M 134
Donnerstag, den 13. Ium 1895
22. Jahrgang
uldatrWZkitiiiig
mit Unterhaltung» Beilage „Sterne und Hlumen"._________________
Des hl. Frohnleichnamsfeftes wegen erscheint die nächste Nummer am Freitag.
]-[ Eine richtige Hetzrede scheint Fürst Bismarck nach den vorliegenden Berichten am Sonntag vor der Abordnung des „Bundes der Landwirthe" gehalten zu haben, die ihm, tote schon mitgetheilt, Namens des Bundes einen silbernen Schild überreichte. Was er über die Handelsverträge sagte, das ist aus unzähligen Artikeln der Hamb. Nachr.' bekannt genug, um darüber hmweg- sehen zu können. Nur mag erwähnt werden, daß der Altreichskanzler" trotz seiner Gegnerschaft gegen die Handelsverträge erklärte, diese könnten während der Vertragsdauer nicht geändert werden. Damit zieht er aber dem Antrag Kanitz den Boden hinweg; denn der Antrag widerstreitet den Handelsverträgen, und da diese während der Vertragsdauer nicht geändert werden können, so ist der Antrag Kanitz für die Dauer der Verträge unmöglich, kann also der Landwirthschaft jene schnelle Hilft, derentwegen er von den Bündlern m den Vordergrund gerückt worden war, nicht bringen.
Der Haß, den der „große Mann" gegen seinen ersten Nachfolger, den „Mann ohne Ar und Halm , noch immer hegt, ostenbarte sich dann m der bissigen Bemerkung, dieLandwir the sollten kerne „Manner ohne Ar und Halm" wählen. Das klingt an sich ganz gut, und auch wir sind der Meinung, daß es in vorwiegend ländlichen Kreisen angebracht ist möglichst einen Landwirth als Kandidaten aufzustellen, natürlich mit der ganz selbstverständlichen Voraussetzung, daß sich ein geeigneter Bewerber der m arundsätzlicher wie praktischer Beziehung keine Bedenken erregt, findet und zur Annahme des Mandates bereit ist. Aber eine Regel kann man daraus nicht machen. Wenn z. B. ein Abgeordneter, auch ohne ausübender Landwirth zu sein, die Interessen der Landwirthschaft und insbesondere der Landwirthe seiner Heimath u. seines Wahlkreises stets warm vertreten hat, warum sollte er dann bei einer Neuwahl nicht wieder aufgestellt werden? Die landwirthfchaftlichen Wähler haben es ja auch tn der Hand, ihrem Abgeordneten ihre Wünsche vorzutragen und ihm die Gründe dafür einzeln auseinanderzusetzen, und wo seine Wähler besser unterrichtet sind, da wird sich der Abgeordnete sicherlich gern von ihnen belehren lassen und in seiner parlamentarischen Wirksamkeit auf die Wünsche feiner Wähler die gebührende Rücksicht nehmen, wenn er nur einer Partei angehört, die, wie das Centrum, überhaupt bestrebt ist, den Interessen der Landwirthschaft nach Möglichkeit gerecht zu werden. t L
Wenn Fürst Bismarck die Landwirthe dann werter ermahnte, keinem Landrath und überhaupt keinem Kandidaten ihre Stimmen zu geben, der den Ehrgeiz habe, Minister zu werden, so sind wir damit auch noch ganz einverstanden. Er scheint nur nicht bedacht zu haben, daß er damit gerade vor jener Partei die
v. Heyden, ist nicht Frhr. v. Hammerstein Großgrundbesitzer? Keiner von allen diesen Männern hat ein Ministergehalt nöthig, um standesgemäß leben zu können.
Fürst Bismarck hat sich offen zu „seiner alten landwirthschastlichen konservativen Fraktion" bekannt und ihr den Kriegsruf anempfohlen: „Für Ar und Halm!" Ja, für die Landwirthschaft — ganz gut! Aber Fürst Bismarck will nicht nur, daß die Abgeordneten der konservativen Partei für die Landwirth- schaft sorgen, nein, er will, daß sie nur für die Land- wirthschaft forgen, nur eine Interessenvertretung der Landwirthschaft fein wollen und die idealen politischen Grundsätze als „Haarspaltereien" bei Seite setzen. Fürst Bismarck proklamirte am Sonntag offen den nackten Jnteressenkampf. Damit hat er sich ohne Umschweife als einen Geistesverwandten der Sozialdemokratie kundgegeben. Auch diese will den Klassenkampf, will nichts sein als die Vertreterin des materiellen Jnteresfes der „Proletarier". Fürst Bismarck will auch den Klaffenkampf, er will auch nur materielle Jntereffen vertreten, freilich die der Grundbesitzer und zwar — das versteht sich bei ihm ganz von selbst — der Großgrundbesitzer, die mit ihm die gleichen materiellen Interessen haben, also derjenigen des Ostens. Fürst Bismarck hat eine Hetzrede ärgster Art gehalten, um den verhängnißvollen Jnteressenkampf, der die Welt dem „großen Kladderadatsch" entgegenführen muß, nvch weiter zu schüren, zugleich aber eine Rede, die seine niedrige Denkweise Allen, die sehen wollen, wieder einmal klar enthüllt.
