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Notlage jiw Muldaev Leitung.

jg 136 Sonntag, den 16. Juni 1895. 22. Jahrgang

o Die Frohrrleichnamsprozession.

Was hat doch der Herr seiner Kirche und uns durch die weltfremde, schüchterne Klosterjungfrau, die er vor sechs Jahrhunderten als Werkzeug zur Ein­führung des Frohnleichnamsfestes erwählte, für eine übergroße Wohlthat erwiesen! Einst zog er, mit un- serm menschlichen Fleische bekleidet, durch die Städte und Dörfer des Judenlandes, um Allen Gutes zu thun: jetzt läßt er sich, verhüllt durch die geheimnißvolle Brodesgestalt, über unsere Straßen tragen, um die armen Menschenkinder mit den Lichtstrahlen seiner Gnade segnend zu beglücken. Mit vollen Händen streut er seine Gaben über uns aus, indem er der Seelen Wunden heilt, die betrübten Herzen tröstet, das Dunkel der Zweifel zerstreut, die Sünde hinwegnimmt und als der gute, der beste Hirt sein Fleisch und Blut den ©einigen zur Speise anbietet. Er allein weiß es, wel­chen Segen dieser wunderbare Tag der Erde vermittelt. Schaaren von Menschen, die gestern noch in der Nacht der Sünde lagen, treibt jetzt die Liebe zu Jesus zur Buße und die Sonne des heutigen Tages geht über viele reuige Sünder auf, und über jeden einzelnen fteuen sich die Engel des Himmels.

Wie viele bejahrte Männer findet der Abend weniger weltlich gesinnt, als der Morgen sie sah! In wie vielen Kinderseelen ist nicht der Glaube aufgesproßt und hat starke, kräftige Zweige getrieben, in einem kurzen Tage mehr als sonst im ganzen Jahre! Wer kann die Berufungen zählen, die am Frohnleichnams- tage begonnen und vollendet, die Bekehrungen, die an­geregt oder wirklich vollzogen, die ersten Streiche, die einer sündhaften Gewohnheit versetzt wurden, oder die Tugendakte, die einen frommen Entschluß krönten, die Sünden, die erlassen, ober die sündhaften Vorsätze, die aufgegeben wurden, die Kranken, die auf dem Todes­bette eine himmlische Gnade erleuchtete, oder die Seelen, welche durch die neu aufgefrischte Fürbitte auf Erden aus dem Fegfeuer befreit wurden? Alle diese und tausend andere Gnaden haben ihre Quelle im heiligsten Sakramente. Es ist wie die Sonne, die allenthalben Licht und Wärme spendet, es ist wie die Wolke, die mit Thau uud Regen das Erdreich befruchtet; und gerade den herrlichen Frohnleichnamstag hat der Herr sich ausgewählt, um der Menschheit die Fülle seiner Gaben mit beispielloser Freigebigkeit zuzuwenden.

