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JS 131 < J |2 Sonntag, öen 9. Juni 1895. * 22. Jahrgang

mi Ä^Die christliche Schule.

Ansprache des Hochw. Herrn Bischofs Hubertus Simar Von Paderborn mt die Geueral-VersarMlung des katholischen Le^er-Berbandes Deutschlands.

Meine lieben Freunde!

Mit herzlicher Freude habe ich es begrüßt, daß Sie dieses Mal unsere altehrwürdige Paderstadt als Tagungs­ort für Ihre General-Versammlung gewählt haben. Wenn Sie dem Zwecke Ihres Verbandes entsprechend für die Erhaltung und Förderung der christlichen Schule und eines tüchtigen, "pflichttreuen und berufsfreudigen Lehrerstandes m unserem lieben deutschen Baterlande Ihre gemeinsamen Berachungen und Bemühungen ein­setzen wollen, so befinden Sie sich für ein solches Streben hier in Paderborn auf einem wahrhaft klassi­schen, durch eine tausendjährige Tradition geheiligten Boden. ■- Uy oV j M

Unser herrlicher Dom und die in einem lieblichen Kranze ihn umschließenden kirchlichen Bauwerke erin­nern Sie in der eindringlichen Sprache zeitgeschicht­licher Urkunden an die unsterblichen Verdienste, welche der erste und größte der deutschen Kaiser um die Be­gründung des christlichen Schul- und Unterrichlswesens im großen Frankenreiche sich erworben hat. Sie er­zählen Ihnen, wie die ersten Bischöfe von Paderborn, dem Vorbilde des großen Kaisers nacheifernd, in ihrer Domschule die erste Pflanzstätte christlicher Bildung und Wissenschaft auf sächsischem Boden schufen und zu hoher Bedeutung und Blüthe erhoben, daß sie Jahr­hunderte lang ihre Segnungen weit über die Grenzen des Bisthums hinaus verbreitete. Und die jenem Kranze zuletzt im Laufe des 17. Jahrhunderts einge­fügten stattlichen Bauten, welche jetzt das Gymnasium, die theologische Lehranstalt und das Priester-Seminar beherbergen, lassen vor Ihrem Geiste die hochragende Gestalt des Fürstbischofs Theodor von Fürstenberg auf­leben und sein ebenso weises wie kraftvolles und opfer­freudiges Wirken, das nach harten Prüfungen und verheerenden Stürmen mit dem Fürstbisthume zugleich auch die höheren und niederen Unterrichts-Anstalten aus tiefem Verfall zu neuem Leben in zeitgemäßer Entwickelung erstehen ließ.

Das sind, wie mir scheinen will, erhebende Erinne­rungen für Sie, verehrte Vereinsgenossen, in einem Augenblicke, wo Sie sich vereinigt haben, um sich wechselseitig zu ermuntern und zu stärken zu treuer Hingabe an Ihren Beruf; wo Sie feierliches Zeugniß ablegen wollen für die große entscheidende Bedeutung, welche der christlichen Schule zuerkannt werden muß, wenn die Heilmittel gesucht werden gegen die soziale Verwirrung und Roth, welche täglich mehr und mehr auch in unserm Vaterlande allen Frieden und alles Menschenglück untergräbt und zerstört. Es ist immer erhebend, auf hohe Vorbilder hinzublicken; er­hebender noch ist der Gedanke, welchem Sie sich hin­geben dürfen, daß die Vorbilder, auf die ich an erster Stelle hingewiesen habe, vom Himmel her Ihr be­scheidenes Wirken mit Freuden begrüßen und Gottes Segen demselben erfichen »erben, ließet alles er- muthigend und belehrend aber ist für Sie die Er­wägung, haß die heilige Quelle übernatürlichen geistigen Lebens, aus welcher jene erhabenen Vorbilder die Kräfte und die Heilmittel schöpften, um auch durch die Schule unsere Vorfahren zu erlösen aus den Banden heidnischen Wahnes und roher Sitten, um sie in ftirzer Frist zu einer Höhe der Kultur zu erheben, welche unsere Bewunderung, ja oft unfern stillen Reid erregt, — auch heute noch in unversehrter Reinheit und Fülle von der heiligen Kirche gehütet wird, und daß es auch Ihnen vergönnt ist, aus dieser Quelle Heil und Leben zu schöpfen, so viel Sie nur immer wollen, für die Ihnen anverttaute Jugend und damit zugleich für die todtkranke Gesellschaft. Die Wahr­heit und Gnade Jesu Christi, welche die Kirche bewahrt und ausspendet, besitzt heute wie vor tausend Jahren, die gleiche Kraft der Erlösum; von Jrrkhum und Sünde, nie gleich Kraft zur höchsten Vervoll­kommnung des menschlichen Erkennens und zur Ver­edlung der menschlichen Sitten. Was darum die Schule als dankbare und gelehrige Tochter der Kirchern getragen und beseelt von den über­natürlichen Mächten des christlichen Glaubens und der Gnaden des Erlösers, vor tausend Jahren vermocht hat zur Heilung tief eingewurzelter sozialer Uebel, das wird sie auch heute unter den gleichen Bedingungen, aber auch mur unter diesen Bedingungen zu leisten im Stande sein.

