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Donnerstag, den 6. Juni 1895
22. Jahrgana
FuIdacrMZkitüiig
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Vor
* Die von uns bezweifelte Meldung, daß der ,Kreuzzeitungs'-Redakteur Dr. Kropatschek in's Kultusministerium berufen fei, begegnet nach der,Post' in unterrichteten Kreisen starken Zweifeln. Dagegen glaubt man, daß er für ein Schulamt ausersehen sei.
* Der französische Gelehrte Dr. Pasteur spielt
nicht mit Unrecht als das den Katholiken abgeneigteste Mitglied des Ministeriums, wenn dies in seinem öffentlichen Auftreten auch weniger bemerkbar wurde. Hr. Friedberg war eine fehr vorsichtige Persönlichkeit; in den parlamentarischen Verhandlungen wußte er meist geschickt durch alle Klippen sich hindurch zu arbeiten. Fr. galt als ein besonderer Günstling des Kaisers Friedrich. In der Kulturkampfszeit erwieS er sich als eifriger Anhänger der kirchenpolitischen Gesetzgebung, wußte sich aber auch in den Ende der siebenziger Jahre eingetretenen Umschwung zu finden. Friedberg's Nachfolger v. Schelling stand den Konservativen näher, während der gegenwärtige Justizminister Schönstedt von den National-Liberalen als Gesinnungsgenosse in Anspruch genommen wird.
wurde eine Resolution angenommen, wonach die Mitglieder des Parlaments sich in Zukunft der Theilnahme an Syndikaten zu enthalten haben. Helfen wird das freilich nichts, denn die Fäulniß ist in den leitenden Kreisen der Republik viel zu weit fortgeschritten, als daß solche platonische Wohlverhaltungs-Erklärungen die Schwindler und Volks- bettüger im Zaume halten könnten. Die „Moral ohne Gott" der freimaurerischen Regierungen verkehrt sich eben überall gar schnell in das G eg ent heil jeder Moral.
Die Kammer hat allerdings der Regierung ihr Vertrauen ausgesprochen, aber die tadelnde Tagesordnung, die der Radikale Goblet beantragt hatte, war vorher nur mit der geringen Mehrheit von 254 gegen 229 Stimmen abgelehnt worden, und außerdem
]-[ Das neue Panama.
Der französische Südbahn-Skandal, das „neue Panama", wie es auch genannt wird, ist eigentlich gar nicht mehr so neu. Wie den Lesern der .Fuldaer Zeitung' bekannt ist, kam es schon unter der Präsidentschaft Casimir - Psriers heraus, daß mit der französischen Südbahn ein ähnlicher Schwindel wie mit dem Panama-Unternehmen getrieben worden ist, und Casimir-Pörier war persönlich aufs eifrigste bemüht, die Schuldigen ohne Rücksicht und Ansehen der Person zur Strafe zu ziehen. Allein der damalige Ministerpräsident Dupuy wollte nichts davon wissen, daß durch attive Mitglieder der Kammer und des Senats und gegen frühere Minister ein neuer großer Skandal an die Oeffentlichkeit gebracht werde. Herr Dupuy sorgte also dafür, daß die gegen Felix Martin, den Administrator der französischen Südbahn eingeleitete Untersuchung nach allen Regeln der Kunst verschleppt wurde. Das trug nicht wenig dazu bei, um Casimir - Porter das Amt eines Präsidenten eines so verrotteten Staatswesens zu verleiden.
Als er dann tatsächlich sein Amt niederlegte, schien das Vertuschungssystem Dupuy's vollständig zu siegen. Selbst viele ehrliche Leute hielten es für patriotischer, kein zweites Panama aufleben zu lassen, und auch diejenigen, welche anderer Meinung i waren, dachten bald kaum noch an die Südbahn- Angelegenheit, da die Neuwahl eines Präsidenten, die I Einladung zu den Kieler Festen, die finanziellen j Schwierigkeiten und manches Andere die Politiker I schon mehr als genug in Anspruch nahmen. Es kam aber doch anders, als sich Herr Dupuy gedacht hatte. Einige radikale und sozialistische Abgeordnete kamen nämlich — zufällig oder nicht — in den Besitz von I Schriftstücken, die aus dem Zimmer des Untersuchungs- | richters stammten und eine Anzahl hervorragender | Politiker der opportunistischen Republikaner (die I ungefähr unseren Nationalliberalen entsprechen) im | höchsten Grade bloßstellten. Vielleicht hätten die Radikalen I und Sozialisten mit der Verwendung dieses werthvollen I Materials doch noch zurückgehalten, wenn die Opportu- I nisten nicht so unvorsichtig gewesen wären, den radikal- I sozialistischen Politiker Pelletan in die Zeitungs- I Erpressungsskandale, die neulich so viel Staub auf- I wirbelten, verwickeln zu wollen. Sie konnten ihm nichts j anhaben, er aber drehte den Spieß jetzt um und brachte I den Südbahnskandal aufs neue auf's Tapet. Wohl I oder übel mußte die Sache jetzt weiter verfolgt werden. I Das Untersuchungsmaterial, das sich seit vier I Monaten in den Händen der Staatsanwaltschaft I befunden hatte, ging also — ganz vor Kurzem — dem Justizminister Trarieux zu, und dieser erklärte auf eine | Anfrage in der Kammer, die Sache würde demnächst I zur gerichtlichen Verhandlung gelangen.
