Mittwoch, den 5. Juni 1895
22. Jahrgang
FuldaerWZtitlliig
mit Untrrhaltrrngs-Kettage ..Sterne und Klnmen".
Erscheint täglich, Sonn- und Feiertage ausgenommen. — vierteljährlicher AbonnementSpreir ohne Bringerlohn und Bestellgeld in Fulda und auSwärt- 1 Mark 50 Pfennig. Inserate kosten die einspaltige Garmondzeile oder deren Raum 15 Pf., Reklamen die Petitzeile 25 Pf., bei Wiederholungen entsprechender Rabatt.
rt Vergnügungssucht.
Unter den Ursachen des religiös-sittlichen Niederganges, welcher sich in unserer Zeit in so erschreckender Weise bemerkbar macht, steht nicht in letzter Linie die Vergnügungssucht, das übermäßige Festfeiern. Es ist das ein etwas heikles Kapitel, dessen bloße Erwähnung vielleicht schon bei dem Einen oder Anderen Widerspruch hervorruft. Was? so mag es da und dort heißen, wenn wir uns dann und wann eine Abspannung, einen vergnügten Abend, einen frohen Tag gestatten, so sollen wir dadurch uns der Gefahr aussetzen, an Religion und Sitte Einbuße zu erleiden? Gemach! „Eine Freude in Ehren soll Niemand wehren" sagt mit Recht das Sprüchwort; nicht von einem „vergnügten Abend" überhaupt, sondern von dem Zuviel der „vergnügten Abende" und der „frohen Tage" ist hier die Rede und da sagt ja schon ein anderes „Sprüchwort": „Zu viel ist ungesund."
Das übertriebene Jagen nach Vergnügen ist eine Hauptkrankheit unserer Zeit; man will Pläsir haben, koste es, was es wolle. Man klagt so oft, daß Gewissenlosigkeit, Unredlichkeit, Mißachtung des siebenten Gebotes in immer weiteren Kreisen Platz zu greifen drohen. Gewiß ist es, daß die Noth des Lebens Menschen wohl schon verleitet, zu Betrug und Unredlichkeit ihre Zuflucht zu nehmen, allein der Hang zu ungezügeltem Genießen verführt doch ungleich häufiger zu dergleichen unlautern Kunstgriffen. Vergnügungstaumel, ausgelassene Feste verflachen den Menschen; die Erinnerung an die eigentliche Bestimmung des irdischen Daseins verwischt sich allmählich, die Forderungen der Vernunft und Religion werden überhört, das Gewissen stumpft sich ab. Ist es da zu verwundern, wenn man sich nach und nach über die Frage: wie komme ich in den Besitz der Mittel, um mir möglichst oft Pläsir zu verschaffen, nicht mehr so viel Kopfzerbrechen und Gewissensbedenken macht? Ist es ferner zu verwundern, wenn man auch in Bezug auf die Genüsse selbst immer weniger wählerisch wird, wenn es vielmehr schließlich heißt: „Je pikanter, desto besser!" Was aber das Verlangen nach möglichst „pikanten" Genüssen für die Sittlichkeit im engeren Sinne des Wortes zu bedeuten hat, das soll hier nur andeutungsweise berührt sein.
Mit Vorliebe werden die Fest- und Vergnügungs- Touren auf die Sonn- und Feiertage verlegt. An Wochentagen haben ja so Viele keine rechte Zeit zum Feiern und Genießen. Die nächste Folge ist, daß sich der Vergnügungszügler, falls er Katholik ist, Sonntags vielfach mit einer kurzen Frühmesse begnügt, man muß ja eilen, um den Eisenbahnzug nicht zu verfehlen. An dem Festorte selbst kann natürlich von dem Kirchenbesuche nicht die Rede sein: man muß besehen, toastiren, tanzen, jubeln. Zuweilen verspätet man sich auch einmal, man kann nicht mehr die nächste Messe abwarten, sonst verfehlt man den Eisenbahnzug. Mit einigen Gewiffensskrupeln fügt man sich in das „Unvermeid-
Krlohnte Treue.
Novelle von C. Borges.
(6. Fortsetzung.)
Auch der Künstler hatte sich seinem Versprechen gemäß eingefunden. Sein Antlitz war ungewöhnlich ernst, sein sonst so heiterer Blick war trübe, fast finster und drohend schaute er seine Tochter an, die am Arme ihres unzertrennlichen Begleiters langsam unter den duftenden Tannen dahinschlenderte.
Als die Wagen zur Abfahrt wieder bereit standen, wollte Thekla mit Herrn Lisser den leichten Korbwagen benutzen, doch der Vater hielt sie zurück und ließ sie an seiner Seite in dem Landauer Platz nehmen. Das junge Mädchen mußte gehorchen. In der siegesgewissen Hoffnung: er liebt mich — wir gehören zu einander — nichts soll uns trennen, fuhr sie in der Freude ihres Herzens dahin und glaubte in dem leisen Rauschen der dürren Blätter, mit denen der Abendwind spielte, einen Segenswunsch zu ihrer Verlobung von Oben herab zu spüren.
