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Freitag, den 7. Juni 1895

22. Jahrgang

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mit Unterhaltungs-Keilage „Sterne und Kinmen".

Da waren die schönsten Karten; herrliche Blumen, die duftend aus ihren Enthüllungen genommen wurden, prachtvolle Bücher mit Goldschnitt und Elfenbein Ein­band bedeckten bald in bunter Menge den Tisch.

Bianca hielt einen kostbaren Diamantring in Händen und freute sich wie ein Kind, daß die Sonnen­strahlen mit seinen bunten Farben spielten. Dann blickte sie zu Thekla hinüber, die ihren einzigen Brief noch uneröffnet in Händen hielt.

„Du bist doch ein sonderbares Kind", scherzte sie, „warum öffnest Du Deinen Brief nicht? Bist Du nicht neugierig, von wem er kommt?"

„Nicht sehr! Es machte mir sehr viel Spaß, Euch zu beobachten. Wer könnte mir eine Ueberraschung schicken? Es müßte denn--"

Sie stockte plötzlich, als sie die Umhüllung öffnete,

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Deutsches Reich.

Berlin, 5. Juni.

* Der Kaiser und die Kaiserin sind gestern Abend nach 11 Uhr aus Pasewalk im Neuen Palais wieder

x Ein heikles Thema.

„Eine der schwierigsten und undankbarsten Aufgaben der Einzel - Agitation ist das Thema: Religion." So schreibt ein sozialdemokratisches Blatt, das in Köln erscheint. Dem Blatte scheint diese Erkennt- niß jetzt, nach der Niederlage seiner Partei bei der Kölner Ersatzwahl, wieder einmal so recht zum Be­wußtsein gekommen zu sein. Es mag ihm dabei eine Ahnung aufgegangen fein, daß es selbst das heikle Thema oft genug nicht mit der gebührenden Vorsicht behandelt hat. Es scheint eingesehen zu haben, daß im katholischen Köln und überhaupt in kathol. Landes- theilen das Thema Religion ganz besonders „eine der schwierigsten und undankbarsten Aufgaben" ist, fängt aber mit der Besserung nicht bei sich selbst an, son­dern bei Anderen, nämlich bei den Wirthshaus-Agi- tatoren. Der brave Mann, der diesen die Besserungs- Epistel in dem Kölner Blättchen der Roten schreibt, erzählt, wohl um seine Berechtigung dazu nachzuweisen, eine hübsche Geschichte, der wir hier gleich eine weitere Verbreitung geben wollen, weil sie sehr lehrreich ist.

Also unser Gewährsmann hat am Sonntag vor der Stichwahl, nachdem er dem Vortrage Liebknecht's an­gewohnt hatte, in Nippes (Vorort Kölns) in einem Lokale gesessen, um seinen Durst zu löschen, und hörte dabei, wie ein Mann (weil er auf die Religion ge­schimpft hat, betrachtet ihn der Erzähler also als „Ge­nossen") über die Religion „in unverständiger (nicht weiter?!) Weise" derart Herzog, daß ihm von der Wirthin das Lokal verwiesen wurde (Bravo!) und allgemeine Entrüstung (Bravo!) seinen „etwas ge­drückten" Abgang begleitete. Bis dahin scheint die Geschichte ganz in der Ordnung, dann aber durch die liebe Eitelkeit des Erzählers etwas in Unordnung ge- rathen zu sein. Denn der weise Mann will nachher selbst noch eine große Rede über die Religion, „aber ohne verletzende Redensarten", gehalten, drei Stunden lang darüber „ruhig und sachlich" debattirt und damit einen „Achtungserfolg", wie man am Theater sagt, eingeheimst haben. Daß er seine Gegner „bekehrt" habe, sagt er freilich nicht, will es aber wohl andeuten. Wir aber sind überzeugt, daß er gar nichts ausgerich­tet hat. Denn wenn auch die Form des Debattirens gewiß nicht ohne Belang ist, so bleibt doch für den religiös gesinnten Mann der entscheidende Punkt immer der, daß die Sozialdemokratie die Re­ligion bekämpft; ob ruhig oder mit Schimpfworten, das kommt erst in zweiter Linie in Betracht. Wenn der Erzähler deshalb den Agitatoren seiner Partei, und besonders den Landagitatoren, anräth, „mit mög­lichster Deutlichkeit, aber auch mit größter Schonung der Gefühle" das Thema „Religion", wo es sich nicht vermeiden lasse, zu besprechen, so wird er mit diesem Rathe ebenso wenig ausrichten, wie die Parteitage, auf denen man sich, wie er selbst sagt, „die Köpfe zerbricht" über die Landagitation, und zwar vergeblich. So dumm sind unsere Bauern nicht, daß sie nicht gleich den Fuchs erkennen sollten, besonders

fröhlich aus, „wie, Thekla, ist es möglich, bist ganz leer ausgegangen?"

