i 131 ^Ämrtag, den M Juni 1895 22. Jaüraan
FilldilcrWZeitiiiig
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rt Zu dem Aachener Prozeß.
Vor dem Abschlüsse der Verhandlungen schon ein Urtheil über die beiheiligten Personen öffentlich aussprechen zu wollen, wäre eine freventliche Voreiligkeit. Aber angesichts des großen Aufsehens, das der Prozeß macht und der vielfachen Erörterungen, welche durch die einzelnen Stücke des Berichtes veranlaßt werden, ist es vielleicht gut, auf einige allgemeine Gesichtspunkte aufmerksam zu machen, die bei Angelegenheiten solcher Art in Betracht kommen.
Unter den 12 Aposteln war ein Verräther und ein Verleugner. Die Nachfolger der Apostel sind auch menschlichen Schwächen und Fehlern zugänglich. Kein Mensch auf Erden ist mit der Garantie der Sünden- lofigkeit begabt; die Jrrthumlosigkeit kommt nur dem Papste zu, wenn und soweit er als Oberhaupt der Kirche eine allgemein verbindliche lehramtliche Entscheidung trifft. Es ist also keine kirchliche Genossenschaft oder Einrichtung gegen Mißgriffe, Fehler, Mißbräuche gesichert. Wenn sich herausstellt, daß gewisse Personen, mögen sie niedrig oder hoch stehen, aus Geistesschwäche oder auch aus sittlicher Verirrung gefehlt haben, so beweist das noch nichts gegen die Gemeinschaft, der sie angehören, oder gar gegen die Kirche selbst. Wir haben Hochachtung und Vertrauen gegenüber Allen, die das Ordenskleid tragen, so lange uns nicht das Gegentheil dieser Gefühle aüfgezwüngen wird, und es ist auch begreiflich, daß die Katholiken etwaige Anschuldigungen gegen ein klösterliches Institut mit dem größten Mißtrauen entgegentreten. Denn nur zu viele Proben der schändlichsten, rasfinirtesten und zähesten Verleumdung unserer Einrichtungen haben wir schon kennen gelernt. Aber dieses Mißtrauen und der edle „Korpsgeist" darf uns nicht so weit führen, daß wir gelegentliche Aergernisie für ganz unmöglich, jede Kritik ohne Weiteres für unbedingt grundlos und böswillig halten. Man muß alles Menschliche für möglich halten, und wenn es sich als wirklich erweist, so muß man sich darüber klar sein und bleiben, daß die Schuld einzelner Personen die gute und heilige Sache nicht entwürdigen kann.
Wenn von gegnerischer Seite jeder Fall, daß ein klösterlicher Pfleger von sehr lästigen und gefährlichen Kranken die Geduld und die Besonnenheit verloren hat, zu einem „unerhörten" Skandal aufgebauscht werden soll, so muß daran erinnert werden, daß die Versuchungen zu Menschlichkeiten in derartigen Anstalten sehr groß sind und daß aller Wahrscheinlichkeit nach jede Anstalt für geistig und sittlich Erkrankte ihre „Geheimnisse" hat, die den Beweis liefern, daß die Menschen nicht so leicht zu Engel werden könnm. Es wird überall mit Wasser gekocht. Wer mit den beschuldigten Klosterbrüdern gar so streng in's Gericht geht, muß daran erinnert werden, daß es sich um Laienbrüder ohne Weihe und höhere Bildung handelt, an die man keinen übermenschlichen Maßstab legen darf.
Obschon es Unrecht ist, das Ordenswesen und die Kirche selbst für die Fehler von einzelnen Personen verantworlich zu machen, so geschieht es thatsächlich doch in weiten Kreisen, und darum ist es geboten, daß die Ordenskräfte, die sich der Jrrenpflege widmen, sich von der Verantwortlichkeit vor der öffentlichen Meinung möglichst frei zu halten suchen. Die öffentliche Meinung ist zur Zeit sehr empfindlich gegenüber allen Dingen, welche die Prüfung und Behandlung der Irren betreffen. Jedem, der Lust und Interesse daran hat, ist es ein Leichtes, ein Fröschlein zu finden, das sich zum Ochsen aufblasen läßt. Um das empfindliche geistliche Gewand gegen solche Vorwürfe zu schützen, empfiehlt es sich, daß die ärztliche Leitung in den religiösen Anstalten die Fülle ihrer Befugnisse behält und übt und dadurch auch die volle Verantwortlichkeit für die Aufnahme und die Behandlung der Kranken übernimmt. Natürlich müssen die Aerzte alle Kranken periodisch aufsuchen und nicht etwa bloß auf deren Besuch warten.
