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Beilage jur Wulösev Leitung.

M 142 Sonntag, öen 23. Juni 1895. 22. Jahrgang

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nehmen alle Postanstalten Bestellungen auf die ,F ul da er Zeitung' für das dritte Vierteljahr 1895 an.

Neu hinzutretende Bezieher erhalten gegen Einsendung der Postquittung für das dritte Vierteljahr 1895 die .Ful­daer Zeitung' bis

Ende Ium kostenfrei

übermittelt.

Nachklänge zum Aachener Prozeß. IV.

Die freisinnige Straßburger ,Bürgerzeitung' macht in einem Artikel über den Prozeß Mellage folgende recht vernünftige Bemerkungen:

„Ebenso oberflächlich als gewissenlos ver­fahren dabei die Kulturkampfbl ätter, welche aus dem Prozesse Kapital gegen den Klerikalismus schlagen wollen. Daß es zufällig ein Kloster war, in welchem sich diese Vorgänge abspielten, ist ohne Belang. Sie hätten ebenso wohl in jeder anderen Privat­irrenanstalt passiren können. Die Bedeutung der Verhandlung beruht darin, daß aufgedeckt wurde, wie es in solchen Anstalten zugehen kann, ohne daß die staatliche Aussicht dagegen einen Schutz gewährt. Es wäre übertrieben, wollte man annehmen, daß es über­all oder nur an vielen Orten so oder ähnlich zugehe. Aber schon die bloße Möglichkeit muß in höchstem Maße beunruhigend wirken. Zwei Punkte sind es, auf die es insbesondere ankommt: die Aufnahme in eine solche Anstalt und die Behandlung in derselben. Was die Aufnahme betrifft, so müssen die Beding­ungen wesentlich erschwert werden. Es gehört heut­zutage sehr wenig dazu, für verrückt erklärt zu werden. Der Mißgriffe in dieser Hinsicht sind Legion."

Wir haben schon mehrere Beispiele angeführt, welche zeigen, daß nicht nur in einer Anstalt, welche einer klösterlichen Genossenschaft angehört, sondern auch in anderen, öffentlichen Heil- und Pflegeanstalten eine unserem menschlichen Gefihl widersprechende Behand­lung von Geisteskranken vorgekommen ist. Für heute wollen wir nur an den Prozeß Feldmann erinnern, der im November 1893 vor der Strafkammer zu Düsseldorf verhandelt wurde. Es handelte sich um die Behandlung des entmündigten Millionärs Feld­mann in der Rheinischen Provinzial - Irrenanstalt Düren. Hierüber sprach das Urtheil der Strafkammer dahin sich aus, daß Rentner Feldmann in jener An­stalt „hart" behandelt worden, und er deshalb aus der Anstalt entflohen sei. Aus einer späteren, von der Rheinischen Provinzial-Verwaltung auch veröffent­lichten Erklärung des Vorsitzenden der Strafkammer geht hervor, daß in der Dürener Anstalt Feldmann einmal deshalb bestraft worden ist, weil er einen Wärter bestochen hatte, die Beförderung eines Briefes aus der Anstalt zu besorgen, und die Strafe hat darin bestanden, daß Feldmann mehrere Nächte in einer Jsolirzelle, wo ihm das Lager auf dem Boden bereitet wurde, zubringen mußte. Wie es auch in anderen Anstalten zugeht, hat übrigens noch kürzlich eine Straskammerverhandlung in Köln gezeigt, in welcher festgestellt wurde, daß in der rheinischen Provinzial-Arbeitsanstalt zu Brauweiler als Straf- und Bändigungsmittel gegen widerspenstige Korrigenden weiblichen Geschlechts der sogenannte Maulkorb ruhig in Anwendung geblieben ist, ob­wohl dessen Gebrauch schon seit Jahren von der Staats­regierung untersagt war.

