ji- 130 Samstag, dm 8. Ium 1895 22. Jayr-mna
FuldlierWZeitllng
mit Unter!,altungs-Keilage „Sterne und KInmen"._________________
Alle haben unsere besonderen Liebhabereien, unsere Steckenpferde, denen wir nachgehen. So haben mir theatralische Vorstellungen immer ein Hauptvergnügen gemacht und diese herzurichten ist meine größte Freude. Als ich Sie sah, Fräulein Bergstein, fielen mir Ihre ausdrucksvollen Züge auf und wenn eine langjährige Menschenkenntniß mich nicht täuscht, so haben Sie das größte Talent einer Schauspielerin in sich."
Thekla erröthete bei dieser unerwarteten Eröffnung und ihr Interesse war geweckt.
„Ich habe noch nie gespielt," gestand sie offen „nur in der Pension oder in unserem engen Krerse m Burgfeld gaben wir oft kleine Vorstellungen. Ich habe emst Maria Stuart mit Erfolg dargestellt."
* Die Steigerung der Getreidepreise.
Was auf dem Wege der Gesetzgebung nicht erreicht wurde, die Steigerung der Getreidepreise bis zu einer Höhe, wie sie als unumgänglich nothwendig be- reichnet wird, wenn anders die Landmrthschast nicht Mt Grunde gehen solle, ist auf dem natürlichen Wege des Ueberwiegens der Nachfrage über das An- aebot, einstweilen wenigstens, zu Stande gekommen Weizen, lieferbar im Mai, der Mitte Dezember 1894 in Berlin nur 140 M. die Tonne galt, steht heute auf 161 M., ist mithin um mehr als 20 M. oder um 20 pCt. gestiegen. Roggen, der in Berlin Mitte Dezember 1894, lieferbar im Mai, auf 118 M. stand, hob sich auf 140 M., also um 22 M. oder um nahezu 23 pCt. . e _ . .,.
Nun könnte man allerdings emwerfen: die derzeitige Besserung der Getreidepreise verspricht keinen Bestand. Um diesen Einwurf zu würdigen, ist es nothwendig, den Ursachen der erfolgten Preissteigerung nachzuforschen. Dieselbe ging von den Vereinigten Staaten aus, von denen auch der übermäßige Druck auf die Getreidepreise seinen Ausgang genommen hatte. Dort sind die letztem innerhalb weniger Wochen um nahezu 50 pCt. gestiegen. Die Steigerung beruht auf der schnellen Abnahme der sichtbaren Vorräthe, welche daraus sich erklärt, daß die amerikanischen Farmer schon bei den ersten Anzeichen beginnender Erholung der Preise den Rest ihrer Vorräthe an den Markt gebracht haben, so daß jetzt sogar schon davon die Rede ist der Bedarf vieler amerikanischer Mühlen könne nur von den Stapelplätzen aus gedeckt werden. Dazu kommen aber noch sehr ungünstige Berichte aus Amerika über die wachsende Ernte.
Bekräftigt wurden die darauf bezüglichen Berichte durch die Ausfuhr-Statistik; diese weist nach, daß bis Mitte Mai d. I. im Vergleich zum Vorjahr rund 1,000,000 Quarters Weizen und 820,000 Sack Mehl weniger aus den Bereinigten Staaten ausgeführt worden sind. Des weitern bestätigen die Ausfuhrziffern, daß auch die La Plata-Staaten, Argentinien usw., Heuer weniger ausfuhrfähig sind, als im vorigen Jahre, und als man erwartet hatte. Auch die Angebote von dort nehmen stark ab, was bei den erhöhten Preisen nur daraus sich erklären läßt, daß Argentinien schon so ziemlich alles verkauft hat, was es entbehren kann. Nicht unbeachtet darf ferner der Umstand bleiben, daß der Umfang der mit Körnerfrüchten bebauten Bodenflächen wegen der zur Zeit der Felderbestellung geltenden, überaus schlechten Preise Heuer jedenfalls geringer sein wird, als in den letzten drei Vorjahren.
Was das Inland betrifft, so bleibt zu beachten, daß sehr viel Getreide geringerer Güte bei den so lange geltenden schlechten Preisen verfüttert worden ist, ferner daß nach der Aufhebung des Identitäts-Nachweises nicht wenig Getreide aus den dem Meere benachbarten Anbaubezirken, namentlich des Ostens, ins Ausland gegangen ist. Hieraus
erklärt sich die Abnahme der Vorräthe auch bei uns I unschwer. Als nun noch dazu die Schäden, welche der lange und strenge Winter den Wintersaaten, be- onders dem Roggen, zugefügt hatte, immer offen- ündiger wurden, da erhielten die Bestrebungen, den Getreidepreifen' aufzuhelfen, auch bei uns eine neue, gesunde Grundlage.
