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Samstag, den 1. Juni 1895

22. Jahrgang

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war es nicht entgangen, daß Thekla dem neuen Gast mit inniger Liebe zugethan, und daß diese Zuneigung gegenseitig war. Er bemerkte eine liebliche, bescheidene Zurückhaltung, die bisher der jungen Dame fremd ge­wesen, und las in ihren leuchtenden Blicken ein tieferes

Fußes wegen noch immer nicht ohne Stütze gehen durfte —, sie sorgsam durch den Garten oder in den Park führte, dann folgten ihm unbemerkt Thekla's leuchtende Blicke, und preßte sie wohl fest die Hand auf's Herz, um das laute Klopfen zu beschwichtigen. Auch Mademoiselle lobte ihn, weil er mit der einfachen Häuslichkeit vollkommen zufrieden gestellt war und sich ganz entschieden jede Aenderung seinetwillen verbeten hatte. Selbst Magdalene war schwer zu bewegen, von seiner Seite zu weichen, denn nicht allein, daß er ihre kleinen Gedichtchen las und lobte, er ließ sich sogar einige schenken, die er versprach, gut aufzuheben. Sogar der Hausherr freute sich, wenn der liebgewonnene Gast sein Atelier betrat. Nicht allein, daß Herr Lisser Ver- ständniß und Liebhaberei für seine Gemälde zeigte, er war sogar selbst ein Künstler, legte bereitwillig Be-

Gefühl, als das der Freundschaft.

Es war der erste, bittere Schmerz, den Heldrungeu in seinem Leben empfand; er haßte fast seinen glück­licheren Nebenbuhler und verstand es kaum, seine Ge­fühle zu verbergen.

Herr Lisfer, der den Gutsherrn nur als Freund der Familie Bergstein betrachtete, aber vollständig ahnungslos gegen dessen Gefühle war, betrachtete ihn wie einen Freund. Er ging mit ihm auf die Jagd, schoß ebenso eifrig Hasen und Rehe, wie früher HanS es gethan, und freute sich, wenn er Mademoiselle — die er auch als Autorität ansah — seinen Jagdtribut bringen konnte.

Herr Heldrungen hatte sich nicht getäuscht. Die schöne, stolze Thekla hatte in Herrn Lister das Ideal

Belohnte Treue.

Novelle von C. Borges.

(4- Fortsetzung.)

Der neue Gast zeigte sich wirklich, wie Hans richtig vorhergesagt, als ein liebenswürdiger Gesellschafter. Durch feine fesselnde, geistreiche Unterhaltung, in der er auch geschickt die bescheidene Jenny hineinzuziehen verstand, verkürzte er den Damen den Weg, daß sie ganz erstaunt und fast betrübt waren, schon so bald in die nach dem Herrenhause führende Allee einzu­biegen.

Herr Lisser gewann die Herzen seiner Hausgenossen im Sturm. Anstatt, wie man befürchtet hatte, einen ältlichen Herrn pflegen und erheitern zu müssen, kam dieser junge Edelmann in voller Kraft und Gesundheit, und verstand es, mit seinem geistreichen Humor seine Hausgenossen sofort für sich einzunehmen. Herr Berg­stein betrachtete seinen Gast oft kopfschüttelnd. Er war so gänzlich von dem Bilde verschieden, das auch er sich in seiner Vorstellung von ihm gemacht hatte, daß er nicht begreifen konnte, welcher Grund einen lebens- ftohen, reichen Herrn veranlaßt haben mochte, sich in der Stille des Landaufenthaltes zu vergraben?

Doch Niemand im Hause fühlte den Besuch lästig oder sich beschränkt in seinen Gewohnheiten. Er machte keine besonderen Ansprüche, war dankbar für jeden

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kleinsten ihm erwiesenen Dienst, so daß er schon nach weise seiner Geschicklichkeit ab und verstand auf seine, wenigen Tagen Allen unentbehrlich war und man I nicht zu verletzende Weise dem Hausherrn manchen nicht an die Zeit zurückdenken mochte, in welcher man I praktischen Wink zu ertheilen.

ohne ihn ebenso heiter und vergnügt, wenn auch etwas Der Einzige, dem der Aufenthalt des Fremden in weniger sorglos, gelebt hatte. I der Bergstein'schen Familie ein Dorn im Auge war,

Hauptsächlich war es Thekla, die mit stiller Be- I war der benachbarte Gutsherr Heldrungen.

wunderung zu ihm empor schaute und jedesmal lieblich | Seinem scharfen, durch Eifersucht gestärkten Blicke erröthete, wenn er das Wort an sie richtete, oder sie bat, mit ihm zu musiziren. Oder wenn er mit seiner natürlichen Liebenswürdigkeit der Mutter dienstfertig seinen starken Arm bot — weil diese des kranken

X, TriMtfiitefi* ittth I nach der Quelle der Verarmung zu suchen, der hat I Besuche der Erbprinzen und des Prinzen Karl von

™ wuv u I die Erfahrung gemacht, daß unter 10 Verarmungs- Hohenzollern ein.