Diese auf dem übernatürlichen gastlichen Glauben an Christus und sein Erlösungswerk beruhende Ueber- zeugung ist das unerschütterliche Fundament, auf welchem Sie den stattlichen Bau des katholischen Lehrerverbandes errichtet haben; das ist der unanfecht­

bare Adelsbrief, der dem Verbände vor Gott und der Welt das Recht der Existenz und des Wirkens sichert; das die unverbrüchliche Krone, welche diesem Wirken seine Ziele und seine Wege voMreibt; das die uner­schöpfliche Segensquelle, aus welcher dem Verbände als solchem, wie jedem einzelnen Mitgliede für seine persönliche Berufsthätigkeit Licht und Kraft und Opfer- muth zufließen zur Arbeit und zum Kampfe für eines der höchsten unserer nationalen Güter; für ein Gut, das jeder echte Deutsche mit gerechtem Stolze als eine der schönsten Zierden unseres theuern Vaterlandes rühmen, das jeder einsichtsvolle Polittker als eine der sichersten Grundlagen des gesellschaftlichen Wohles und unserer nationalen Kraft und Größe hochschätzen müßte: denn ein solches Gut ist und bleibt allezeit die christliche Schule und eine glaubenstreue christliche Lehrerschaft!

Möge diese Generalversammlung die Klarheit und die begeisternde Kraft jener Ueberzeugung in allen Mitgliedern des Verbandes, wenn es je noch noth- wendig oder möglich sein sollte, zur höchsten Voll­kommenheit erheben, und möge sie ihm alle diejenigen Standesgenossen gewinnen, welche bisher noch fern geblieben sind. In dieser Hoffnung und mit dem Wunsche, daß Gottes Gnade Ihre Berathungen leiten und befruchten möge, ertheile ich Ihnen von Herzen gern den erbetenen bischöflichen Segen.

Kelohnte Treue.

Novelle von C. Borges.

(10. Fortsetzung.)

Doch trotz aller Gegenrede konnte sie den so schnell gefaßten Entschluß des jungen Mädchens nicht wanken machen. Das Leben erschien ihr plötzlich in einem nie gekannten, sonnigen Lichte. Sie schrieb ihren Eltern einen ausführlichen Bericht über die glänzenden Aus­sichten und erklärte ihnen, daß ihr Lebensglück von einer günstigen Entscheidung abhänge.

Als Antwort kam der Künstler mit seiner Gattin sofort nach der Residenz. Sie fanden, daß ihre älteste Tochter sich nicht von dem gefaßten Plane abbringen ließ; ruhig aber bestimmt erklärte sie ihnen, daß sie, um glücklich zu werden, sich einen Beruf erwählen müsse und nur allein für die Bühne Lust und Neigung verspüre.

