die Verse der Kleinen unwillkürlichen Eindruck auf sie gemacht. Dieser steigerte sich noch, als sie die Veränderung sah, welche die Weissagung in den Mienen Agil's erzeugt hatte.
„Schlimmes und Gutes", murmelte dieser, „doch Gottlob von dem Letzteren mehr. Sie lächeln wahrscheinlich," wandte er sich dann an die Dame, „über das, was die Kleine gesagt hat, und doch liegt vielleicht manche Wahrheit darin. Fatme ist das einzige Kind eines frommen Weibes, das auch die Gabe der Weissagung besaß, aber nur ein einziges Mal davon Gebrauch machte, da sich das von ihr Vorhergesagte nach Verfluß weniger Wochen schon in furchtbarer Weise erfüllt hat. Sie starb bei der Geburt Fatme's, die, wie es scheint, die Gabe von der Mutter geerbt hat."
Die rauschenden Weisen eines Musikstückes klangen plötzlich aus dem Hintergründe des Lagers hervor.
„Unsere Kapelle", erklärte Agil, den besprochenen Gegenstand fallen lassend, „die ihre dankbaren Empfindungen auch auf diese Weife bekunden will."
Mit unverkennbarem Interesse lauschte die Dame den feelenvollen Akkorden, welche das kleine Orchester seinen Instrumenten zu entlocken verstand. Sie wohnte noch verschiedenen Vorträgen an und verschmähte auch die Erfrischung nicht, welche Agil herbeigebracht hatte. Vor ihrem Abgänge verlangte sie Fatme noch einmal zu sehen. Das Mädchen wurde gesucht. Doch die Kleine hatte sich heimlich entfernt, und Niemand wußte wohin. Dagegen erhielt die Dame nähere Auskunft über die Perfönlichkeit des jungen Mannes, durch besten Erscheinung ein unverkennbares Interesse in ihr geweckt 1 worden war. „Es sei sein Pflegesohn Ferdinand," er-
Cavalotti schildert das ganze Leben Crispi's, um aus früheren Fällen nachzuweisen, daß dieser nicht den geringsten Glauben verdiene. Da werden dem thatsäch- lichen Leiter der Geschicke Italiens unter anderen hübschen Dingen vorgeworfen und mit aktenmäßigen Belegen ausgestattet: Fälschungen, Verleumdungen, Bestechlichkeit, falsches Zeugniß, Sittenlosigkeit, Mißhandlung des Parlaments, Simonie. Cavalotti behauptet, selber bis vor Kurzem Crispi nicht entfernt als das erkannt zu haben, was er in Wirklichkeit sei. Wer die sechsthalb Seiten Menden Ausführungen Cavalotti's ohne Vorurtheil durchlieft, der kommt doch nachgerade zu der Erkenntniß, daß es in Italien keine Seife gibt, um den Raben Crispi weiß zu waschen. Die ungeheuerlichen Dinge, welche ihm hier auf's Kerbholz geschrieben werden, sind fast alle schon längst als richtig erwiesen, wir haben es nur mit einer neuen, gedrängten und deshalb packenden Zusammenstellung des massenhaften Anklagematerials zu thun. Wenn das noch nicht genügen soll, die hehre Gestalt Crispi's gründlich schmutzig erscheinen zu lasten, so würde daraus nur auf's Neue hervorgehen, daß man im modernen Italien an völlig moralischer Farbenblindheit leidet. Das wissen wir aber schon. Unmittelbare unangenehme Folgen für den Herrn Crispi wird das Schreiben Cavalotti's ja wohl nicht haben. Seine Anhänger werden es in den Wind schlagen, aber vor dem Tribunal der Geschichte wird das Urtheil über Crispi nicht gelinde ausfallen.
* Madrid, 24. Juni. In der Deputrrten- kammer kam es am Samstag aus Anlaß der Ernennung von Richtern zwischen dem Justizminister und dem Deputirten Corzano zu einem Streit; infolge dessen schickten der Justizminister und der Präsident der Kammer letzterem ihre Zeugen zu. Man hofft, dem ,W. T. T.' zufolge, indesten eine befriedigende Lösung vermittels Erklärungen herbeizuführen, die in der nächsten Kammersitzung abgegeben werden sollen. Ein prächtiger Justizminister, der sich nicht scheut, einen politischen Gegner zum Duell zu fordern, obschon auch in Spanien das Gesetz den Zweikampf verbietet und mit Strafe bedroht. ____
K Aus de« preutz. Abgeordnelendause.
