JtSL 141
Samstag, den 22 Juni 1895
22. Jahrgang
ßcitung
Nnterhaltnngs Beilage „Sterne und Klnmeu". _____________
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Die ,Fuldaer Zeitung^ behandelt die neuesten Tagesfragen in allgemein verständlicher Weife. Die politifchen Nachrichten sind kurz und übersichtlich zusammengestellt, den lokalen und provinziellen Vorkommnissen wird große Sorgfalt gewidmet, und auf ein spannendes, sittlich reines Feuilleton besonders Gewicht gelegt. Zahlreiche zuverlässige Mitarbeiter in Berlin sowie in der Provinz setzen uns in den Stand, über alle wichtigen Ereignisse bedeutend früher zu berichten, als die anderen hiesigen Blätter. Die __________
Fuldaer Zeitung =
ist unter den in Fulda wöchentlich mehrmals erscheinenden Blättern das w e i t a u s g e l e s e n st e Blatt und eignet sich deshalb auch ganz besonders als Jnsertionsorgan. Anzeigen sind von sicherer Wirksamkeit.
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Fulda, im Juni 1895.
Redaktion und Verlag der .Fuldaer Zeitung^.
X Deutschlands Friedensliebe
ist am Mittwoch von dem Kaiser in der Rede, die er bei dem Prunkmahl im Hamburger Rathhaufe hielt, mit bemerkenswerther Betonung vor aller Welt bezeugt worden. Auf die Begrüßungsrede des Bürgermeisters Lehmann erwiderte der Kaiser:
Mein verehrter Bürgermeister!
Tiefergriffen bin ich von den soeben vernommenen Worten; ttef ergriffen vor Allem von dem Empfang, den mir Hamburg soeben bereitet, wie ich desgleichen selten wohl erlebt. Der Geist, der mir entgegenschlug, war kein gemachter, kein gewöhn- kicher. Gleich einer Windsbraut schallte mit der Jubel der Stadt entgegen. Ich weiß wohl, daß ich mir nickt anmaßen darf, daß dieser Jubel meiner Perfon gegolten; vielmehr er-
z Das miWMißMc LMMS.
(Schluß.)
Anton's Hirn wirbelte, aber er sagte kurz und knapp: „Ja wohl, Herr Unteroffizier!" und nachdem dieser ihm noch am Ohre gezaust: „Daß Du mir nischt vergißt!" eilte Anton mit seinen mysteriösen Botschaften von dannen. Er war ein kreuzbraver Junge, aber etwas beschränkt. Viel denken war seine Sache nicht. Er legte sich's also kurz zurecht. Die Erste bekommt die Bestellung vom Herrn Lieutenant, und das Fräulein, denn dies Wort hatte Knollstiebel ja deutlich gesagt, bekommt die Nachricht, daß „er komme." Er war mit dieser Eintheilung gerade fertig geworden, als er auch schon vor dem Krach'schen Hause stand und die Klingel zog Jette öffnete. Ihre für gewöhnlich strenge Miene hellte sich auf, als sie die Jnfanterieuniform erblickte. „Sie kommen wohl aus der Kaserne?" fragte sie.
„Ja wohl," sagte Anton und rapportirte: „Der Herr, dem in die Kaserne ein Brief geschrieben ist, kann nicht kommen. Er hat fürchterliche Zahnschmerzen!"
„Das thut mir leid!" sagte Jette bedauernd. „Aber warten Sie hier einen Augenblick — ich will nur was holen!" Damit lief sie in die Küche. Gleich
kenne in ich demselben den Ausfluß des Pulsschlages unserer ge- sammten deutschen Volkes, welches stolz darauf ist, das neu geeinte Deutsche Reick in seinen Fürsten und hohen Gästen Oertreten zu sehen. Empfangen Sie dafür meinen herzlichsten Dank unb seien Sie der Dolmetsch meines Dankes auch den Hamburgern gegenüber. Solche Momente, wie wir sie heute erleben, rufen in uns die Erinnerung zurück und vor allem die Erinnerung in dankbarer Form. Wir müssen in Dank und Wehmuth gedenken des großen Kaisers, der dahingegangen, und feines herrlichen Sohnes, unter denen das Werk, auf das Sie soeben anqesvielt haben, erstanden ist. Uns Allen ist noch gegenwärttg der Jubel bei dem letzten Besuche meines hochseligen Groß- vaters. Wir vereinigen zwei Meere; auf das Meer lenken sich unsere Gedanken, das Meer — das Sinnbild der Ewigkeit. Meere trennen nicht, Meere verbinden; die verbindenden Meere werden verbunden durch dieses neue Glied zum Segen und Frieden der Völker. Die erzgepanzette Macht, die versammelt ist auf dem Kieler Hafen, soll zu gleicher Zeit ein Sinnbild des Friedens fein, des Zusammenwirken» aller europäischen Kulturvölker zur Hochhaltung und Aufrechthaltung der europäischen Kulturmission. Haben wir einen Blick geworfen auf das ewige Meer, so werfen wir einen Blick auf baS Meer der Völker. Aller Völker Herzen richten sich hierher mit ftagendem Blick. Sie er- heiscken und wünschen den Frieden. Im Frieden nur kann ber Welthanbel sich entwickeln, im Frieben nur kann er gebeten unb Frieben werden und wollen wir aufrecht erhalten. Möge in diesem Frieden Hamburgs Handel blühen und gedeihen! Es soll ihm stets der Schutz des kaiserlichen Aars folgen, wohin er auch feine Bahnen über die Welt sieben möge.