Nach einer ernsthaften Unterredung mit dem Direktor, der alle Einwendungen zu verscheuchen wußte, gab der Vater endlich seine Einwilligung. Thekla sollte unter Leitung des Direktors ihre glänzende Laufbahn be­ginnen, aber beständig unter Frau von Asiens Schutz bleiben. Thekla strahlte vor Freude; sie hatte kaum die Erfüllung ihres heißesten Wunsches schon so bald zu erhoffen gewagt und zeigte sich so dankerfüllt, daß der Vater das ftohe Bewußtsein hatte, endlich einmal das Rechte für seinen Liebling gethan zu haben.

Jetzt begann ein neues Leben für die Künstlerin. Sie mußte viel und angestrengt lernen, und ihre Er­fahrungen, die sie machte, waren nicht immer der besten Art. Doch mit rastlosem Eifer verfolgte sie chr vor­gestecktes Ziel; sie machte erstaunliche Fortschritte und Memand zeigte ein größeres Interesse an ihrer Lauf­bahn, als Gräfin Falkmar. —

„Ich habe zuerst Ihre schlummernden Talente ge­weckt", sagte Gräfin Falkmar einst zu Thekla, „ich bin also auch verpflichtet, mit Interesse Ihre Studien zu verfolgen." Dann durchblätterte sie ein geschriebenes Manuskript, und breitete es endlich vor der jungen Künstlerin aus. „Dieses kleine Drama muß in Ihrem Theater später zur Aufführung gelangen; Sie über­nehmen die Hauptrolle, dann ist ein guter Erfolg ge­sichert," erklärte fte mit Bestimmtheit.

„Darf der Name des Autors nicht genannt werden?" fragte Thekla gespannt.

.Es ist ein junger Freund von mir, Graf Edgar von Hartfeld; doch ein trauriges Schicksal zwingt ihn, wie ein rastloser Wanderer von einem Ort zum anderen M flüchten." nfifstlnöM I

„Graf Edgar von Hartfeld?" wiederholte Thekla sich besinnend, „ich erinnere mich, vor längerer Zeit viel von ihm in der Zeitung gelesen zu haben."

„Alle Zeitungen trugen dazu bei, den öffentlichen Skandal zu vergrößern", fuhr die Gräfin wehmüthig fort, „und doch war Edgar der edelste und beste Mann, der nur seinen Nebenmenschen Gutes gethan hat. — Ich will Ihnen die Geschichte kmz erzählen. Edgar hatte einen jüngeren Sttefbruder, Robert, dem er mit inniger Liebe zugethan war. Nach dem Tode des Vaters trat er eine reiche Besitzung im Süden an und setzte seinem Bruder für Lebenszeit ein beträcht- liches Jahrgeld aus. Nach einer längeren Reise kehrte der junge Erbe einst unerwartet in seine Heimath zurück und fand, daß sein Bruder Robert sich in­

zwischen mit einer Person ehelich verbunden hatte, big in jeder Beziehung tief unter ihm stand. Er war em­pört über diese unglückliche Verbindung und über­schüttete den jungen Gatten mit den bittersten Vor­würfen. — Am selben Abend fand man Robert's Leiche im Park; eine Kugel hatte seinem Leben ein jähes Ende gemacht.) Der Verdacht der schwarzen Thal fiel auf den unglücklichen Bruder. Die Diener­schaft bestärtte diese Verleumdung durch Ausbreitung des Streites; die allgemeine Meinung war leider gegen den Grafen, obwohl das Gericht ihn für „Nicht­schuldig" erklärte. .NNIltzjAMMMK J3(hßjn}r

Erbittert über dieses traurige Ereigniß übergab der Graf die Güter einem treuen Verwalter und ver­ließ als rastloser Wanderer das Vaterland, mit dem festem Entschluß, nicht eher zurückzukehren, als Ns der wahre Schuldige entdeckt und sein Name von jedem Makel befreit sei. — Ob das jemals geschehen wird, das ist höchst unwahrscheinlich", endete die Gräfin ihren traurigen Bericht, „aber ich fühle inniges Mit­leid mit ihm, der jetzt wie ein Verbannter unter den Menschen weilt."