Die Frage, welchen Einfluß übermäßiges Bräunt- I fällen neun von dem Branntweine und dem un- * Prinz Radziwill, der frühere Reichstagsabge­weintrinken auf den Umfang der öffentlichen Hilfs- I mäßigen Branntweingenuste herzuleiten sind." In dem ordnete und Bicar von Ostrowo, der jetzt unter dem bedürstigkeit übt, ist vor einiger Zeit durch die Stattstik I rheinischen Städtchen Haan haben in den achtziger I Namen P. Benedikt der Beuroner Benedittinerkongre- näher erörtert und beleuchtet worden. Durch die Unter- I Jahren mehrere mit den Ortsverhältnissen genau ver- gation angehört, ist vor Kurzem in Berlin gewesen, um suchungen des stattstischen Bureaus zu Kopenhagen I traute Bürger auf Grund der Gemeinderechnungen einen Spezialarzt zu Rathe zu ziehen. Wie nach dem wurde nämlich festgestellt, daß Dänemark auf den Kopf I den Antheil übermäßigen Branntweintrinkens an den ,Berl. Lokalanzeiger' verlautet, ist P. Benedikt vom der Bevölkerung jährlich 18 Liter Branntwein ver- I städttschen Armenausgaben im Einzelnen ausgerechnet. Kaiser in spezieller Audienz empfangen und mft braucht, Schweden und die deutsche Branntwein - Ge- Das Resultat im Ganzen waren 40 pCt. oder zwei großer Auszeichnung behandelt worden. Der Kaiser meinschast (Norddeutschland) je 10 Liter. Die Wirth- I Fünftel der gejammten Last. stellte seinen Besuch in der Abtei Maria Laach

schastliche Noth, welche aus Trunksucht hervorgeht, hat Besonders in einzelnen ländlichen Gegenden kann in Aussicht. P. Benedikt, der vor einiger Zeit zum der dänische Statistiker nicht anders zu fassen gewußt, man das Branntweinelend in entsetzlicher Weise vor Prior des portugiesischen Benedikttnerklosters Camjaes

als insofern sie die geschlossenen Armenanstalten des sich sehen. Da • ist z. B im Otte N. ein armer Tag- I ernannt worden ist, wird sich binnen Kurzem dotthiu

Landes bevölkert. Da aber zeigte sich diese Ursache löhner. Ehemals bearbeitete er ein hübsches Ackergut begeben. Der Kaiser trug ihm Grüße an den König

stark betheiligt. Von 8032 Anstalts-Insassen waren mit drei Pferden. Der Branntwein hat ihn ruinirt. und die Königin von Portugal auf.

2477 entweder selbst Trunkenbolde oder in Folge der In einem anderen Orte wohnt die Wittwe H. Sie I * Die Rede, welche Fürst Bismarck kürzlich beim Trunksucht ihrer Ernährer aufgenommen. Fast zwei hat ihren eigenen Worten gemäß nach dem Tode ihres Empfange der Leipziger hielt, wird jetzt im Wortlaute Fünftel aller Männer (38 pCt.), mehr als ein Fünftel I Mannes den ganzen großen Bauernhof „nach und nach I bekannt. Er kam bei dem Anlässe auch auf 1866 zu aller Weiber (22 pCt.) waren trunkfällig und ein in der Schürze" ins Wirthshaus getragen. In einer sprechen und sagte, die Selbständigkeit Sachsens sei im Drittel der Kinder (35 pCt.) hatten sich für ihren sehr fruchtbaren Gegend des oldenbnrgischen Landes I Jahre 1866 recht bedroht gewesen. Ihre Rettung sei Aufenthalt im Armerchaufe bei der Leidenschaft ihrer wurden von neun Bauernhöfen acht verkauft in Folge wesentlich das persönliche Verdienst der Gesinnung des Eltern für den Schnaps zu bedanken. des Branntweintttnkens ihrer Besitzer. In einem Orte I Königs Johann und des Pttnzen Albert gewesen.

Nach einer im Königreich Sachsen veranstalteten des Hannoverschen standen aus demselben Grunde alle I Preußen habe die Wahl zwischen Hannover Statistik befanden sich in den dortigen Armenanstalten Bauernhöfe dem Verkaufe nahe. Zu H. bei H. ver- I und Sachsen gehabt. Die Welfen hätten keine 2685 Personen, die dem Trünke „ergeben" oder „ge- trank und verspielte ein Bauer seinen Hof und außer- I schlechte Gesinnung, aber sie seien „nicht zuverlässig" neigt" sind. Die Gewohnheitstrinker oder Trunksuchts- dem noch 20,000 Thaler Geld. In einer oldenburgi- gewesen. „Entscheidend war, daß Hannover mitten in Kandidaten machten drei Zehntel der erwachsenen In- I scheu Landgemeinde von 600 Seelen war in Folge I Preußen liegt. Wir wußten auch, daß wir uns, wenn fassen der Armenhäuser aus. Dirett wegen Trunksucht des Branntweintrinkens die Armuth so groß, daß I die Selbständigkeit Sachsens gewahrt bleibt, auf König eingebracht in die Bezirks-Armenhäuser zu Philadelphia I jährlich an 900 Thaler Armengeld aufgebracht werden I Johann verlassen können. König Johann hat uns ja (Nordamerika) befanden sich zur Zeit jährlich 4—5000 I mußten. I mancherlei1 Schwierigkeiten bereitet, besonders durch