Kelohnte Treue.
Novelle von C. Borges.
(13. Fortsetzung.)
Die Vorstellung war zu Ende. Laute Rufe nach dem Autor erschallten von allen Seiten; die Menge wollte sich nicht beruhigen lassen, bis der Direktor hervortrat und versicherte, daß derselbe nicht anwesend sei. Thekla lächelte schmerzlich; sie fühlte inniges Mitleid mit dem Grafen von Hartfeldt, der gewiß im Hintergründe des Theaters dieser Erklärung lauschte; dann verschwand sie hinter den Koulisfen.
Frau Merlit half dienstfertig bei der Toilette; ein fester Entschluß prägte sich in ihren Zügen und in ihren fest geschlossenen Lippen aus.
„Fräulein Bergstein", begann sie flehentlich, „wenn ich nicht Ihnen sage, was mir centnerschwer auf dem Herzen liegt, so sterbe ich, oder ich verliere den Verstand. Sie sind die Einzige, die gut gegen mich ist; Sie können mir helfen, wenn Sie eS wollen, und außer Ihnen habe ich keinen Menschen auf der Welt, an den ich mich wenden könnte."
„Was kann ich für Sie thun, Frau Merlit" fragte die Herrin fteundlich.
„Es betrifft Graf Edgar von Hartfeldt", fuhr die Frau mit bebender (Stimme fort, „Sie wissen, ich sah
a,. . . ..... unh -r,i,rtaar uusaenommen. ~ Vierteljährlicher AbonnementSpreiS ohne Bringerlohn und Bestellgeld in Fulda und auswärts 1 Mark 50 Pfennig. fcWtW ta9l’^Jf0^;“nbf0|e7^e8eei^paftige Sarmondzeile oder dnen Raum 15 Pf., Reklamen die Petitzeile 2b Pf., bei Wrederholungen entsprechender Rabatt.
• Deutsches Reich.
Berlin, 11. Juni.
* Der Kaiser, in dessen Begleitung sich Erzherzog Franz Salvator von Oesterreich befand, besichtigte heute Vormittag auf dem Tempelhofer Felde das 1. und 2. Garde-Drag.-Regiment. An die Besichtigung schloß sich eine Gefechtsübung. Nachmittags gedachte das Kaiserpaar mit dem Erzherzog Franz Salvator das Fest- concert zum Besten der Kaiser Friedrich - Gedächtniß- kirche im Ausstellungsparke zu besuchen. — Der Erzherzog Franz Salvator von Oesterreich stattete heute Mittag verschiedene Besuche ab, so u. A. beim Reichskanzler, beim Staatssekretär des Auswärtigen, beim Kriegsminister und anderen hochgestellten Herren vom Militär, sowie beim österr.-ungarischen und anderen am hies. Hofe beglaubigten Botschaftern. Später besuchte er das Mausoleum in Charlottenburg.
* Der Kolonialrath trat heute wiederum zu einer Sitzung zusammen; zunächst fand eine eingehende Besprechung der Lage in den einzelnen Schutzgebieten statt. Es wurde u. A. auch über die Frage dlskutirt, ob es angezeigt erscheine, an den Regierungsschulen Ostafrika's muhamedanische Religionslehrer anzustellen. Auf Grund des vorgelegten Materials wird die Frage gemäß den Anträgen der Vertreter der beiden Missions- Gefellschaften verneint. Der Kolonialrath stimmt mit mordet haben soll?" rief die Künstlerin irn höchsten Erstaunen.
„Ja, die bin ich."
Halten Sie den Grafen Edgar für den Mörder seines Bruders?" fragte die Herrin in athemlofer Spannung. . t
Ein aufgeregtes Zittern ließ die Glieder der armen Frau erbeben.
„Nein," erwiderte sie kaum hörbar, „er hat nicht die Hand gegen den Bruder erhoben, das weiß ich QCtüifj "
Thekla schaute durchbohrend die zitternde Frau an.
„Mehr kann ich nicht sagen," versicherte die Dienerin, in jener Zeit wußte ich ebenso wemg den Namen des Mörders wid die Welt. Aber der Graf muß gewarnt werden, denn er ist in Gefahr."
„Wer ist sein Feind?"
„Ich darf nicht mehr fagen, als wie es schon geschehen ist."
Thekla's Gedanken weilten bei dem Grafen Falkmar. Aus manchen Andeutungen wußte sie, daß er mit dem Grafen Edgar bekannt fei. Er sollte den Freund veranlassen, die Residenz zu verlassen.
„Ich will Ihren Wunsch erfüllen, Frau Merlit, der Graf foll erfahren, daß er in Gefahr schwebt."
