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M 140 Freitag, den 21. Juni 1895 22. Jahrgang

FMaerMZeitulig

mit Urrterhaltirngs-Kettagr „Sterne und Hlumrn".

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Zur Eröffnung des Nordoftsee- Kanals.

Unter großem Gepränge und unter der Betheiligung aller seefahrenden Nationen Europas, sowie der nord­amerikanischen Union wird heute (Donnerstag) der Schlußstein zum Nordostseekanal gelegt und das gewaltige Werk sodann dem Verkehr übergeben, für den es bestimmt ist. Damit wird ein Jahrhunderte altes Streben endlich der Erfüllung zugeführt. Zwar hatte schon der im Jahre 1398 eröffnete Stecknitz- kanal und der 1784 eröffnete Eiderkanal die beiden deutschen Meere verbunden, aber ihre Leistungsfähig- keit war gering, und selbst der neuere Eiderkanal war größeren Seeschiffen unzugänglich. Nur etwa 1500 Schiffe benutzten ihn jährlich in durchgehender Fahrt, während der Schiffsverkehr allein durch den Sund sich auf mehr als 30,000 Schiffe mit rund 16 Millionen Tonnen stellt. Mr die weitaus überwiegende Mehr­heit dieser Schiffe bedeutet der jetzt vollendete Nord­ostseekanal eine Abkürzung ihres Seeweges um Hunderte von Seemeilen. Dazu kommt das schwerwiegende Moment, daß der Kanal auch das Risiko sehr herab­mindert. Wenn man bedenkt, daß die Zahl der Strandungen bei der Fahrt um Skagen in den letzten drei Jahrzehnten über 10,000 betrug, so wird man annähernd ermessen können, wie werthvoll der Kanal auch dadurch ist, daß er zahllose Unfälle verhüten wird.

Die Bedeutung des Kanals für den Ver­kehr, für Handel und Gewerbe liegt also auf der Hand. Freilich läßt sich heute noch nicht Voraussagen, ob der Verkehr durch den Kanal in den ersten Jahren den Erwartungen entsprechen wird; in Rhederkreisen werden die für die Benutzung des Kanals festgesetzten Gebühren als zu hoch bezeichnet, und das mag nebst der lieben Gewohnheit in den ersten Jahren noch manchen Rheder bestimmen, seine Schiffe nach wie vor den gefahrvollen Umweg um Skagen machen zu lassen. Da aber die Seeunfall-Versicherungs­gesellschaften jedenfalls für die Fahrten um Skagen bedeutend höhere Prämien fordern werden, als für diejenigen durch den Kanal, so werden auch die an­fangs Widerstrebenden mit der Zeit wohl einsehen, daß es doch gerathener ist, den Kanal zu benutzen. Die Rücksicht auf das Schiffspersonal müßte ohnehin dazu veranlassen; aber dergleichen „sentimentale An-

Jn den nächsten Tagen werden wir mit dem Abdruck des interessanten und spannend geschriebenen Romans

IW- Um Gut und Blut

aus der Feder des rühmlichst bekannten Schriftstellers M. Benno beginnen. __________________________________________

z Das mhiingnWMe stcndkWlls.

In einer kleinen Stadt des preußischen Nordens lagen ein Regiment Fußtruppen und ein ebensolches der Kanonensoldaten in Garnison. Der Kommandeur der ersteren, Oberst von Breitschwert, war eine jovial an­gelegte Natur und führte mit seinem hübschen, viel­umworbenen Töchterlein und dessen Gesellschaftsdame ein behagliches Wittwerleben; der Artillerie-Komman­dant, Obe: st v. Krach, glücklicher Vater zweier holder Wesen, die bereits das Rosenalter überschritten hatten, litt schwer unter dem Unmuthe seiner ob des gefürch­teten Sitzenbleibens ihrer Töchter bangenden Gemahlin. So konnte es auch nicht ausbleiben, daß das früher zwischen den beiden Familien bestandene freundschaft­liche Verhältniß sich allmählich trübte und auch seine Schatten auf die dienstliche Umgebung derer v. Breit- schwerdt und v. Krach hinüberwarf. Wie leicht denk­bar, war daS liebreizende Töchterchen des alten von Breitschwerdt, Klärchen, in allen Cirkeln die Sonne, um welche die jüngeren Herren Lieutenants ihre Kreise

Wandlungen" pflegt man bei den Rhedern ja nicht zu finden.

