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Sonntag, den 23. Juni 1895
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eingetreten, und die Freiheit des israelitischen Kultus hat in keiner anderen Parieipresse so energische Ber- theidigung gefunden wie gerade in der Centrumspresse. Wir verlangen religiöse Freiheit für uns und für alle unsere Mtbürger; wir weisen die gegen uns gerichteten Ausfälle des Evangelischen Bundes und seiner Gesinnungsgenossen mit aller Entschiedenheit zurück, aber ebenso entschieden tadeln wir auch jegliche Angriffe gegen die Gewissensfreiheit der Evangelischen und die Ausschreitungen des Antisemitismus.
In gleicher Weise tritt die Centrumsprefse auch für die politischen und sozialen Interessen energisch und freimüthig in die Schranken. Frei von Menschenfurcht und Kriecherei zeigt die Centrumsprefse sich als treuer Freund des Erwerbs- und Handelsstandes: deshalb nimmt sie sich der Handwerker und der w irthschaftlich Schwachen mit Wärme an; deshalb vertritt sie mit aller Entschiedenheit bte Rechte und berechtigten Interessen der ehrlichen Arbeit und der Arbeiter, der Erzieher der Jugend und der kleinen und mittleren Beamten; deshalb fordert sie die Entlastung des Volkes und bekämpft dieVermehrung der persönlichen und finanziellen Opfer desselben durch Vergrößerung des Militarismus und die Schaffung neuer Steuern.
Um aber den Ausgaben, welche die Centtumspresse sich gestellt, in vollem Maße gerecht werden zu können, bedarf sie der Unterstützung derer, für welche sie kämpft. Es ist daher die Pflicht insbesondere eines jeden katholischen Mannes, die Centrumspresse nach Kräften zu unterstützen — und das kann ein Jeder, der den guten Willen dazu hat. Man kann nämlich die Presse auf gar mancherlei Art unterstützen und fördern: zunächst durch Abonnement, indem man selber auf ein katholisches Blatt abonnirt und aus Freundes- und Bekanntenkreisen ihm weitere Abonnenten zuführt. Eine andere Art der Unterstützung besteht in der Zuweisung von Inseraten. Jeder katholische Geschäftsmann, Handwerker rc. sollte es sich zur Pflicht machen, seine Anzeigen vor Allem den katholischen Blättern zuzuwelsen. Abgesehen davon, daß die katholische Presse stets die Interessen des Erwerbs- und Handelsstandes am energischsten vertheidigt, verlangt man ja auch gerade von ihr die weitgehendste Berücksichttgung in allen möglichen Angelegenheiten. Von besonderer Bedeutung ist auch die Unterstützung der Presse durch Mittheilung von wichtigen Nachrichten allerlei Art. Allerdings kann und will die Centrumsprefse, ihren Grundsätzen getreu, den Geschmack ihrer Leser nicht durch sensationelle und pikante Schilderungen von skandalösen Vorgängen verderben, aber es ereignen sich überall hin und wieder Dinge, deren Kenntniß ein allgemeines Interesse hat oder für die gute Sache von Wichtigkeit ist — und solche Dinge sollte jeder Leser eines katholischen Blattes s o f o r t und ohne jeden Verzug der Redaktion mitthellen. Es bedarf dazu gar keiner befonderen Gelehrsamkeit oder Schreibfertigkeit; es genügt vollständig, wenn mit kurzen Worten die Hauptsache mit den wichtigsten Umständen angegeben wird, die richtige Form wird sich dann schon finden. Auf diese Weise kann jeder zur Hebung der katholischen Presse viel beitragen, indem er sie in den Stand setzt, über alle wichtige Vorgänge schneller informirt zu sein, als die gegnerische Presse. Leider aber sind gar viele, denen eS gar keine besondere Mühe machte, zu bequem dazu, der Presse, an die sie sonst so gerne gar hohe Ansprüche stellen, auf diese Weise auch ihrerseits ein Entgegenkommen zu zeigen.
Wie man seine Presse unterstützen soll, das kann man von den Sozialdemokraten lernen — man kann auch vom Femde Gutes lernen! — Jeder zielbewußte Genosse hält sein Parteiblatt und agitirt nach Kräften für dessen Verbreitung; er inserirt nur in seinen! Parteiblatte, ja er kaust nur in den Geschäften, die diesem Blatte ihre Anzeigen zukommen lassen, und sobald ein Genosse etwas erfährt, wovon er glaubt, daß es seinem Blatte dienlich sein könne, so beeilt er sich, demselben Mittheilung zu machen.