Endlich hielten die Wagen vor dem Portal des Hauses. Herr Lisser stand bereit, um seiner Geliebten beim Aussteigen die Hand zu reichen und ihr leise einige Liebesworte ins Ohr zu flüstern; doch als er selbst die Treppe zu seinen Gemächern hinansteigen
liche", diesen Sonntag ohne heil. Messe zu bleiben. Nächstens passirt es wieder, daß man sich verspätet — und schließlich geht man ohne alle Skrupel seinen Vergnügungen nach und läßt die Kirche sein. Abstinenz- und Fastengebot sind ohnehin eine lästige, „veraltete" Gewohnheit. Wenn etwa zufällig ein Vergnügungsabend auf den Freitag oder Quatember fällt, dann kann man sich doch nicht dem Gelächter der Andersgläubigen oder der „starken Geister" aussetzen, indem man nach altväterlicher Sitte magere Speisen verlangt oder die Theilnahme am Festmahle gar verschmäht!
Auf solche Weise erklärt es sich, daß die Vergnügungssucht, das ewige Festfeiern mit vollem Rechte als eine Hauptursache der Vernachlässigung des praktischen Christenthums hingestellt werden kann. Das Schlimmste aber ist die aus dem übermäßigen Genüsse beiartiger Vergnügungen sich ergebende Verflachung des Geistes. Das unsinnige Jagen nach Pläsir und Zerstreuungen bringt den Menschen unausbleiblich dahin, daß er nichts mehr kennt als den pikanten Kitzel der Sinne und daß ideale Güter, höhere Interessen für ihn nur mehr Namen ohne Bedeutung find. Geld und wiederum Geld, damit man sich das Leben möglichst schön und genußreich machen kann, das ist die einzige Losung des Pläsirmenschen.
Deutsches Reich.
Berlin, 3. Juni.
* Der Kaiser arbeitete am Samstag Vormittag mit dem stellvertretenden Chef des Militär-Kabinets, General ä la suite Generalmajor v. Lippe, und hörte dann den Vortrag des Chefs des Marine - Kabinets. Nachmittags fuhr der Kaiser mit Sonderzug nach der Station Briesen der königl. schlesischen Bahn. Die Ankunft dort dürfte kurz nach 5^/» Uhr erfolgt sein. Der Kaiser gedachte, sich von dort zu einem Pürsch- gange in das Madlitzer Revier zu begeben, dann nach dem Schlosse Madlitz des Grafen Finck von Fincken- stein zu fahren und von Briesen aus die Rückfahrt um 101/« Uhr Abends anzutreten. — Die auch von uns gebrachte Nachricht, daß der Kaiser am 10. Juni der Kaiserin Friedrich in Kronberg einen Besuch abzustatten gedenke, ist unbegründet.
* Wie der .Vorwärts' berichtet, ist der Kaiserliche Erlaß vom 4. Januar 1882, betreffend die Betheiligung der Beamten an der Wahlagitation, den Eisenbahn-Beamten in Magdeburg durch Circular in's „Gedächtniß zurückgerufen bezw. zur pflichtmäßigen Nachachtung mitgetheilt" worden.
* Prinz Albert von Belgien ist vom Kaiser ä la suite der 16. Dragoner gestellt worden. Chef des Regiments ist bekanntlich der Graf von Flandern, der Vater des Prinzen. Vater und Sohn weilen augenblicklich in Berlin bezw. im Neuen Palais zu Potsdam.
* Das Staatsministerium trat am Samstag Nachmittag wiederum zu einer Sitzung in seinem Dienstgebäude am Leipziger Platze zusammen. Dem Ver-
wollte, legte der Hausherr leicht die Hand auf seine Schulter.
„Wollen Sie einen Augenblick in mein Arbeitszimmer treten, Herr Lisser," bat er ernst, „ich habe Ihnen einige Fragen vorzulegen."
Der Gast verneigte sich zustimmend.
Ein finsterer Schatten bedeckte sein edles Antlitz, als er jetzt seinem voranschreitenden Wirthe folgte. Im Atelier saß bereits Frau Bergstein; auch in ihrem Antlitz malte sich Angst und Entsetzen und ihre Glieder zitierten vor innerer Erregung. M
„Es ist doch gekommen, wie ich es gefürchtet habe", murmelte der Fremde. „Wohin ich auch gehen mag, das Geschick hestet sich an meine Fersen — ich werde gebrandmarkt bleiben mein Leben lang."
Stunde auf Stunde verrann — das Trio saß noch immer in ernster Unterhaltung im Gemach des Künstlers. Herrn Lisser's Stimme tönte tief, ernst und überzeugend durch die Stille der Nacht, wurde aber jedesmal laut und ungestüm von dem Hausherrn unterbrochen, der ihm zu widersprechen schien. Dazwischen hörte man Frau Bergstein's flehende Worte, die unter Thränen fast nicht sprechen konnte.
