22. Jahrgang
Mittwoch, den 26. Juni 1895
JUL Hf
Das Kabinet Rosebery
welche unter der letzten Regierung Salisburys schon zu einigen erfreulichen Besserungen in Irland führte und wir werden, wenn diese so wichtige Frage für das vereinigte Königreich einen guten Fortgang nimmt, keine Urfache haben, den Abgang des Lord Rosebery zu bedauern.
hatte am Freitag im englischen Unterhause, tote schon m Kürze gemeldet, eine unerwartete Niederlage erlitten Der konservative Abgeordnete Brodrick tadelte die angebliche Unzulänglichkeit der Munitions-Vorräthe und beantragte, zum Ausdrucke dieses Tadels 100 Pfund von dem Gehalte des Kriegsmrntsters Campbell-Bannerman zu streichen. Und stehe da! Dieser Antrag wurde mit 132 gegen 125 Stimmen angenommen. Der Kriegsminister reichte sofort sein Entlassungsgesuch ein, das aber nicht gleich angenommen wurde. Man wollte ihn gern halten und er war wohl auch bereit, zu bleiben, vorausgesetzt, daß das Haus in der nächsten Sitzung jenen Beschluß rück- Sgig mache. Da am Freitag bei der unerwarteten
timmung mehrere Anhänger der Regierung gefehlt hatten, so würde es auch kaum schwierig gewesensem, den Freitags-Beschluß wieder umzustoßen. DaS Ministerium hat über die Angelegenheit berathen, und dann reiste Lord Rosebery nach Windsor zur Königin, um den Rücktritt des ganzen Kabinets anzu- zeiqen. Der Anlaß zu der Krise ist verhältnißmaßig Zögern an unbedeutend. In ähnlichem Falle, der sich schon vor längerer Zeit ereignete, gab es weder einen Regierungs-
„Ich dank' Dir für Deine Begleitung," wandte sie ! sich dann an Poldl und drückte ihm ein Geldstück m Hand, die der Bursche jedoch mit einer raschen Bewegung zurückzog.
„Nein," erklärte er, „bezahlen laß ich mich nicht. Ihre Begleitung hat mir Freude gemacht und sie wird schon wegen des Schlusses für mich immer eme schöne Erinnerung sein "
„Auch gut," bemerkte lächelnd die Dame und steckte die Münze wieder ein, „dann bleibe ich eben Deine Schuldnerin, bis wir uns wieder treffen. Vielleicht schon in den nächsten Wochen mache ich im Passeier Thale einen Besuch, wo Du Dich, wie Du mir sagtest, ja auch einfinden wirst."
Ein glühendes Roth ergoß sich über das frische Gesicht des Burschen, und als sein Blick für einen Moment den großen, von seidenen Wimpern beschatteten Augen der Dame begegnete, schien eine ähnliche Empfindung in ihm zu wirken, wie kurz vorher in Agil. Er nickte jedoch nur mit dem Kopfe und schritt dann, nach einem herzlichen Abschiede von der Dame und dem Zigeuner, zu Thal. Auch die Letzteren brachen auf, aber in der entgegengesetzten Richtung.
Agil war wirklich mit dem Lande und lernen Schönheiten vertraut. Er wußte über Alles, was dre Dame ihn fragte, Auskunft zu geben. Seine Mittheilung, daß das Lager feiner Brüder und Schwestern
2] Q Um Gut und glut.
Roman aus den napoleonischen Kriegen.
Von M. Benno.
„Genug davon!" wandte sich die Dame an ihn. „Sie sind nun gewitzigt und werden in Zukunst vorsichtiger sein. Daß Sie ein mit Weg und Steg vertrauter Mann sind, kommt mir gelegen, und Sie können mir sofort einen Dienst leisten, der unfere Rechnung ausgleicht. Poldl muß wieder heim. Ich aber möchte noch die Bergpartie jenfeits des Waldes besuchen und weiß den Weg nicht. Wollen Sie mein Führer sein? Ich belohne Sie gut."
Erst jetzt schaute der Zigeuner m das auffallend schöne Antlitz der Dame. Eine plötzliche Veränderung ging in ihm vor. Seine Augen vergrößerten sich und unter dem Einflüsse einer unverkennbaren Ueberraschung fand er nicht sofort eine Antwort. „Sprechen Sie nicht von Belohnung," sagte er dann, seine Bewegung niederkämpfend, „ich wiederhole, daß mein Leben fortan Ihnen gehört."
Weder die Dame, noch Poldl, welcher stch mit d,m Abknüpfen des Ueberkleides von dem Bergstöcke beschäftigte, hatten der Verwirrung Agil's eine Beachtung geschenkt. „ , ,
Erstere nahm das Kleidungsstück m Empfang und zog es an.
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Deutsches Reich.
Berlin, 24. Juni.
