Beilage jiw Mulöaev Jeitung.
22. Jahrgang
SonnLcrg, den 2. Juni 1895.
Zeitgeistes!" Der Gesellenverein ist heute so verbreitet, daß kaum eine Stadt oder ein Städtchen in Deutschland, Oesterreich-Ungarn und der Schweiz zu finden ist, in welchen dieser wohlthätige Verein nicht besteht. Alle einsichtigen Menschen sind seines Lobes voll; daß er aber von manchen Seiten gering geschätzt oder gar angefeindet wird, spricht eher für seine Güte als für das Gegentheil. Es kann jedem Vater und jeder Mutter nur zur höchsten Beruhigung gereichen, zu wissen: mein Sohn ist Mitglied des k a t h. G e s e l l env e r ei ns, dort weiß ich ihn geborgen. Und wie schön schreibt er mir, wie rühmt er den Verein, wie begeistert schildert er mir das Leben und Treiben in demselben, die hingebende Liebe des Präses, das fteundliche Entgegenkommen der Mitglieder! Daher sollten Geistliche, Eltern und Vormünder dem in die Welt schreitenden Gesellen nichts dringender empfehlen, als den Eintritt in den Gesellenverein, und die jungen Burschen sollten sämmtlich so viel Strebsamkeit, Bildungstrieb und Ehrgefühl besitzen, daß sie es für eine ihrer dringendsten Angelegenheiten hielten, dem Gesellenverein beizutreten, und zwar 'weniger noch um der materiellen Vortheile willen, die der Verein ihnen bietet, als um der geistigen Güter willen, mit denen er sie ausstattet.
Etwas anders freilich gestaltet sich der Verein Kolpings in der Großstadt wie an kleineren Orten. In der ersteren wird dem jungen Manne außerordentlich Vieles geboten; dort finden interessante Vorträge und Belehrungen statt, alles Mögliche betreffend, was zu seinem Fortkommen im Diesseits und für die Sicherstellung seines Seelenheiles im Jenseits nöthig ist ; dort sind die großen Spar- und Krankenkassen, dort ist ein sehr ausgebildeter Unterricht; dort sind blühende Hospitien mit Schlafstellen; die Feste, die man feiert, sind imposant und höchst anregend. Aber auch die kleinen Vereine sind nicht zu unterschätzen; auch sie bieten dem jungen Manne ganz außerordentliche Vortheile und gerade in ihnen gestaltet sich das Vereins- leben zu einem äußerst gemüthlichen und anziehenden. Nicht einmal, sondern hundertmal haben mir persönlich junge Meister die Versicherung gegeben, daß sie ihr Fortkommen, ihre gesunde Lebensanschauung dem Umstande verdankten, daß sie zur rechten Zeit das Glück gehabt, Mitglieder des Gesellenvereins zu werden. Ein Präses erzählte mir, daß ihm ein Sterbender mit letzter Anstrengung seiner Stimme, schon an der Pforte der Ewigkeit, gesagt habe: „Ich sterbe ruhig, denn ich war ein Mitglied des Gesellenvereins!"
Ich wiederhole daher: Eltern, Väter, Mütter, Geistliche und die ihr nur immer Einfluß auf die jungen Leute in Dorf und Stadt habt, empfehlt das wohlthätige Institut des katholischen Gesellenvereins!"
Belohnte Trene.
Novelle von C. Borges.
(5. Fortsetzung.)
Unter diesen und ähnlichen Gedanken traf er Jenny, die allein an einer knorrigen Eiche auf ihn zu warten schien. Er führte sie an das Meer, wo ein Boot bereit stand, und lud sie zu einer kurzen Wasserfahrt ein. Von einem plötzlichen Drange getrieben, machte er das junge Mädchen zu seiner Vertrauten, schüttete ihm sein ganzes, übervolles Herz aus und erzählte ihr von seiner hoffnungslosen Liebe zu Thekla, die ihn elend und unglücklich mache, vollständig ahnungslos, daß jedes seiner Worte wie ein spitzer Pfeil das Herz seiner bebenden Zuhörerin traf.