Neben der friedlichen kommt auch die kri ege rische Bedeutung des Kanals in Betracht. Man denke sich, wir wären in einen Krieg nach zwei Fronten, mit Frankreich und Rußland verwickelt. Unsere Flotte müßte sich theilen, um sowohl die Ostsee- wie die Nordseeküste gegen feindliche Angriffe schützen zu können. Jeder Theil für sich wäre nun aber dieser Aufgabe sicherlich nicht gewachsen. Der Kanal aber bietet die Möglichkeit, daß sich Nord- und Ostseeflotte jederzeit sehr rasch gegenseitig nach Bedarf verstärken oder, ge­gebenen Falles, auch ganz vereinigen können, was — ganz abgesehen von den Flotten des Feindes und dem Zeitverlust — bei der Fahrt um Skagen Dänemark stets leicht hätte verhindern können. Den Kanal im Rücken, ist unsere Flotte auch im Stande, ein feind­liches Geschwader an dem Ausgang aus der Ostsee zu verhindern. Damit ist die Zahl der strategischen Vor­theile, die uns der Kanal bietet, nicht erschöpft; es würde aber über den Rahmen dieses Artikels hinaus­gehen, diese einzeln aufzuführen.

Aber nicht nur durch seine wirthschaftliche und militärische Bedeutung rechtfertigt der Kanal die Beachtung, die ihm in der ganzen Welt gezollt wird: schon als Bauwerk an sich muß er die größte Be­wunderung erregen. Er wetteifert mit dem Suezkanal und dem in der Ausführung stecken gebliebenen Panama­kanal, die er beide im Querschnitte übertrifft. Seine Länge beträgt 98,6 km, und auf dieser ganzen Strecke hemmt keine einzige Schleuse den Verkehr. Nur an den beiden Mündungen sind zwei Endschleusen ange­bracht, die den Kanal vor den Fluthbewegungen der See zu schützen haben, aber einen großen Theil der Zeit (die östliche bei Holtenau säst immer, die west­liche bei Brunsbüttel an der Elbe täglich wenigstens 6 Stunden) ununterbrochen offen gehalten werden können. Diese Schleusen allein sind Wunderwerke der Jngenieurkunst, Doppelschleusen mit zwei 150 m langen und 25 m breiten Kammern, welche für unsere größten Kriegsschiffe, die nicht über 116 m lang und 20 m breit sind, bequem ausreichen. Sehr erschwert wurde sowohl der Bau der Schleusen wie der des Kanals selbst durch das nachgiebige Erdreich, theilS losen Flug­sand, theils moorigen Untergrund; um diese Schwierig­keiten zu überwinden, mußten ganz neue Systeme er­funden werden.

Zwei gewaltige Hochbrücken bei Grünenthal und bei Lewensau führen über den Kanal, beide aus einem einzigen eisernen Bogen bestehend, der 156 m bezw. 164 m lichte Spannweite zeigt, die weiteste in Deutsch­land. Im Uebrigen wird der Eisenbahnverkehr mittels hydraulischer Drehbrücken, der sonstige Verkehr durch große Fähren über den Kanal geleitet. Jene Hoch­brücken find nicht weniger als 42 m hoch über den Wasserspiegel hinübergesührt, lassen also selbst die größten Dreimaster ohne Anstoß durchpassiren. Ueber-

zogen, zum größten Aerger Minona's, der älteren derer von Krach, welche um jeden Preis einen aus der Schaar der Marssöhne zu erobern gedachte; sie hatte ihr Auge auf den auch nicht mehr zu jugend­lichen Premierlieutenant von Jobsthausen geworfen. Durch Zufall hatte es sich gefügt, daß die Beiden auf einer Promenade zusammentrafen, wo sie von näheren Bekannten mehrfach gesehen werden mußten. So kam es, daß man bald hier und dort von einem Verhält­nisse zwischen Beiden munkelte, wohingegen der Edle von Jobsthausen nicht im Entferntesten an ein solches dachte. Minona aber war fest entschlossen, ihn um jeden Preis an sich zu fesseln. Und hierzu wählte sie ein ihrer Meinung nach sicheres Mittel: sie wollte ihm ein Rendezvous geben. Dabei mußte er sich erklären.

So kam ihr die Einladung ihrer Mutter und Schwester zu einer Soiree bei einer befreundeten Familie ganz gelegen und sie säumte nicht, ihren Plan auszuführen. Noch ehe die Frühstücksstunde schlug, war ein Billetchen, adressirt an den „Herrn Premier­lieutenant von Jobsthausen, Hochwohlgeboren", auf dem Wege nach der Kaserne. Als dieser Mittags nach Hause kam, überreichte ihm Anton, sein Bursche, einen soeben für ihn cingetroffenen Brief. Er sei in die Kaserne gekommen, der Feldwebel aber habe ihn sofort mit einer Ordonnanz hergeschickt. Der arme

Haupt ist dafür gesorgt, daß die größten Schiffe de» Kanal befahren können, denn er ist nicht weniger als 60 m breit und 9 m tief und außerdem sind an sechs Punkten breite Ausweichstellen von 400 m Länge und 100 m Breite angelegt.

