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Sonntag, den 2. Ium 1895

22. Jahrgang

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Des hochheiligen Pfingstfestes wegen er­scheint die nächste Nnmmer am Dienstag.

I Innigste danken, aber Gott kann und muß zugleic i von uns verlangen, daß wir mitwirken am Werke der Gnade für uns selbst und für unsere Mitmenschen.

In unserer Zeit hat diese Pflicht auch noch eine ganz besondere Bedeutung für das öffentliche Leben. Wir sehen, wie der böse Geist, der materialistische, selbstsüchtige Geist immer mehr um sich greift und die unsere ganze Gesellschaft in ihren Grundfesten bedrohen­den Jntereffenkämpfe zwischen den Ständen und Berufs­arten entfacht, wie gewissenlose Hetzer die Ueberhebung der einzelnen Stände zu schüren und in ihnen die Erinnerung daran, daß alle Stände auf einander an­gewiesen sind und nur bei gegenseitiger Liebe und Achtung gedeihen können, zu erlebten suchen: Hier bietet sich für uns Katholiken eine treffliche Gelegen­heit, zu zeigen, wie viel mächtiger die Einigkeit und die Harmonie der verschiedenen Stände und Landes- theile sie in ihrer Gesammtheit macht, und wie vie segenbringender der gerechte Ausgleich der verschieden­artigen Interessen ist, als der wüste Kampf. In unserem Centrum haben wir den Rahmen für diese harmonische, ausgleichende Thätigkeit, in dem Centrum vereinigt und fest zum Centrum stehend, sind wir das lebendige Vorbild der sozialen Liebe und Gerechtigkeit, der lebendige Protest gegen den un christlich en, Volks verderb enden Hader der Stände, das lebendige gute Beispiel praktischen Christenthums. Das ist eine schöne, eine erhabene Aufgabe für uns. Halten wir an ihr fest, so werden wir die Werkzeuge der Vorsehung sein bei dem Aufbau einer neuen, besseren Ordnung. Wenn wir so es an uns selbst nicht fehlen lassen, um das Antlitz der Erde erneuern zu helfen, dann dürfen wir mit um fo befferem Gewissen beten: Emitte sanctum Spiritum!

Deutsches Reich.

Berlin, 31. Mai.

* Der Kaiser hielt heute die Frühjahrsparade über ! die Potsdamer Garnison ab; dabei waren die drei ältesten Prinzen bei der Leibkompagnie des 1. Garde­regiments z. F. eingetreten. — Der Graf von Flandern gedenkt sich am Samstag Mittag von dem Kaiserpaare in Potsdam zu verabschieden und dann noch einen Tag mit seinem Sohne in Berlin zu bleiben.

* Zwischen Berlin und Friedrichsruh ist gegen­wärtig wieder eine kühlere Temperatur eingetreten. So versichert wenigstens eine Berliner Korrespondenz der ,Nat.-Ztg.', in welcher man außerdem noch wie folgt lieft: „Fürst Bismarck hatte in seiner Rede an die Ostfriesen den Herzog von Augustenburg beschul­digt, vor der Annexion Schleswig-Holsteins gegen die Erbauung des Nordostseekanals störrig gewesen zu sein. Darauf wurden in der ,Nordd. Allg. Ztg.' sofort zwei Aktenstücke veröffentlicht, Schreiben des Herzogs von Augustenburg an die preußische Regierung vom Jahre 1864, aus denen des Ersteren volle Bereitwilligkeit, auf den Kanalbau einzugehen, hervorging; es war aus­drücklich bemerkt, daß die Aktenstücke aus dem Archiv von Primkenau, dem augustenburgischen Familien- schlosfe, entnommen seien. Es liegt auf der Hand, daß dieses Archiv in kitzlichen politischen Fragen nicht ohne Genehmigung der Kaiserin, d. h. also des Kaisers, zu Veröffentlichungen in der .Nordd. Allg. Zig.' schreitet. Man hatte also eine schneidige Ant­wort auf den Friedrichsruher Angriff auf den Vater der Kaiserin vor sich. Das haben auch die ,Hamb. Nachr.' und ihr Inspirator recht wohl verstanden. Sie kommen noch einmal äußerst gereizt auf die Sache zurück, suchen die Auffassung des Fürsten Bismarck zu vertreten und fahren fort: „Es hat nicht in unserem Wunsche gelegen, diese vergangene Frage neu zu er­örtern und zu besprechen, aber die aggressive Insolenz der gegnerischen Blätter und ihrer Hinterleute nöthigt uns dazu, und wir werden in der Lage sein, unsere Auffassung auch durch weitere unerwünschte Argumente zu vervollständigen, wenn wir dazu herausgefordert werden." Dieser Ton bestätigt vollkommen, daß zwischen Berlin und Friedrichsruh zur Zeit die drei Frost- heiligen herrschen. Wir haben gleich nach dem Entrüstungsrummel vom 23. März darauf hinge­wiesen , daß ein abermaliger Temperaturwechsel nicht ausgeschlossen sei, und daß dann die „Entrüsteten" in eine etwas schiefe Lage gerathen könnten.

