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JU 132

Dienstag, den 11. Juni 1895

22. Jahrgang

Ful-anMZeitling

mit Unterhaldmss-Krttage „Sterne und Klnmeu".__

JL »nnfirh Sonn, und »eiertaae ausgenommen. — Bierteljährlicher «bonnementsvrei« ohne Bringerlohn und Bestellgeld in Fulda und auswärts l«art 50 Pfennig. Scf4e»t kosten d?e einspaltige Garmondzeile oder deren Raum 15 Pf., Reklamen die Petitzeile 25 Pf., der Wiederholungen entsprechender Rabatt.

K> Der Prozeß Mellage hat am Samstag mit der Freisprechung desGast- wirthes Mellage und seiner beiden Mitangeklagten aeendigt. Der Staatsanwalt hatte Geldstrafen bean- wagt. Das Gericht hat aber entschieden, daß dem Angeklagten der Wahrheitsbeweis in allen Punkten gelungen sei und demgemäß ein freisprechendes Urtheil gefällt. Ob der Wahrheitsbeweis wirklich so vollständig geglückt sei, wird jedenfalls vielfach be­zweifelt werden. Das gilt insbesondere für die Be­hauptung, daß der schottifche Priester Forbes wider seinen Willen in der Anstalt Mariaberg festgehal­ten und mißhandelt worden sei; in diesem Punkte hatte bekanntlich auch der Staatsanwalt die Anklage aufrecht erhalten. Andererseits haben die Verhandlungen aller­dings ergeben, daß in der Anstalt arge Mißstände geherrscht haben, so große Mißstände, daß man sich wundern muß, wie dieselben jahrelang den Aufsichts- Behörden entgehen konnten.

Die liberale Presse ist nun aber gleich bei der Hand, das ungünstige Urtheil über die Aachener An­stalt zu verallgemeinern und nicht nur dem katholischen Ord en swefen, sondern der ganzen katholischen Kirche aus dem Mellage - Prozesse einen gründlich vernichtenden Strick zu drehen. Sie konnte nicht einmal das Urtheil des Gerichtshofes ab­warten, bevor sie ihr eigenes Urtheil abgab, ein Ver­fahren, das in der anständigen Presfe sonst mit Recht verpönt ist. Und dadurch haben die liberalen Blätter denn auch die katholische Presse schon vor Beendigung des Prozesses zur Zurückweisung ungerechtfertigter An­griffe genöthigt. Diese Zurückweisung war durchweg ruhig und streng sachlich, während auf der Gegenseite ein Ton herrscht, der an die ersten Zeiten des Kultur­kampfes erinnert und zweifellos auch daraus berechnet ist, den protestantischen Fanatismus auf's Neue zu beleben, Stimmung für einen neuen Kultur­kampf zu machen. Dadurch wird die kathol. Presfe genöthigt, den Fall Mellage nach zwei ganz ver- fchiedenen Richtungen hin zu besprechen: einmal in der Richtung, wie den aufgedeckten Uebelständen abzu- h elfen ist, und zweitens die ungerechtfertigten, tenden­ziösen Angriffe auf die katholische, Kirchs und ihr Ordenswesen abzuwehren. Es tifäre besser, wenn man sich auf den ersten, positiven Punkt beschränken könnte und die Angelegenheit allerseits eine rein sach­liche Behandlung erführe, die allein geeignet ist, die richtigen Lehren aus dem Prozesse zu ziehen und zu praktischer Abhilfe zu führen. Die kulturkämpferifche Presse ist dafür verantwortlich, wenn diese praktische Arbeit unter einer unfruchtbaren Polemik Schaden leiden sollte.

Worum handelt es sich denn? Einfach darum, daß in der Anstalt Mariaberg geisteskranke, geistes­schwache und epileptische Personen in einigen — etwa 10 — Fällen seitens ihrer Pfleger und Wärter

Helohnte Treue.

Novelle von C. Borges.

(11. Fortsetzung.)

„Ich hörte von Ihrer Krankheit", versetzte Thekla jetzt viel milder, „es wurde mir gesagt, eine Gehirn­entzündung hätte Sie fast dem Grabe nahe gebracht."

„Hätte man Ihnen gesagt, daß Herzschmerzen den Grund zu meiner Krankheit legten, so würde diese Aussage der Wahrheit näher gewesen sein," warf der Graf ruhig ein.

Thekla biß sich auf die Lippen. Sie verstand die Bedeutung seiner Worte. Schon seit langer Zeit wußte sie, daß der reiche aber geistlose Graf nichts sehnlicher wünschte, als sie zu seiner Gattin zu erheben, trotzdem sie seine Huldigungen kühl zurückgewiesen hatte.

„Ich wiederhole Ihnen, Herr Graf, ich will hier der Ruhe genießen und von allen gesellschaftlichen Pflichten frei sein," entgegnete sie deshalb unwillig, als er nach dem Namen ihres Hotels fragte.

„Ich werde Ihren Aufenthalt geheim halten", ver­sicherte er ernsthaft.

