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jk 133 Mittwoch, Den 12. Juni 1895 22. Jahrgang

FuldaerWZkitilng

mit Untrrhaltnngs-Keilagr „Sterne und Klumen".

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Deutsches Reich.

Be rlin, 10. Juni

* Der Kaiser und die Kai seri n begaben sich heute Nachmittag mit dem Erzherzog Franz Salvator über Berlin nach Hoppegarten, um dort dem Armee-Jagd- rennen beizuwohnen. Heute Abend 8 Uhr findet ein Mahl zu Ehren des Erzherzogs statt, zu dem auch der österreichisch-ungarische Botschafter v. Szögyeny und der österreichische Militärattache, General v. Steininger, geladen sind. An dem Mahle werden auch der Reichs­kanzler Fürst zu Hohenlohe-Schillingsfürst und der Staatssekeretär des Auswärtigen, Staatsminister Frhr. Marschall von Bieberstein theilnehmen. — Der Kaiser hat auf ein von der in Köln tagenden Hauptversamm­lung der deutschen Landwirthschafts-Gesell- schaft erhaltenes Telegramm sofort in huldvollster Weise erwidert, sein Interesse für die Landwirthschaft bekundet und Segen für die Verhandlungen gewünfcht.

* Herbert Spencer, der durch Verleihung des Ordens pour le merite ausgezeichnete englische Philosoph, erklärt in einer Mittheilung an mehrere Blätter, er müsse die Annahme dieser Auszeichnung ab lehn en, da eine solche mit den wiederhohlt von ihm bezüglich der Orden öffentlich ausgesprochenen Ansichten im Widerspruch stehe.

' Charakteristisch sür den Geist des Militarismus sind folgende statistische Zahlen: Unter 66 Generälen der deutschen Armee befinden sich 2 Bürgerliche, unter 75 Generallieutenants 13 Bürgerliche, unter 149 Generalmajors 38 Bürgerliche. Ueberall überwiegt in der Armee der Adel, nur wo es aus Intelligenz ankvmmt, überwiegt das bürgerliche Element; so sind von den Obersten bei der Kavallerie nur 11,3 Prozent, bei den Pioniren aber 83,3 Prozent bürgerlich; von den Oberstlieutenants bei der Kavallerie 21 Prozent, beim Jngenieurkorps 100 Prozent bürgerlich; von den Majors bei der Kavallerie 17,1 Prozent, beim Jngenieur­korps 90,3 Prozent bürgerlich usw.

* Der Centralausschuß des Bundes der Landwirthe hat am Sonntag eine Huldigungs­fahrt zum Fürsten Bismarck unternommen. Es waren im Ganzen etwa 120 Herren und Damen, die gegen 1/al2 Uhr in Friedrichsruh eintrafen und bald nachher im Parke vom Fürsten empfangen wurden. Der Vorsitzende des Centralausschusses, v. Ploetz, hielt eine längere Ansprache, die mit einem Hoch auf den Fürsten schloß. Fürst Bismarck erwiderte in einer längeren Rede, in der er lebhaft auf die Nothwendig- keit hinwies, bei den Wahlen nur für Diejenigen zu stimmen, die unentwegt entfchlosfen sind, für die Land- wirthschaft einzutreten; die Ansprache klang in ein Hoch auf den Kaiser aus, als den „größten Grundbesitzer" und den Schutzherrn der Landwirthschaft und der produ- zirenden Stände. Die Rede des Fürsten hatte einen offenkundig anti - gouvernementalen Charakter. Unter offenbarer" Bezugnahme auf den Grafen Caprivi sagte er: „Gegenüber dem Schlachtruf: Gegen Ar und Halm!

Mahnte Trene.

Novelle von C. Borges.

(12. Fortsetzung.)

Wochen waren vergangen, die gefeierte Künstlerin hatte in der Residenz ihre glänzende Laufbahn wieder betreten und flocht neue Lorbeeren in ihren Ruhmes- kranz.

Gräfin Falkmar hatte ihr das Manuskript: „Die Launen des Schicksals", das Drama ihres Schützlings, des Grafen Edgar von Hartfeld, zur Durchsicht über­geben und freute sich, daß Thekla bei der Aufführung die Hauptrolle selbst übernehmen wollte.

„Ich würde überglücklich sein, wenn das Drama zur Aufführung gelangte," versicherte sie glückstrahlend, „und zu wissen, daß sein Talent anerkannt wird, wiewohl er schwerlich seinen Triumph genießen wird."

„Warum nicht?" fragte die Künstlerin erstaunt.

„Er gibt seinen Namen nicht her und das Drama muß anonym aufgeführt werden," erwiderte die Gräfin. „Wenn sein Name genannt würde, so würden alle Erinnerungen geweckt werden, die jetzt eingeschlafen sind: er will nicht in seine Heimath zurückkehren, bis der rechte Mörder seines Bruders entdeckt ist."

„Glauben Sie wirklich an seine Unschuld?"

