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JH 137

Dienstag, den 18. Juni 1895

22. Jahraang

uldacrWZcitiuig

mit Uuterhattrrngs Beilage ..Sterne und Klumeu".

LriLeriU tSalich Sonn- und Friertügk ausgenommen. — Vierteljährlicher SbonnementSPrei« ohne Bringerlohn und Bestellgeld in Fulda und auSwärt- 1 Mark 50 Mennig Inserate kosten die einspaltige Garmondzeile oder deren Raum 15 M., Reklamen die Petit,eile 25 Ps-, bei Wiederholungen entsprechender Rabatt.

6 Die Konvertirungsgerüchte wollen nicht verstummen. Herr Miquel hat sich zwar alle Mühe gegeben, um alle derartigen Besorgnisse der großen und besonders der kleinen Kapitalisten zu zer­streuen, trotzdem aber erhält sich diese Sorge und ver­stärkt sich sogar in dem Maße, wie die drerprozentigen Staats- und Reichs-Schuldverschreibungen im Kurse steigen. Nun haben am Donnerstag die preußischen Zprozentigen Papiere zum ersten Male den Kurs von 100 erreicht, d. h. den vollen Nenn­werth, und die Reichsanleihen vom gleichen Zinsfüße stehen auch bereits auf 99,30, nähern sich also eben­falls dem Nennwerthe. Die Beliebtheit der dreipro­zentigen Papiere ist also stetig gewachsen, was beson­ders ins Auge fällt, wenn man die Ausgabekurse derselben mit ihrem jetzigen Stande vergleicht.

Die „Beliebtheit" der Dreiprozentigen, um einen Börsenausdruck zu gebrauchen, beruht nun freilich nicht auf dem niedrigen Zinsfüße, sondern darauf, daß in den letzten Jahren die wirthschaftliche Lage sich ge­hoben, der Kapitalreichthum also zugenommen und da­durch das Angebot von Kapital auf dem Geldmärkte vermehrt, das Kapital „flüssiger" gemacht hat. Wie jedes steigende Angebot auf die Preise drückt, so ist auch das Kapital durch das stärkere Angebot billiger geworden, d. h. der Zinsfuß ist gesunken. Wenn sichere dreiprozentige Papiere al pari, d. h. auf ihrem Nennwerthe stehen, so heißt das, daß ein Kapital heute dann genau seinem augenblicklichen Werthe entsprechend angelegt ist, wenn es 3 v. H. Zinsen bringt, daß also der Zinsfuß von 3v. H. zur Zeit der natürliche ist. Das Reich und Preußen bezahlen demnach ihre 3*/8» und 4pr ozentigen Anleihen gegenwärtig zweifellos zu t heu er. Das ergibt sich auch daraus, daß zahlreiche Städte und Kreise mit ministerieller Genehmigung den Zinsfuß ihrer Anleihen auf 3 v. H. herabgesetzt haben, und daß die gleiche Maßnahme gegenwärtig auch von den Landschaften für die Pfand­briefe durchgeführt wird.

Vom Standpunkte der Reichs- und Staatsfinanzen und demgemäß natürlich auch vom Standpunkte der Steuerzahler müßte alfo die Konversion, die Umwandlung der 3l/a und Iprozentigen Anleihen in 3prozentige gefordert werden. Eine solche Maßregel würde auf lange Zeit hinaus jede Steuererhöhung unnöthig machen. Schon allein die Umwandlung der vier- in dreieinhalbprozentige Papiere würde nämlich für das Reich und die Einzelstaaten ein Ersparniß von über 60 Mill. Mk. an Zinsen jährlich zur Folge haben. Danach kann man sich ungefähr einen Begriff macken, wie groß die Zinsersparniß wäre, wenn auch die 3^/zprozentigen Anleihen auf den Zinsfuß von 3 v. H. gebracht würden. Unter diesen Umständen wun­dert man sich vielleicht, daß unsere Finanzverwaltungen bisher gezögert haben, ein so einträgliches Geschäft zu machen. Sie hatten aber doch Gründe genug zu ihrer

Belohnte Treue.

Novelle von C. Borges.

(16. Fortsetzung.)

Thekla athmete erleichtert auf. Dann bat sie den Arzt, auf ihre Kosten für eine gute Unterkunst der alten Frau zu sorgen, warf noch einen letzten Abschieds- dlick auf ihre entschlafene Dienerin und eilte die Treppe hinunter in den bereitstehenden Wagen, der nach wenigen Augenblicken vor dem Hause der Gräfin Falkmar hielt.

„Was wollen Sie jetzt mit dem Schriftstück thun?" ftagte die Gräfin, als Thekla ihre Erzählung beendet hatte.

„Sie sind seine Freundin, ich werde das wichtige Papeer in Ihre Hände legen," lautete die Antwort.

„Mein Sohn kennt den Aufenthalt des Grafen Edgar, er soll es ihm zustellen. Sie haben viel für meinen armen Freund gethan, und obgleich Sie ihm gänzlich fremd sind, wird er sich doch freuen, Ihnen seinen innigsten Dank auszusprechen."