Es wäre jedoch verfehlt, den Frohnleichnamstag mit seiner Prozession nur als eine Quelle des Segens für die Menschheit zu betrachten: sie ist zugleich ein Triumph für den menschgewordenen Gottessohn. Er hat einst eine Prozession mitgemacht, die ebenso schauer­lich als schmachvoll und schmerzhaft für ihn war. Und auch damals war er ihr Mittelpunkt, wie jetzt am Frohnleichnamsfeste. Damals ging die Prozession zuerst vom Garten Gethsemane zu dem Hause des Annas und Kaiphas ; seine Hände waren gefesselt, rohe Soldaten, die sich ihres FangeS freuten und den gequälten Ge­fangenen verhöhnten, trieben und schleppten ihn vom Oelberge über den Bach Cedron in die Wohnung des Richters. Es war die Stunde der Finsterniß, das nächtliche Dunkel wurde kaum erhellt durch den trüben Schein der Fackeln und Laternen, der eben hell genug war, um die blinkendenSchwerter undSpeere zu zeigen. Am folgenden Tage aber gab es eine noch weit schreck­lichere Prozession: Es war der Zug durch die Straßen von Jerusalem auf die Höhe des Kalvarienberges. Zwischen zwei Verbrechern wankt der Gottmensch ganz erschöpft daher, bleich und blutig, beladen mit dem schweren Kreuze. Während er dreimal unter der Last zusammenbricht, begleitet ihn das Wuth- und Hohn­geschrei seines eigenen auserwählten Volkes. Werfen wir aber nunmehr unseren Blick wieder auf die Frohn- leichnamsprozession. Da gewährt der himmlische Vater seinem Sohne eine Genugthuung, einen Ehrenersatz für die Schmach und Unbill, womit ihn damals die undankbaren Menschen überhäuft haben. Denn am heutigen Tage wetteifert die ganze Kirche in den Ehrenbezeugungen gegen das heiligste Sakrament. Wie viele Prozessionen, deren Banner im Wiederscheine der Sonne glänzen, ziehen um die Hauptplätze mächtiger Städte, durch die mit Blumen bestreuten Straßen christlicher Dörfer, durch die uralten Gewölbe be­rühmter Dome. Aus den Völkern aller Zungen ver­sammeln sich die Christenschaaren um ihren Mittel­punkt, den in Brodsgestalt verborgenen Heiland, und senden zu ihm empor ihre Jubelgesänge und ihre begeisterten Lobpreisungen. Auf wie vielen Altären von mannigfacher Bauart, die mit lieblichen Blumen geschmückt, mit einem Sternenkranz von Lichtern um­geben und in Wolken von Weihrauch gehüllt sind, wird von Tausenden, die anbetend auf den Knieen liegen, das heilige Sakrament zum Segen erhoben,

während die Jubeltöne heiliger Liebe die Herzen er­greifen! Die Gärten werden ihrer schönsten Blumen beraubt, um dem im Sakramente verborgenen Gott zu Füßen gelegt zu werden; die Kirchthürme zittern vom Schalle der Glocken, weithin tönt der Schall der Trom­peten und Posaunen, und die Armeen der katholischen Könige salutiren vor dem König der Könige. Der Papst auf seinem Throne und das Schulkind im Dorfe, die Nonne im Kloster und der Einsiedler in der einsamen Zelle, die Bürger der großen Städte nnd die bekehrten Wilden auf den weltvergessenen Inseln im stillen Ocean — Alle sind heute ganz vom hochheiligen Sakramente in Anspruch genommen.

Freude über Freude für uns nicht bloß, sondern auch für unseren Herrn, an dem der himmlische Vater hente ganz besonders das Versprechen erfüllt, daß er ihm vor dem Beginn deS bittern Leidens gab: „Ich habe Dich verherrlicht, und ich werde Dich wiederum ver­herrlichen." (Joh. 12, 28.) Wie duftender Weihrauch steigen zahllose Gebete zum Himmel empor, und ein Freudengesang löst den andern ab. So hat das Frohn- leichnamsfest, ob es zwar auf Erden gefeiert wird, einen himmlischen Charakter Wie schade, daß bei uns schwachen Menschen die Begeisterung so selten anhält! Wenn je, dann ist unser Heiland am Frohnleichnams­feste dem Säemanne gleich, der guten Samen auf feinen Acker säet. Fällt auch einiges unter die Dornen, wird auch manches zertreten — vieles fällt unzweifel­haft auf gutes Erdreich, und es geht auf und bringt hundertfältige Frucht.

Kelohnte Treue.

Novelle von C. Borges.

(15. Fortsetzung.)