Wir aber erheben jetzt unfere Gläser unb trinken auf das Wohl unserer werthen Hansestabt Hamburg: Sie lebe hoch! und nochmals hoch! unb zum dritten Male hoch!"
Kaiser Wilhelm II. hat schon oft durch Wort und That bewiesen, wie sehr er von dem Gefühl seiner Verantwortlichkeit für die Erhaltung des Friedens, soweit dieselbe an ihm liegt, durchdrungen ist. Aber so kräftig und eifrig, wie am Mittwoch zu Hamburg, hat auch er, soviel wir uns erinnern, noch nie der Erhaltung des Friedens das Wort geredet. „Den Frieden werden und wollen wir aufrecht erhalten!" Das ist ein gutes, ftiedliches und zugleich kräftiges Wort, das, wie wir hoffen, bei allen Völkern ein dankbares Echo finden wird auch bei unseren westlichen Nachbarn, denn die große Masse des Volkes ist überall dem Kriege abhold, sie hat ja stets weitaus die meisten Opfer an Gut und Blut zu bringen, wenn der Krieg die Länder verwüstet und blutige Ernte hält. Mit Recht sagte deshalb der Kaiser: „Aller Völker Herzen richten sich hierher mit fragendem Blick. Sie erheischen und wünschen den Frieden."
Was insbesondere das deutsche Volk angeht, so können auch die Franzosen, wenn sie ehrlich ihre Meinung sagen sollen, nicht leugnen, daß das deutsche Volk ohne Unterschied der politischen Parteirichtung nichts weiter verlangt, als ruhig im Frieden arbeiten und feine Wohlfahrt mehren zu können. In Deutschland gibt es wohl auch vereinzelte Chauvinisten, aber sie sind um so ungefährlicher, als ihr Chauvinismus, soweit er die Beziehungen zum Auslande betrifft, sich vorwiegend auf Afrika beschränkt. Es sind das die extremen Kolonialschwärmer, die es dem Kaiser gewaltig übel genommen haben, daß er der Periode des Flagqendissens in Afrika ein Ende gesetzt und Sansibar darauf kam sie mit einem umfangreichen Packet zurück. „So, bot is für den Herrn. Ick wünsche ihm guten Appetit dazu. Tragen Sie't aber vorsichtig, et is fettig!" ,
„Jette!" tönte in diesem Augenblicke eine scharfe Stimme von der Küche her. — Sie nickte dem Burschen noch einmal gnädig zu und verschwand. Aber Anton ging noch nicht. Er hatte ja noch eine Bestellung auf dem Herzen. Er trat also in den Flur und traf auch gerade den richtigen Moment, denn Minona von Krach kam gerade die Treppe herab. Auch ihr Auge leuchtete auf, als sie den Burschen sah. „Kommen Sie hierder," flüsterte sie ihm zu. „Sie bringen mir gewiß Nachricht auf meinen Brief. Was läßt der Herr mir sagen?"
„Er kommt!" rapportirte er kurz, und nachdem Minona vor Freude erröthend dem Burschen ein Zehnpfennigstück in die Hand gedrückt hatte, marschirte dieser, froh, seine Botschaft ausgerichtet zu haben, ab.
