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Freitag, den 31. Mai 1895

22. Jahrgang

mit Untrrhaltrmgs-KrUage „Sterne und Kinmen".

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Fuldaer Zeitung

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Deutsches Reich.

Berlin, 29. Mai.

* Heute früh hörte der Kaiser den Vortrag des Chefs des Geheimen Civilkabinets, fuhr um 7 Uhr mit der Bahn bis zur Station Großgörschenstraße und hielt ein Exerzieren und eine Gefechtsübung der zweiten Garde - Infanterie - Brigade gegen markirten Feind auf dem Tempelhofer Felde ab. Nach Be­endigung der Uebung begab sich der Kaiser nach dem hiesigen königlichen Schlosse und empfing daselbst den Staatssekretär des Innern, Dr. von Boetticher, und den Kriegsminister, General der Infanterie Bronsart von Schellendorff, zum Vortrage, Nachmittags um 4 Uhr fuhr der Kaiser nach der Jungfernhaide, um daselbst einem Schießen der Offiziere des Garde- Füsilier-Regiments beizuwohnen. Abends kehrte der Kaiser nach dem Neuen Palais zurück. — Der Kaiser wird der Kaiserin Friedrich am 10. Juni auf Schloß FriedrichjWf einen Besuch abstatten.

* Der Retcyskanzler Fürst Hohenlohe gedenkt, wie bereits kurz gemeldet, am 5. Juni den Nord ostsee- kanal zu besichtigen. Nach der,N. A Z.' soll damit zugleich eine Probefahrt durch den Kanal auf einem größeren transatlantischen Dampfer — der „Palatta" von der Hamburg-Amerika-Linie — Der« bunden werden.

* In der Donnerstagssitzung dieser Woche werden der ,N. A. Z.' zufolge im Plenum des Bnndesraths die Börfenreformvorlage und das Depot­gesetz zur Berathung kommen.

* Gegenüber der ,Kreuzztg/ behauptet die ,Nat. Ztg.', daß für die nächste Zeit nach Pfingsten von einer Einberufung des Kolonialraths nicht die Rede sein könne, da die Ausschüsse noch zu viel Vorarbeiten zu erledigen hätten.

* Der Staatsanwalt soll, wie die ,Nat. Ztg.' vernommen haben will, gegen die zu Anfang der Reichstagssession bei dem Kaiserhoch sitzenge­bliebenen Sozialdemokraten nicht mobil gemacht werden.

* Aus der Geschäftsübersicht des Reichstags er­gibt sich u. a., daß in den 171 Tagen der Session 99 Plenarsitzungen und 277 Kommissionssitzungen statt­gefunden haben. Von den 27 Gesetzentwürfen der Re­gierung sind nur 2 abgelehnt (Umsturzvorlage und Tabakfabrikatsteuergesetz) und 4 (Reichsfinanzreform,

Belohnte Treue.

Novelle von C. Borges.

(3. Fortsetzung.)

Bald darauf betrat Herr Heldrungen das Wohn­zimmer. Er war ein mittelgroßer Herr, mit ehrlichen, blauen Augen und einem stattlichen Vollbart, der ihn älter erscheinen ließ, als er in Wirklichkeit war. Der fast beständige Aufenthalt in der frischen Luft hatte seine Gesichtsfarbe gebräunt, seine Gesundheit gestählt und gekräftigt.

„Welche herrliche Rosen!" rief Frau Bergstein entzückt aus, als sie ein herrliches Bouquet in seiner Hand bemerkte.

„Die sind für Fräulein Thekla, wenn sie diese kleine Gabe gütigst annehmen will," erwiderte der Guts­nachbar, und näherte sich mit sichtlicher Verlegenheit der jungen Dame. Es wollte ihm nicht gelingen, seine Schüchternheit zu überwinden, ganz besonders in Thekla's Gegenwart fühlte er sich befangen; doch jetzt faßte er Muth und reichte die Blumen mit den leisen Worten hin: „Ich versprach Ihnen bei unserer letzten Zusammenkunft die besten Rosen aus meinem Treib­haus, — hier sind sie."