.'Zur ^Entlastung und Deckung dieser Privatärzte
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wird es wiederum dienen, wenn der Staat zur Entscheidung über Irrsinn und Zwangspflege sowie zur fortlaufenden Revision der Anstalten eine Behörde und eine verbesserte Einrichtung schafft. Die Staatsgewalt mischt sich in so viele Dinge, die sie wenig oder nichts angehen; die Medizinalpolizei ist aber eine Aufgabe, die dem Staate zukommt und deren verbesserte Ausübung die Skandalprozesse vermindern würde.
Deutsches Reich.
Berlin, 7. Juni.
* Der Kaiser wohnte heute Vormittag in Jüterbog! einem Gefechtsschießen der Schießschule bei und gedachte Nachmittags über Hallenser nach Wildpark zurückzukehren und von Hallensee aus der Kaiser Wil- helm-Gedächtnißkirche einen Besuch abzuftatten, um dort die neuen Glocken in Augenschein zu nehmen. Heute Abend wird der Kaiser die zweitägige Reise nach Kiel antreten.
* Der Erzherzog Franz Salvator von Oesterreich, der Schwiegersohn des Kaisers Franz Joseph, wird auf Einladung des deutschen Kaisers am Sonntag Abend in Potsdam eintreffen und im Neuen Palais bis zum 14. d. M Wohnung nehmen, um den in nächster Woche bei Potsdam und Berlin stattfindenden Kavallerie-Besichtigungen und Hebungen beizuwohnen.
* Die Reichseinnahme« aus Zöllen und Verbrauchssteuern beliefen sich nach der Zusammenstellung im ,Reichsanzeiger' im Etatsjahre 1894/95 nach Abzug aller Vergütungen und Verwaltungskosten auf 641941 441 M., was gegen das Vorjahr ein Mehr von 34 571571 M. bedeutet! Der Löwenantheil entfällt natürlich auf die Zölle, die 362 680 984 M, 26 053 692 M. mehr als im Vorjahre, einbrachten. Besonders stark ist auch das Mehr bei der Zuckersteuer, nämlich 9,3 Millionen. Die Stempeleinnahmen, die Post- und Eisenbahneinnahmen sind in jenen 642 Millionen nicht miteinbegriffen. Die Stempeleinnahmen betrugen ca. 48 Millionen (mehr ca. 18 Millionen), die Post- und Telegrapheneinnahmen ca. 270 Millionen (mehr 13,3 Millionen), die Reichseisenbahn-Einnahmen ca. 63 Millionen (mehr 405 465 M.). Der Reichstag hatte also sehr Recht, als er jede Steuervermehrung als überflüssig verwarf?
* Unter der Ueberschrist: „Minister-Militärs" bringt die .Köln. Volksztg.' aus Berlin eine Betrachtung, die in humoristisch-ironischer Form ernste Gedanken enthält. Neulich fand in Berlin zu Ehren des ausscheidenden bisherigen Inspekteurs der Berliner Landwehr-Inspektion, des General-Lieutenants Spitz, eines Bruders des bekannten Vertreters der preußischen Militär-Verwaltung im Reichstage, im Kaiserhofe ein Festmahl statt, an welchem auch ein „Oberst- Lieutenant v. Bötticher" theilnahm. Der Festberichterftatter der ,Post' hat geahnt, daß wohl mancher fragen würde, wer dieser Oberstlieutenant v. Bötticher sein möge, und, um allem unnützen Kopfzerbrechen vorzubeugen, alsbald schalkig hinter dem Namen hinzugefügt, „welcher den Lesern als Vice-Präsident des Staatsministeriums und Staatssekretär des Innern bekannter ist". Schade, daß Herr v. Sch o lz nicht mehr Finanzminister ist, sonst würde er als jüngster Lieutenant des Staatsministeriums bei der Abschiedsfeier für seinen militärischen Vorgesetzten gewiß nicht gefehlt haben. Wie sieht's eigentlich mit dem Militärverhältniß seines Amtsnachfolgers, des Herrn Miquel, aus? Es ist nicht wahrscheinlich, daß er als ehemaliger Göttinger Communist zu Kletterversuchen auf der militärischen Leiter zugelassen worden, da es dabei möglicherweise zu einem „Umsturz" gekommen wäre; aber inzwischen hat sich der preußische Steuer-Reformer so offensichtlich zu einem Ordnungsmann herausgemausert, daß er endlich in „Reih und Glied" gestellt zu werden verdiente, um allmählich zu avanciren und es vielleicht ebenfalls zum Lieutenant zu bringen. Seine parlamentarische Geschmeidigkeit käme ihm in dem martialischen Berufe vorzüglich zu statten und würde zu den besten Hoffnungen berechtigen. Wie stehts mit Herrn v. Köller? Sollte er ewig auf der Stufe als Wachtmeister bleiben? Er macht sich ja als solcher sehr forsch und sein schnauzbärtiges Wesen imponirt selbst denjenigen, denen er gar nicht zu befehlen hat, allein seine strategischen Fähigkeiten verkümmern in der untergeordneten Stellung.
