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Sonntag, den 16. Juni 1895

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Pult. Das nationalliberale Blatt hält nämlich die beiden Herren für Katholiken, was auch bei Herrn v. Hartmann zutrifst. Bezüglich des Herrn Pult aber wird diese Annahme in Aachen wohl dieselbe Heiterkeit erregt haben, wie hier in Fulda, der Vaterstadt des Herrn Pult.

Zum Schlüsse wollen wir noch die in den letzten Tagen verbreitete Meldung, die Anstalt Mariaberg sei durch ministerielle Verfügung geschlossen worden, richtig stellen. Nach der .Kölnischen Zeitung' haben die Minister folgende Anordnungen getroffen: 1) soll den Brüdern die selbstständige Annahme und Pflege der Kranken untersagt werden; 2) soll durch den Staat ein Verwalter eingesetzt werden, der nach eigenem Ermessen über die Verwendung geistlicher und weltlicher Pfleger entscheiden kann; 3) wird die Provinzialverwaltung bald Aerzte nach Mariaberg entsenden, welche bestimmen, ob die von der Provinzialverwaltung untergebrachten Kranken und Irren in eine Provinzialanstalt zu verbringen sind. Von einer Schließung der Anstalt ist also gar keine Rede, das war nur ein „frommer Wunsch", der sich ebensowenig erfüllt hat, wie die Hoffnung unserer guten „Freunde" sich erfüllen wird, daß die Aachener Vorgänge einen frischen fröhlichen Kulturkampf von Neuem einläuten würden.

diger ihre Zeugen aus aller Welt zusammengeholt hatten, nur 10 Fälle von Mißhandlungen aus einer ganzen Reihe von Jahren nachgewiesen worden in einer Anstalt, welche 660 Kranke beherbergt. Wir sagen das nicht, um diese 10 Fälle zu entschuldigen — die ver­dienen keine Entschuldigung! — aber die Gerechtig­keit verlangt doch, daß man über den Mißbräuchen, welche zu Tage getreten sind, das Gute nicht ver­gißt, welches geschehen ist. Die Pflege der Irren, besonders der epileptischen, der boshaften und unheil­baren Irren — das waren die Hauptaufgaben der Anstalt Mariaberg — ist eine sehr schwere Aufgabe, und auch der Geheimrath Professor Dr. Finklenburg und Dr. Besser sahen sich veranlaßt, dem Wirken der Brüder ihre Hochachtung nicht zu versagen. Wir lesen von einem Zeugen, der zur Strafe auf die sogen, sckmutzige Station versetzt worden war, daß er gerührt worden sei durch die Barmherzigkeit und Liebe, welche die Brüder sich selbst beschmutzenden Irren erwiesen hatten. Je schwieriger solch' eine Aufgabe, um so eher ist dre Möglichkeit einer unpassenden Behandlung, einer Ueber- schreitung gegeben. Wir stimmen daher der Bemerkung der .Kölnischen Volkszeitung' bei, daß wohl jene sich am meisten entrüsten, welche keine Ahnung haben von der Mühewaltung, welche diese Pflege erfordert, ja jene werden sich — besonders am Biertische — am meisten entrüsten, welche nie einen Finger gerührt haben zur Linderung der Roth der Mitmenschen. Jedoch wir wiederholen es: Keineswegs wollen wir auch nur irgend eine Mißhandlung hierdurch rechtfertigen, wir wollen blos, daß Gerechtigkeit nach allen Seiten ge­handhabt werde.

Der Haß gegen alles Katholische hat die Gegner denn auch zu manchen Entstellungen geführt, die leicht hätten vermieden werden können, wenn mW die Wahrheit hätte sehen wollen. Fast in allen nicht­katholischen Blättern wurden die Brüder und Wärter der Alexianeranstalt als „Geistliche", „Priester" oder „Mönche" bezeichnet, man las da von „barbarischen Priestern", „brutalen Mönchen" u. s. w. Obschon die katholische Presse wiederholt darauf hingewiesen hat, daß die Alexianerbrüder weder Priester noch Mönche sind, kann man ähnliche Ausdrücke noch alle Tage lesen, und nur wenige Blätter haben An st and und Ehrgefühl genug gezeigt, ihre unwahren Be­hauptungen nachher halb und halb zu korrigiren. Natürlich, wenn man offen gesteht, daß die Alexianer­brüder keine Geistlichen und keine Mönche, sondern Laien sind, dann kann man sich nicht so schön über diese „barbarischen Pfaffen" entrüsten!