Die .Deutsche Tageszeitung' erzählt einen Fall, wo eine völlig gesunde Frau von Berlin auf Veran­lassung ihres Mannes in eine schlesische Irrenanstalt gebracht wurde, in welcher das Einnähen in nasse Tücher ein beliebtes Beruhigungsmittel war. Aehnliche Fälle aus verschiedenen nichtklösterlichen Anstalten sind in den letzten Tagen dutzendweise bekannt geworden. Der ,Niederrh. Volksztg.' schreibt man aus Schlesien: „Es würde sehr lohnend sein, die Geschichte der Provinzial - Irren - Anstalt zu LeubuS, welche ausschließlich unter weltlicher Leitung steht, aus den letzten zwei Jahrzehnten zu schreiben." Und das ,Fränkische Volksblatt' macht folgende Be­merkung: „Wenn ein Blatt schreibt, daß Zwangs­jacken nicht mehr in Irrenanstalten im Gebrauche seien, so erinnere man sich doch gefälligst an das Jahr 1886, wo die Koryphäen der Psychiatrie mit Zwangsjacken gegen König Ludwig sogar ausgezogen sind. Nach den damaligen Aussagen soll Höchftdemselben noch ejtwas anderes als der Schlüsselbund gezeigt worden sein. Allerdings waren jene keine Alexianer."

Doch genug der traurigen Beispiele! Ueber die harte Behandlung der Irrsinnigen mag man sich ent­rüsten, aber diese Entrüstung einzig gegen die Anstalt

in Mariaberg oder gegen die Alexianer zu richten, dazu liegt absolut kein Grund vor. In dieser Hinsicht ist eine Zuschrift, welche die ,Deutsche Reichszeitung' ver­öffentlicht, nicht ohne Interesse. Dieselbe lautet: „Jc> habe die Alexianeranstalt vorher nicht gekannt und bin auch, offen gestanden, im Laufe der Verhandlung kein Freund derselben geworden. Allein die Konsequenzen, die man aus diesem Falle gegen krankenpflegende Orden überhaupt zieht, sind durchaus ungerecht. Man hat in den weitesten Kreisen keine Einsicht in derartige Ver­hältnisse in Irrenanstalten, überhaupt keinen Be- griff, wie ungemein aufreibend der Pflegedienst dort ist: Die stürmischen Scenen, die es auf den schmutzigen Stationen absetzt (und schmutzige Stationen gibt es überall, wo es schmutzige Patienten gibt), die geradezu thierischen Ausschreitungen solcher, die eben durch ihre ethischen Defekte Opfer geistiger Zerrüttung geworden, wirken derart aus das Pflege­personal ein, daß gerade religiöser Opfermuth dazu gehört, den Dienst länger zu versehen; und ich für meinen Theil glaube, diese religiöse Selbstaufopferung trotz des jetzigen Entrüstungssturmes gegen die Alexianer in der Ordenspflege eher suchen zu dürfen als unter weltlichen Pflegern. Ordensleute sind meist schon gesetztere Leute und bleiben lange im Pflegedienst. Weltliche Pfleger wechseln rasch, was ja auch von Anstaltsleitungen vielfach bedauert wird, es sind besonders auf den unruhigen Abtheilungen meist jüngere „Kräfte". Es kann auch in weltlichen Anstalten vorkommen, daß junge Wärter, die vielleicht eben die Militärdienstzeit hinter sich haben, ihre Kraft darin suchen, die Irren in eine Ecke zu werfen, daß ihnen die Rippen krachen, daß sie dieselben in die Bade­wanne tauchen, knebeln, um ihr fortgesetztes Schreien zu verhindern. Machen dann die Aerzte zu bestimmter Zeit ihre Visiten auf den Abtheilungen, so finden sie natürlich alles in schönsterOrdnung außer etwa einem Loch im Kopf des Patienten oder dem Abdruck eines Stiefelabsatzes in dessen Gesicht, Merkzeichen, die sich eben nicht so geschwind wegwischen ließen. Wir sind keine Vertheidiger der Ausschreitungen der Alexianer, aber uns scheint, es sei Heuchelei, jetzt nur auf die „Brüder" loszuschlagen, dabei den Vorwurf sogar auf jede Ordenspflege aus­zudehnen, und weltliche Anstalten als die reinsten Paradiese hinzustellen."