„Was ich für ihn gethan habe, ist nicht mein Ver- ditnst," versetzte die Künstlerin bescheiden, „verschiedene Umstände trugen dazu bei, daß ich zu seinen Gunsten wirken konnte."

Wenige Tage später trat Gräfin Falkmar in den Salon der Künstlerin eim Ihre Augen strahlten vor

Zurückhaltung. Erstens einen taktischen Grund: die Konversion hätte natürlich der „Finanzreform" und der Tabakfabrikatsteuervorlage von vornherein jede Aussicht auf Annahme nehmen müssen. Zweitens aber auch schwerwiegende sachliche Gründe: eine staatliche Finanzverwaltung muß bestrebt sein, sich das Ver­trauen des Kapitals zu erhalten, und darum Geschäfte auf kurze Zeit und rasche und häufige Zinsänderungen ausschließen.

Außerdem kommt aber für den Staat noch ein höherer Gesichtspunkt in Betracht, nämlich die Rück­sicht auf die vielen kleinen Kapitalisten, wie z. B. auf die Wittwen und Arbeitsunfähigen, die von ihren be­scheidenen Renten leben müssen, ferner die Stiftungen und Wohlthätigkeitsanstalten, wie die Waisenhäuser u.s.f., die aus dem Ertrage gestifteter Kapitalien erhalten werden müssen. In derselben Lage befinden sich auch viele religiöse Genossenschaften, Kirchen und kirchliche Verwaltungen. Diese alle sind genöthigt und moralisch verpflichtet, ihre Kapitalien absolut sicher anzu­legen, und dazu eignen sich namentlich doch die Staats­papiere. Für diele Anstalten u.s.w. wäre die Zins­herabsetzung ihrer 3//,- und 4 prozentigen Staatspapiere ein überaus schwerer Schlag, der zahllose Hilfsbedürf­tige, wie Kranke, Arme, Altersschwache, Waisen u. s. w. mittreffen würde. Die Zinsherabsetzung hat also ihre zwei Seiten, und es muß sehr genau erwogen werden, ob gegenüber den vielen entgegenstehenden berechtigten Interessen das Finanz- und Steuerzahlerinteresse aus­schlaggebend sein darf.

Weit ist auch die Ansicht verbreitet, daß solche Zinsermäßigungen von Rechtswegen gar nicht einseittg vom Schuldner vorgenommen werden dürften. Dagegen läßt sich allerdings einwenden: wer heutzutage ein Papier kauft, weiß, daß er unter Umständen eine Zins­herabsetzung zu gewärtigen hat, gibt also durch den Kauf felbst stillschweigend seine Zustimmung zu allen folgenden Konversionen. Jedenfalls bleiben auch dann noch genug Bedenken gegen eine Konversion der 3*/,- und der 4prozentigen Reichs- und Staatsanleihen übrig, genug wenigstens, um erkennen zu lassen, daß man ohne die zwingendsten Gründe nicht zu einer so zwei­schneidigen Maßregel greifen sollte.

Deutsches Reich.

Berlin, 15. Juni.

* Der Kaiser begab sich heute, als am Todestage des hochfeligen Kaisers Friedrich, mit der Kaiserin nach dem Mausoleum zu Potsdam, legte dort Kränze nieder und verblieb einige Zeit in stiller Andacht. Später hörte der Kaiser im Neuen Palais einige Vorträge. Den übrigen Theil des Tages verbrachte das Kaiser­paar in Zurückgezogenheit. — Wie die .Deutsche Wochenzeitung in den Nieder!/ meldet, wird in holländischen Hofkreisen und in der dortigen gesummten Presse behauptet, Kaiser Wilhelm habe eine Ein- Freude und nur mit Mühe gelang es ihr, eine tiefe Bewegung zu verbergen.

„Es ist meinem Sohne nicht schwer geworden, den Grafen Edgar zu finden," begann sie, ihren Schütz­ling in die Arme schließend, „und seit langen Jahren habe ich ihn heute zum ersten Male wiedergesehen. Er ist jetzt mein Gast. Der arme Mann hat sich in der Zeit sehr verändert und ist kürzlich von einer schweren Krankheit genesen. Doch das Bewußtsein, daß endlich sein Name von jedem Makel befreit ist, hat einen anderen Mann aus ihm gemacht. Dies Alles verdankt er Ihnen; er weiß kaum, wie er feine Freude und Dankbarkeit ausdrücken soll und hat nur das eine Ver­langen, Sie so bald wie möglich zu sehen. Ich habe versprochen, eine Zusammenkunft in meinem Haufe zu veranlassen."

„Es freut mich, daß es mir gelungen ist, Jemanden glücklich zu machen, felbst wenn er ein Fremder ist," erwiderte Thekla mit trübem Lächeln.

Die Gräfin sah die Künstlerin glückstrahlend an, dann fuhr sie fort: „Edgar hat mir erzählt, wie er die letzten Jahre, in denen er für die Welt tobt war, zugebracht hat. Die Erzählung war für mich sehr interesiant, Sie muffen sie auch erfahren."