Auch die erzbischöfliche Behörde von Köln ist von der gegnerischen Presse in die Angelegenheit hineingezogen worden; in vielen Blättern spricht man von der Mariaberger Anstalt als von einer „Ein­richtung, die unter der Obhut eines Erzbischofs und Kardinal-Erzbischofs steht". Der Kardinal-Erzbischof von Köln bezw. die Kölner geistliche Behörde haben aber mit der Krankenanstalt Mariaberg nichts zu thun. Der geistlichen Behörde unterstehen die Alexianer­brüder lediglich persönlich in ihrer religiösen Eigen­schaft, bezüglich der Führung des gemeinsamen Lebens, der Haltung der Gelübde u. s. w. Dagegen untersteht die Krankenanstalt Mariaberg nicht der geistlichen Behörde, sondern der Königl. Regierung zu Aachen, welche ihr nach Unterwerfung unter die geforderteil Normativbestimmungen die Konzession er= iheilt hat und wieder entziehen kann, nur der Königl. Regierung steht die Revision der Sanitäts-Verhältnisse, der Behandlung der Kranken, überhaupt der gesammten Anstaltsführung zu, und eine Wahrnehmung dieser Funktion seitens der geistlichen Behörde würde zu beständigen Kompetenz-Konflikten geführt haben. So war es möglich, daß die geistliche Behörde von den in Mariaberg vorgekommenen Dingen eben so wenig wußte, tote von etwaigen Ausschreitungen in einer unter weltlicher Leitung stehenden Privatanstalt. Daß die geistliche Behörde das Vorgekommene auf's tiefste beklagt und einer vernünftigen Reform auf diesem Gebiete keinerlei Schwierigkeiten in den Weg legen wird, versteht sich für jeden ruhig denkenden.Menschen ganz von selbst.

Die ,Nationalzeitung' macht denn auch die welt­liche Behörde für die Vorgänge verantwortlich und fordert den Rücktritt des Aachener Regierungs­präsidenten v. Hartmann und des Staatsanwaltes

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& Nachklänge zu dem Aachener Prozeß.

Der Aachener Prozeß wird noch immer in der Preffe lebhaft erörtert und wird auch wohl noch einige Zeit berufenen und unberufenen Kritikern den vöthigen Stoff zu großen Auseinandersetzungen liefern müssen. Hoffentlich gewinnt dabei dann auch auf der Gegenseite das ruhige Blut, welches vielen sonst ganz ver­nünftigen Leuten völlig abhanden gekommen zu fein scheint, allmählich wieder die Oberhand.

Die Gerichts-Verhandlungen haben die traurige Thatsache ans Tageslicht gebracht, daß einige Alexianer­brüder sich in etwa 10 Fällen schwere Mißhandlungen der ihnen anvertrauten Geisteskranken haben zu schulden kommen lassen. Das verdient den stärksten Tadel und energische Strafe. Die gesammte katholische Presse ist einig in der schärfsten Verurtheilung dieser Missethateu; jene Brüder haben unsere ganzen Kranken­pflege - Orden bloßgestellt in den Augen der großen Menge, die mit Vorurtheilen gegen unsere reli­giösen Genossenschaften erfüllt ist. Gerade diese Vor- urtheile gegen alle katholischen Genossenschaften haben das gewaltige Aufsehen verursacht, welches überall er­regt hat. Wenn es sich nicht gerade um katholische Brüder gehandelt hätte, dann würde man von der ganzen Sache wenig Aufhebens gemacht haben; sie wäre heute schon längst vergessen, selbst wenn noch viel schlimmere und viel zahlreichere Ausschreitungen vorgekommen wären. Wir erinnern an die zahlreichen Fälle von Soldatenschinderei, über welche die Gerichts-Verhandlungen Thatsachen an's Tageslicht ge­bracht haben, gegen welche die Vorgänge in Aachen wenig sagen wollen. Weshalb erhebt sich da keine all­gemeine Entrüstung? Die Zeitungen berichten kurz über die einzelnen Fälle, an der Bierbank schwadronirt der Eine ober Andere einmal darüber und damit ist die Sache abgethan.

Ein anderer Fall, der dem Aachener ähnlich sieht:

Auf der Jahressitzung des Vereins der deutschen Irrenärzte im Jahre 1893 zu Frankfurt a. M. wurde ein Schreiben des Direktors Scholz- Bremen mitge- theilt, aus dessen Anstalt die Diakonissen und Diakonen entfernt waren; „die äußere Veranlassung war die schwere Mißhandlung einer Kranken, bei welcher Gelegenheit sich herausstellte, daß Prügelstrafen schon längere Zeit gewohnheitsmäßig aus- getheilt waren." Angesichts dieser Thatsache — es handelt sich um Bielefelder Diakonen und Diakonissen — wird man an den Pharisäer im Tempel erinnert, wenn man heute gerade von dieser Seite am schärssten über die Alexianer losziehen hört. Damals ist es keinem katholischen Blatte eingefallen, — die nicht­katholischen Blätter hüllten sich in beredtes Schweigen — Sturm zu läuten gegen die Diakonen und Diakonissen, wie es heute alle gegnerischen Blätter gegen die Alexianer und alle katholischen Genossenschaften thun, vom orthodoxen ,Reichsboten' bis zur freimaurerischen,Voss. Ztg.' und dem jüdischen ,Berl. Tagebl.', denen der sozialdemo­kratische .Vorwärts' sekundirt. Aehnliche Beispiele ließen sich noch eine ganze Reihe anführen.