Thekla erröthete. Es war ihr schmerzlich, Niemand an diesem Tag ihrer gedachte.

„Ich erwarte keinen Brief," flüsterte sie leise, habe keine Freunde, die mich mit einer Ueberraschung erfreuen könnten."

„Hier ist einer für Sie, Fräulein Bergstein," sagte der Diener und überreichte Thekla den letzten Brief.

wenn dieser „mit möglichster Deutlichkeit" sein rothes Fell zeigt. .

Und nun wollen wir uns die Sache von einer anderen Seite betrachten, nämlich vom Standpunkte des ungeschickten Agitators, den der „Genosse" im Kölner Blättchen als warnendes Exempel vorgeführt hat. Was wird der gethan haben, als er so am andern Morgen — ober Abend — in seinem Leib­blättchen lesen mußte, wie dumm er gewesen sei? Hat er vielleicht im ersten Zorn das Blättchen abbestellt? Vielleicht, vielleicht auch nicht. Jedenfalls aber wird er sich sehr geärgert haben. Und das mit Recht! Was? Das Blättchen hat ihm so oft die Religion verekelt und verhöhnt, die Redner in den Versamm­lungen haben es auch gethan — und nun wird ihm von denselben Leuten der Marsch geblasen, weil er ihren Spuren gefolgt ist und leider nur etwas klobiger dabei aufgetreten ist, wofür er aber gar nichts kann, da er nun einmal mit großen, plumpen Füßen begabt ist und nicht in Salonschuhen einherspazieren kann! „Das ist doch eine schreiende Ungerechtigkeit!!" So wird er gerufen haben, und er hatte Recht.

Wenn die sozialdemokratischen Zeitungen Tag für Tag dieReligion verspotten und beschimpfen, wenn sozialdemokratische Abgeordnete sogar auf der Tribüne des deutschen Reichstags sich nicht ent- blöden, Alles, was uns heilig ist, in einer Weise zu besprechen, die mindestens sehr nahe an Gotteslästerung streift: was soll dann der einfache Mann aus dem Volke, den die Parteihäuptlinge um seinen Glauben betrogen, davon denken? Was soll er daraus für sich folgern? Etwa, daß für ihn ein Verbot besteht, ja das nicht zu thun, was seine Führer, seine Zeitungen fort und fort thun? Nein, er wird hingehen und des­gleichen thun, freilich in seiner Weise. Wenn z. B. der ,Vorwärts' in seiner „Fest"-Betrachtung, die er zum hochheiligen Pfingstfeste seinen Freunden und Lesern bieten darf, in der schamlosesten Weise von dem Christen- thum spricht, von „muffigen, grabeSkalten" Gottes­häusern, von „einem von dem Bourgeoisstaat (!) dar­gebrachten Fest", dem der Arbeiter keine tiefere Be­deutung, kein Symbol unterlegen könne: wie kann der Mann, der dieses traurige Zeug geschrieben, dann ver­langen, daß die simplen „Genossen" beim so und so vielsten Glase Bier oder Schnaps diplomatischer auf­treten sollen, als er selbst?!

Nein, mit der Diplomatie ist es nichts! Der ein­fache Mann ist kein Diplomat, dazu ist er zu ehr­lich. Und wenn deshalb die Häuptlinge der Rothen noch so sehr „Religion als Privatsache" erklären, ihre Anhänger und Opfer werden dazu stets nicht unehrlich genug sein. Auch wenn sie schimpfen, sind sie besser, als die diplomatischeren Obergenossen.

Belohnte Treue.

Novelle von C. Borges.

(8. Fortsetzung.)

Weihnachten war vergangen. Thekla hatte sich vollständig in ihre neue Umgebung eingelebt, und wenn auch äußerlich ruhig, so dachte sie doch noch täglich mit stillem Weh an Herrn Lisser, der durch seine plötzliche Abreise ihr ganzes Lebensglück vernichtet hatte.

Es war Neujahrsmorgen. Bianca und Marie saßen ungeduldig beim Frühstück und erwarteten den Postboten, der den üblichen Stoß Neujahrswünsche und Geschenke bringen sollte.

„Wir werden in diesem Jahre nicht so viele er­halten, wie im vorigen Jahre, weil wir verlobt sind," rief Blanca ihrer Schwester zu, „aber einige erwarte ich doch, und mein Karl hat mir ein fchönes Geschenk versprochen. Wie ist es mit Dir, Thekla, erwartest Du auch Beweise der Freundschaft und Aufmerksamkeit?"

Doch ehe die Gefragte antworten konnte, trat der Diener herein und brachte auf einer silbernen Platte eine große Anzahl größerer und kleinerer Briefe und Päckchen.