Sollen die Katholiken sich von den Sozialdemokraten beschämen lassen im Eifer für ihre Presse? Fürwahr, dann verdienten die Katholiken nicht, daß sie eine so vortreffliche Presse haben, der die Gegner selbst ihre Anerkennung nicht versagen können. So schrieb z. B. das Stöckersche.Volk' noch in seiner letzten Sonntagsnummer: „Die ungeheuere politische Macht,
die das Centrum darstellt, verdankt es zum großen Theil seiner Presse. Bor 40 Jahre« gab es noch keine einzige spezifisch katholische Tageszeitung. Heute dienen Hunderte von Blättern ausschließlich der katholichen Sache. Rach außen wird sie vertreten durch Blätter ersten Ranges wie die .Köln. VokSztg.' Nach innen sorgt die im großen und ganzen äußerst wohl disziplinirte „Kaplanspresse" (!) dafür, daß der katholische Gedanke wach erhalten wird. Der Kulturkampf hat diese Presse geschaffen, die für dieKatho- liken seine werthvollste Furcht darstellt. An rhr sind bisher alle Versuche gescheitert, in den „festen Thurm"des Centrums Bresche zu legen."
Auch in Zukunft werden alle Versuche, m de« festen Thurms des Centrum Bresche zu legen, scheitern an dem gesunden Sinne des katholischen Volkes, das Mhält an seiner bewährten katholischen Presse. All- Bemühungen unserer Gegner, unter dem Deckmantel der Interessen-Polittk akatholische und antikatholische Blätter an die Stelle der Centtumspresse zu setzen, werden an der Erkenntniß der katholischen Leserwelt scheitern, so daß man in Wahrheit sagen kann: für einen Katholiken ist es ein Beweis der Intelligenz, wenn er nicht bloß selbst katholische Blätter hält, sonbern auch seine Mtbürger zum Bezug derselben auffordett. Der Boden, auf dem der Thurm des Centrum steht, ist die katholifche Ueberzeugung, welche das Bewußtsein der Gemeinsamkeit gibt; aber einer der Grundpfeiler des Thurmes ist die Centtumspresse: reißt man diesen fort, fo muß der Thurm auch stürze^ und mit dem Thurme wird die katholische Kraft brach gelegt. Das wissen die katholischen Leser zu Wittingen, deshalb unterstützen sie ihre Presse!
Zum bevorstehenden Quartalswechsel.
Mit der nächsten Woche läuft das 2. Quartal ab, es steht daher Jeder jetzt vor der Frage: Welche Zeitung halte ich im kommenden Vierteljahre? Eine Zeitung zu lesen, ist heutzutage für jeden Geschäftsmann, für jeden Handwerker und für jeden Landwirth ein unabweisliches Bedürfnis,; er muß sich mit den Ereignissen in Kirche, Staat und Gemeinde, sowie mit den Vorgängen im Handel und Verkehr vertraut machen, wenn er nicht überall hintanstehen will, sondern auch hier und da ein Wöttchen mitsprechen will.
Für einen überzeugnngStreu en Katholiken ist die Frage, was er lesen soll, durchaus nicht schwer, er abonnirt auf ein Blatt, welches die katholischen Interessen auf allen Gebieten des Lebens voll und ganz vertritt. Eine Auswahl unter den Blättern der Centtumspresse wird wohl jeder zu treffen wissen; aber nie und nimmer darf er eine Zeitung in feinem Hause dulden, deren wahre Gesinnung und Absicht nicht sogleich auf den ersten Blick zu erkennen sind. Wir meinen jene Sorte von Blättern, die über den Parteien zu stehen vorgeben, die blos referirend berichten, „Jedem sein Urtheil selbst zu bilden überlassen," „nicht Alles mit der Parteibrille ansehen", „Jeden nach seiner Fa?on selig werden lassen", oder wie derarttge nichtssagende Redensatten alle sonst noch heißen mögen. Seit eine bekannte Größe den Ausspruch gethan: „die Politik verdirbt den Charatter", glaubt mancher normale Durchschnittsmensch, er dürfe ja kein Blatt einer ausgeprägten politischen Richtung mehr lesen, sonst leide sein schwankendes Thun und Lassen, welches er stolz mit dem Namen Charakter bezeichnet; deshalb wählt er sich auch so eine Zeitung, die ihn nicht zum Denken anhält, sondern Politik, Gerichtsverhandlungen delikater Natur möglichst ausführlich breitgetreten, Quatsch und Tratsch jeder Art nach seinem Geschmack zubereitet, auftischt. Sehr richtig schrieb die .Konservative Korrespondenz' vor einigen Tagen in einer Polemik gegen solche „parteilose" Zeitungen: „Die bedauerliche Gleichgiltigkeit, die unser Staatswesen noch einmal in recht üble Situationen bringen kann, wird von keiner Seite so geflissentlich genährt, wie von den „parteilosen" Blättern, die ihren Lesern jede „Ausregung" über politische Tagesfragen und „Parteistteitigkeiten" ersparen, die aber darum auf das politische Gewissen einschläfernd wirken. Wir können darum auch hier wieder nur davor warnen, „unpolitische" oder „parteilose" Zeitungen irgendwie zu unterstützen." SH8SSSB