Man sieht, daß die Preissteigerung für Getreide auch bei uns der soliden Grundlage nicht entbehrt. Nun treten wir allerdings gerade jetzt in die Zeit ein, welche für die Entwickelung der Körnerfrüchte von entscheidender Bedeutung zu sein pflegt. Die Gestaltung )er Witterung in den nächsten Wochen wird auf die Preisgestaltung viel Einfluß üben können; aber nach dem Gesagten leuchtet ein, daß dieser Einfluß eher von treibender, als von drückender Wirkung sein lürfte. Ersteres würde natürlich der Fall sein, wenn die Ernte-Aussichten sich verschlechtern sollten. Ein erheblicher Preisdruck scheint nicht wahrscheinlich; dagegen spricht alles, was wir so eben angeführt haben. Hoffen wir, daß die Ernte bei uns wenigstens einigermaßen gut, hoffen wir besonders, daß sie reichlich genug wird, um nicht eine Theuerung hervorzurufen, wie das Jahr 1891 sie brachte. .
Fassen wir hiernach die Lage ms Auge, wie sie im gegenwärtigen Augenblick sich darstellt, so müssen wir zu dem Ergebniß kommen, daß der elementare Gang der Ereignisse und in ihrer Nachwirkung die Preissteigerung für Getreide für's erste die Dinge so gewendet haben, daß für die nächste Zukunft eher eine weitere Hebung der Getreidepreise, als ent nennenswerther Rückgang derselben zu erwarten steht. Dem ungeachtet sind wir weit davon entfernt, empfehlen zu wollen, daß all' die wohlgemeinten, durchführbar erscheinenden Pläne, welche in der letzten Zeit aufgetauckt sind, um der Landwirthschaft aufzuhelfen, nun zu dem alten Eisen geworfen werden sollen. Wir sind im Gegentheil der Meinung, daß jetzt erst recht nach Mitteln und Wegen geforscht werden sollte, wie der Wiederkehr einer Nothlage der Landwirthschaft vorgebeugt werden könnte. Es erscheint uns dies jetzt um so mehr geboten, als die natürliche Entwickelung die Dinge erfreulicherweise so gestaltet hat, daß von „Gefahr im Verzüge" wohl nicht mehr geredet werden kann, daß also auch kem Grund vorliegt, die Sache zu überstürzen und zu voreiligen Maßnahmen zu gelangen, welche späterhin vielleicht entweder als undurchsührbar oder als zwecklos, wenn nicht gar als schädlich sich erweisen könnten.
zubringen. Der Zeitpunkt der Uebersiedlung nach Saßnitz ist noch nicht fest bestimmt, doch dürste sie in den ersten Wochen des Juli erfolgen. .
* Der Gouverneur von Ostafrika, Major v. Wlfz- mann, wird erst in der 2. Hälfte dieses Monats nach Deutsch-Ostafrika abreisen. Wie die.Kreuzztg.' mit- theilt wird der Gouverneur sich an den Berathungm des Kolonialraths über die Landesverkaufs-Frage betheiligen.
* Der Polizeipräsident von Berlin Frhr. v. Richt- hofen ist am Donnerstag Morgen nach längerem Leiden in der Klinik zu Bonn gestorben. Frhr. v. Richthofen hätte in zwei Tagen sein 59. Lebensjahr vollendet; Polizeipräsident von Berlin war er seit 10 Jahren. Der ,Reichsanzeiger' widmet ihm einen ehrenden Nachruf, in dem ihm ein hervorragendes Organisationstalent, eiserner Fleiß, große Umsicht und praktisches Geschick nachgerühmt werden. Von den Liberalen wurde Richthofen vielfach angefeindet, weil er ihrer Meinung nach nicht energisch genug gegen antisemitische „Ausschreitungen" vorging; doch hatten sie dann zweifellos Unrecht. , t .
* Der Kultusminister hat dem Herrenhause zwei Nachweisungen über die in den Etatsjahren 1893/94 und 1894/95 gezahlten Beihilfen zu Elementar- fchulbauten zugehen lassen. Von den insgesammt 2 Millionen M. sind 1,041,490 M. auf evangelische, 926,410 M. auf katholische, 32,100 M. auf paritätische Schulen entfallen. Die verhältnißmäßig großen Beihilfen für katholische Schulbauten erklären sich der Hauptsache nach wohl dadurch, daß in manchen vorwiegend katholischen Landestheilen, wie z. B. in den polnischen Gegenden, ftüher sehr wenig für die kath. Schulen geschehen ist; das muß jetzt nachgeholt werden.
* Dem Abgeordn etenhause sind für die Feier der Eröffnung des Rordostseekavals noch etwa 30 Tribünenbillets zugegangen, welche zugleich zur Benutzung des vom Reich gestellten Sonderzuges nach Kiel berechtigen. Die Vertheilung auf die Fraktionen ! ist nach demselben Maßstabe wie die Vertheilung der 50 Einladungen zur Eröffnungsfeier erfolgt.
