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Donnerstag, den 20. Juni 1895 .

22. Jahrgang

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mit U«trrhalt«ngs Settagr „Sterne «ud Slirmrn"

Sonn. «Nb «eiertaae ausgenommen. — Vierteljährlicher Abonne mentSprei« ohne Bringerlohn und Bestellgeld m Fulda und auSwärt, 1 «art 50 Mennig. (Erfdjetnt tä8.t^«onn^ ^ie «nipaltige Sarmondzeile oder deren Raum 15 Ps., Reklamen die Petitzeile 25 Pf-, bei Wiederholungen entsprechender Rabatt.

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Die ,Fuldaer Zeitung, behandelt die neuesten Tagesfragen in allgemein verständlicher Weife. Die politischen Nachrichten sind kurz und übersichtlich zufammcngestellt, den lokalen und provinziellen Vorkommnissen wird große Sorgfalt gewidmet, und aus ein spannendes, sittlich reines Feuilleton besonders Gewicht gelegt. Zahlreiche zuverlässige Mitarbeiter in Berlin sowie in der Provinz setzen uns in den Stand, über alle wichtigen Er­eignisse bedeutend früher zu berichten, als die anderen hiesigen Blätter. Die __________

Fuldaer Zeitung SS

ist unter den in Fulda wöchentlich mehrmals erscheinenden Blät­tern das w e i t a u s g e l e s e n st e Blatt und eignet sich deshalb auch ganz besonders als Jnsertionsorgan. Anzeigen sind von sicherer Wirksamkeit.

Neu hiuMeteude Abonnenten KLW tion (Fuldaer Aktiendruckerei, Harmonie) die Postgulttung zusenden die Zeitung vom Tage der Bestellung an bis Ende Funi unentgeltlich und franko unter Kreuzband. Da wir gerade in den nächsten Tagen mit dem Abdruck eines neuen Feuilletons beginnen werden, empfiehlt es sich diesmal ganz besonders, von dieser Vergünstigung Gebrauch zu machen. _

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fly Wir laden unsere Leser zu recht zahlreichem Abonnement ein und richten zugleich an fie die Bitte, uns in der Gewinnung neuer Abonnenten durch Empfehlung in Freundeskreisen nach Kräften z» unterstützen.

Fulda, im Juni 1895.

Redaktion und Verlag der,Fuldaer Zeitung'.

& Nachklänge zu dem Aachener Prozeß, ui.

In unserem ersten Artikel sprachen wir die Hoff­nung aus, daß auch bei unseren Gegnern bei den Er­örterungen über den Aachener Prozeß und seine Folgen allmählich das ruhige Blut wieder die Oberhand gewinnen möge. Diese Hoffnung scheint zum Theil bereits in Erfüllung zu gehen, indem die oberoffiziöse ,Nordd. Allg. Ztg.', sowie auch die orthodox-konser-

Jn den nächsten Tagen werden wir mit dem Abdruck des interessanten und spannend geschriebenen Romans _____

MW- Um Gut und Blut

aus der Feder des rühmlichst bekannten Schriftstellers M. Benno beginnen. ______________

* Die Uhr des Kardinals.

„So, Hannes, und jetzt spute Dich, daß Du mir nicht am Ende noch gar zu spät kommst zum geistlichen Herrn, gib fein Acht auf Alles, was er Dir sagt, und folg' ihm aus's Wort, er meint es ja so gut mit Dir!

Jung Hannes hatte die letzten Worte seiner Mutter nicht mehr gehört; flink wie ein Reh war er über die Thürichwelle gesprungen und dem Steige entlang auf den Feldweg geeilt, der von seinem Heimathsorte, dem schlesischen Dorf Wiese, in das benachbarte Seifersdorf führte. Die Mutter des Jungen, eine Frau mit fein- geichnittenen Zügen, aus welchen Liebe und Anmuth sprachen, blickte dem Davoneilenden zärtlich besorgt einige Zeit nach und eilte dann in die große Haus­stube, um ihrem Maune, der am Webstuhle emsig arbeitete, hilfreich zur Hand zu sein. Hannes war das einzige Kind der beiden Webersleute, welche es durch Fleiß und Frühaufftehen bis zu einer gewissen Wohl­habenheit gebracht hatten, so daß sie gar daran denken konnten, den Hannes studiren zu lassen, was bei der

vativen Blätter, ,K r e u z z t g.' und ,R e i ch s b o t e' schon einen ganz anderen Ton anschlagen, als in den ersten Tagen. , . .