„Glauben Sie, daß noch ein schwacher Hoffnungsschein für mich ist?" fragte er stürmisch, als er geendet hatte. „Oh, Fräulein Jenny, wenn Sie wüßten, wie heiß ich Ihre Schwester liebte, Sie würden Mitleid mit mir haben."
Einen Augenblick schwieg das bleiche Mädchen, dann raffte sie ihren ganzen Muth zusammen und versetzte ganz langsam: „Es würde unrecht sein, falsche Hoffnungen in Ihrem Herzen zu erwecken, Herr Heldrungen. " Es thut mir wirklich leid für Sie, aber ich glaube nicht, daß Thekla Sie liebt — wenigstens nicht so liebt, wie Sie es meinen. Sie liebt einen Anderen."
„Oh! ich wußte es," stöhnte er und bedeckte sein Antlitz mit den Händen.
Schweigend wurde die Fahrt fortgesetzt, ohne daß Jenny ein Trosteswort für den von ihr mit allen Fasern ihres Herzens geliebten Mann fand, welcher unglücklicher Weise alle Gefühle seines Herzens einer Andern geweiht hatte.
„Sollen wir die Ruine betrachten?" fragte zu gleicher Zeit Herr Liffer, wohlgemuth an Thekla's Seite durch den Wald wandelnd. „Mademoiselle sagte mir, das alte Gemäuer sei sehr interessant."
„Nur für Fremde," entgegnete die Begleiterin, nicht
An christliche Eltern in Stadt und Land.
Mitgetheilt vom Generalpräses S. Schäffer in Köln.
Das Nachstehende gilt jungen braven Handwerksgesellen, aber auch frommen christlichen Eltern, die für Leib und Seele ihrer Kinder besorgt sind.
Der Frühling ist ins Land gekommen; es war auch hohe Zeit, denn der letzte Winter war von einer Strenge und Zähigkeit, wie nicht mancher Winter sie aufweist. Gott sei Dank, daß der strenge Bursche seinen Abschied genommen und dem Lenz Platz gemacht hat! Die Erde hat sich in neues Grün gekleidet; liebliches, frisches Grün bedeckt die Flur; die gefiederten Sänger, die während des Winters in wärmeren Zonen gewohnt, sind wieder zu uns zurückgekehrt und erfreuen uns mit ihrem Gezwitscher. Das Menschenherz athmet wieder auf, denn der linde Frühling ist sein Freund.
Im beginnenden Frühjahr verbreitet sich auch eine große Anzahl von menschlichen Zugvögeln über das Land: ihr ahnt vielleicht, welche Zugvögel ich meine. Dem jungen Handwerker in Deutschland wohnt ein mächtiger Trieb zum Wandern inne, und wenn nach hartem, strengem Winter warme Lüste wehen und die Sonne lieblich scheint, dann macht sich der dem jungen Volk des Handwerks angeborene Wandertrieb geltend. „Mutter", so spricht er, „laß mich jetzt hinausziehen in die weite Welt; laß mich auf größere Werkstätten meinen Blick richten! Gerne möchte ich länger bei Dir wellen; gerne noch länger mich Deines mütterlichen Antlitzes freuen; aber es hält mich nichts daheim; ich muß hinaus ins frische, stohe Leben, muß lernen und verdienen." Das gute Mütterlein seufzt auf im Schmerz der Trennung und spricht: „Wenn's denn nicht anders sein kann, mein Sohn, so gehe mit Gott, und dein heiliger Schutzengel leite und führe und bewahre Dich vor bösen Genossen und vor den Netzen der Verführung!" Während der guten Mutter die Thränen aus den Äugen fließen, packt sie seine Sachen ein, und der Bursche zieht hinaus. „Vergiß die Seufzer Deiner Mutter nicht, laß von Dir hören und gib recht häufig ein Lebenszeichen von Dir. Wenn Du mir nicht schreibst, wenn Wochen und Monate vergehen, ohne daß ich von Dir etwas höre und sehe, ach, dann ist mein Herz betrübt und sorgenvoll, und ich muß denken, daß Dir ein Uebel zugestoßen ist am Leibe, vielleicht noch ein größeres an der Seele!" — so spricht die Mutter. Noch ein letzter Kuß und Händedruck — und der Sohn verläßt das Elternhaus. Sein Ziel ist die nächste Stadt, in der er Arbeit findet, aber auch Kameraden, gute und schlechte durcheinander.