• Der Kaiser nahm am Samstag in Kiel mit zwei Pachten, dem „Meteor" und der „Vineta" an der Segelregatte theil. Ferner hatten der Großherzog von Mecklenburg-Schwerin und der Fürst zu Schaumburg-Lchpe ebenfalls ihre Pachten nach Siel aefandt und viele andere berühmte Jachten waren angemeldet. Das Wetter konnte nicht schöner sein: klarer Himmel und eine leichte Brise, die die weißen Segel voll aufblähte und die Boote vorwätts ttieb. Sobald der elfte Schuß ertönte als Signal, sich vorzubereiten, geriet!) Alles in Bewegung und rechte sich in die vorbesttmmte Ordnung ein. Der „Meteor , auf welchem der Kaifer persönlich anwesend war, der „Corisande" des Earl of Cowley und die „Lorna des Kapitän Clark von Portsmouth stellten sich in die Reihe ein. Der zweite Schuß ertönte, und nach kurzem Zwischenräume der dritte. Jetzt begann der Kampf, und mit vollen Segeln pafsirten die ersten drei Yachten die Linie. Es war ein prachtvoller Anblick, die schnell und geräuschlos dahinsausenden Schiffchen zu beobachten, die gleich Seemöven mit weit ausgebreiteten Flügeln dem.offenen Gewässer zusteuerten. Auf bestimmte Signale folgten ihnen dann die kleineren Yachten, und bald sah man am blauen Horizonte die ganze Schaar nur noch als weiße Punkte auf dem Wasserfpiegel leuchten. Als Sieger kehrte der Kaifer zurück. Erst nach einer halben Stunde kam das zweite Boot nachgefegelt.
* Die Kaiserin muß zwar noch das Bett hüten, jedoch ist in ihrem Befinden eine erhebliche Besserung eingttreten, sodaß die Aerzte mit Bestimmtheiterwatten, daß die hohe Patientin noch in dieser Woche die Rückreise nach dem Neuen Palais antteten könne.
* Das Kieler Fest ist, nach allgemeinem Urtheile sowohl der deutschen wie der ausländischen Presse, m größter Harmonie verlaufen. Namentlich die auswärtige Presse betont, die Worte des Kaisers seien eine hervorragende Friedensbotschaft und Friedensbürgschaft. Anderer Ansicht sind die .Hamburger Nachrichten', dre in einem von gewisser Seite inspirirten Artikel einen Warnungsruf ausstoßen. Man solle sich nur keinen Illusionen hingeben. „Die Franzosen , so heißt es, „verfolgen uns gegenüber die nämliche Taktik wie die Sozialdemokraten: sie warten unter mehr oder Minder geschicktem Verbergen ihrer wahren Absichten so lange, bis sie sich auf Grund von Bündnifsen, vortheilhafter europäischer Konstellation, Ueberlegenheit der imli- sich in der Nähe befinde, ries bei dieser das Verlangen, demselben einen Besuch abzustatten, hervor. Damit wurde dem Zigeuner offenbar eine große Freude gemacht. Er schien die Todesgefahr, in welcher er geschwebt hatte, ganz vergessen zu haben, und sem Gesicht strahlte, als man nach einer Weile em enges Thälchen erreichte, das mit einem ganzen Dutzend von bunt bemalten Zigeunerwagen bedeckt war. Eine Anzahl von abgemagetten Pferden weidete m ewiger Entfernung das Gras ab. Zu den theilweise zerbrochenen oder mit Papier verklebten Wagenfenstern schauten überall schwarzhaattge Kinder heraus und andere spielten mit den Hunden, von denen em halbes Dutzend hin und her sprang. Diese hoben auf einmal die Köpfe und rannten mit freudigem Gebell auf Ag,l zu, der mit jeiner Begleiterin fonst von noch Niemanden bemerkt worden war. Nun wurdenjedoch auch die Bewohner der Wagen aufmerksam und aus jedem derselben kamen Männer, Frauen und Kinder hervor. Sie qeriethen beim Anblicke der vornehmen Begleiterin Agil's in nicht geringes Erstaunen. Dieses wich jedoch einem stärkeren Gefühle, als der Zigeuner erzählte, in welch' gräßlicher Lage er gewesen, und daß er aus derselben durch die Dame und Leopold Wollnec befreit worden sei. Mit Thränen in den Augen statteten sie ihren Dank ab. Die Dame blickte mit unverkennbarem ; I Interesse im Kreise umher. Da blieb ihr Blick an
