Jts. Iö5
Samstag, den 15. Juni 189s
22. Jahrgang
FiildakrMZtitling
mit Untrrhattungs-Krilage „Sterne nnd Hinmen".
a Die Bedeutung des katholische« Lehrerverbandes.
Unter den in dem letzten Jahrzehnt gegründeten katholischen Vereinen oder Verbänden, welche gewiß alle von mehr oder minder großer Bedeutung für die Sache der Kirche und des Volkes sind, nimmt einen besonders hervorragenden Platz der kathol. Lehrerverband ein, der in den Pfingsttagen den 6. Verbandslag in der alten Bischofsstadt Paderborn abgehalten hat. . <
Um die große Bedeutung der Veremtgung, der festen Organisation der kathol. Lehrer sofort zu erkennen, braucht man nur an das Wort: „Wer die Jugend hat, dem gehört die Zukunft!" zu denken. In die Hände der Jugendbildner ist der Menschheit Würde gelegt, sie können dieselbe bewahren zum Heile und Segen der Gesellschaft, sie können sie auch degradiren zum größten Schaden, ja zum Verderben der kommenden Geschlechter. Das Wie der Erziehung und Ausbildung der Jugend ist dasjenige, welches die Gestaltung des Schicksals eines Volkes bestimmt, und da nach den bestehenden Verhältnissen dte Lehrer und Lehrerinnen von Beruf es sind, welchen die Erziehung und Ausbildung der Jugend in der Periode anvertraut ist, in welcher die empfangenen Eindrücke, Lehren und Ermahnungen sich Herz und Gemüth am festesten einprägen, so ist es natürlich, daß das Hauptaugenmerk auf den Einfluß gerichtet werden muß, welchen neben den Eltern und Verwandten die Lehrpersonen auf das junge Heranwachsende Geschlecht ausüben. Ist dieser Einfluß gut, geht er aus der lauteren Quelle der Religion und wahren Moral hervor, dann ist es nach menschlicher Berechnung als ziemlich sicher anzusehen, daß er der Jugend zum Heile gereichen und der Gesellschaft einst von großem Nutzen sein wird. Wird aber danach getrachtet, die Jugend von der Religion zu „befreien", ihr sogen, „freie Anschauungen" und eine „rein menschliche Moral" beizubringen, dann wird — wenigstens ein sehr großer Theil — der Heranwachsenden Jugend die empfangenen Lehren später in die Praxis übertragen und so die religiös-sittliche Korruption immer mehr ausbreiten helfen.
Schon seit geraumer Zeit können wir das Unheil beobachten, welches die sogenannte freieErziehung der Jugend anrichtet, wie die „laxe Moral" immer weitere Kreise ergreift und die Gesellschaft korrumpirt. Diesem Verderben entgegenzuarbeiten, hat sich der kathol. Lehrerverband in erster Linie mit zur Aufgabe gemacht; seine Mitglieder wollen die ihnen unvertraute Jugend religiös-sittlich, im Geiste des Chttsten- thums erziehen und so der Gesellschaft brave, charakterfeste Männer zuführen, die deren Halt und Stötze in Wirklichkeit sein können. Die Mitglieder des kathol. Lehrerverbandes sind von der Erkenntmß durchdrungen, daß die Gesellschaft und die sozialen Verhältnisse der Gegenwart im Großen und Ganzen nur dann besser
gestaltet werden können, wenn die Jugend den rechten Fonds erhält, dessen sie später bedarf, um an der großen Umgestaltung der modernen Gesellschaft im Sinne und Geiste des Christenthums mitzuwirken. Da aber der Einzelne, so eifrig thätig er auch sein möge, immerhin nur verhältnißmäßig wenig erreichen kann, während mit vereinten Kräften sich sehr Vieles erzielen läßt, so ist es mit großer Freude zu begrüßen, daß das Senfkörnlein des kathol. Lehrerverbandes sich bereits zu einem stattlichen Baume entwickelt hat, dessen Aeste und Zweige sich über ganz Deutschland ausbreiten und immer und mehr und mehr erstarken.