In diesem letzten Satze ist der Standpunkt ausge­sprochen, den die Centrumspresse von Anfang an in dieser Angelegenheit eingenommen hat. Die größeren Centrumsblätter haben über den Verlauf des Prozesses Tag für Tag so eingehend und unparteiisch berichtet, daß sowohl Herr Staatsanwalt Pult als auch der Vor­sitzende des Gerichtes Herr Landgerichtsrath Dahmen — beide gewiß keine Freunde der Centrumspreffe! — der kathol. Presse ausdrücklich ihre Anerkennung für die unparteiische Berichterstattung aus­gesprochen haben. Kein einziges Centrumsblatt hat die wirklichen Ausschreitungen der Alexianer zu vertheidigen oder zu beschönigen versucht, aber sie alle haben energisch Front gemacht gegen die einseitige und böswillige Ausbeutung dieses Prozesses gegen die Alexianer und gegen die katholischen Orden überhaupt, die von den Kulturkämpfern aller Grade und aller Schattirnngen mit fanatischer Wuth ins Werk gesetzt wurde.

* Der kleine Schutzengel.

In einem hessischen Dorfe — den Namen des Ortes wollen wir nicht nennen, weil noch verschiedene Personen leben, die in dieser wahren Geschichte eine Rolle spielen — lebte vor einigen 30 Jahren eine zwar nicht reiche, aber sehr brave Familie. Der Mann war Tagelöhner und nährte seine fünf Kinder redlich durch seiner Hände Arbeit, wobei ihn seine Frau nach Kräften unterstützte. Dabei waren die Leute gute und fromme Christen. Kein Sonntag verging, ohne daß nicht beide mit ihren Kindern im Gottes­hause, sowohl des Morgens, wie auch des Nachmit­tags zugegen gewesen wären. Am Morgen mußten die Kinder gemeinschaftlich ihr Morgengebet verrichten, vor und nach Tisch wurde gebetet. Wenn der Vater des Abends von der Arbeit nach Hause kam und das Abendbrod genossen war, so mußte eines von den Kindern eine schöne Geschichte oder etwas aus einem frommen Buche vorlesen. Wollte man dann zu Bette gehen, so verrichtete man gemeinschaftlich das Abend­gebet und empfahl sich dem Schutze Gottes. Jeder­mann hatte darum auch die Familie lieb, und alle verlangten den Mann wegen seiner Redlichkeit und seines Fleißes zu ihrer Arbeit. Doch es war nicht immer so in dieser Familie gewesen; einige Jahre vorher sah es noch ganz anders aus; damals wurde

nur wenig und fast gar nicht an Gott und sein Gebot gedacht, fast alle Tage hatten die Eheleute unter sich Streit und Zank, und Niemand wollte gern mit ihnen zu schaffen haben. Woher war denn diese Veränderung gekommen?

In der Zett, wo die beiden Eheleute noch häufig mit einander haderten, kam eines Abends der Mann etwas angetrunken nach Hause. Die Frau war schon gewohnt, ihren Mann so zu sehen, und schalt ihrer Gewohnheit gemäß recht derbe darauf los. Der Mann ließ sich solches gefallen, sagte nur wenig und saß ziemlich still da. Das Abendessen wurde aufgetragen, und siehe, hierbei sollte der ganze Zorn des Mannes losbrechen. Die Frau hatte nämlich ein Gericht be­reitet, welches ihm schon sonst nicht recht mundete, und wozu er jetzt gar keinen Appetit zu haben schien.

„Es ist doch großartig", sagte er, „den ganzen Tag muß man sich quälen und findet dann am Abend noch nicht einmal ein ordentliches Essen."

Doch nahm er den Löffel und probirte; als er aber die Kartoffeln in der Suppe ziemlich hart fand, legte er den Löffel wieder hin und fing an recht derb zu schimpfen.