„Ganz entschieden! Wenn Sie Graf Edgar gekannt

soll unsere Parole sein: Für Ar und Halm!" Auf v. Bötticher bezog man allgemein die Warnung vor den Leuten, die an' den Ministerstühlen klebten^, „Seine Freunde von der landwirthfchaftlichen konservativen Fraktion" mahnte der Redner, nur „unabhängige Leute" in die Parlamente zu wählen. Auch die Landräthe seien heute nicht mehr mit den Kreisen verwachsen und darauf bedacht, weiter zu kommen in der Welt. Noch schlimmer seien die Minister-Aspirationen bei den Fraktionen. Man solle Männer, die Minister werden wollten, gar nicht wählen; ja selbst ihre Frauen solle man sich ansehen, ob diese nicht vielleicht gern in Berlin wohnen und viele Zimmer haben möchten. Es sei auch ein Uebelstand, daß die Minister ihr Gehalt in baarem Gelbe erhielten und so an dem Auf und Ab der wirchfchastlichen Verhältnisse unbe- theiligt blieben. (Wie man sieht, hat der Altreichs­kanzler wieder allerhand Reformgedanken vorgetragen, von denen er, fo lange er noch im Amte war, nichts wissen wollte. Damals hatte er auch nichts gegen die Wahl von Landräthen, und selbst sein Gehalt als Reichskanzler und preußischer Ministerpräsident nahm er in baarem Gelde. Wir werden auf die Rede noch eingehend zurückkommen. D. Red.)

* Die Entsendung von deutschen Regierungs-Kom­missaren zum Studium der Zwangsorganisation sür das Handwerk in Oesterreich scheint nach Andeutungen der ,Post' beinahe den Zweck zu haben, der Bewegung für die Zwangsiimung und den Befähigungsnachweis den Boden abzugraben. Da auf dem vorjährigen Handwerkertage erklärt worden ist, man werde von den erwähnten Forderungen abgehen, wenn eine sach­kundige und unparteiische Prüfung der Wirkungen der österreichischen Gesetze zu Ungunsten der Zwangsinnung und des Befähigungsnachweises ausfiele, scheint man die Prüfung in der Hoffnung vornehmen zu wollen, an jenen beiden Forderungen vorbeizukommen. Um einen Anhalt dafür zu gewinnen, wie dicht das Hand­werk noch immer im Reiche sitzt, foll, wie schon berichtet, eine Enquete mittels Stichprobe veranstaltet werden. Der Termin für diefe Erhebung ist auf Mitte Juli festgefetzt. Die Einzelstaaten, in denen die Enquete vorgenommen werden soll, sind Preußen, Bayern, Sachsen, Baden und Lübeck. In Preußen sind die beiden Regierungsbezirke Danzig und Aachen und außerdem 4 Kreise ausgewählt, um eine Unterlage für die Erlangung einiger Klarheit darüber abzugeben, wie viel selbständige Handwerker auch jetzt noch in einem bestimmten Distrikte wohnen.

* Der achte Allgemeine deutsche Handwerkertag in Halle a. d. S. hat bekanntlich einstimmig den Antrag auf Abordnung einer Deputation an den Kaiser an­genommen. Im Vollzüge dieses Beschlusses richtete der ,Allgem. Handw.-Ztg.' zufolge der Centralvorstand des Allgemeinen deutschen Handwerkerbundes unterm 10. Mai durch das Geh. Civilkabinet an Se. Maj. den Kaiser und König das allerunterthänigste Gesuch, einer Deputation von 5—8 dem Allgemeinen deutschen Hand- hätten, so würden Sie ihn selbst für unfähig halten, feinem Stiefbruder den tödtlichen Schlag zu versetzen. Es gibt auf der ganzen Welt keinen edleren, hoch­herzigeren und liebenswürdigeren Menfchen als Graf Edgar."

„Was ist aus ihm geworden? Ihre Erzählung hat mein größtes Jnteresfe für den unglücklichen jungen Mann erweckt."

„Sein Aufenthaltsort ist mir unbekannt. Er sandte mir, seiner mütterlichen Freundin, fein Manuskript mit dem Bemerken, daß er für alle seine Freunde tobt sei, bis sein Name von jedem Makel befreit werde. Seit jener Zeit hörte ich nichts mehr von ihm. Jedoch hege ich die Hoffnung, daß, wenn „Die Launen des Schicksals" mit Erfolg aufgeführt werden, er durch die Zeitungen dadurch benachrichtigt werden wird."

In allen Zeitungen wurde die Aufführung des neuen Drama's „Die Launen des Schicksals" ver- öffntlicht; dasselbe lockte Tausende von Kunstfreunden herbei, die in fpannender Erwartung jetzt ihre Plätze eingenommen hatten.

