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Jfi 138

Mittwoch, den 19. Juni 1895

22. Jahrgang

FuldakrMZtitüiig

mit Unterhaltung» Keilagr „Sterne und Klnmen"._________________

Dom 15. Imi ad

nehmen alle Postanstalten Bestellungen aus die ,Fuldaer Leitung' für das dritte Vierteljahr 1895 an.

Neu hinzutretende Bezieher erhalten gegen Einsendung der Postquittung für das dritte Vierteljahr 189o die .Ful­daer Zeitung' bis . .

Ende Juni kostenfrei

übermittelt.

Nachklänge zu dem Aachener Prozeß. 11.

In den Punkten, in denen die Alexianerbrüder in Aachen zu tadeln sind, haben wir und mit uns die gesammie katholische Presse diesen Tadel rückhaltlos ausgesprochen. Manches mag ja auch diesen Tadel verdienen, indessen muß man der .Deutschen Reichs- zeittmg' zustimmen, wenn sie schreibt, es scheine fast, als ob die gesammte Presse etwas viel Eifer ent­wickele beim Ausdrucke ihres Abscheues über unrichtige Handlungen einzelner Brüder. So viel ist sicher, die liberalen Zeitungen würden nicht die Hälfte des Eifers entwickeln, wenn es sich um die Anstalt irgend einer liberalen Koryphäe, etwa um die des famosen Waisen­hausvaters Robin, der die Waisenkinder zur fteren Liebe vorbereitete, handeln würde.

Die katholische Presse ist in dieser Beziehung be­deutend ehrlicher, ja mit einer gewissen catonlschen Wuth der Ehrlichkeit werden Fehler an unsern Ordens­leuten gerügt und zwar so, daß man triftige Ent­schuldigungen übersteht, die man aus Gerechttgketts- gefühl nicht außer Acht lassen sollte. Und was ist der Erfolg? Trotz alledem werden wir von der liberalen Prefse angefahren, als fuchten wir die Sache zu ver­tuschen, als wären wir und die ganze katholische Kirche verantwortlich für die Ausschreitungen einiger Weniger. Man streicht die Kulturkampfsgeige, und heiter klingt der den liberalen Ohren so angenehme Tanz durch die Spalten jener Zeitungen, welche, wie sie vorgeben, aus reiner Menschenliebe — Humanität sagen sie — die katholischen Orden angreifen. Und mit welchen Mitteln? Man lese die ,Berliner Volksztg.' Da ist Forbes ein äußerst braver Mann, Rheindorff ist ein katholischer Missionär, der im Dienste der hl. Kirche nervös geworden ist und zum Lohne dafür von der­selben Kirche mißhandelt wird; alle die kleinen Ent­hüllungen über diese Herren Zeugen werden mit dem Mantel der Humanität zugedeckt, wenn es aber au die Brüder geht, dann hört die Humanität auf und ein grimmiges „crucifige“ ertönt. Ja, wenn die Brüder wenigstens so ein Vorleben hätten, wie ForbeS und Rheindorff, oder wenn sie wenigstens gegen die geistliche Obrigkeit tüchtig revolutionirten, dann könnte man sich an die Humanität erinnern, so aber — sie verdienen den liberalen Schutz nicht.

In den nächsten Tagen werden wir mit dem Abdruck des interessanten und spannend geschriebenen Romans

PM-" Um Gut und Blut

aus der Feder des rühmlichst bekannten Schriftsteller- M. Benno beginnen.

Belohnte Treue.

Novelle von C. Borges.

(Schluß.)

„Arnold — bist Du's wirklich?" stammelte sie endlich; „waS soll das bedeuten?"

„Es bedeutet, daß die tiefe Kluft, welche uns bis jetzt trennte, endlich überbrückt ist", versetzte er heiter. „Die schreckliche Nothwendigkeit, Dir fern zu bleiben, hat aufgehört. Jetzt kann ich meine plötzliche Abreise vor fünf Jahren erklären, ohne das feierliche Ver­sprechen zu brechen, welches ich damals Deinem Vater gab. Mein Liebling, wie war eS Dir nur möglich, in der langen, traurigen Zeit unserer Trennung mir treu zu bleiben?"

„Wie konntest Du — — ?" Sie hielt plötzlich inne. „Wo ist Graf Harffeldt?" unterbrach sie sich.