„Anfänglich hielt ich," fuhr die Sterbende fort, „Graf Edgar für den Mörder seines Bruders; ich glaubte, im Zorn habe er die That begangen. Nach Beendigung der Gerichtsverhandlungen nahm ich meine frühere Tbätigkeit wieder auf und erwarb mir mein täglich Brod für mich und meine Mutter. Nach einiger Zeit kam Merlit, dem ich schon früher meine Hand verweigert hatte und überredete mich, ihn zu heirathen. — Nach langem Widerstreben willigte ich endlich ein. Ich wußte nicht, wie herzlos und grausam er war. — Er trank, spielte und verschwendete mein sauer verdientes Geld. — Eines Tages, als er mich unbarmherzig mißhandelte, weil ich ihm meinen Verdienst nicht geben wollte, enthüllte er mir die schreckliche Wahrheit: Er war der Mörder meines Gatten — er hatte ihn getödtet aus Rache, weil er in ihm seinen Nebenbuhler gefunden hatte. — Ich wußte, daß Graf Edgar im Verdacht stand, und es wäre meine Pflicht gewesen, seine Unschuld zu beweisen. Aber ich schwieg, um den Mann zu schonen, dessen Namen ich trug, obgleich ich ihn haßte, darum entfloh ich."

„Jedoch meinem grausamen Gatten konnte ich nicht entgehen", fuhr die Unglückliche fort. „Er verfolgte mich und wollte mich zwingen, mit ihm zu leben. Noch mehr — er verlangte, ich sollte hingehen und vom Grasen Edgar — dem meine zweite Verbindung geheim gehalten war — Geld zu erbitten. — Wie ich es erwartet, sogar gehofft hatte, weigerte sich der Gras, meine Bitte zu erfüllen. Merlit war außer sich vor Zorn; er hatte gehofft, auf diesem Wege immer Geld zum Trinken und Spielen erhalten zu können, und deshalb schwor er ihm auch Rache. Er wollte nur auf eine günstige Gelegenheit warten, um ihn zu berauben, und ich wußte, daß er auch vor einem zweiten Mord nicht zurückschrecken würde."

„Mein Dasein war von jetzt an unerträglich. Ich dachte, meinen Mann dem Gericht zu übergeben, wenn er nicht auf eine Trennung einwilligen wolle. Er gab nach, aber ich mußte ihm die Hälfte meines Ver­dienstes versprechen. — — Dann sah ich ihn an jenem Abend wieder, als ich Graf Edgar in der Nähe des Theaters sah. Er verfolgte ihn. Auch im Theater waren die Blicke meines Mannes auf seinen Feind gerichtet, daher meine Bitte, den Grafen vor einer nahen Gefahr zu warnen."

„Bis jetzt habe ich geschwiegen, aber ich kann nicht in Frieden sterben und einen unschuldigen Mann unter dem Verdacht des Mordes lassen, während ich ihn davon befreien kann. Die Welt soll seine Unschuld erfahren.: Es war mein zweiter Mann — Karl Merlit —, der meinen ersten Gatten — Gras Robert von Hartfeldt — ermordete."

Der Doktor hatte Wort für Wort ausgeschrieben, und die Sterbende hatte ihr Geständniß mit letzter Kraft unterzeichnet. Dann warf sie einen wehmüthigen Blick auf ihre weinende Mutter. — Die Künstlerin verstand diesen Blick und flüfterte ihr zu: „Es soll Ihrer

Mutter an nichts fehlen; ich werde für sie sorgen, so lange sie lebt."

'„Der Himmel lohne es Ihnen — erst jetzt kann ich in Frieden sterben", flüsterte die Sterbende. „Ich habe Merlit vergeben, wie ich hoffe, daß Gott ihm vergeben wird."

„Ich muß schnell einige Tropfen holen", sagte jetzt der Arzt, „wollen Sie bis zu meiner Rückkehr hier bleiben?" Dieses Schriftstück muß sofott dem Grafen Hartfeldt oder seinem Anwalt zugestellt werden, wollen Sie es in Verwahrung nehmen?"

Jedoch die Bemühungen des Arztes waren fruchtlos; noch ehe er zurückkehrte, hatte Frau Merlit für immer die Augen geschlossen.

8. Kapitel. __

Thekla war allein bei der Leiche, aber sie verlor keinen Augenblick ihre Selbstbeherrschung und Geistes­gegenwart. Nach besten Kräften tröstete sie die ge­brochene, alte Frau, wiederholte ihr das Versprechen, für sie zu sorgen, und versprach, bis zur Rückkehr des Arztes bei ihr zu bleiben.