78. Sitzung vom 24. Juni.
Das Haus ehrt das Andenken des verstorbenen Abg. Linke (natl.) in üblicher Weise durch Erheben von den Plätzen.
Die zunächst auf der Tagesordnung stehenden Eisenbahn- vorlagen und der dazu gehörige Nachtragsetat werden zusammen zur Generaldebatte gestellt.
Nach diesen Vorlagen sollen die We,mar-Geraer Eisenbahn, die Saale-Eisenbahn, die Werra-Eisenbahn sowie die Eisenbahnen von Eisfeld nach Unterneubcunn und von Hildburghausen nach Friedrichshall in das Eigenthum des preutzischen Staates über- gehen. Auherdem soll eine neue Linie von Köppelsdorf nach Stockheim gebaut werden, während die zur früheren Berlin- Görlitzer Eisenbahn gehörige Strecke Zittau-Nikrisch in das Eigenthum des sächsischen Staates übergehen soll. Der zu diesen Vorlagen gehörige Nachtragsetat balancirt in Einnahme und Ausgabe mit 1,280,322 Mark.
Unterstaatssekretär Brefeld entschuldigt zunächst das Aus- bleiben des Eifenbahnministers, der durch ein Nebel am Bem am Erscheinen verhindert sei. In feinem Auftrag habe er zu erklären, daß die preutzifche Regierung die Verstaatlichung der Weimar-Geraer Eisenbahn und der Saale-Ersenbahn schon seit längerer Zeit ins Auge gefaht habe. Er könne die Annahme der Vorlage nur dringend empfehlen.
Die Abgg. Sattler (natl.) und GrafLlmburg-Stirum (konf.) empfehlen Kommisfionsberathung.
klärte Agil, „der feine Eltern, Verwandle von ihm, schon in frühester Kindheit verloren habe.
Endlich erfolgte der Aufbruch. Agil begleitete die Dame deren Wunsche gemäß über verschiedene Gelände und kehrte Abends, als diese ihn seiner weiteren Dienstleistung entbunden hatte, ins Lager zurück.
Es dämmerte bereits, als der Zigeuner dasselbe vor sich austauchen sah. In Gedanken versunken schritt er langsam einher. Da stieß er mit dem Fuße an einen Gegenstand, der auf dem Grasboden lag. Er hob ihn auf. Es war ein in Sasfianleder gebundenes, zierliches Schreibbuch mit einem goldenen Schlosse. Ein Name war auf die Decke gestickt — Angela v. Haynald.
Wie elektrisirt hob bei dieser Entdeckung der Zigeuner den Kops. Ein Ausruf hoher Ueberraschung entfloh seinem Munde. „Ich habe mich also doch nicht getäuscht", flüsterte er, „als das schöne Gesicht dieser Fremden die Erinnerung an jene Unglückliche in mir weckte. Sie ist's, die Schwester, welche freilich damals, während ihres kurzen Aufenthaltes, kein so herrliches Wesen zu werden versprach. Die auffallende Aehnlich- keit aber bestand schon zu jener Zeit und hat sich seitdem noch mehr entwickelt. Angela! Dieser Name paßt in der That für sie! Sie ist für mich zum rettenden Engel geworden in schrecklicher Lebensgefahr! Nun besteht für mich die doppelte Pflicht, dankbar zu sein. Ich werde sie erfüllen. Ich will, so weit es in meinen Kräften steht, über sie wachen; denn nunmehr zweifle ich nicht mehr an den Gefahren, auf welche Fatme hinwieS! Der Elende würde diese Schwester nicht besser behandeln, als die andere, träte sie ihm in den Weg! Es handelt sich nun nicht mehr um meine Rache allein! Nein! Diesem edlen Wesen gilt es, zu seinem Rechte zu verhelfen und den Verworfenen zu strafen, der einen so unerhörten Frevel an der Familie Haynald beging.
Er ging weiter und auf einen der Wagen zu, in dem er verschwand.
(Fvrtfetzung folgt.)