Der katholische Lehrerverband repräsentirt eine im- ponirende Phalanx des Glaubens, der Ordnung und der Sitte gegenüber dem Kriegsheer der „Modernen", welche der Religion, vor Allem der kath. Kirche, den Untergang geschworen haben; er wird mit Muth und Entschiedenheit für die gute Sache eintreten und die Rekruten liefern, deren wir in dem Kampfe, in welchem es heißt: "Hie Christenthum, hie Atheismus!" bedürfen, um den Sieg zu erringen. Darum verdient der kath. Lehrerverband alle A ch t u n g und alle U n t e r st ü tz u n g, und die Letztere nicht nur insofern es sich um die idealen Ziele des Verbandes handelt, sondern auch insofern materielle Interessen in Betracht kommen. Die Verhältnisse der Mitglieder des kath. Lehrerverbandes sind bei uns durchaus nicht glänzend, es bleibt in dieser Beziehung noch sehr Vieles zu wünschen, und da Personen, die in so aufopferungsvoller Weise für das Wohl von Volk und Vaterland, für Kirche und Staat thätig sind, wie unsere Lehrer, so gestellt sein sollten, daß sie ihres Amtes walten können, ohne allzu große materielle Sorgen, so erscheint es — namentlich im Hinblick auf die große Bedeutung des Lehreramtes für die Zukunft von Kirche, Staat und Gesellschaft — dringend geboten, daß die Katholiken den Lehrerverdand nach jeder Richtung hin, besonders auch insoweit es sich um die Verbesserung der materiellen Lage der Lehrerpersonen handelt, thatkräftig unterstützen.
Unfere B i s ch ö f e und andere hervorragende Männer haben die Bedeutung des kath. Lehrerverbandes richtig erkannt und darum treten sie für die Interessen desselben ein, wo immer sie es vermögen. Wir Katholiken wollen ihnen nacheifern und Alles thun, um die Sache des kath. Lehrerverbandes, die ja auch für uns und unsere Nachkommen von eminenter Wichtigkeit ist, zu fördern, vor Allem in dem Gedanken, daß von der Jugend, ihrer Erziehung und Ausbildung die Gestaltung der Zukunft vollständig abhängt.
Deutsches Reich.
Berlin, 13. Juni.
* Der Kaiser begab sich heute ftüh mit dem Erzherzog Franz Salvator von Oesterreich nach dem Tempel- Hofer Felde zur Besichtigung des Garde-Kürassier-Re- giments und des 2. Garde-Ulanen-Regiments. An die
Besichtigung schloß sich eine Gefechtsübung, nach deren Beendigung der Kaiser mit seinem Gaste nach Wildpark zurückfuhr. Nachmittags wohnten der Kaiser und der Erzherzog dem Rennen des Potsdamer Reitervereins in Sperlingslust bei. Abends ist zu Ehren des Erzherzogs ein Fest auf der Pfaueninsel.
* Für die vor einigen Tagen von einem Berliner Blatte verbreitete Nachricht, daß der Handels- und Gewerbeminister v. Berlepsch seinen Abschied eingereicht habe, liegt bis jetzt keine Bestätigung vor. Es ist möglich, daß die Mittheilung sich auf einen schon abgethanen Vorgang bezieht, beim unterrichtete Personen betonen, daß Frhr. von Berlepsch im Amte bleiben wird. Uebrigens sind die Schwierigkeiten, durch die die Stellung des Gewerbeministers im Laufe des letzten halben Jahres bedroht war, vielleicht auch wieder bedroht ist, weniger in der sogenannten Handwerker-Politik zu suchen, als in der Sozialpolitik. Es handelt sich immer noch um die am Ansang der letzten Reichstags-Session erörterten Meinungsverschiedenheiten über die Organisation der Berufsvereine und die diesen zu verleihenden Rechte. Aus diesem Gebiete hat Frhr. v. Berlepsch fortgesetzt mit der Gegnerschaft einflußreicher Großindustrieller zu kämpfen.
* Die .Deutsche Tagesztg.' berichtet noch über die Friedrichsruher Wallfahrt des „Bundes": Mit seinen Nachbarinnen, der Freistau v. Wangenheim und Frau Dr. Roesicke — Frau von Ploetz war durch Krankheit am Erscheinen verhindert — unterhielt sich der Fürst mehrfach auf das verbindlichste. Als ihm die historische lange Pfeife gereicht wurde und Frau Dr. Roesicke es' sich nicht nehmen ließ, ihm Feuer zu reichen, küßte er der Geberin ritterlich die Hand. Auch manche andere Dame durfte sich der ritterlichen Gunstbezeigung des Wangenkusses rühmen. Am Schluß der Tafel wurden auch den Gästen Cigarren gereicht, die zum Theil als werthvolle (!) Andenken in den Häusern aufbewahrt bleiben werden.
* Ein Lehrerbesoldungsgesetz soll nach der,Post' in der laufenden Session nicht mehr eingebracht werden. Im Kultusministerium hatte man sich bis zu den letzten Tagen mit der Hoffnung getragen, das Gesetz noch jetzt vorzulegen. Der ,Post' erscheint es zweifelhaft, ob eS Angesichts des Fortfalles der Zinsen der thesaurirten Einkommensteuerüberschüsse in Folge des Mindererttages der Ergänzungssteuer überhaupt möglich sein wird, die Ordnung der Lehrerbeioldungen sachgemäß durchzuführen, da es an dem dazu nöthigen Selbe fehlt. — Ja, wenn es sich um Kanonen handelte!