Plötzlich wurde die Thür hastig geöffnet. Herr Lisser stürzte die Treppe hinan und schon nach wenigen Augenblicken kam er mit einer gefüllten Reisetasche
nehmen nach sollte ein Nachtragsetat berathen werden, der u. A. Forderungen wegen Verstaatlichung der Weimar-Geraer Bahn und der Saalebahn enthält. Die Vorlage soll unverweilt dem Landtage zugehen.
* Angesichts der abfälligen Kritik der Mtt- telparteiler über die Leistungen des Reichstags darf man gewiß fragen, was denn eigentlich das preußische Abgeordnetenhaus in seiner fast halbjährigen Thätigkeit geleistet hat. Da stellt sich nun heraus, daß er sich auch keiner ersprießlichen Leistungen rühmen kann. Und dies fällt bei dem Landtag um so schwerer ins Gewicht, als in diesem die Mittelst arteiler über die unbestrittene Mehrheit verfügen. Wenn der Landtag seine Session beendet, was voraussichtlich erst im Monat Juli geschieht, wird das gesammte Fazit seiner Leistung sich auf nicht viel mehr als auf das Stempelsteuergesetz beschränken. An solche Unftuchtbarkeit der parlamentarischen Arbeit war man früher nicht gewöhnt. Woran liegt's?
* Der .Reichscmz.' veröffentlicht den Börsenreform- und den Depotgesetzentwurf. Dem Inhalte nach sind beide Vorlagen bereits bekannt.
* Aus der Redaktion der Kreuzzeitung' scheiden, wie es heißt, der Oberstlieutenant a. D. Scheibert und Professor Kropatschek aus, weil sie nicht mehr mit Herrn v. Hammerstein zusammen arbeiten wollen. Dr. Kropatschek ist dem Wiener .Vaterland' zufolge zum Herbst in das Kultusministerium berufen. Das würde doch einigermaßen auffallend sein, da Herr Dr. Kropatschek wiederholt, auch im Abgeordnetenhause, energisch die von dem Kaiser angeregten „Reformen" des höherenSchulwesens bekämpft hat.
* Bonn, 1. Juni. Die Beerdigung des verstorbenen Peter Hauptmann fand gestern Nachmittag unter ungemein zahlreicher Betheiligung statt. Hinter dem mit Kränzen bedeckten Sarge schritten die Hinterbliebenen und Anverwandten des Verewigten, darunter der Hochw. Herr Weihbischof Dr. Schmitz von Köln. Als Vertreter der Centrumsfraktionen des Reichs- und Landtags waren gekommen: Dr. Bock-Aachen, Bender-Vallendar, Euler-Bensberg, von Grand-Ry-Bonn, Greiß-Köln, Dr. Marcour-Koblenz, van Vleuten-Bonn, Wellstein-Koblenz. Weiter waren erschienen die Spitzen der Behörden, Stadtverordnete, viele Professoren der Universität und geistliche Herren. Der Augustinus-Verein war durch seinen Vorsitzenden, Herrn Chefredakteur und Verleger Otto aus Krefeld, und eine stattliche Schaar Mitglieder vertreten. Die Zahl der Kranzspenden war sehr groß, über 70. Der Namens der Centtums-Fraktion vom Frhrn. v. Heere- man gespendete prachtvolle Kranz trug auf der Schleife die Inschrift: „Ihrem pflichttreuen Mitgliede die Centrumsfraktion des Abgeordnetenhauses." Herr Dechant Neu hielt am Grabe eine kurze Ansprache, in welcher er die großen Verdienste des Verblichenen um Kirche und gemeinnützige Anstalten hervorhob.
* Passau, 1. Juni. Vor einigen Tagen ist hier der ehemalige Reichs- und Landtagsabgeordnete Kom
in der Hand, den Hut tief in die Stirn gedrückt, wieder herab. Herr Bergstein erwartete ihn im Hausflur. Bei seinem Anblick öffneteervorsichtig dieThüre; seine Gattin stand leise weinend an seiner Seite.
„Wollen Sie das Versprechen, welches Sie mir soeben gaben, halten? — wollen Sie es halten um ihretwillen?" fragte der Fremde zögernd.
„Ja! ich verspreche es. Leben Sie wohl — Gott schütze Sie!"
Noch einen Augenblick zögerte Arnold Lisser an der gastlichen Schwelle, dann drückte er kräftig die Hände seiner Freunde. Von Mitleid und mütterlicher Liebe durchdrungen zog Fran Bergstein den Scheidenden an sich uni) drückte einen Kuß auf seine sorgenschwere Stirne.
Der Fremde lächelte traurig.
„Sie glauben wenigstens nicht, daß das Kainszeichen darauf gedrückt ist," sagte er wehemüthig, „oder Sie würden das nicht gethan haben. Das ist mir ein Trost in meiner dunklen Zukunft. Leben Sie wohl!"
Raschen Schrittes verließ er das Haus. Der Wind heulte und brauste durch die mächttgen Kronen der alten Linden und zerknickte Aeste und Zweige, als ob es dürres Reisig wäre. Vom nahen Kirchthurme ertönte die Mitternachtsstunde. Schwere Regenttopfen schlugen dem einsamen Wanderer in's Gesicht, als wollten