□ Pfingsten.

„Emitte sanctum Spiritum, et renovabis faciem terrae — Sende uns Deinen heiligen Geist, und das Antlitz der Erde wird sich erneuern!" Wer unter uns erinnert sich nicht dieses Wortes oder wird doch von ähnlichen Gedanken bewegt, wenn sein Blick hinans- schweift aus seiner engen Behausung in die weite herr­liche Gottesnatur! Mil feinem Verständniß des mensch­lichen Herzens hat die heilige Kirche die hohen Feste in die ihrem Charakter entsprechendste Jahreszeit zu legen gewußt. So fällt das Fest der Auferstehung unseres Herrn in die erste Zeit des Frühlings, in der auch die vom Wintereise befreite Erde ihre Auferstehung feiert. Und jetzt, wo der holde Frühling sein Werk vollendet hat, wo das Antlitz der Erde ganz erneut in wunderbarer Schönheit prangt: da feiert die Kirche das hehre Fest der Herabkunft des heiligen Geistes, der in einem höheren Sinne, dessen schwaches Spiegel­bild nur die Erneuerung in der Natur ist, das Antlitz der Erde erneuert hat und fort und fort erneuern wird.

Gewiß, überwältigend schön ist die im Festkleide prangende Natur: das frische, lebensvolle Grün des Laubes, der Farbenreichthum der Blüthen, die Kryftall- helle der Gewässer, in denen sich das Blau des Him­mels spiegelt, die Majestät der Berge und die liebliche Anmuth grüner Matten. Aber die Krone der Schöpfung ist doch der Mensch, und das, was den Menschen so vor allen anderen Geschöpfen auszeichnet, ist seine un­sterbliche Seele. Sie ist von Gott als fein Ebenbild geschaffen, für sie ist Sein eingeborener Sohn den Kreuzestod gestorben, auf sie soll und will sich nun auch der hl. Geist herablassen, sie erfüllen mit feinen sieben Gaben! So sehen wir die allerheiligste Drei­faltigkeit förmlich wetteifern, die menschliche Seele zu begnaden und ihr Ebenbild möglichst rein und herrlich zu bewahren. Und wir? Sorgen wir auch nur entfernt so eifrig für uns selbst, für unsere eigene Seele, wie es Gott thut? Das Antlitz der Erde hat sich in der Natur erneuert — wie steht es mit uns? Prüfen wir zunächst uns selbst, halten wir Einkehr und Auskehr im Kämmerlein unseres inneren Lebens, öffnen wir weit die Thore unserer Seele dem heil. Geiste, damit Er auch unser geistiges Antlitz erneuere 1

DaS ist um so nothwendiger, als wir niemals wirk­sam zur geistigen Erneuerung und Wiedergeburt der Menschheit werden beitragen können, wenn wir nicht bei uns, Jeder bei sich selbst, den Anfang machen. Es ist schlimm, daß das Böse ansteckt, aber wir können ihm, wenn wir nur recht wollen, in gleicher Weise entgegenwirken, denn auch das Gute wirtt, wenn es sich kräftig geltend macht und sich nicht, von der leider nur allzu weit verbreiteten blaffen Menschenfurcht an­gekränkelt, scheu verkriecht, ansteckend im besten Sinne. Wir müssen durch daS gute Beispiel wirken, das kann nicht oft genug wiederholt werden, denn das gute Beispiel ist beredter als die schönste Ermahnung, es ist eine immerwährende Predigt, die außerdem den Vorzug hat, daß jeder, ob gelehrt oder ungelehrt, sie halten kann. Man kann ruhig sagen, daß nächst Gott das gute Beispiel der ersten I Christen das Meiste beigetragen hat zu der raschen Ausbreitung unseres hl. Glaubens. Und wenn in I unserer Zeit die Aufgabe an uns herantritt, vor der wachsenden trüben Fluth des Materialismus und der Selbstsucht das Ehristenthum zu retten und eine geistige I und sittliche Erneuerung der kranken Menschheit vor­zubereiten, dann ist dazu, nächst Gottes Leitung, unser eigenes gutes Beispiel vor allen Dingen nöthig. Ge- I wiß, wir haben die Verheißung, daß die Pforten der Hölle die Kirche, die Christus auf den Felsen Petri gegründet hat, nicht überwältigen werden, und der hl. Geist ist uns auch als ein Trostspender gesandt, der bei uns bleiben wird bis an's Ende aller Tage — dafür wollen wir Gott am hl. Pfingstfeste auf's '

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Hierzu eine Keiinge.