Als dieser Ankündigung aber nicht alsbald die I Verwirklichung folgte, wurden die Radikalen wieder I
Hatte er vielleicht beim Vater um ihre Hand gebeten I und war ihm dieselbe verweigert worden?
„Vater", rief sie in wilder Verzweiflung, „hast Du
I ihn fortgesandt?"
„Nein, mein Kind; er ging aus freiem Antrieb. Er war ein angenehmer Gesellschafter, ein liebenswürdiger Gast, ein treuer Freund und mir oft ein guter Rathgeber, aber dennoch bitte ich Dich, ihn zu vergessen — denke in Zukunft nicht mehr an ihn!"
Das bleiche Mädchen erzitterte. Die letzten Worte des Vaters bestätigten ihre schlimmsten Beftirchtungen. Er hatte sie noch niemals getäuscht; gewiß wußte er noch nichts von ihrer Liebe zu ihm, und hatte Herr Lisser geschwiegen, so sollte auch keine Silbe von ihrem Geheimniß über ihre Lippen kommen.
„War Einer von uns schuld an seiner Abreise?" fragte sie, um noch einen letzten Versuch zu machen, den Grund der Abreise zu erfahren.
„Nein. Thekla. Wie ich Dir schon sagte, waren es Herrn Lisser's Privatangelegenheiten. Der Gedanke würde mir schmerzlich sein, daß ein Glied meiner Familie seine Abreise beschleunigt hätte."
„Wie ist es aber mit dem (Selbe? Ihm sollten doch Kost und Logis anstatt der Zinsen verabreicht werden?" fragte Thekla.
„Wir sind übereingekommen, Zinsen und Kapital nach drei Jahren zu zahlen, wenn wir Tante Gerttud's '
„Vater, sage mir, warum uns Herr Lisser so plötzlich und unerwartet verlassen hat," bat sie schmeichelnd und legte ihre zitternde Hand auf seinen Arm.
Der Vater wich ihren forschenden Blicken aus. „Wie ich Dir schon sagte, zwangen ihn unglückliche Umstände dazu," versetzte er, Farben auf seiner Palette mischend.
„Bist Du mit ihm in Freundschaft geschieden?" fuhr sie bebend fort.
„In bester Freundschaft! Er sagte mir, daß er eine längere Reise ins Ausland machen wolle."
Thekla's Unruhe steigerte sich zur Unerttäglichkeit.
Belohnte Treue
Novelle von C. Borges.
(7. Fortsetzung.)
Thekla konnte das Geschehene nicht fassen. ____
wenigen Stunden hatte Arnold Lisser ihr Liebe und Treue geschworen; hatte er schon so bald seinen Schritt bereut und in nächtlicher Stunde das Haus ihres Vaters verlassen, um sie nicht wieder sehen zu müssen? Er wußte, daß sie arm war! Genügte ihm chre innige Liebe nicht oder scheute er sich, seinen Reichthum mit ihr zu theilen? Nein! es konnte nicht möglich sein. Sie ahnte, daß der Vater wohl den wahren Grund der plötzlichen Abreise wisse und folgte ihm deshalb in sein Atelier.
Erbe angreifen dürfen. Ich wünschte von Herzen, mich niemals in diesen absonderlichen Plan eingelassen zu । haben."
Thekla war allein. Schon seit Stunden hatte sie sich in ihrem Zimmer eingeschlossen; dort schaute sie mit thränenfeuchten Blicken hinaus auf die breite Landstraße, auf der ein feiner Regen langsam aber dicht niederrieselte. Bei jeder Gestalt, die sichtbar wurde, strengte sie ihre Augen gewaltsam an, und glaubte immer noch den Geliebten zurückkommen zu sehen, aber vergebens. Ihre Hoffnung schwand allmählich und die folgenden Tage und Wochen zogen langsam und freudlos für sie dahin. Dabei wurden ihre Wangen bleich; die tiefliegenden, dunkel berandeten Augen zeugten von schlaflosen Nächten, ihr Gang verlor die frühere Elasti- zität und sichtlich welkte die kaum zum vollen Glanze erblühte Knospe wie ein Schatten dahin.
„Wenn sie nur mir vertrauen und mir ihr Herz ausschütten möchte," klagte ost die Mutter, „so würde sie wieder glücklicher werden", aber Thekla blieb allen Bitten taub, durch keine Silbe wollte sie ihr Geheimniß verratyen.