Plötzlich hörte sie schwere, laute Schritte auf der kleinen Treppe und sah, daß die Alte sichtlich er­schreckte.

„Er ist es," rief sie angsterfüllt, „er kam schon gestern Abend, und sein Anblick hat das Ende meines armen Kindes beschleunigt."

„Er? Wer?" fragte die Künstlerin bestürzt.

„Karl Merlit."

Die junge Dame erbebte. Sie war allein — schütz- und hilflos mit einer alten, schwachen Frau, und sollte im nächsten Augenblick einem Mörder gegen­über treten.

Das werthvolle Schriftstück lag noch auf dem Tisch, die Tinte war kaum getrocknet, doch schnell er­griff es Thekla und barg es in ihre Tasche.

Doch so schnell es auch geschah, das Verstecken der Schrift wurde doch bemerkt. Karl Merlit, ein stark gebauter, ältlicher Mann mit struppigem Bart und zerrissener Kleidung, trat in das Gemach und ließ seine trotzigen Blicke neugierig umh erschweren.

„Nun, was geht hiervor?" rief er aus und warf einen verächtlichen Blick auf das Todtenlager.

Thekla trat dem Unhold würdevoll entgegen.

„Sie sind der Gatte der Verstorbenen?" fragte Thekla ruhig.

„Ja", antwortete Merlit.

„Sie kommen zu spät, um sie lebend zu treffen; sie starb vor wenigen Minuten. Die Entschlafene stand in meinen Diensten und wünschte mich vor ihrem Ende zu sehen. Sobald der Arzt zurückgekehrt, werde ich das Haus verlassen — er wird gleich hier sein."

Die ruhige Würde der Künstlerin imponirte dem Schurken, doch bald gewann seine Furcht die Oberhand.

„Hat sie — meine Frau — vor ihrem Tode Ihnen ein Geheimniß anvertraut?" fragte er ängstlich „Wenn sie es gethan hat, so ist es Lügengewebe. Sie hatte eine starke Einbildungskraft, aber ihren Worten ist nicht zu glauben, daß wußte ein Jeder, der sie kannte."

„Darüber können Sie mit dem Arzt reden; ich war nur eine halbe Stunde vor ihrem Ende hier."

Merlit warf der Künstlerin einen haßerfüllten Blick zu, dann blickte er verächtlich auf die Alte herab, die schluchzend in einer Ecke lauerte.

„Sie können mich nicht täuschen", fuhr er höhnend fort, „ich weiß, daß meine Frau Ihnen ein Märchen erzählt hat, das Sie aufgeschrieben haben. Ehe ich das Zimmer betrat, verbargen Sie das Schriftstück in Ihre Tasche, und da ich vermuthe, daß es hauptsächlich mich betrifft, fo will ich es haben — entweder Sie geben es gutwillig ober ich nehme es mit Gewalt. Geben Sie es mir freiwillig — ich bin nicht ein Mann, der mit sich spaßen läßt."

„Ich erfülle den letzten Willen einer Sterbenden, und übergebe das Schriftstück nur dem, für den es bestimmt ist. Versuchen Sie es nicht, es mir zu ent­reißen; jede Gewalt wird bestraft werden."

Dunkle Zornesröthe bedeckte das Antlitz des Elenden.

„Ich will keine Gewalt gebrauchen, wenn Sie mir mein Eigentham gutwillig geben", zischte er. „Aber ich will und muß es haben; reizen Sie mich nicht aus's Aenßerste, sonst weiß ich nicht, was ich in Ver­zweiflung thue. Ich frage Sie zum letzten Male —"

„Ich werde es Ihnen nie geben", unterbrach ihn die Künstlerin.

Der Schurke ballte die Faust; schon wollte er sie erheben, doch im selben Augenblick wurde die Thür geöffnet, und der Doktor trat ein. Mit einem flüchtigen Blick übersah er die gefährliche Lage, erfaßte den Elenden und warf ihn die Treppe hinunter.

(Fortsetzung folgt.)