Die ,Nordd. Allgem. Ztg.' hatte anfangs „einige minder haltbare Tagesleistungen eines Redakteurs" ge­bracht, während in ihrem neuesten Artikel offenbar ein Höherer das Wort nimmt. Dieser Artikel warnt ins­besondere vor Einseitigkeit und Uebertreibun- g e n. Bor ein paar Jahren, so heißt es da, habe der Hintertreppen-Roman, nachdem das Thema der in Klosterkellern eingemauerten Nonnen allmählich die Zugkraft verloren hatte, sich plötzlich auf die Geheim­nisse gestürzt, die angeblich hinter den Gittern der Heil- und Pflege-Anstalren für Geistesgestörte ver­borgen sein sollten. Geachtete Zeitschriften hätten ihre Spalten für Enthüllungen hergegeben, in denen der halbwegs Kundige sofort das phantasievolle Ela- borat eines gewissenlosen Zeilenschreibers erkannte, dem ein irgendwo aus dem Dienst ent­lassener Wärter mit seiner Personen- und Sach- kenntniß zur Seite gestanden haben mochte. Leiden­schaftliche Partei-Agitation habe in den letzten Jahren noch weiter dazu beigetragen, das Urtheil über die Jrrenpflege und die Irrenanstalten zu verwirren. Es fei erstaunlich, bis zu welchen Bildungsstufen hinauf sich die Nachwirkungen der ebenso dreist wie grundlos vorgebrachten Behauptungen über die Leichtigkeit, Jemand in eine Irrenanstalt zu bringen, konstatiren ließen, und mit welcher frivolen Leicht­gläubigkeit derartige bösartige Märchen- Erzählungen ausgenommen und weitergetragen wurden. Komme nur ein Fall vor, der in dieser oder jener Hinsicht der vorgefaßten ungünstigen Meinung Recht zu geben scheine, so werden daran sofort eine Menge Uebertreibungen, Verallge­meinerungen und unlogische Schlußfolge­rungen geknüpft. Um so mehr sei es Pflicht, unbe­fangen die Frage zu prüfen, wie für vorhandene Miß­stände Abhilfe geschaffen werden kann. Die Behandlung der Irren und Nervenkranken sei ä u ß e r st schwierig. So leicht es sei, den theoretischen Satz aufzustellen, daß so lange wie möglich kein Zwang angewendet werden soll, so viel Schwierigkeiten mache die praktische Anwendung im einzelnen. Die Kranken selbst -hätten immer über ihre Wärter zu klagen, selbst wenn diese Engel an Geduld und Dienstwilligkeit wären. Den ganzen Tag über habe das Pflegepersonal sich auf grund­lose Vorwürfe, Schimpfreden und allerlei kleine Bosheiten gefaßt zu halten. An das Wartepersonal einer Irrenanstalt müßten in Bezug auf Einsicht, Takt, Temperament und Charakter ungewöhnliche Ansprüche gemacht werden. Der Dienst aber sei mit vielen Unan­nehmlichkeiten und Widerwärtigkeiten verknüpft. Sollten tüchtige Leute gewonnen werden, so müßten auch be­deutende Mittel zur Verfügung stehen. Mißgriffe würden auch bei den tüchtigsten Wärtern weiten Entfernung Wiese's von Olmütz, wo damals — man schrieb 1820 — das nächste Gymnasium war, schon ein bedeutender Entschluß war. Sie wurden in diesem ihrem Vorhaben bekräftigt durch den damaligen Kaplan des nahen Seifersdorf, wohin Wiese eingepfarrt war, der aus den klugen Augen des Knaben und seinen noch klügeren Antworten in der Schule heransgelesen hatte, daß vielleicht einmal gar noch etwas mehr als ein einfacher Webermeister aus ihm werden könnte. Er hatte sich deshalb auch den Eltern des Hannes erbötig gemacht, den Jungen in seinen Vorbereitungs - Kurs, der die Disziplinen der ehemaligen dritten städtischen Hauptschulkasse umfaßte, aufzunehmen. Diese sogen. „Extrastunde" besuchten die fähigsten Knaben des Dorfes, und zwar die Kinder wohlhabender Leute gegen geringes Entgelt; die Söhne ärmerer Leute unterrichtete der selbst arme Kaplan um Gottes willen.

Die Mutter des Hannes war überglücklich; war sie ja dadurch der Erfüllung des Lieblingswunsches einer frommen Mutter mit einem Male fo nahe gerückt: ihr einziges Kind, ihr Sohn, den sie mit der ganzen Innigkeit der Mutterliebe umfaßte, konnte nun Geist­licher werden, konnte das hehrste Opfer einmal selbst für sie darbringen.

Beide Eheleute verdoppelten ihren Fleiß, so daß sie dem Hannes, als er nach Absolvirung des Vor­bereitungs-Kurses zum Gymnasium nach Olmütz ein­rückte, ein Kapital von 2000 Gulden anlegen konnten,

vor kommen. Von der Persönlichkeit des Leiters der Anstalt hänge außerordentlich viel, vielleicht das meiste ab. Mit bloßem Reglementiren sei wenig auszurichten.