* Ein Gesetzentwurf über die Erbfolge in Renten- and Ansiedelungsgütern wird der,Poff zufolge von der Regierung ausgearbeitet. In demselbm soll bestimmt sein, daß, wie in dem Herrenhausantrage des Grasen Stolberg vorgeschlagen ist, die Rentengüter nicht getheilt und verkauft und nicht mit neuen hypothekarischen Lasten ohne Genehmigung der Generalkommission beschwert werden dürfen.
* Dem Herrenhause ist ein Gesetzentwurf zuge-
Kelohrrte Treue.
Novelle von C. Borges.
(14. Aortleyung.)
7. Kapitel.
Es war Neujahrstag! Thekla's Herz schlug in banger Erwartung, als sie die zahllose Menge Briefe, Karten und Glückwünsche vor sich aufgehäuft sah. Doch unwillkürzlich traten Thränen der bittersten Enttäuschung in ihre Augen, als sie ein Siegel nach dem andern erbrach, ohne ein Lebenszeichen von Herrn Lisser zu finden.
Sie hatte ihn mit der ganzen Kraft ihres Herzens so heiß und innig geliebt und war zu der Ueber- zeugung gelangt, daß, wenn er wirklich ihre Liebe erhalten wollte, er wohl Mittel und Wege gefunden haben müßte, um ihr wieder näher zu treten. Er hatte sie gewiß vergessen. Dem kleinen Elfenbeiubilde hatte sie zu große Wichtigkeit beigelegt — das sollte in Zukunft aufhören, jeder Gedanke an eine frühere, glückliche Zeit sollte verbannt werden, ebenso die Hoffnung an eine mögliche bessere Zukunft.
Mit diesem festen Entschluß ermattete sie einige Stunden später den Grasen Falkmar, besten Stimme sie im Hausflur hörte. Ein wehmüthiges Lächeln umschwebte ihre Züge, als sie beS Augenblicks gedachte,
als er vor Monaten an jenem stürmischen Morgen in den Schweizer Bergen ihr seine Liebe gestanden hatte; sollte er heute seinen Antrag erneuern wollen, so wollte sie ihm eine andere Antwort geben wie damals.
„Ist Fräulein Bergstein im Salon?" hörte sie ihn fragen, und als die Dienerin bejahte, fügte er hinzu: „Sie brauchen mich nicht anzumelden, sie weiß, daß ich heute komme."
„Hier ist ein Brief für das Fräulein, der Postbote brachte ihn soeben", sagte das Mädchen.
„Ein Brief! — hm; ich will ihn ihr geben", versetzte er, dann stieg er die Treppe hinan und betrat im nächsten Augenblick den Salon.
„Es ist mir endlich gelungen, Herrn Edgar von Hattfeldt die Botschaft aüszurichten", begann er, als die erste Begrüßung vorüber war.
„Das ist wieder eine Gunst, wofür ich Ihnen dankbar bin", versetzte Thekla verbindlich. „War der Graf sehr überrascht, daß ihm hier in der Stadt Gefahr drohte?"
„Er war mehr erstaunt als überrascht; er schien gar nicht zu ahnen, von welcher Seite ihm Gefahr drohen könne."
„Ich weiß nur, was meine Garderobiere mir sagte," erklärte die Künstlerin. „Auf ihre dringende Bitte veranlaßte ich Sie, den Grafen Edgar zu warnen,
den ich noch gar nicht einmal gesehen habe. Aber eS freut mich, daß Sie meine Bitte erfüllten. Viele Herren würden, da die Gefahr vielleicht nur eine eingebildete war, gezögert haben, Sie hätten sich somit leicht der Lächerlichkeit aussetzen können."
„Ich würde noch mehr für Sie thun. Der Gedanke, Ihnen zu dienen, trägt die Belohnung schon in sich." .
„Thekla erröthete. Unbewußt war ste einem gefährlichen Thema nahe gekommen, doch plötzlich erblickte sie den Brief in seiner Hand.
„Was haben Sie da?" fragte sie anscheinend gleich- gUtig, „wieder Theaterbillete?"
Wahrlich! Das hatte ich wieder vergessen! rief der Graf sich plötzlich besinnend, „es ist ein «tief für Sie. Das Mädchen gab ihn mir unten im Hausflur".
Es war ein dicker, schwerer Brief, der in einer unbekannten Handschrift die Adresie der Künstlerin trug.
Thekla zerbrach das Siegel. Eine seine Elfenbeinplatte fiel in ihre Hände, die Rückseite nach oben gekehrt. Sie konnte kaum einen Freudenschrei unterdrücken, als sie einen flüchtigen Blick auf Herrn Lisser's bekannte Züge warf, der älter und noch trauriger als auf dem Bilde vor fünf Jahren ansfah.
„Eine Erinnerung an einen gtreuen Freund", er»
______ _ . al 2. s»