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* Ein Mitarbeiter des Pariser ,Gcmlois' hat es unternommen, die Stimmung zu erforschen, die Über die Betheilignug Frankreichs an den Kieler Feste« in Deutschland herrscht. Natürlich fällt er bei der Schilderung der großen Freude, die deswegen in Deutschland herrschen soll, in Folge der bekannten französischen Eitelkeit in arge Uebertreibungen. Aller­dings kann er auch einige Zeugnisse deutscher Politiker, die er ausgehorcht hat, anführen. Dr. Lieber hat ihm einen Brief geschrieben, der ebenfalls der Freude über die Betheiligung Frankreichs Ausdruck gibt. Die ge­meinsame Aktion Frankreichs mit Deutschland in Ost- asien (wir folgen hier wörtlich einem Auszuge der freikonservativen ,Post') habe bereits zu den be­friedigendsten Resultaten geführt, und die Kieler Feste würden gewiß eine Annäherung zwischen den beiden Ländern verursachen. Die verantwortlichen Vertreter dieser Länder müßten auf dieses Resultat hinarbeiten. Dr. Lieber vertritt dann mit einigen Worten seine Idee der „Vereinigten Staaten von Fest-Europa'', lehnt es aber ab, dem fremden Journalisten gegenüber die inneren Angelegenheiten Deutschlands zu erörtern. Diesem ihrem Auszüge fügt dann die,Post' folgenden Satz bei: Man nennt ihn oft den „Schwarzen", vor demAuslande ist er aber „schwarz-weiß- roth.'"' So schreibt dasselbe Blatt, das so sehr, wie kaum ein zweites, sich in Beschimpfungen der Centrums als einer „vaterlandslosen'', „reichssemdlichen" Partei sonst gefällt und gerade Herrn Dr. Lieber oft genug als finstern „Reichsfeind" geschildert hat. „Bald so, bald so — wie's trefft!"

* Wie in militärischen Kreisen verlautet, werden bis zum Beginn der Manöver noch über ein Dutzend Generäle ihr Abschiedsgesuch einreichen. Von der beträchtlichen Anzahl von Generälen, welche hierzu prädestiuirt erschienen, wurde erst die Hälfte in den letzten Monaten verabschiedet, und es lag in der Ab­sicht, die große Anzahl auf einen längeren Zeitraum zu vertheilen. Der Vorgang befindet sich mit dem Inhalte einer bereits vor längerer Zeit ergangenen Kabinetsordre in Uebereinfiimntung, mit welcher auf ein rascheres Verabschieden in der Armee hingewirkt und als Grund für dieselbe, wenn kein anderer vor­liege, auf vorgeschrittenes Lebensalter hingewiesen.wurde.

* Es ist wiederholt Klage darüber geführt worden, daß der Vorsitz bei den Schiedsgerichten für die Alters- und Invaliden - Versicherung durch­gängig in den Händen von Mitgliedern der Re­gierung ruhe, und daß durch die hierdurch erwachsen­den hohen Reisekosten die Versicherungsanstalten ganz erheblich belastet würden. In der letzten Zeit ist nun eine Aenderung des bisherigen Systems eingetreten. Was früher die Regel war, soll jetzt die Ausnahme bilden und für die Zukunft dec Vorsitz einem im Kreise ansässigen Staatsbeamten regelmäßig übertragen werden. Da die Amtsrichter sich überall im Interesse der Sache zur unentgeltlichen Uebernayme des Nebenamtes iereit erklärt haben, so wird der Vorsitz fast allgemein liefen übertragen. Abgesehen von der Kostenfrage hat liefe Aenderung auch den sachlichen Vortheil, daß in Zukunft der Vorsitzende regelmäßig mit den per- önlichen Verhäitniffen sämmtlicher als Rechtsuchende vie Zeugen auftretenden Personen mehr oder minder rekannt ist und deshalb leichter eine vollständige und ichere Aufklärung der Sachlage im Interesse der Be­theiligten herbeiführen kann.

* Als Anerkennung für nützliche Erfindungen auf dem Gebiete des Eisenbahnwesens konnte die Staats - Eisenbahnverwaltung , wie bereits eit einer Reihe von Jahren, auch in diesem Jahre an 21 ihr unterstellte, als Urheber der Erfindungen ihr bekannt gewordene Beamte und Arbeiter Prämien im Gesammt - Betrage von 5520 Mk. ertheilen. Dieses Ergebniß ist, so schreibt der ,R.-Anz.', um so erfreu­licher, als es sich dabei meist um Erfindungen handelt, welche geeignet 'erscheinen, zur Erhöhung der Wirch- chaftlichkeit ober zur Vermehrung der Regelmäßigkeit und daher Sicherheit des Betriebsdienstes beizutragen.

* Stuttgart, 31. Mai. Zur Frage der in Süd- leutschland geltenden lOtägigen Rückfahrkarten äußerte sich am Donnerstag der württembergische Ministerpräsident von Mittnacht in der württem- bergischen Kammer wie folgt: Im preußischen Abge­ordnetenhause sei von maßgebender Seite behauptet worden, die Erfahrungen mit den lOtägigen Retour-