„Er hält Dich in feinen Armen", lautete die Ant­wort. „Edgar von Hartfeldt und Arnold Lister sind ein und dieselbe Person. Der Makel, der an meinem Namen haftete, der mich hinderte, meine rechtmäßige Stellung in der gefellschastlichen Welt einzunehmen,

ES war neulich ein Krankenbruder bei uns — so erzählt ein Geistlicher in oben genanntem Blatte — der zeigte uns seinen Hals; da hatte ihn ein Epileptiker an­gefaßt und gewürgt, man sah die Spuren. „Ja", sagte er, „was sollte ich machen, ich wußte mir nicht anders zu helfen, als ihn mit dem Schlüsfel auf die Hand zu schlagen, bis er los ließ." Jedermann wird sagen, der Bru­der hatte Recht. Nun stelle man sich aber vor, in einem Prozesse, wie dem in Aachen, bestätigen einige Zeugen, der Bruder so und so hat einen Kranken mit dem Schlüssel geschlagen, daß er blutete; das und nichts anderes kommt in die Zeitung, und Jedermann wird sagen, der Bruder hat Unrecht.

‘ Wir haben schon früher gesagt, daß in der Alexianer- anstalt Ausschreitungen vorgekommen sind, die wir ent­schieden verurtheilen, Ausschreitungen allerdings, die, wie uns von Kennern mitgetheilt wird, in mancher Anstalt Vorkommen dürsten, aber wir müssen doch hinzufügen, welch' ganz anderes Bild würde sich er­geben haben, wenn bei jeder einzelnen Mißhandlung vor dem Gerichte und nachher auch in den Zeitungen der Anlaß, aus welchem dieselbe stattgefunden, kon- statirt worden wäre! Bei wie vielen Fällen würde wohl das Publikum erklärt haben: Hier war der Bruder resp. Wärter im Rechte? Es sind uns Unsitt- lichkeiten von Seiten der Kranken von glaubwürdigen Leuten mitgetheilt worden, daß wir, die wir gewiß Feinde aller unnöthigen Zwangsmittel sind, sagen mußten: da war eine kalte Douche durchaus am Platze.

Die Medaille hat zwei Seiten, und wir haben vor Gericht und in den Blättern nur die eine gesehen. Daß dem Richter diese eine Seite für den eben ver­laufenen Prozeß genügt, das mag ja sein, aber für die öffentliche Meinung, für die Beurtheilung der Brüder genügt diese eine Seite absolut nicht. Wir möchten auch die andere Sette sehen. Dazu wird der Prozeß, welcher demnächst gegen die Brüder geführt wird, Ge­legenheit geben.

Aehnliche Betrachtungen stellt ein Mitarbeiter der ,Köln. Volkszeitung' an, welcher hervorhebt, daß den Alexianerbrüdern schweres Unrecht fast in allen Kreisen, in Rede und Schrift zugefügt wird. Er will keinen Mohren weiß waschen, verlangt aber auch, daß man der Gerechtigkeit die Ehre gibt, und möchte an alle Kritiker die Frage richten: Wie viele unter euch würden so viel Opfersinn und sittliche Kraft haben, auch nur drei Wochen die Arbeit zu leisten und das zu ertragen, was so ein Bruder Jahr aus Jahr ein trägt? Wer von euch hat je einmal auch nur einen einzigen Monat einen böswilligen Schwerkranken oder gar einen böswilligen Irren verpflegen müssen und hat das mit unverwüstlicher Geduld und Sanstmnth gethan, ohne auch nur ein einziges Mal empfindlich zu werden? Mehr wie neunzig Prozent von all' den Kritikern haben keine Ahnung davon, mit welch' einer ausgesuchten Bosheit und Schlauheit so viele Irren ist von mir genommen, und das Alles habe ich Dir zu danken, Du, meine treue Geliebte."

„Du bist Edgar von Hartfeldt?" stammelte Thekla verwirrt, „also Dein ebrlicher Name war es, den ich unbewußt von einem Makel befreien half? O! warum haft Du mir damals nicht Deine traurige Geschichte enthüllt, anstatt mich so plötzlich zu verlassen; ich würde Dir vertrant haben!"

„Ich würde Dir meine Vergangenheit erzählt und mein Geschick in Deine Hände gelegt haben, aber Dein Vater erlaubte es nicht."

„Mein Vater?"

„Ja! Einige vielleicht unbedachte Aeußerungen von mir erweckten seinen Argwohn; er wollte wissen, wes­halb ich, ein junger, kräftiger Mann, mich in der Landeinsamkeit in Burgfels vergraben wollte. — Erinnerst Du Dich jenes Tages, da wir die Partie nach dem Walde machten, und ich um Deine Liebe warb? Nach unserer Rückkehr rief mich Dein Vater in sein Arbeitszimmer, wo er mir unumwunden er­klärte, daß er mein Geheimniß entdeckt habe. — Aus alten Zeitungen Hatteer über den Mord meines Stief­bruders Robert und die späteren Gerichtsverhand­lungen gelesen, und fragte mich, ob ich Graf Edgar von Hartfeldt fei. Ich leugnete nicht; versicherte ihm hoch und heilig meine Unschuld an dem verübten Ver­brechen, — gestand ihm meine Liebe zu Dir und flehte um Deine Hand. — Dein Vater war gerecht, er er-