Zur feierlichen Eröffnung des Kanals haben sich im Äieler Hafen Kriegsflotten aller Völker, soweit sie für uns in Betracht kommen, eine Flotte, wie sie ins- gesammt in dieser Stärke noch nie versammelt war, friedlich vereinigt. Nur in einer Zeit gesicherten Friedens ist solch' eine Feier möglich. Möge uns dieser Frieden noch recht lange — wenn eS nicht auf ewig sein kann — bewahrt bleiben und der Nord­ostsee-Kanal nur den Werken des Friedens dienen!

Deutsches Reich.

Berlin, 19. Juni.

* Der Kaiser ist mit den vier ältesten Prinzen heute Vormittag 11>/» Uhr nach Hamburg abgereist. Die Kaiserin hat sich Nachmittags 2 Uhr nach Kiel begeben.

* Wie der ,Danz. Ztg.' berichtet wird, hätte Gladstone gelegentlich seiner Anwesenheit in Hamburg den Wunsch ausgesprochen, dem Fürsten Bismarck einen Besuch abzustatten; dieser habe aber nicht das entsprechende Entgegenkommen gezeigt. — Bestätigung bleibt abzuwarten, wenn auch ein solches Benehmen dem Herzog von Lauenburg wohl zuzutrauen ist.

(*) Fürst Bismarck hat es abgelehnt, an der Kanal­feier theilzunehmen, und auch sein Sohn Herbert be­findet sich nicht unter den 310 Reichstagsabgeordneten, die an den Festen theilnehmen. Die Dynastie Bismarck ist verstimmt, und es wird zu ihrer Aufheiterung sicher nicht beigetragen haben, daß der ,R eich san zeig er' — ganz wie in der ersten Zeit des „neuen Kurses"— das schwere Geschütz der Veröffentlichung eines kaiser­lichen Schreibens gegen seine neuliche Hetzrede aufge­fahren hat. Wie gründlich sind nun die enthusiastischen Schwärmer blamirt, die vor Kurzem am 80. Geburts­tage sich so schmählich in den April schicken ließen. Wir haben damals erklärt, es werde sicher nicht lange dauern, bis man wieder zu der Erkenntniß komme, daß der „Einsiedler im Sachsenwalde" grimmiger und unversöhnlicher denn je ist — trotz der Flasche Stein­berger Kabinet.

* Der Parlamentszug zur Kanalfeier mit den Reichstags-Abgeordneten und den Abordnungen der Landtags-Abgeordneten ist heute Nachmittag 2 Uhr 15 Minuten vom Lehrter Bahnhofe nach Ham­burg abgefahren. Die Abgeordneten, die zum Vor­stande des Reichstags und des Landtags gehören: Präsidenten, Schriftführer und Abtheilungsvorsitzende, hatten schon mit einem früheren Zuge Berlin verlassen.

* Zur preußischen Finanzlage kündigen die ,Berl. Pol. Nachr.' eine weitere Verbesserung seit den letzten Mittheilungen des Finanzministers an. Dieser Lieutenant starrte den Brief an, als sei sein Absender einer seiner hartnäckigsten Gläubiger und sein Inhalt eine grobe Variation des alten Themas „Bezahle." — Aber darauf deutete weder das Format, noch das feine Papier, noch endlich die etwas krausen Buchstaben hin. Er nahm ihn endlich mit spitzen Fingern und trug ihn in sein Zimmer, aber ihn aufzumachen — dazu konnte er sich noch nicht entschließen. Erst als er seine ge­liebte Pfeife zwischen den Lippen hatte und aus ihrem Rohre Beruhigung in Gestalt lichtblauer und stark­duftender Rauchwölkchen sog, streckte sich seine Hand aufs Neue nach dem Briefe aus, und nachdem er ein paarKMal laut aufgeseufzt und ein Dutzend starke Wolken gegen die Zimmerdecke geblasen hatte, öffnete er ihn. Und da las er denn:

„Hochgeehrter Herr! Der Himmel war uns am Samstag Abend neidisch; er trennte uns, noch ehe die Welt unserer Empfindungen die Pforte der Lippen gefunden hatte. Mein sehnendes Herz ahnt ttotzdem, was das Ihrige bewegt. Befreien Sie es endlich von seiner süßen Last. — Mein Mitleid mit Ihnen treibt mich dazu, Ihnen die gewünschte Gelegenheit zu geben. Ich bin heute Abend allein und werde, auf Ihre Ehrenhaftigkeit vertrauend, Sie heute Abend um neun Uhr erwarten. Minona von Krach."

Der Brief entfiel den Händen des Edlen v. Jobst­hausen, das Mundstück der Pfeife seinen bebenden