Die Frau ließ sich ihrerseits auch nicht lange nöthigen, sie schimpfte wieder und reizte dadurch ihren Mann so sehr, daß er aufsprang und ihr einen derben Schlag versetzte. Das war zu viel! Zank hatte es in der zwölfjährigen Ehe zwischen den beiden Eheleuten manchen gegeben, aber vergriffen hatte sich der Mann an der Frau noch nie. Vernichtet sank diese auf einen Stuhl nieder, Entsetzen, Wuth und Verzweiflung im Herzen

Die armen Kinder, deren vier am Tische saßen, weinten laut, als sie diesen Vorfall sahen und selbst der kleine Säugling in der Wiege schrie laut auf. Das zweitjüngste Kind, ein kleines Mädchen von vier Jahren, kam und wollte sich an die Mutter anschmiegen, als es dieselbe weinen sah, doch sie stieß es unwillig von sich. Schweigend saßen alsdann die Kinder in der Ecke und schienen nicht begreifen zu können, ttmrum Vater und Mutter so verfuhren. Die Frau schickte die Kinder zu Bett, die Kartoffelsuppe blieb auf dem Tische stehen und wurde nicht gegeben.

Am andern Morgen stand man auf, ohne sich einen guten Morgen zu bieten, die Frau kochte Kaffee, der Mann trank ihn in der Stube, die Frau in der Küche. Kein Wort wurde gewechselt. An diesem Tage hatten die beiden Leute ihre Kartoffeln einernten wollen, allein daraus wurde für heute nichts. Der Mann blieb zu Hause und machte sich anderweitige Beschäftigung, die Frau indeß ging stillschweigend mit einer Kiepe, einem Besen und einem Siebe aus dem Hause. Der Mann dachte, sie wolle Buchenkerne sammeln, und ließ sie gehen, ohne zu fragen, wohin sie wolle. Die Frau ging langsam dem Walde zu, niedergeschlagen und lebensüberdrüffig. Daselbst angekommen, setzte sie ihre Kiepe nieder, nahm ihren Besen und begann ihr Werk. So mochte es ungefähr Mittag sein, als sie ihren Besen wieder zur Seite legte, und sich niedersetzte, um ein wenig auszuruhen. Mißmuthig nahm sie ihren Kopf in beide Hände, dachte über die Vorfälle am gestrigen Abend nach, weinte eine Weile in Weh und Wuth und begann dann laut zu reden: „Daß man sich so behandeln lassen muß; — ich sorge so redlich für ihn und seine Kinder; — es ist nicht zum Aus­halten; geschlagen werde ich wie ein Thier!--

Nun er soll es bald bereuen, er soll erst einmal einsehen, was er an mir gehabt, ich will mich nicht mehr von ihm quälen lassen. Das ist bald geschehen, nur einen Augenblick."

Mit diesen Worten stand sie auf, band den Stritt von ihrer Kiepe los, ging auf den nächsten Baum zu und versuchte den Strick um einen Ast zu schlingen. Es wollte zu ihrem Aerger nicht sogleich gelingen, wch endlich saß er fest. Gerade im Begriffe, sich den Strick um den Hals zu winden, hörte sie eine laute Kinderstimme: „Mutter, Mutter!" rufen, sie läßt )aher von ihrem Werke ab und schaut nach der Gegend, woher der Ruf gekommen war.

Ein kleiner Knabe von ungefähr 10 Jahren wird ichtbar, eilt auf sie zu und ruft: „Mutter, schon lange habe ich Dich gesucht, ich habe den ganzen Wald abgestreift, eS ist nur gut, daß ich Dich gefunden habe."

„Ach bummer Junge," sagte die Mutter ärgerlich, „Du solltest zu Hause geblieben sein."

„Mutter, sei doch nicht mehr so böse, sieh', der Vater hat ja Alles vergessen, er hat das Mittagessen gekocht, welches ich Dir jetzt bringe. Komm, iß nur, es ist Dein Leibgericht, es sind Linsen."

„Aber Mutter," fuhr er fort, „da hängt ja ein Sttick an dem Baume, was soll das?"

Jetzt schaute auch die Frau nach dem Baume,