Herr von Jobsthausen hörte erstaunt die Botschaft an, die Anton ihm brachte. Zuerst hielt er ihn für verrückt, dann für betrunken und schließlich glaubte er ihm, denn er überreichte ihm wirklich ein pfundschweres Packet. Er wog es unschlüssig in der Hand. Es fühlte sich weich an und roch nicht unangenehm. End-
gegen Helgoland eingetauscht hat. Im Uebrigen richtet sich der nationale Chauvinismus bei uns nicht gegen ein auswärtiges Land, sondern gegen einen Theil der Bevölkerung Deutschlands selbst: gegen die Polen. Die Mehrheit des deutschen Volkes will von dieser Hetze nichts wiffen, und wenn es auch nicht so stände, so hätte das Ausland doch nichts davon zu besorgen. Wollen aber etwa die Regierenden, entgegen dem Volkswillen, in Deutschland den Krieg? Auch diese Frage muß entschieden verneint werden, und es würde ein hohes Maß von Unehrlichkeit oder Verbohrtheit dazu gehören, wenn man irgendwo an der Friedensliebe des deutschen Kaisers und der deutschen Fürsten noch Zweifel äußern wollte. Deutfchland darf um so eher seiner Entschlossenheit, den Frieden aufrechtzuer- halten, lauten Ausdruck verleihen, als es im Verein mit seinen Verbündeten auch stark genug ist, um vor einem Kriege nicht zu zittern und schon durch diese Stärke auch Anderen, wenn sie etwa weniger friedliebend sein sollten, doch eine heilsame Scheu vor dem Friedensbruche beizubringen.
Weshalb sollte überhaupt Deutschland einen Krieg erstreben? Etwa um Eroberungen zu machen? Deutschland ist, um mit dem Fürsten Bismarck zu reden, gesättigt. Es hat genug damit zu thun, das zurückgewonnene Elsaß-Lothringen auch innerlich wieder ganz für sich zu gewinnen. Jede Eroberung ftemden Landes würde Deutschland nicht stärken, sondern schwächen. Wir wollen behaupten, was uns gehört — mehr wollen wir nicht. Wir wünschen nichts Anderes, als daß die bestehenden Machtverhältnisse in Europa erhalten bleibdn, und außerhalb Europa's begehren wir auch weiter nichts, als daß die deutschen Interessen nicht verletzt werden, an Landerwerb aber denken wir nicht, denn wir haben an unseren Kolonien gerade genug.
Jn Frankreich"gibt es nun allerdings sonderbare Leute, die vielleicht nicht im Besonderen von Deutschland, aber von dem Drei Kunde in seiner Gesammtheit eine Kriegsgefahr befürchten oder — zu befürchten vorgeben. Nun ist das schon an sich ganz unsinnig, denn der Dreibund ist, wie männiglich bekannt, nicht zum Angriffe, sondern zur Vertheidiqung, zum gegenseitigen Schutze gegen ftemde Angriffe gegründet worden. Wollte z. B. Oesterreich einem russischen Vorgehen gegen Bulgarien mit den Waffen in der Hand entgegentreten, so würde das Deutschland noch keinen einzigen Mann kosten. Und wenn etwa Italien mit Frankreich anbinden sollte, um Nizza zurückzuerwerben, so müßten Oesterreich und Deutschland es seinem Schicksale überlassen. Aber sind Oesterreich und Italien überhaupt zum Kriege geneigt? Oesterreich wird sicherlich nicht anfangen, und was Italien anbetrifft, so käme hier doch nur die Möglichkeit in Betracht, daß die irredentistische Bewegung einmal Oberwasser bekäme. Diese Bewegung würde sich dann aber keineswegs darauf beschränken können, nur die vormals italienischen Gebietstheile Frankreichs zurückzuverlangen, sondern sie würde sich sogar in erster Linie gegen Oesterreich kebren, das von allen italienischen Jrreden- lich öffnete er das Packet, seine Pupillen erweiterten sich, starr ruhte sein Auge auf — einem Stück köstlichen kalten Schweinebratens! „Wer hat Dir das gegeben?" fuhr er Anton an.
„Ein Fräulein!" sagte Anton ganz bestürzt. „Als ich ihr sagte, der Herr, dem sie in die Kaserne geschrieben, habe Zahnschmerzen, holte sie dies Packet, sagte, ich möchte schön grüßen und dann ging ich!"
Anton hütete sich wohl, seinen Botengang für Knollstiebel zu erzählen. Aber jetzt brach die Wuth los. Ihm, dem Königlichen Premierlieutenant, ein Stück Schweinebraten zu schicken, unerhört! All sein Groll fiel auf den unglücklichen Anton und ehe dieser zur Seite springen konnte, flog ihm das Stück Schweinebraten ins Gesicht, er selbst zur Thür hinaus und diese mit Donnergekrach hinter ihm ins Schloß. Draußen aber saß Anton nach einer kleinen Weile ganz vergnügt schmunzelnd und verzehrte zu einem Stück Kommißbrod und einem großen Nordhäuser Jette's Liebesgabe! — Arme Jette!---
Der Abend kam. Es regnete stark und dunkle Wolken standen am Himmel. Minona war allein mit ihrem pochenden Herzen. Frau von Krach und Bellona, Minona's jüngere Schwester, hatten sich durch das schlechte Wetter von ihrem Besuche nicht abhalten