Lage aber doch nicht als verzweifelt anzufehen. Lord I Rosebery hat kürzlich erklätt, die Regierung werde nicht weichen, und wenn ihre Mehrheit selbst auf eine einzige Stimme zusammenfchrumpfen sollte, wenn nur diese Mehrheit zuverlässig bleibe. Bis jetzt war es damit ja auch leidlich gegangen, aber die Spaltungen in der Regierungsmehrheit machten dem Kabinet doch viele Sorgen. Besonders zeigten sich die Radikalen oft ungeberdig. Neulich verstand sich das Ministerium diesen zu Liebe dazu, die Errichtung eines Denkmals für den „Lordprotektor" Cromwell, den englischen Revolutionshelden, zu beanttagen. Sie stimmten aber gegen ihren eigenen Antrag, weil die Iren, sowie I die Konservativen gegen eine solche Ehrung emes Königsmörders, der zugleich Irland mit Feuer und Schwert verwüstete, entschieden Einspruch erhoben! Das sah nicht sehr imposant aus, war aber der einzige Ausweg, um einer Niederlage und der dauernden Entfremdung der Iren zu enttinnen. ,
Im Lande hat man den Beschluß des Ministeriums, zurückzutreten, fast allgemein freudig ausgenommen. Die Königin nahm die angebotene Demission ohne _.t. Lord Salisbury wird vor der Audienz bei der Königin mit anderen Führern der Unionisten nete, gab es weder einen Regierungs- ] konferiren. Noch ist nicht entschieden, ob er die Führung noch eine Parlaments - Auflösung, sondern der I der Geschäfte sofort übernimmt, ober erst nach den | betteffende^Unterhaus - Beschluß wurde einfach wieder Neuwahlen. In den Rechen der Unionisten gehen die i SlTSt war die Sache erledigt. Ansichten darüber auseinander. Die ,Times' halt es 9J§ $aq nahe, auch jetzt wieder so zu verfahren. I für sicher, daß das neue Kabmet em Koalitions- |
Rrickluk vom Freitag hatte ja mit der Politik der I Ministerium sem und die Führer beider Theile ftfwrntJt sReoienina nicht das Geringste zu thun, und I der Unionisten einschließen werde. Sie empfiehlt den angeblicher Mange?an Corditpulver kann schlechterdings Herzog von Devonshire str das Auswärtige Baffour As Wahlparole für Neuwahlen, noch als Grund I als Leiter des Unterhauses, Chamberlain für den Krieg "°d Solch-» fti- di- »°" S«i-
?ich höchstens darum handeln, ob die Regierung es für I wird gemeldet, Salisbury werde den Auftrag, das richt? a hielt schon jetzt entscheidende Schritte zu thun, I Kabinet zu bilden, nur unter der Bedingung an- und daher diesen Anlaß etwa benutzen wollte, um an das I nehmen, daß das Parlament aufgelost werde und daß Land zu appelltten, "etwa mit der Begründung, daß das jetzige Kabinet die Annahme von zwei prov.fori- iener Beschluß zeige, daß sich die Regierung auf das schen Budgetzwolsteln durchbringe. „
HamSt U verlaffen könne" Doch mußte Salisburys Name ist besonders was die Be- 2 recht zweifelhaft erscheinen, ob der gegenwärtige Ziehungen Englands zum AuSlande betrifft , em Pro- Augenblick zu einem solchen Vorgehen geeignet wäre, gramm, und gerade Deutschland hat an Lord
Die letzten Nachwahlen bildeten eine Kette von Salisbury stets emen zuverlässigen Freund ge- Nied erlag en sür die Regierung. Ueberall zeigte I habt. Das Scheiden eines Ministeriums M xin starker Rückgang der liberalen Simmen, I Kommen eines anderen, welches der entgegengesetzten theilweise sogar wo sie bisher die Mehrheit hatten. I politischen Richtung angehort, _ bedeutete '.n Cugland Besonders in Schottland gingen ihnen mehrere Man- I sehr selten eine ganz entgegmgesetzte ißohtit Wirt) bäte verloren, was für sie um so schwerer ins Gewicht I sich auch diesmal, namentlich m der Homerule-Frage, fällt, als Schottland bis dahin ihre festeste Hochburg I zeigen. An Stelle des begeiferten gteunbe§ öon 3r= bildete. Vor wenigen Tagen erst ging wieder ein \ land, Morley, wird wieder Lord Balfour die irlandi liberaler Wahlkreis, Jnverneßfhire, an die Opposition I schen Sachen behandeln. Aber er ist, unter dem Zwange verloren, und diese Niederlage brachte auf zahlreiche der Verhältnisse, längst aus emer MEen Gegner- Anhänaer der Regierung einen solchen Eindruck her- I schäft zu einem sachlichen Urtheile gelangt, daher sem vor daß sie den Bensch nach einer beschleunigten Verhalten auch der Regierung bereits die Unterstützung Auslösung des Parlaments aussprachen, was nur den I der Parnelliten einbrachte. Hoffen wir also von dem Sinn haben kann: Mit uns geht's doch zu Ende, I neuen konservativen Minlstermm, daß es m der machen roh'8 also kurz! Die Regierung schien ihre Homerule-Frage wieder die sachliche Ruhe watteihlaßt.
Fuld mW Zeitung
mit Uutechaltnngs-KrUage „Sterne und Kinmr«"._________________