fort und 'fort ihre Umgebung zu peinigen suchen. ES bleibt eine himmelweit verschiedene Sache, als ein all­seitig bedienter Arzt die Kranken zu besuchen, Verordnungen zu geben und zu krttisiren, oder ober al- armer Bruder fort und fort in all' dem Schmutz und Elend zu weilen und all' den Widerwärtigkeiten die Stirne bieten zu muffen. Vor einigen Jahren besuchte ich ein Mal unter Begleitung des Bruder Vorstehers die Anstalt der Barmherzigen Brüder in Trier. Ich stand mit ihm einige Augenblicke in einem Saale der Abteilung für ruhige Irren, wo es recht gernüthlich aussah, wo man sich unterhielt und spielte. Wir standen kaum da, als sich einer der Irren unbeachtet mir rück­lings nahte und mir mit den Knöcheln seiner schweren Faust so schmerzlich auf die Schulter schlug, daß er draußen im Leben für solche Leistung wahrscheinlich einen gehörigen Puff zurück erhalten hätte. Dabei äußerte er schelmisch lächelnd den Wunsch: „Sag', gib mir 'mal Feuer!" Könnte man alle Irren-Anstalten Deutschlands in diesem Augenblicke zwingen, ihre innersten Angelegenheiten so rückhaltlos vor den Augen aller Welt preiszugeben, wie das die Alexianer in Aachen thun mußten, würden Vorsteher, Aerzte und Pfleger in einer so geradezu peinlichen Schärfe über alles ausgeforscht, was nur irgendwie einen Mißgriff verrathen könnte, dann würde es allen sinnlosen Schreiern und auch noch andern Leuten ergehen wie denen im Evangelium, die sich verkriechen mußten, als sie ans dem Munde des Herrn die Worte Hütten: „Wer ans euch ohne Sünde ist, der werfe den ersten Stein auf sie." Der Prozeß in Aachen ist auch eine Fügung Gottes, er wird ganz gewiß dazu beitragen, daß die charttativen Kongregationen sich in ihren Unter­nehmungen nicht mehr so überstürzen, wie das ihnen jetzt die Zeitverhältnisse vielfach fo nahe legen. Aber die Akten in Sachen der Alexianer sind noch lange nicht geschloffen, und später dürften manchen Kritikern noch die Augen aufgehen.

Deutsches Reich.

Berlin, 17. Juni.

* Der Kaiser empfing gestern Mittag den neuen Polizeipräsidenten von Berlin Herrn von Windheim in Audienz. Abends reifte der Kaiser nach München, um dort den Umbau und die Neuordnung der Schack- schen Gallerie zu besichtigen. Die Rückreise nach Pots­dam wird noch heute Abend erfolgen. Der Kaiser bewahrt in München das strengste Inkognito und steigt in der preußischen Gesandtschaft ab.

* Der Ceutrumsabgeorduete Thaddäus Conrad ist im 70. Lebensjahre in seinem Wohnorte Buchwald bei Bad Königsdorff-Jastrzernb, Kreis Rybuik, am Samstag gestorben. Er vertrat seit 1879 den Kreis Rybnik-Pleß im Abgeordnetenhaufe und war für den­selben Kreis seit 1893 Reichstagsabgeordntter. Seine

klärte mir, daß, wenn meine Unschuld nicht öffentlich vor der Welt bewiesen sei, ich keine Hoffnung hegen dürfe, Dich zu gewinnen. Ich konnte sie ihm nicht beweisen, und unter diesen Umständen zog ich vor, Burgfels noch in derselben Nacht zu verlassen. — Auf Deines Vaters Bitte gab ich das feierliche Ver­sprechen, nicht mit Dir in Verbindung zu treten, Dir nicht zu schreib«:, bis dieser grausame Verdacht von mir genommen sei. Ich habe mein Versprechen ge­halten, so schwer es mir auch geworden ist."

„Ich hatte nicht gedacht, daß mein Vater so hart­herzig sein könnte", fiel Thekla ein.

„Geliebte, zürne ihm nicht; er handelte nach bester Ueberzeugung und in Deinem Interesse. Ich kam mir vor, wie Ismael, der aus seiner Heimath ver­bannt war, denn auch ich mußte fliehen aus meinem Baterlande."

„Armer Edgar", flüsterte Thekla, „Du hast mich unendlich glücklich gemacht mit Deinem Bilde am Neu­jahrstage vor fünf Jahren."

„Der Gedanke, Dich so plötzlich verlassen zu muffen, war mir unerträglich. Ich konnte das kleine Bild senden und doch Deinem Vater das gegebene Ver­sprechen halten; wußte ich doch, daß Du die Bedeutung wohl verstehen würdest. ,

„Ich verstand sie nur zu gut, konnte mir ober Dein langes Schweigen nicht erklären." |

fl „Denke an mein Versprechen. Ich ßbehielt Dich