„Zehn! zwölf! vierzehn für mich!" rief Marie

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eingetroffen. Heute früh hörte der Kaiser den Vortrag des Chefs des Civilkabinets, Wirkl. Geh. Raths Dr. v. Lucanus. Der Kaiser hat dem Kürassier-Regiment „Königin" in Pasewalk ein Brustschild mit dem Namens­zeichen Friedrichs II. verliehen. — Der Kaiser trifft am Samstag, den 8. Juni, in Kiel ein und wird am 9. Juni wieder nach Berlin zurückreifen, wo am 10. Juni Kavalleriebesichtigungen stattfinden.

]-[ Der Streit zwischen den offiziösen Blättern und den Organen des Bundes der Landwirthe bietet die einzige Abwechselung in dieser politisch stillen Zeit. Etwas Neues wird bei diesem Zank weder hüben noch drüben vorgebracht, und somit könnte man über den­selben zur Tagesordnung übergehen, wenn nicht die bünd- lerische Presse durch ihre unablässige Wählerei gegen die Minister von der „sanfteren Tonart", insbesondere gegen die Herren v. Bötticher und Frhrn. v. Marschall aufs Neue den Beweis erbrächte, daß alles Bemühen, diese Extremen zufrieden zu stellen, vergeblich sein wird, so lange die Krone nicht völlig vor ihnen kapi- tulirt hat. Was würde aber eine solche Kapitulation der Krone bedeuten? Erstens, daß sich die Krone bei der Auswahl der Minister nach den Wünschen der Herren v. Plötz, Rösicke, v. Hammerstein u. s. w. un­weigerlich zu richten hätte, also derselben Herren, die nie laut genug ihre Loyalität bethenern können und gegen die Linke stets das Ernennungsrecht der Krone vertheidigen zu müssen glauben! Und zweitens wäre das Ergebniß einer Kapitulation der Krone vor den Bündleru der Versuch, den Antrag Kanitz in die Wirklichkeit. überzusetzen. Und das wäre dann der Anfang vom Ende: Zollkrieg mit aller Welt, Auf­lösung unserer Bündnisse, Krieg und — der große Kladderadatsch! Es müßte so kommen, wenn es mit dem Antrag Kanitz Ernst würde, aber wir glauben nicht, daß es so kommen wird. Denn was auch immer bei unserem Zickzackkurse möglich sein mag, ein Eingehen auf den Antrag Kanitz halten wir für un­möglich, und wenn das ganze preußische Ministerium und die ganze „Reichsregierung" aus lauter Konser­vativen zusammengesetzt würde, wir sind überzeugt, sie würden über's Jahr mit ihren eigenen Leuten ebenso weit sein, wie die heutige Regierung. Ist nicht Fürst Hohen­lohe selbst ein Großgrundbesitzer ersten Ranges? Ist nicht der preußische Landwirthschastsminister ein „Agrarier" reinsten Wassers? Und Herr von Köller, ist er nicht der pommer'sche „Junker", wie er im Buche steht, der „hohe Chef" der konservativen Partei? Graf Posadowsky und Herr Miquel, der „Liebling der Götter und Agrarier", ist ihr Einfluß geringer, als derjenige der Herren von Bötticher, von Marschall, von Berlepsch? Sicherlich nicht; an mangelndem Ein­flüsse dieser Herren liegt es gewiß nicht, wenn auch die gegenwärtige Regierung den Antrag Kanitz zurück- weist, sondern es fällt ihnen überhaupt nicht ein, ihren Einfluß für den Antrag Kanitz in die Wag­schale zu werfen, denn kein Staatsmann wird diesem Anträge zustimmen können, mag er sonst politisch noch so konservativ und „agrarisch" gesinnt sein, wenn er

ihr Antlitz wurde leichenblaß und ihre Glieder zitterten. — „Was ist es? Was hast Du bekommen? Von wem ist die Ueberraschung?" riefen Mutter und Töchter gleichzeitig aus; da Thekla nicht sogleich alle diese Fragen beantwortete, aber schweigend ihre Gabe be­trachtete, sahen die beiden jungen Damen neugierig über die Schulter ihrer Soufine.

Diese hielt eine feine Elfenbein-Platte in ihren bebenden Fingern, worauf ein eigenartiges Bild ge­malt war. An der einen Seite war die Gestalt eines Mannes sichtbar, dessen halb abgewendetes Antlitz Schmerz und tiefes Weh ausdrückte. Er streckte ver­langend seine Hände nach einer entfliehenden Dame ans, die ernst auf einen tiefen, unüberbrückten Ab­grund deutete, der zwischen beiden Figuren gähnte. Der Hintergrund des Bildes war dunkel gehalten und in einer Ecke prangte ein herrlicher Vergißmeinnicht- zweig. •

Nur einer konnte der Geber dieser seltsamen Gabe sein, der ohne ein Wort ober Erklärung ein Zeichen ber Erinnerung geben wollte, unb biefer Eine war Arnolb Lisser. Sie wußte, baß er ein geschickter Maler war; sie erkannte beutlich seine eigenen Züge in bem kleinen Miniaturbilbe, ebenso ihre eigenen in ber entfliehenben Mäbchengestalt.