auf öffentliche Kosten unterhaltene Armen, welche durch Jedes tiefere Eindringen in den Zusammenhang I Damen, aber wenn er sich erst einmal entschieden hatte, Trunksucht an den Bettelstab gebracht worden waren, von Trunksucht und Armuth führt zu erschreckenden war er auch durchaus zuverlässig. Bei Ihrem jetzigen Von 1996 Almosen-Empfängern in der Stadt waren Beobachtungen. Mag Noth zuweilen zu schädlichem König," so schloß der Fürst mit warmer Ueberzeugung, 1790 durch denn Branntwein in ihre Noth gerathen. Trünke verleiten, sicherer noch und ungleich häufiger „ist jeder Zweifel hinfällig; er ist mit Leib und Seele In Salem im nordamerikanischen Staate Massachusetts führt Trunksucht in Noth. Die Zahl der Schnaps- deutschnational und von unvergleichlicher Liebens­waren von 3000 in's Armenhaus Aufgenommenen 2900 Armen, das heißt, der durch den unmäßigen Genuß I Würdigkeit." Man kann solche Auslassungen, die ja Branntweintttnker. Als dagegen in demselben Staate I von Branntwein Ruinitten und Verlumpten ist leider I sehr interessant sind, weil sie auf die wahren Be- die Mäßigkeits-Vereine einigeSo^re in Blüthe standen, Legion. Schon allein von diesem Gesichtspunkte aus weggründe der 1866er Politik ein Helles Streiflicht da nahm die Armensteuer um vier Fünftel ab. I ist die Trunksucht als ein Krebsübel der allerschlimmsten | werfen, nur bedauern, indem sie sicher nicht dem inneru

Es ist eine unumstößliche Thatsache, daß die Trunk- Art zu bezeichnen und wer es mit der Menschheit I Frieden bienen.

sucht in unzähligen Fällen die Mutter der Armuth gut meint, der muß zur Ausrottung und Verhütung * Zum Mitlisterresidenteu in Luxemburg an und des Elendes ist, für den Einzelnen sowohl wie I dieser schrecklichen Seuche mit seinen besten Kräften I Stelle des als Gesandter nach Oldenburg gehenden für ganze Familien, daß sie den Wohlstand ganzer mitwirken. I Dr. Alfred v. Bülow soll der Legationsrath Prinz

Gemeinden vernichtet und dem Nationalvermögen ---------------------------------------------— I von Thum und Taxis in Brüssel ausersehen sein,

großen Schaden zufügt. Treffend sagt der frau- DeilN'ckes Pvirb * „Dem Volke soll die Religion erhalten wer:

zösische Nationalökonom Picard: „Ueberall, wo die I ™ m I den" — bis zur Bureaukratie scheint dieses Kaiser-

Unmäßigkeit herrscht, folgt Armuth und Elend bald Berlin, 30. Mai. | wort noch nicht gedrungen zu fein. Einen Beitrag

nach, wie der Schatten dem Körper; an dem Tage, * Der Kaiser hielt am Donnerstag die übliche j dazu liefert folgende Zuschrift aus Groß-Strehlitz an wo die Trunksucht verschwunden sein wird, wird mehr Frühjahrsparade über das Gardekorps mit Aus- I die ,Schles. Volksztg.': „Am 10. April d. I. wurde als die Hälfte des Pauperismus verschwunden sein." nähme der Potsdamer Garnison, deren Parade am | Herr Pater Hruby, nachdem er vom Minister zum Der nationalliberale Abgeordnete Grumbrecht ging I Freitag stattfindet, auf dem Tempelhofer Felde bei I Seelsorger der hiesigen drei Gefängnisse ernannt wor- noch weiter in seinem Urtheile. In der Reichstags- Berlin ab. Später fand im Weißen Saale des kgl. I den, im Auftrage der kirchlichen Behörde im Zucht­sitzung des Norddeutschen Bundes vom 13. April | Schlosses Paradetafel statt, zu der gegen 350 Ein- I Hause kirchlich eingeführt. In den beiden anderen 1869 bemerkte derselbe: „Wer, wie ich, eine ganze ladungen ergangen waren. — Am Mittwoch Abend I Anstalten konnte Pater Hruby noch nicht eingefiihtt Reihe von Jahren dem Armeuwesen einer ziemlich I traf in Potsdam der Graf von Flandern (Bruder I werden, weil der Vorsteher der Gefängnisse von feiner, großen Stadt vorgestanden, und wer verpflichtet ist, des Königs der Belgier) mit seinem Sohne zum I d. h. von der Justizbehörde keine diesbezügliche Mit-

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mit Unterholtnngs-Keilage „Sterne und Kluruen".