„Bedenken Sie, ich kenne den Grafen gar nicht; es hat für mich wenig Jntereffe, wie und wo er sein Leben zugebracht hat," wandte Thekla ein.

ladurig der Königin-Regentin zum Besuche Amster­dams angenommen und werde nach Ablauf der Nordlandreise, in Gesellschaft des Prinzen von Wales, einige Tage im Königlichen Schlosse zu Amsterdam zubringm.

* Der Vorstand des hier tagenden Kongresses der Ritter des eisernen Kreuzes hatte gestern eine Audienz beim Kriegsminister. Dieser erklärte, denKaiser habe es unallgenehm berührt, daß sich ein besonderer Bund der Ritter des eisernen Kreuzes gebildet habe; er könne eine Audienz beim Kaiser deshalb nicht befür­worten.

* Der neue Polizeipräsident von Berlin, Herr von Windheim, ist der ,Berl. Corr/ zufolge am 27. Juni 1857 zu Gr.-Oschersleben geboren. Er ist 1879 zum Gerichts-Referendar, 1881 zum Regierungs- Referendar und 1884 zum Regierungsassessor ernannt worden. Nachdem er im Januar 1886 mit der kom­missarischen Verwaltung des Landrathsamts Ragnit betraut worden war, wurde er im Juli desselben Jahres Landrath des Kreises. 1894 wurde er zur kommissarischen Beschäftigung in's Ministerium des In­nern einberufen und im April 1895 zum „charakterisirten" Polizeipräsidenten in Stettin ernannt, von wo er nun­mehr scheidet, um das Berliner Polizeipräsidium zu übernehmen. Herr von Windheim ist also noch nicht ganz 38 Jahre alt und man kann wohl sagen, daß er eine ganz ungewöhnlich rasche Barriere gemacht hat. Mit Kaiser Wilhelm II wurde er während seiner Dienstleistung im 1. Garde - Regiment z. F. bekannt, dem er als Reserveoffizier angehört.

* Der Oberführer der ostafrikanischen Schutztruppe, Major Frhr. Edwin v. Manteuffel, ist am 13. d. M. einer plötzlichen Erkrankung erlegen. Er stand feit 1891 im Dienste der Schutztruppe.

* Das amtliche Programm für die Festlichkeiten zur Eröffnung des Nordostsee-Kanals lautet: Mitt­woch, 19. Juni, 6^2 Uhr Nachmittags Festlichkeiten der Hansestadt Hamburg. 8 Uhr Abends: Venezianische Nacht auf dem Alster-Bassin. Zwischen 10 und 11 Uhr Abends Abfahrt fämmtlicher an der Fahrt durch den Nordostfee-Kanal theilnehmenden Gäste. Donnerstag, 20. Juni, 4 Uhr Morgens Beginn der Fahrt durch den Kanal. Nachmittags gegen 3 Uhr Ankunft S. M. Jacht „Hohenzollern" in der Kieler Föhrde. 4*/2 Uhr: Defilircour vor dem Kaiser auf S. M. Jacht „Hohen­zollern". 7’/2 Uhr: Tafel bei S. M. dem Kaiser für die Fürstlichkeiten. 8 Uhr Abends Ball in der Marineakademie. Vereinigung der nicht am Ball theil­nehmenden Gäste im Hotel Bellevue. Freitag, 21. Juni, 11 Uhr Vormittags Festakt und Schlußstein- legung auf dem Festplatz an der Kanalmündung. Nachmittags 3 Uhr Flottenparade. Fahrt S. M. Jacht „Hohenzollern" durch die Flotten. 8 Uhr Abends Festmahl in bet Festhalle am Kieler Ufer des Kanals. Sonnabend, 22. Juni, Vormittags 7 Uhr Flotten­manöver. Nachmittags von 4 Uhr ab Abreise der

Die Gräfin lächelte geheimnißvoll. „Sie kommen doch heute zum Abendessen?" fragte sie beim Abschied.

„Ja. — Aber Graf Hartfeld ist bei Ihnen; ich habe wirklich wenig Verlangen, ihn schon so bald zu sehen."

„O, erwarten Sie gar nicht, daß der Graf Sie mit Dankesworten überschütten wirb," scherzte bie Gräfin, „außerdem habe ich auch noch eine lieber« raschung für Sie."

Thekla erschien zur festgesetzten Stunde im Hause ihrer mütterlichen Freundin, die sie freudestrahlend schon im Korridor empfing.

„Treten Sie hier ein, mein Kind," flüsterte sie ihr geheimnißvoll zu, „hier im Salon werden Sie er­wartet — ich folge später, es ist ohnehin noch eine Stunde Zeit bis zum Abendessen."

Ehe Thekla antworten konnte, sah sie sich von der Gräfin in den Salon geführt, desien Thür leife hinter ihr geschlossen wurde.

„Arnold — Arnold Lisser!" „Thekla! Meine Geliebte!"

Dieser Ausruf ertönte gleichzeitig. Der große statt­liche Herr mit dem edlen Antlitze, der jetzt das er- röthende Mädchen mit seinen starken Armen umschlungen hielt, war wirklich Herr Lisser, der nach langer Tren- nungszeit zurück war.

--- " (SchluMolgt.)