Wähler kopfscheu macht, die sich der Hauptsache nach thatsächlich ganz mit dem „Bunde der Landwirthe" deckt, an den seine Rede gerichtet war, nämlich vor der konservativen Partei, der mit wenigen Ausnahmen doch thatsächlich in Preußen die Minister entnommen werden. Wie kann der ländliche Wähler dem konservativen Bewerber, den ihm der „Bund der Landwirthe" zu wählen empfiehlt, an der Nase ansehen, ob er den Ehrgeiz habe, Minister zu werden? Da das nicht geht, so wäre bei der von dem Fürsten Bismarck empfohlenen Vorsicht eigentlich bei jedem konservativen Landrath, Großgrundbesitzer u. s. w., der als Wahlkandidat auftritt, der Verdacht gerechtfertigt, er wäre unter Umständen für die Reize eines Minister- gebalts und -Titels nicht unempfänglich.
' Viel schlimmer aber muß es beurtheilt werden, wenn Fürst Bismarck in seiner Bosheit gegen die Minister, die er zu seinem Schmerze nicht mehr auszuwählen, zu kommandiren und fortzujagen vermag, soweit geht, ihnen eine Verdächtigung niedrigster Sorte an den Kopf zu schleudern, indem er bemerkte: „Jeder Staatsminister müßte eine Domäne haben, von deren Ertrag er besoldet würde, dann würde es besser um die Landwirthschaft stehen." Das ist der Kern der Bismarck'schen Rede, und wegen dieser vergifteten und vergiftenden Bemerkung stellt sich demnach feine ganze neueste Leistung als eine richtige Hetzrede dar. Denn was besagen diese Worte? Sie sagen und sollen sagen, daß die Minister nur dann etwas für die Landwirthschaft zu thun bereit sind, wenn ihr persönlicher Vortheil mit dem der Landwirthschaft verknüpft ist. Fürst Bismarck allerdings hat sich während seiner Amtszeit trefflich auf seinen persönlichen Vortheil verstanden. Er, der ein Ritter v. Habenichts war, als er Minister wurde, war einer der reichsten Großgrundbesitzer, als er seine Ministerlaufbahn beendet hatte!
Und was hat denn Fürst Bismarck, der nicht nur eine Domäne zur vorübergehenden Bewirthschaftung bekommen, sondern stattliche Güter geschenkt erhalten hatte, für die Landwirthschaft gethan? Ist nicht unter feiner Amtszeit die „liberale" Gesetzgebung geschaffen worden, der die Landwirthschaft das Ueberhandnehmen der Bodenverschuldung, die Entvölkerung des Landes von Arbeitskräften und so manches andere Krebsübel, an dem sie leidet, „verdankt" ? Und warum kommt ihm seine Weisheit so spät? Er lenkte das Staatsruder doch lange genug, um zu der Erkenntniß zu gelangen, daß es besser sei, die Minister nicht in Baar, sondern mit Domänen-Erträgen zu besolden. Wenn er bann selbst damit vorangegangen wäre, diese neue Besoldungsart bei sich einzuführen und um einer mageren Domäne willen sein stattliches Gehalt preiszugeben, so hätte man wenigstens gesehen, daß es ihm ernst mit jenem Aussprüche war. Und weiter: war der frühere preußische Ministerpräsident Graf Eulenburg etwa ein „Mann ohne Ar und Halm" ? Ist nicht Fürst Hohenlohe ein Großgrundbesitzer ersten Ranges? War nicht Herr ihn auf der Straße und später int Theater, trotzdem das Gerücht von seinem Tode verbreitet war. Er ist in Gefahr — aber er weiß es nicht! Wie kann ich ihn warnen und veranlassen, die Stadt zu verlassen, wenn ihm sein Leben lieb ist?"
Von welcher Seite droht int Gefahr?"
"Er hat einen Feind, der beobachtet und verfolgt ihn, er würde ihn berauben und tobten, wenn sich bie Gelegenheit bietet, — und dieser, fein Feind, war auch im Theater!"
Wenn Sie bekannt mit dem Grafen sind, fo
wird es Ihnen ein Leichtes sein, ihn zu warnen."
„Er würde meinen Worten nicht glaubt und sich verächtlich von mir wenden, wie er es stWr gethan hat. Aber eine Warnung von Ihnen würde er nicht verachten." ,,
Ich kann ihn nicht warnen, da ich ihn nicht einmal persönlich kenne," versetzte Thekla ernst, „ich kann Ihnen nicht einmal den Rath geben, bevor ich nicht weiß, in welchem Verhältnisse Sie zu dem Grafen stehen." c , ..
Einen Augenblick zögerte die Frau, dann stieß sie mühsam hervor: „Graf Edgar von Hartfeld ist der Bruder meines ermordeten Mannes — ich heirathete seinen Stiefbruder Robert."
„Sie sind die Wittwe des Bruders, den er er-