Thekla gab die gewünschte Auskunft; es widerstand ihrer offenen Natur, unhöflich gegen den Sohn ihrer, mütterlichen Freundin zu fein, und der junge Graf freute sich, daß seine Reife nach der Schweiz nicht ver­geblich gewesen sei.s^ IKKEäE

eine Behandlung erfuhren, die vom christlichen, menfch- lichen und ärztlichen Standpunkte gleichmäßig zu ver- urtheilen ist. Die Frage, die also der Prozeß Mellage aufs Neue aufgeworfen hat, ist die der Jrrenbe- handlung. Auf diesem Gebiete liegen die beklagten Mißstände und müssen also auch die praksischen Nutz­anwendungen liegen, die aus den Prozeßverhandlungen gezogen werden müssen. Und das um so mehr, als ja der Fall Forbes keineswegs der erste Fall ist, der die öffentliche Aufmerksamkeit auf die Zustände in der Privatirrenpflege und in demJrrenwesen überhaupt hinlenkt. Diese Mißstände haben ja bereits eine starke Bewegung hervorgerufen, die auf eine umfassende Reform unseres gesammten Jrrenwesens hindrängt, und auch in den parlamentarischen Verhandlungen — z. B. wiederholt im preußischen Herrenhause — schon mehrfach zur Geltung gekommen ift. Wenn der Pro­zeß Mellage dieser Bewegung neue Kraft zuführen und die Erkenntniß, daß das Jrrenwesen gründlicher Re­formen bedarf, überall und namentlich auch in den Kreisen der Regierung fördern würde, so wäre das ein praktischer Erfolg des Prozeßes Mellage, mit dem wir ganz zufrieden wären. Die Frage wird aber — das dürfen wir uns nicht verhehlen — nicht leicht zu lösen sein. Schon die Aerzte, welche fest stell en sollen, ob ein Mensch geistesgestört ist, haben eine sehr verantwortungsvolle und nicht selten überaus schwere Aufgabe. Die psychiatrische Wissenschaft ist eine der schwierigsten von allen Wissenschaften, sie tappt auch heute noch vielfach im Dunkeln, und keine Wisfenfchaft ist so arm an feststehenden Gesetzen, Grundsätzen und Regeln wie die Psychiatrie. Sehr schwer ist daher auch der Beruf der Aerzte, welche die Geisteskranken zu behandeln haben. Von ihnen muß nicht nur ein gediegenes Wissen, sondern auch Menschenkenntniß, scharfe Beo­bachtungsgabe und ganz befonders auch ein hohes Maß von Charakterstärke, Selbstzucht und Selbstbeherrschung verlangt werden. Und gerade diese letzteren Eigenschaften müssen in fast ebenso hohem Maße von den Wärtern gefordert werden. Wer einmal eine Irrenanstalt besucht hat, wird den niederdrückenden Eindruck, den die Kranken, insbeson­dere die blödsinnigen, schmutzigen und tobsüchtigen aus ihn gemacht haben, niemals wieder los. Man begreift nicht, wo die Wärter ihre Berufsfreude hernehmen sollen. Nur eine starke christliche Nächstenliebe kann einen solchen Beruf erträglich machen. Das bloße menfchliche Mitleid, das der Außenstehende den Irren entgegenbringt, stumpft sich in dem stündlichen Ver­kehr mit den Irren, unter dem fortwährenden Kampfe mit ihren Launen, Verkehrtheiten, Bosheiten, ja auch Gewaltthätigkeiten rafch ab. Da ist es begreiflich, wenn gerade in den Irrenanstalten mehr als ander­wärts körperliche Züchtigungen und auch Mißhand­lungen im Zorne und aus dem Versagen der Geduld entspringen. Damit wollen wir die Aachener Alexianer- brüder keineswegs entschuldigen, aber wohl

„Wenn ich nicht irre, so ist der junge Graf ernst­lich in Dich verliebt," bemerkte Jenny, als sie am Abend mit ihrer Schwester allein war.

„Desto schlimmer für ihn," lautete Thekla's ruhige Antwort, „er muß jedenfalls mit einer abfchlägigen Antwort zufrieden sein."

„Liebst Du ihn denn nicht?"

„Wie kannst Du so etwas denken? Nein! ganz gewiß nicht!" lachte Thekla. „Ich lebe für meine Kunst — ich werde nie heirathen."

Viele Herren haben sich redlich um Deine Liebe bemüht", fuhr Jenny wie im Selbstgefpräch fort. „Zuerst Herr Heldcungen, — dann Herr Lisser. Ich weiß bestimmt, daß er Dich liebte, Thekla, und habe mir seine plötzliche Abreise von Burgfels nie erklären können." , , r. n. ,

„Herr Heldrungen hat mir niemals feine Liebe ge­standen," bemerkte die Künstlerin, um das Gespräch von Herrn Lisser abzulenken. .

„Dir nicht, — aber mir hat er gesagt, wie heiß er Dich liebe," gestand Jenny und wandte ihr Antlitz ab, um die jähe Röthe zu verbergen.

„Wann geschah ^as?" „

„An jenem Herbsttage im Walde; erinnerst Du Dich" noch der Parthie?"