Ein ungewöhnlich früher Winter war hereingebrochen. Die sorglose fröhliche Jugend des Dörfleins vergnügte sich auf dem festgefrorenen Eise, doch Thekla sah träumend den Belustigungen zu, sie hatte keine Lust mehr, an Vergnügungen theilzunehmen. Nur ab
«mißtrauisch, und wahrscheinlich haben sie auch Wind davon bekommen, daß die in die schmutzige I Geschichte verwickelten Politiker geschont und I nur die Geschäftsleiter der Südbahn selbst zur Verantwortung gezogen werden sollten. Um einen solchen abermaligen Vertuschungsversuch zu durchkreuzen, gaben I sie zunächst im .Eclair' und im .Figaro' die Namen I der beteiligten Politiker der Oeffentlichkeit preis und I bezeichneten auch die sehr hohen Summen (der Senator I Magister allein war mit 87,500 Franken beteiligt!), I welche diese Biedermänner bei dem „Geschäft" verdient hatten. Frühere Minister wie Jules Roche (zuletzt Kammerreferent über den Militäretat), Aves I
! Guyot, Rouvier, Thsvenet, ferner der Abgeordnete I -wvuijujvy Jlvluj»
I Francois Deloncle und der Senator Edmond Magnier I Berlin, 4. Juni.
und noch manche andere bekannte Personen wurden * Der Kaiser empfing am Montag Nachmittag den so auf's Aergste bloß gestellt. Reichskanzler Fürsten Hohenlohe, der sich dann
Als aber auch jetzt noch nicht die Anklage mit den Staatssekretären v. Bötticher und Frhr. v. Margegen diese einflußreichen Mitglieder der opportunistischen schall nach Kiel zur Besichtigung des Nordostsee- Partei erhoben wurde, interpellirte der Sozialist Kanals begab. — Der Graf von Flandern ist Rouanet in der Kammer die Regierung wegen der mit seinem Sohne am Montag von Potsdam abgereist, Saumseligkeit der Justiz in der Südbahn-Angelegen- nachdem er sich von dem Kaiser verabschiedet hatte. - fjeit. Das gab dann am Samstag eine sehr bewegte Verschiedene Berliner Blätter wissen zu melden, daß Sitzung. Jules Roche und Rouvier, der berüchtigte man in der kaiserlichen Familie einem freudigen । Panamist, rafften sich, aufgestachelt von verschiedenen Ereignisse entgegensehe. — Der Pariser ,Gaulois'
Setten, dazu auf, sich reinzuwaschen. Ueber allgemeine meldet, der Kaiser werde bei den Kieler Festen dem Redensarten aber kamen sie nicht hinaus. Natürlich französischen Admiralschiff „Hoche" einen Besuch wollten sie die hohen Summen, die sie als Advokaten abstatten. Die Post' gibt dies als möglich zu, betont oder Aufstchtsrathsmitglieder der Südbahn einge- ober, daß dann auch die Admiralschiffe der anderen strichen, alle ehrlich und rechtmäßig verdient haben. Mächte vom Kaiser besucht werden würden.
Man kennt das! Weshalb nehmen sich denn diese * Der frühere Justizminister Dr. v. Friedberq, Aktlengesellschaften zu Advokaten und Auffichtsraths- dem man die „liberale" Justizgesetzgebung „verdankt" Mitgliedern immer mit Vorliebe einflußreiche Politiker ist am Montag gestorben. Herr v. Friedberq hat oder gar Minister? Und warum geben sie diesen als seit seinem Rücktritte kaum noch von sich reden gemacht „Honorar" oder „Tantieme" so ungeheuere Summen, Seiner politischen Richtung nach stand er den be»or sie auch nur halbwegs ähnliche Summen für I National-Liberalen am nächsten und galt s. fl. wobl das Unternehmen selbst ausgegeben haben? Alle Welt * 1 !jr* " " '■ - - — - • “
weiß es: um Regierung, Kammer und Senat geneigt zu machen, d. h. zu bestechen, ihnen die gewünschten Konzessionen und Staatszuschüsse zu ^bewilligen! Und das nennen dann die Ehrenmänner „reelle Geschäfte!" Selbst der opportunistische Justizminister Trarieux konnte nicht bestreiten, daß diese „Geschäfte" höchst unmoralisch und eines Abgeordneten unwürdig sind. Er behauptete aber, es gebe kein Gesetz, um diese Dinge zu bestrafen. Die Opposition war anderer Meinung, aber nehmen wir an, Herr Trarieux, der als Justizminister doch die Gesetze kennen muß, habe Recht: was folgt daraus, daß die Gesetze sehr mangelhaft sind, wenn sie die Attionäre nicht vor solcher Aussaugung durch die Gründer schützen, und ergänzt werden müssen.