In dieser oder ähnlicher Weife habt Ihr, christliche Eltern, besonders Ihr, liebe und gute Mütter, Eure Herzenskinder hinausziehen lassen in die weite Welt. Euer Mahnwort und Segen haben ihre guten Früchte getragen; nicht selten aber ist der so treue Sohn ein Fremdling in Eurem Herzen geworden; er wurde eine Beute der Verführung, seine Briese wurden immer seltener, und der Inhalt derselben, statt Euch zu erstellen, gab zu vielen Besorgnissen Anlaß. Wie mancher junge Mensch, fromm und gut erzogen, unter Gebet und Segen des Vaters und der Mutter in die Welt entlassen, ist verführt und verdorben worden! Nicht mehr das liebe Angesicht der Mutter war es, was ihm bei Tag und Nacht vorschwebte, sondern ganz andere Gesichter zogen ihn an und fesselten ihn. Das Gebet hatte für ihn nichts Anziehendes mehr, der Religion und Tugend kehrte er immer mehr den Rücken, die hohlen Phrasen, die heute besonders in großen Städten einen so mächtigen Eindruck auf die Geister der Arbeiter machen, nahmen seinen Geist gefangen. So entsteht das Proletariat des Geistes und des Leibes; so hält das Elend, das leibliche und das geistige, seinen Einzug in die breiten Schichten des Volkes.
Gerade jetzt im Frühjahr, wo die Wanderlust erwacht, wo der junge Gesell die Heimath verläßt oder die wandernde Jugend des Handwerks den Zug aus kleinern in größere Orte antritt, kann kaum genugsam darauf aufmerksam gemacht werden, welch' ein mächtiger Schutz der Verein Adolph Kolping' s dem jungen Manne ans dem Gewerkstande ist und stets bleiben wird. Da liegt also gewiß der Wunsch nahe, daß die Seelsorger, aber auch die Eltern dem wandernden Burschen den Eintritt in diesen Verein auf das Dringendste anrathen. „Wohin Dn auch kommst, mein Sohn, taffe Dich in diesem Verein als Mitglied anschreiben, tritt demselben mit guten Willen bei, werde ein thättges, verständnißreiches Kind dieses Vereins. Er ist der große Raphael, der Dich mit fester, treuer und liebender Hand mitten durch alle Gefahren hindurchführt; die Lehren, die Dir in ihm ertheilt werden, die Beispiele, die Du siehst, die Liebeserweise, die Dir gespendet werden, sind eine starke Rüstung, eine Schutz- und Trutz-Waffe gegen die Einflüsse des verderblichen
für Diejenigen, welche hier in der Gegend ausgewachsen sind. Ich habe die Ruine schon unzählige Male gesehen." .
„Dann schlagen wir eine andere Richtung ein; hier dieser dunkle Tannenwald ist herrlich und bietet viele lauschige Plätzchen. Die Ruinen können warten, ich kann sie noch ost genug betrachten, ehe ich Burgfels verlasse."
„Wollen Sie fort?" fragte Thekla besorgt.
Herr Liffer schaute in das ängstlich fragende Antlitz, welches gespannt eine Antwort zn erwarten schien, und eine starke Bewegung schien in seinem Innern zu kämpfen.
„Die Länge meines Aufenthaltes hängt von Umständen — von Ihnen ab," versetzte er langsam. „Thekla," es war das erste Mal, daß er sie mit diesem Namen nannte, „würden Sie mich vermissen, wenn ich abreiste?"
Sie antwortete nicht, aber die Heute, welche Hand auf seinem Arme zitterte wie Espenlaub.