* Zwei höhere Beamte der Bank von Frankreich, welche von dem Gouverneur der Bank nach Berlin etrtfendet waren, haben in letzter Woche alle Einrichtungen der Reichsbank, insbesondere den Giro- I und Check-Verkehr nebst der Abrechnungsstelle (Clearing- Hause) und die Depots von Werthpapieren gründlich studirt. Die großartige Entwickelung dieser Geschäftszweige, von denen der letztere s. Zt. nach dem Vorbilde der Banque de France eingeführt ist, hat die größte Bewunderung der ftanzösischen Beamten gefunden. Die Wahrnehmungen derselben werden sicher bet der weiteren Ausbildung der entsprechenden Geschäftszweige ihrer Bank sorgfältig benutzt werden. Nach Erledigung ihrer Aufgabe haben die genannten Herren gestern Berlin tiertaffen und sich nach Wien gewandt, um das dortige Saldirwefen und Effekten-Arrangement näher kennen zu lernen.
legten.
Nur feiten noch schweiften Thekla's Gedanken träumend in die Ferne und in solchen Augenblicken erschien ihr glänzendes Dasein in ihren Augen öde und leer; sie strebte nach innerer Zufriedenheit, nach einem wahren Glücke, welches ihr in aller Pracht, in vollem Glanz fremd geblieben war. Sollte das tiefe Weh in ihrem Herzen niemals gestillt werden?
„Mein Kind, Gräfin Falkmar ist hier und wünscht Dich vorgestellt zu sehen." Frau von Alfen weckte mit diesen Worten Thekla aus ihren melancholischen Träumereien und führte sie dann in den Salon, wo eine einfache Dame im rauschenden Seidenkleide ihr langsam entgegenschritt.
„Ich muß bekennen, daß mein eigener Egoismus . .. . die Veranlassung zu meinem Besuche ist," begann die eifrig Gräfin, als die erste Vorstellung vorüber war, „wir •
Das wußte ich — oder vielmehr ich konnte es errathen," ries die Gräfin triumphirend. „Meine Menschenkenntniß täuscht mich selten. Frau von Alsen ist mir eine treue Freundin, obgleich wir wenig in gesellschaftlichen Kreisen zusammenkommen. Würden Sie um dieser alten Freundschaft willen an einer kleinen Vorstellung mitwirken, die in meinem Hause veranstaltet werden soll?"
„O, Frau Gräfin! Wie gut sind Sie," rief Thekla ' . „Nichts würde mir mehr Freude machen."
„Die erste Probe ist schon morgen — es wird
Helohntr Treue.
Novelle von C. Borges.
(9. Fortsetzung.)
5. Kapitel.
Die Doppelhochzeit von Blanka und Marie von Alsen war mit einem großen Pomp gefeiert worden. Die jungen Leutchen waren auf der Hochzeitsreise und auch Frau von Alsen entschloß sich, ermattet von den vielen Vorbereitungen und Aufregungen, die solche Festlichkeiten mit sich führen, mit Thekla im herrlichen Süden Erholung und Zerstreuung zu suchen. Sie durchreiste die Schweiz, Italien und hielt sich längere Zeit in Griechenland auf; sie empfand auch ihrerseits die Freude, mit welcher Thekla jeden neuen Eindruck aufnahm, und kehrte erst nach Monaten in ihre neue Heimath zurück.
Die Reisen und vielen Abwechselungen bewirkten, daß sich das junge Mädchen geistig und körperlich aus's Herrlichste entwickelte. Sie war jetzt eine vollkommene Weltdame, die ihres Gleichen in der Residenz suchte. Ihre Gestalt war schlank wie eine Palme, eine unnachahmliche Harmonie lag in ihren Bewegungen und ein edler Glanz ergoß sich um ihre Person. Aus ihren tiefblauen Augen leuchtete ein sanftes Licht, tote das Licht bet Sterne in dunkler Nacht; in ihren dichten
Deutsches Reich.
Berlin, 6. Juni.
* Der Kaiser wohnte heute früh auf dem Bornstedter Felde einem Exerzieren des Leib-Garde-Husaren- regiments bei. Morgen Abend gedenkt der Kaiser sich zu zweitägigem Ausenthalte nach Kiel zu begeben.— Die Kaiserin wird mit den kaiserlichen Kindern einen Theil dieses Sommers in Saßnitz auf Rügen hellblonden Flechten glitzerten und fpielten eine Fülle reicher Diamanten. ~ ,
Frau von Alsen that mehr für ihren Schützling, als es anfänglich in ihrer Absicht gelegen hatte. Nicht allein, weil sie dieselbe liebgewonnen, ihre Gesellschaft nicht mehr entbehren mochte, sondern vielmehr, weil es ihrer Eitelkeit schmeichelte, ihre reizende Nichte von einer großen Schaar Verehrer umringt zu sehen, die ihre Huldigungen auch schmeichelnd der Tante zu Füßen