In Wirklichkeit sind diese Blätter aber höchst selten wirklich parteilos; wenn es sich um bestimmte Fragen politischer oder religiöser Art handelt, ist es meist mit ihrer Parteilosigkeit zu Ende — und merkwürdig! in religiösen Fragen stehen sie dann niemals auf Seiten der Katholiken. Die religiösen Interessen des Volkes finden einzig und allein in der Centrumspresse eine entschiedene und mannhafte Vertretung, und zwar in erster Linie die religiösen Interessen der Katholiken. Was die deutschen Katholiken ihrer Presse zu verdanken haben, läßt sich mit wenigen Worten nicht sagen. Man denke nur an den Kulturkampf! Wie muthig und treu hat sich die katholische Presse in den schweren Zeiten des Kulturkampfes gezeigt! Die Fahne stets hochhaltend, brachten ihre Redakteure persönliche und materielle Opfer; hohe Geld- sttafen, ja selbst Gefängniß konnten sie in der Ber- theidigung der guten Sache nicht wankend machen. Katholiken Deutschlands, vergesset das nie! Unsere Presse ist ein Bollwerk des Katholizismus; hier ist die Festung, von wo aus der Feind, mag er in irgend welcher Gestalt sich zeigen, kampfesmuthig angegriffen und zurückgeschlagen wird.
Die Centtumspresse vertheidigt aber nicht bloß die religiösen Rechte und Interessen der Katholiken, sondern ebenso sehr auch die religiösen Interessen der Evangelischen und der Israeliten. Stets ist die katholische Presse für die Freiheit der evangelifchen Kirche
Deutsches Reich.
Berlin, 21. Juni.
* Der Kaiser soll, wie schon kurz erwähnt, nach dem Pattser Mattn' zu dem französischen Botschafter Herbette nach dem Hamburger Prunkmahl geäußert haben: „Ich freue m!ch, daß ich den Kieler Kanal zugleich mit Ihnen und in Gegenwatt des französischen Geschwaders eröffnen werde, das ich bewundere und das Bewunderung verdient. I ch h offe, diese Kanaleröffnung ist nicht das letzte Fest, das wir für die Sache des Friedens und die Ehre der Gesittung zusammen feiern." Die Rede des Kaisers bei dem Festmahle wird von der Pariser Presse tm Allgemeinen günstig beurtheilt, wenn auch verschieben- Blätter deutlich das Unbehagen verrathen, das ihnen die Durchkreuzung ihrer Hetzereien gegen Deutschland durch die starke Betonung der Friedensliebe Deutschlands bereitet hat. Die gehässigen Zweifel daran müssen um so mehr verstummen, als der Kaiser auch wieder in der Urkunde, die in den Grundstein zum Denkmal Kaiser Wilhelm's I. in Holtenau versenkt wurde, also in einem amtlichen, vom Reichskanzler gegengezeichneten Aktenstücke, die Erhaltung des Friedens als seine vornehmste Pflicht bezeichnet hat. Wenn das gleiche Pflichtgefühl überall bestände, so würde der Ftteden allgemein als gesichert gelten dürfm.
]-[ Die Beziehungen zwischen Berlin und Fried- richsrvh werden in ein grelles Licht gerückt durch das schon gestern von uns im Wortlaute mitgetheilte Handschreiben, welches der Kaiser von Holtenau aus an den Minister v. Bötticher gettchtet hat. Der Kaiser hat bei Gelegenheit der Nordostseekanalfeier dem Minister, den Fürst Bismarck mit so grimmigem Hasse verfolgt, eine hohe Auszeichnung und zugleich volle Genng- thuung für jene Angriffe gewähtt, die selbst von der nationalliberalen ,Köln. Ztq.' als vergiftete, feige aus dem Hinterhalt abgeschossene Pfeile gebrandmartt worden sind. Daß der Kaiser an dem Tage der Eröffnung des Nordostseekanals, der von Anfang an durch Herrn v. Bötticher geleitet und in jeder Weise ge- fördert worden ist, diesem seinen Dank hierfür durch eine besondere Auszeichnung abftatten werde, ließ sich allerdings erwarten. Aber der Kaiser hat sich nicht darauf beschränkt, in dem Handschreiben, mit welchem er die Verleihung seiner Marmorbüste an Herrn von Bötticher begleitete, diesem seinen Dank und seine volle Anerkennung für die Leitung des Kanalwerkes auszusprechen, sondern er versichert ihn weiterhin auch seines > warmen Dankes „für die hervorragenden Verdienste"
FuldlikrMZeitllng
mit Untrrhattnngs Keilage „Sterne nnd Ktnmen»._________________