müßte an die Spitze des Regiments kommen. Welche niederschmettemden Attaken würde er dann reiten lassen! Ein schneidiger Darauflosgänger ist auch Herr Schönstedt, er liebt aber nur „klare Verhältnisse" und die findet man eher zu Wasser als zu Lande, er könnte daher am besten als Führer eines Torpedobootes oder als See-Ulan verwendet werden. Wie wäre es mit der Einstellung des Unterrichtsministers Bosse in das Lehr - Infanterie - Bataillon und des Eisenbahnministers Thielen in die Luftschiffer-Ab- theilung? So ließen sich noch manche beherzigens- werthe Vorschläge machen, um die „Homogenität" des Staats-Ministeriums auch durch die militärischen Titel zum Ausdruck zu bringen. Nur mit dem Reichskanzler Fürsten Hohenlohe läßt sich bei dessen hohem Alter nicht mehr viel anfangen; er feiert demnächst das diamantene Jubiläum seiner dauernden mi litärischen Dienstuntauglichkeit.
* In Betreff der chinesische« Anleihe hat bekanntlich die ,Nordd. Allg. Ztg.' dieser Tage hochoffiziös hervorgehoben, daß die deutschen Märkte der chinesischen Anleihe verschlossen bleiben müßten, wenn nicht der deutschen Finanzgruppe in allen Beziehungen die gleiche Stellung wie den Bankhäusern der übrigen beseitigten Länder eingeräumt werden sollte. Dazu bemerkt mit Reckt ein Mitarbeiter der ,Niederrh. Volksztg.': Das ist ein schöner Trost, den wir im Munde der deutschen Bankhäuser ganz natürlich finden, aber im Munde des Organs einer deutschen Regierung klingt er sehr absonderlich. Es bedeutet nichts anderes, als die deutschen Bankhäuser müssen mit derselben Leichtigkeit und mit demselben Erfolg Riemen aus deutschem Leder schneiden können, wie dies die Bankhäuser anderer Nationen ans dem Fell ihrer Nationalen thun. Die deutschen Bankhäuser behalten doch die chinesische Anleihe nicht für sich, sondern übernehmen dieselbe ohne Risiko, um sie gegen Profit an kleine Kapitalisten, welche sich durch den hohen Zinsfuß fangen lassen, anzubringen. Wenn dann die Zinsen nicht bezahlt werden, dann sind zwar die reichen Bankhäuser noch reicher geworden, aber Tausende von kleinen Rentnern sind um ihre Ersparnisse gesprengt und dann geht wieder das Gezeter an, auf daß das deutsche Reich den Leuten zu ihrem Gelbe verhelfe. Die chinesische Anleihe ist das reinste Schwindelgeschäft. Wenn China die unendlichen Hilfsquellen besitzt, die man ihm nachrühmt, so mag es das Geld in seinem Lande aufbringen; aber einem Lande, in welchem die Masse des Volkes glaubt, ihr Herrscher stamme vom Himmel und das Geld aus der Anleihe sei der Tribut der unterworfenen Barbaren, leiht man kein Geld. Ob die Mandschu-Dynastie über's Jahr noch da ist, wissen wir nicht; aber daß es den Chinesen auch nicht im Traume einfällt, sich zur Erfüllung verpflichtet zu fühlen, davon sind wir überzeugt. Solche Papiere schließt man überhaupt, von den deutschen Märkten ans. Das, scheint uns, wäre die Regierung den kleinen Rentnern schuldig.
* Nach einem Telegramme des stellvertretenden Gouverneurs von Kamerun, v. Puttkamer, hat die Kaiserl. Schutztruppe unter Führung des Rittmeisters v. Stetten den seit längerer Zeit ansässigen Stämmen der Bakokos am unteren Laufe des Sannaga-Fluffes eine empfindliche Niederlage beigebracht. Vier Hauptorte derselben wurden erstürmt, 200 Todte blieben auf dem Felde, zahlreiche Gefangene fielen in die Hände der Sieger. Von der Schutztruppe wurden 12 Mann getödtet, 47 verwunder. Deutsche Unteroffiziere oder Offiziere sind nicht verletzt. Die Schutztruppe gelangte ungehindert nach Iannde, welches unter Leitung des Lieutenants Dominik militärisch besetzt wurde. Der.Reichsanzeiger' bemerkt dazu: „Es ist mit Sicherheit zu erwarten, daß in dem Bakoko - Lande, welches bisher dem Handel verschlossen war und dessen Bewohner sich dauernd der schwersten Gewaltthätigkeiten gegen Europäer und Duallas schuldig gemacht haben, nunmehr geordnete Zustände herrschen werden."
* Der .Reichsanzeiger' veröffentlicht einen kaiserlichen Erlaß vom 4. Juni betreffend den Abgaben- tartf für den Nordostseekanal.____________________
Ausland.
* Paris, 7. Juni. In diesen Tagen war hier der internationale BergarbeiterkongreßKver-