Es sind also nicht die vorgekommenen Mißhand­lungen an sich, welche all diesen Blättern und ihren Gesinnungsgenossen jetzt so viel Stoff zur Entrüstung geben, sondern es ist der Umstand, daß es sich um eine katholische Ordens genoss en schäft handelt. Es bot sich hier eine willkommene Gelegenheit, dem verhaßten Katholizismus und dem besonders verhaßten Ordensleben am Zeuge zu flicken, und um das recht gründlich zu können, scheute man sich nicht, die Dinge gewaltig zu übertreiben und die Thatsachen in fast unglaublicher Weise zu entstellen und zu ver­drehen.

Eine gewaltige Uebertreibung ist es z. B.. wenn man die Sache so darstellt, als hätten die Brüder in der Aachener Anstalt es als ihren eigentlichen Beruf betrachtet, die Jnsasfen der Anstalt von Morgens ftüh bis Abends spät zu quälen. Es sind aber doch trotz der Raffinirtheit, mit der Mellage und seine Verthei-

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Deutsches Reich.

Berlin, 14. Juni.

* Der Kaiser begab sich heute früh vom Neuen Palais nach dem Bornstedter Felde, um daselbst daS Regiment der Gardes du Corps und das Leibgarde- Husaren-Negiment zu besichttgen. In seiner Begleitung befand sich der Erzherzog Franz Salvator von Oester­reich. An die Besichtigung schloß sich eine Uebung der Garde - Kavallerie - Division, zu welcher auch die in Berlin garnisonirenden Garde - Kavallerie - Regimenter kommandirt waren. — Die Kaiserin besichtigte heute auf dem Bauplatze der Kaiser Wilhelm-Gedächtuißkirche die Kirchenglocken und besuchte sodann noch die Kaiserin Augusta-Stiftung in Charlottenburg.

* Der ,Reichsanzeiger" gegen den Fürsten Bis­marck — ganz wie in den ersten Zeiten des „neuen Kurses"! Die jüngste Hetzrede des „versöhnten" „Einsiedlers" im Sachsenwalde scheint doch dem Fasse den Boden ausgeschlagen zu haben: Fürst Bismarck wird im ,Reichsanzeiger' abgefertigt, weil er deutlich genug Herrn v. Bötticher als „Kleber" bezeichnet hatte. Allerdings wendet sich die hochpolitische Aus­lassung im .Reichsanz.' formell gegen die Presse, in der „mehrfach" jener Passus auf den Minister von Bötticher „bezogen" worden sei. Wie irrihümlich diese Bezugnahme sei, ergebe sich aus der Thatsache, daß Herr v. Bötticher bereits im Februar 1890 nach zehn­jähriger Thätigkeit an der Spitze des Reichsamts des Innern dem Fürsten v. Bismarck den Wunsch aus­gesprochen habe, aus seinen Aemtern entlassen zu werden, und daß der Fürst v. Bismarck selber ihn damals im Dienste zurückgehalten habe. Auch später habe Herr v. Bötticher wiederholt um seine Entlassung ge­beten, welche ihm jedoch nicht gewährt worden sei, wie unter Anderem aus einem kaiserlichen Hand­schreiben hervorgehe, das der ,Reichsanz.' sodann im Wortlaute veröffentlicht. Dieses Handschreiben ist in den herzlichsten und ehrendsten Ausdrücken abgefaßt, hebt die Verdienste des Herrn v. Bötticher hervor und besagt bann, ber Kaiser könne, „zumal unter beu gegenwärtigen Verhältnissen" (bas Schreiben ist vom 29. März 1892, also aus ber kritischen Zett nach ber Zurückziehung bes Zeblitz'schen Volksschulgesetzes batirt) nicht auf bie Hilfe einer so bewährten Kraft verzichten. Das Schreiben schließt fobunn • x

Ich halte Mich auch versichert, daß Ich nickt vergeblich Ihren Patriotismus anrufe, wenn Ich an Sie die Auf­forderung richte, auch fernerhin Ihre Dienste in Ihrer jetzigen Stellung Mir und dem weiteren wie dem engeren Vaterlande zu widmen. Ich verbleibe Ihr wohlgeneigter

Wilhelm B.

Dieses Schreiben kann natürlich nur mit bem Willen bes Kaisers jetzt veröffentlicht worben sein. Die Ver­öffentlichung stellt sich bernnach als eine von bem Kaiser bem Minister v. Bötticher gewährte Genugthuung für die schmähliche Beschimpfung besselben durch den „Nationalheros" Bis-

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| Hierzu eine Heilage.

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