„Geliebte! Wenn ich noch länger hier bleibe, so ist es nur, weil sonst die Welt ohne diese lachenden blauen Augen leer und öde ist," flüsterte er ihr erregt zu Dann drückte er die bebende Gestalt mit sanfter Gewalt an sich, und als sie es willig geschehen ließ, fuhr er leise fort: „Thekla, meine Geliebte, ich liebe Dich, wie ich noch niemals ein Weib geliebt habe! Es war nicht meine Absicht, dieses Geständniß schon jetzt zu machen," wieder flog es wie ein dunkler Schatten über sein erregtes Antlitz, „aber Du hast mich besiegt und ich stehe machtlos dem Schicksal gegenüber. Wenn Du mich liebst, so soll Niemand uns auf dieser Welt trennen."
Sie konnte nicht antworten und barg nur ihr glühendes Köpfchen an seiner Schulter.
„Ich dachte nicht an Liebe, als ich Aufnahme tu Euerer Familie fand," fuhr er begeistert fort, „aber unbewußt lernte ich von Dir die volle Bedeutung dieses Wortes. Du hast Licht und Sonnenschein in mein düsteres, trauriges Dasein gebracht. Hast Du Muth genug, Dein Geschick in die Hände eines Mannes zu legen, der mit der Welt verfeindet ist, der aber jetzt an Deiner Seite den Kampf mit dem Leben von Neuem aufnehmen will?" _ ,,
„Arnold, ich vertraue Dir und will mit Dir bis an’« Ende der Welt gehen," versetzte sie schüchtern, „es scheint mir, daß ich erst jetzt gelernt habe, was Leben heißt, seitdem Du unter uns weilst."
„Thekla, mein Liebling! Du hast mich zum Glücklichsten aller Sterblichen gemacht," frohlockte er und drückte den ersten Kuß auf ihre rosigen Lippen.
Hand in Hand schlenderten sie durch den dunklen Tannenwald, gleichsam wie in einem Paradiese, zudem nur Liebende den Eingang wissen, wo immerwährend die herrlichsten Blumen blühen und die Vöglein ihre süßen Melodien zwitschern.
Thekla liebte ihn, den edlen, reichen Gast, aber an den Reichthum dachte sie in diesem Augenblicke nicht; sie würde ebenso gehandelt haben, auch wenn er atm gewesen wäre
Herr Heldrungen sah in der Ferne die Liebenden, die weltvergessend in traulichem Gespräche auf einer Rasenbank saßen; dieser Anblick verletzte sein Herz wie mit einem scharfen Messer. Auch die Glieder der Gesellschaft näherten sich dem Sammelplätze, und durch das Geräusch der Stimmen erweckt, fuhr Herr Liffer empor und sah nach seiner Uhr.
„Beim Himmel! Wie schnell ist die Zeit verflogen! Wir haben sogar die Blumen vergessen, die wir als Tribut mitbringen sollten!" rief er bestürzt aus . . . „Leider ist hier weit und breit nicht ein winziges Pflänzlein zu finden; da wird Mademoiselle gleich nachfragen, wie wir unsere Zeit verbracht haben. Halt!" jubelte er plötzlich und pflückte ein verkümmertes Haide- kraut, das unter dürren Blättern verborgen nur spärlich blühte, „hier ist eine — es ist doch Alles, was wir gefunden haben!"
Thekla erröthete lieblich, als ihr Begleiter ihr das kleine Blümchen überreichte, um der gestrengen Made- moifelle ihren Antheil zu bringen, und langsam schritten Beide dem Sammelplätze zu. Frau Bergstein's scharfes Auge glaubte die geheimsten Gedanken ihrer Tochter erratijen zu können; sie nickte bestiedigend, als diese verwirrt die Blicke senkte.
„Ma foi!“ rief Mademoiselle und hielt verächtlich das kärgliche Haidekraut empor, „ist das Alles? Mehr habt ihr nicht gefunden, Thekla?"
„Wir irrten den ganzen Nachmittag im Walde umher, ohne mehr zu entdecken," nahm Herr Liffer keck das Wort. „Wir geben Alles, was wir gefunden haben; — verschmähen Sie die Gabe nicht, so gering sie auch ist."
(Fortsetzung folgt.)