Das ist der Hauptinhalt des neuesten Artikels der ,Nordd. Ällg. Ztg.', die bekanntlich die Aufgabe bat, die Ansichten der Regierung und speziell des Reichskanzlers zur allgemeinen Kenntniß zu bringen. Es unterliegt wohl keinem Zweifel, an welcher Stelle dieser Stelle geschrieben worden ist, der wohl auch schon als eine vorläufige Antwort auf die Interpellation Sattler und Genoffen betrachtet werden darf.

Wenn die orthodox-protestantisch en Blätter, ,Reichsbote' und ,Kreuzztg.' jetzt ebenfalls zur Einsicht kommen, daß die „Entrüstung" über die Vorgänge in Mariaberg einen ganz anderen Hintergrund hat als „menschliches Empfinden und Mitleid mit den armen Irren", so ist diesen Blättern der Staar gestochen worden durcb die Erkenntniß, daß der Sturm die von den Diakonissen und Diakonen geleiteten Anstalten am schwersten treffen würde. Der .Reichsbote', der Anfangs gar bissige Artikel gegen die katholischen Orden mit wohlgefälligem Behagen abdruckte, ereifert sich jetzt gegen die „naturalistifche Presse", welche die „brutale Behandlung der Irren in Maria­berg" dazu ausbeute, um auf alle christlichen Krankenanstalten einen Makel zu werfen und die christliche Barmherzigkeit als heuchlerische Phrase dar­zustellen. Ja, wenn die „naturalistifche Presse" sich darauf beschränken wollte, bloß die „römischen" An­stalten anzugreifen, dann hätte der brave ,Reichsbote' nichts dagegen einzuwenden!

Aehnlich ergeht es der ,K re uzzeitung', welche sich jetzt folgendermaßen vernehmen läßt: „Gegenüber dem offensichtlichen Bestreben der liberalen Presfe — wir fügen hinzu auch der freikonservativen und eines großen Theiles der konservativen Presfe, von dersozial- demokratischen ganz zu schweigen! — die Vorgänge im Alexianerkloster lediglich zu kulturkämpferischen Zwecken auSzubeuten, halten wir es für nöthig, ohne unserseits die haarsträubenden (!) Ergebnisse des Pro­zesses Mellage irgendwie vertuschen zu wollen, doch auch frühere Vorkommnisse ähnlicher Art in das Gedächtniß des Publikums zurückzurufen zum Beweise dafür, wie sehr auch in diesem Falle das „peccatur intra muros et extra“ („Es wird überall gesündigt!") sich bewahrheitet, mögen nun Katholiken (oder Pro­testanten) oder Juden die Betheiligten sein. Die .Kreuzztg.' fährt dann fort:

Im Oktober 1889 war Dr. Morris de Jonge (protestantisch getaufter Jude) bekanntlich auf Antrag seines Bruders (Jude) und auf Grund eines Physi- katsattestes des Dr. Baer (Jude) nach der Polizei beschicken und dort festgehalten und in eine Irren­anstalt geschafft worden. Es gelang ihm jedoch, durch Täuschung der Aerzte die Einwilligung seiner (jüdi- deffen Zinsen freilich zur Bestreitung der Studienkosten nicht ausgereicht haben würden, wenn nicht die gute Mutter öfters nachgeholfen und Hannes mit den Er­trägen felbsteigen gegebener „Extrastunden" zugebeffert hätte. > . u

Doch wir gehen vorläufig mit dem Hannes zur „Extrastunde" nach Seifersdorf.

Einige Minuten nach dem mittägigen Aveläuten kam Hannes zur Thür des freundlichen ebenerdigen Pfarrhofes von Seifersdorf, wo seine Mitschüler ihn bereits erwarteten. Mit gewissem Bangen, das selbst die Gewohnheit nicht zu scheuchen vermocht hatte, traten sie durch den Korridor in die Stube des Kaplans ein. Dieser, ein zumal beim Unterrichte gar strenger Herr, hatte sie erwartet und begann allfogleich mit der Unter­weisung. Doch währte es nicht gar lange, so kam der Meßner und,meldete dem Kaplan, daß er dringend zu einem Schwerkranken in das nächste Dorf verlangt werde. Mit wenigen Worten bezeichnete der Kaplan seinen Schülern, die er nicht gern schon entlassen mochte, eine Aufgabe, die sie während feiner Abwefenheit zu machen hätten. Als er schon reisefertig an der Thür stand, kehrte er zurück, legte seine Sackuhr auf den Tifch und bedeutete ihnen, daß sie nach Vollendung der Aufgabe sich entfernen könnten, wenn der Zeiger auf der Bier stände. Damit eilte er, seiner Pflicht zu genügen. Die Jungen arbeiteten frisch darauf los und Hannes war als der Aufgeweckte auch der Erste