Thekla's Herz drohte fast zu zerspringen, ^ene StundenIim Walde waren ihr unvergeßlich.

darf man von jedem Billigdenkenden verlangen, daß er sich selbst in die Lage dieser Leute hineinzuversetzen sucht — und dann erst urtheilt. Ganz wird man derartige Ausschreitungen nie beseitigen können, aber man kann sie eindämnten, wenn man die Wärter nicht zu sehr sich selbst überläßt. Deshalb muß dafür ge­sorgt werden, daß 1) an der Spitze jeder Privatirren­anstalt ein Mann von reifem Urtheil, ruhigem Denken und festem Charakter steht; daß 2) in der Kranken­behandlung stets der Arzt das entscheidende Wort hat und alle Kranken auch regelmäßig zu sehen be­kommt; daß daher 3) die Zahl der Aerzte ausreicht, um dieser Pflicht gerecht zu werden; und daß 4) die Medizinalaufsicht gründlicher, sorgfältiger und nament­lich auch durch Geheimhaltung und Unregelmäßigkeit der Revisionsbesuche wirksamer wird.

Was hat nun aber die Sache mit der katho­lisch e n K i r ch e oder speziell mit dem kathol. Ordens­wesen zu thun? Die Alexianer bilden keinen Orden, sondern nur eine Kongregration, sie sind durchweg Laien. Die Mißstände, die in Mariaberg vorgekommen sind, haben so wenig mit der katholischen Kirche zu thun, daß man im Gegentheil sagen kann: es wäre jedenfalls das Alles nicht vorgekommen, wenn der Zusammenhang zwischen der Anstalt und der Kirche nicht so lose wäre, d. h. wenn die Befugnisse der erz­bischöflichen Behörden größer wären, und wenn die Leitung der Anstalt in den Händen eines Geistlichen gelegen hätte. Wir wollen damit den Alexianern im Allgemeinen nicht zu nahe treten, aber wir glauben, sie selbst müssen nach dem Mellage-Prozeß wünschen, daß die Organisation dahin verbessert werde, daß sie auch nach Außen hin volles Vertrauen erwecke. Wenn sie z. B. wirklich einen Orden bildeten, der auch Priester umfaßte, dann würde damit wohl auch dort, wo jetzt ein gewisses Mißtrauen platzgegriffen hat, das Vertrauen zurückkehren. Doch dies Alles ist S a ch e der geistlichen Behörden, denen wir keine Rathschläge ertheilen wollen, noch auch zu ertheilen brauchen; sie werden sicherlich Alles thun, was nöthig, nützlich und möglich ist. Wir wollten mit dem Gesagten nur zeigen, daß die Mißbräuche in der Aachener Anstalt nicht auf dem Boden der katholischen Kirche erwachsen sind, sondern im Gegentheil am sichersten auf dem Boden der Kirche bekämpft und beseitigt werden können. Sache des Staates ist es nur, diejenige Auf­sicht auszuüben, die ihm auf dem Gebiete des Gesund­heit s w e s e n s unbestreitbar zukommt, nicht aber, auch das innere Leben der Klöster überhaupt zu beauf­sichtigen. Der Staat hat das Recht, gewisse Leistungen und Bürgschaften festzusetzen, die er von den Kranken­häusern im Interesse der Kranken fordern muß. Wie aber diese Leistungen zu erreichen und zu sichern sind, durch äußere und innere Organisation, Auswahl der Personen u.s.w., das ist Sache der Kirche, bezw. der religiösen Genossenschaften selbst, die sich dem auf­opfernden Werke der Krankenpflege widmen. Wir ver-

„Du gäbest Heldrungen gar keine Gelegenheit, Dir seine Liebe zu gestehen, und der arme Mann gerieth darüber fast in Verzweiflung," fuhr Jenny fort, „Er schüttete mir sein Herz aus, aber ich konnte ihm keine Hoffnung machen, denn es schien mir in jenen Tagen, daß Du eine große Zuneigung zu Herrn Llsser gefaßt habest. Aber Du mußt jetzt die Wahrheit wlssen, Thekla, ich glaube — nein, ich weiß gewiß, daß Heldrungen Dich heute noch ebenso liebt wie vor vier Jahren. „ „ . „ „

Thekla sah ihrer erregten Schwester voll ins Antlitz, als wolle sie deren geheimste Gedanken lesen. Jenny war nicht mehr das bleiche, schwächliche Mädchen von ehedem; sie war frischer und stärker geworden, ihre Wangen hatten sich geröthet und ihre dunklen Augen hatten den sorgenschweren Ausdruck verloren.

,Jenny," rief die Schwester plötzlich, „Du, Du selbst liebst Herrn Heldrungen! Oh! wie blind bin ich bis jetzt gewesen!"

Jenny bedeckte ihr Antlitz mit den Händen, doch sie antwortete nicht.

„Armes Kind", flüsterte Thekla, sie tröstend um­armend, „wir haben beide in unserem jungen Leben bereits Schiffbruch gelitten."

Du mußt mein Geheimnch bewahren, flehte Jenny, „ich dachte nicht, daß Du es jemals entdecken würdest. Aber es war meine Pflicht, Dir zu sagen.