„Was ist aus Robert's Wittwe geworden?" fragte Thekla theilnehmend. yT 08 ü

„Oh! sie verschwand bald nach den Gerichtsver­handlungen; man hat seitdem nie mehr von ihr ge-

Vier Jahre waren vergangen, seitdem Thekla ihre künstlerische Laufbahn begonnen hatte. Es waren Jahre eifrigen Ringens und Strebens; mit unermüdlichem Fleiß und rastloser Ausdauer verfolgte die junge Künstlerin ihr Ziel, und Gräfin Falkmar sah mit mütterlichem Stolz auf das schöne, ehrgeizige Mädchen und freute sich, diesen Stern in der Künstlerwelt ent­deckt zu haben.

Doch nicht allein mit Lorbeeren geschmückt, auch mit vollen Taschen kehrte Herrn Bergstein's begabte Tochter häufig als Gast in das Elternhaus zurück, um mit ihrem .Reichthum die zerrütteten Verhältnisse in Burgfels zu ordnen. Hans setzte seine Studien mit

Hilfe seiner Schwester fort, Magdalena wurde zur weiteren Ausbildung in ein Pensionat geschickt, und Mademoiselle brauchte nicht mehr, wie bisher, alle häuslichen Arbeiten allein zu verrichten.

Hofften aber die Eltern, daß die schöne, gefeierte Künstlerin ihr Glück in ihrem Beruf gefunden habe, so irrten sie sich. Mit tiefem Weh im Herzen gedachte Thekla noch immer der kurzen, schönen Herbstwochen, in denen Arnold Lifier ihr einziger Gedanke gewesen war, dem noch ihr ganzes Herz gehörte, obwohl sie seinen Namen nie aussprach und derselbe auch nicht im Elternhause genannt wurde. So oft ein Neujahrs­tag wiederkehrte, hoffte sie auf ein erneutes Lebens­zeichen, um immer wieder enttäuscht zu sein.

Das kleine, sinnreiche Bild auf der Elsenbeinplatte hielt sie noch immer als ein theueres Kleinod hoch in Ehren, doch nie folgte ein anderes. Zahlreiche Be­wunderer bemühten sich vergebens um ihre Gunst. Die endlosen, kostbaren Glückwunschkarten zum Neujahrs­tage wurden hastig geöffnet und enttäuscht bei Seite gelegt; wie gern hätte sie den mühsam erworbenen Ruhm um ein Lebenszeichen für den Mann dahin ge­geben, den sie noch immer liebte.

Jetzt war's Frühling. Nach einer angestrengten Thättgkeit suchte Thekla Ruhe und Erholung in den romantischen Thälern der Schweiz, die sie mit Made­moiselle, Jenny und Magdalene durchstreifte. Doch hier zu, ihrer unangenehmen Ueberraschung sah sie eisten stattlichen, elegant gekleideten Herrn auf sich zukommen, der gerade ihren Weg tren8«?Ijdfini|ft

„Das ist der junge Graf Falkmar", rief sie fast unwillig aus, „ich hoffte hier von allen lästigen Be- kkmnten befreit zu sein." i tiMaMo iiaioi

„Freut mich, Sie hier zu finden, Fräulein Berg­stein," begann der Graf in seiner gewöhnlichen, näseln­den Sttmme, „ich ahnte nicht, imß ich Sie hier in der Schweiz treffen würde."

„Ich hoffte hier in der stärkenden Gebirgsluft Ruhe nach angestrengter Arbeit zu finden", erwiderte die Künstlerin, als sie ihre Begleiterinnen vorgestellt hatte, aber es scheint, ich muß noch »eiter reisen, um unge­stört zu bleiben."

Der Graf schien den Sinn ihrer Worte durchaus nicht auf sich zu beziehen und fuhr unbeirrt fort: „Sie können doch nicht erwarten, daß Ihr Aufenthalt geheim bleibt? Das können nur unbedeutende Personen, aber nicht eine gefeierte Künstlerin, wie Sie 1 Es freut mich, . Sie schon so bald gefunden zu haben; ich war lange i Zeit krank und wollte hier, wie Sie, in der herrlichen Bergeslust Ruhe und Stärkung suchen."

(FortletzungLsolgt.);