Thekla war in fieberhafter Aufregung. Sie wußte, daß sie ihre Hauptrolle meisterhaft ausführen werde und der Erfolg gesichert sei. Sie bemerkte kaum, daß heute Frau Merlit, ihre Garderobiere, zerstreut und 1

werkerbunde angehörigen Handwerksmeistern eine Audienz allergnädigst gewähren zu wollen, um in derselben unter dem Ausdrucke unverbrüchlichster Treue und Anhänglichkeit Sr. Majestät die Beschlüsse des Handwerkertages ehrerbietigst überreichen zu dürfen. Auf diese Jmmediat - Eingabe wurde den Vorständen des Allgemeinen deutschen Handwerkerbundes mittels Schreiben des Geh. Civilkabinets vom 30. Mai im Allerhöchsten Auftrage mitgetheilt, „daß Se. Majestät bedauere, die Deputation des Allgemeinen deutschen Handwerkerbundes nicht empfangen zu können, aber die schriftliche Einsendung der Beschlüsse des VIII. Handwerkertages anheimstellen lasse." Die,All- gem. Handw.-Ztg.', welche diese Benachrichtigung über die Verweigerung der Audienz mit der Erinnerung an die Worte des Kaisers einleitet: „Meine Thür ist alle Zeit einem jeden meiner Unterthanen offen und willig leihe ich ihm Gehör", glaubt die Nichtgenehmigung der Audienz lediglich dem Einflüsse der Kaisers. Rath­geber, insbesondere den Ministern v. Bötticher und Frhr. v. Berlepsch zuschreiben zu sollen — ob mit Recht oder Unrecht und ob beiden, muß einstweilen dahingestellt bleiben. In den Kreisen der Handwerker wird die abschlägige Antwort jedenfalls keine freudige Stimmung Hervorrufen.

* Die .Nordd. Allg. Ztg.' bringt einen Artikel über den Mellage - Prozeß bezw. über dessen Be- urtheilung in der Presse. Dabei zollt sie der katholischen Presse im Allgemeinen Anerkennung und polemisirt nur gegen einige Aeußerungen der .Köln. Volksztg.' über ' ähnliche Mißstände in der Berliner Charite. Dann aber.wendet sie sich gegen die ,Hamb. Nachr.', die — ebenso wie manche andere kulturkämpferische Blätter — der Regierung insofern den Hauvttheil der Schuld beimesfen wollen, als diese durch „Leise- treter ei gegenüber dem Centrum" die zunächst verpflichtete Aufsichtsbehörde in ihrer Nachlässigkeit bestärkt habe. Dagegen macht die,N. A. Z/ zunächst mit Recht geltend, daß die Aufsichtsbehörde durch rückhaltlose Offenlegung der Mariaberger Zustände, falls ihr diese bekannt gewesen wären, der bischöflichen Behörde einen ungleich größeren Gefallen gethan hätte als durch die Verheimlichung. Sodann schreibt sie mit beachtenswerthen Spitzen gegen den Frieorichsruher Chef der ,Hamb. Nachr.': „Was aber das Ver- hältniß der Regierung zum Centrum anbe­langt, so ist die Behauptung, daß die Regierung in ihrem Entgegenkommen gegen die katholische Kirche weiter geht, als billig und mit ihrer Würde verträg­lich ist, — so oft sie auch schon zu den Amtszeiten des Fürsten Bismarck (!) wie später aufgetaucht ist — unzutreffend und ohne ernstes Beweismaterial. (Sogar das Gegentheil ist leider nur zu wahr. Red.) Die Mitarbeiterschaft des Centrums in Dingen, bei denen es sich um Förderungen des Gemeinwohls handelt, zurückzuweisen und diese Partei systematisch zu brüskiren (Köller, Schönstedt!), kann sich die Re­gierung freilich nicht veranlaßt fühlen. Um fo weniger,

bei weitem nicht so geschickt wie gewöhnlich war; als sie aber selbst Hand an ihre Toilette legen mußte und die Dienerin oft Schminke und Puder verwechselte, rief die Künstlerin unwillig aus: „Sie sind heute gar nicht zu gebrauchen, Frau Merlit, was haben Sie denn? Ist Ihnen etwas zugestoßen?"

„Ich helfe Ihnen nach besten Kräften", versicherte die Frau, und ein flüchtiges Roth färbte ihre bleichen Wangen, „aber ich habe einen Schreck gehabt, von dem ich mich noch nicht erholen kann."

„Einen Schreck? Was ist denn geschehen?"

„In der Nähe des Theaters stand ich plötzlich einem Manne gegenüber, den ich seit Jahren für todt hielt."

„Ist der, Mann mit Ihnen verwandt?" fragte die Künstlerin theilnehmend.

Frau Merlit lachte bitter.

„Mag sein", versetzte sie, „aber er würde die Ver­wandtschaft nicht anerkennen, selbst wenn er mich wieder erkannt hätte, was aber nicht geschehen ist. Ich bin nicht mehr, wie ich früher war, aber ich erkannte ihn sofort wieder. Diese Begegnung hat mich aufgeregt, Fräulein Bergstein, aber ich werde schon ruhiger und für den nächsten Akt werde ich Ihnen wieder besser dienen können."

Der Vorhang war aufgezogen. Stürmischer Applaus