„Wie herrlich!" rief Thekla freudig aus, und warf ihm unter ihren langen, seidenen Wimpern einen dank­

Gewerbenovelle, Kommunalbesteuerung des Weins und Juftiznovelle) unerledigt geblieben. Von den 65 Initia­tivanträgen der Mitglieder dagegen sind 40 unerledigt geblieben und 6 abgelehnt Von 59,894 Petitionen betrafen 26,060 die Umsturzvorlage, 10,509 das Mi­litärinvalidenwesen, 6057 das Jmpfgesetz 3886 die Tabaksteuer, 5988 den Verkehr rc. mit Margarine, 859 die Abänderung der Gewerbeordnung (Hausirhandel rc.), 760 die Genossenschaften, Konsumvereine rc., 613 die kommunale Besteuerung des Weins, 406 den Zoll auf Ouebrachoholz rc., 385 die Zuckersteuer, 305 den Ein- und Verkauf ausländischen Getreides durch das Reich, 68 den Handelsvertrag mit Argentinien, 92 Binnen­schifffahrt und Flößerei, 319 die Währung, 316 Brannt­weinsteuer. Die meisten Petitionen sind durch die Be­schlüsse des Reichstags erledigt worden. Die Petitionen, betreffend das Jmpfgesetz, die Margarine, die kommu­nale Besteuerung des Weins und die Genossenschaften, sind auch in der Kommission nicht zur Erledigung ge­langt.

* Der Centrums - Abgeordnete Dr. Pichler hat in der Kanitz - Kommission eine große Thätigkeit entfaltet und eine hervorragende Rolle gespielt. Die 'Voss. Ztg.' sagt über ihn, nachdem sie hervorgehoben hat, daß er zweimal als Gegner des Antrages Kanitz im Wahlkampfe gesiegt hat: „Es ist ein Mann von ungewöhnlicher dialektischer Begabung und parlamen­tarischer Gewandtheit, dem ohne Zweifel für die Zu­kunft noch eine bedeutende Rolle beschieden ist." Im Plenum ist Herr Dr. Pichler bisher wenig hervorge­treten. Wer aber die parlamentarischen Verhältnisse kennt, weiß, daß man auch ohnedem im Parlamente Bedeutendes leisten kann. Ein Wink für Wähler, die etwa an ihrem Abgeordneten blos deshalb nörgeln sollten, weil er nie im Plenum eine Rede hält.

* Die .Korresp. des D. Bimetallistenbundes' meldet, die Berufung einer Müuzkoufereuz nach Berlin könne als gesichert angesehen werden. Dagegen hört die,Post', daß von irgend welchen Schritten/ eine der­artige Konferenz nach Berlin zu berufen, nichts be­kannt sei. Eine Einigung über eine solche Konferenz sei vielmehr zwischen den Derb. Regierungen noch nicht erzielt.

* Der deutsche Verein gegen den Mißbrauch geistiger Getränke hat sich mit einer Eingabe an den Reichstag gewendet, in welcher er bat, dem Entwürfe eines Trunkfnchtsgesetzes, wenn er Don der Reichsregierung Dorgelegt werden sollte, die Zustimmung zu ertheilen und, falls sich die Vorlegung Derzögern sollte, den Wunsch nach baldiger Verabschiedung des Gesetzes zum Ausdruck zu bringen. Bei Besprechung der Eingabe im Ausschuß gab der Geheime Regierungsrath Gruner folgende Erklärung ob: „Aus dem Umstande, daß bis­her der 1892 oorgetegte, damals ober nicht zur Be­rathung gekommene Entwurf nicht wieder in Vorlage gebracht worden ist, darf nicht geschloffen werden, daß die Derbündeten Regierungen ihn endgiltig auf- gegeben haben. Sie haben nicht darauf Derzichtet,

baren Blick zu, unter dem er wie ein Knabe erröthete. „Ich hatte das Versprechen längst Dergessen! wie gut, daß Sie sich dessen erinnerten."

Herr Heldrungen schlug Derwirrt den Blick zu Boden, ihre Gleichgiltigkeit oerletzte ihn. Seit langen, langen Monaten keimte und sproßte die Liebe zu des Künstlers schöner Tochter in seinem Herzen, ohne daß er den Muth fand, ihre diese Gefühle zu entdecken.

Thekla hingegen ahnte nicht die unausgesprochenen Gedanken ihres schüchternen Verehrers; sie arrangirte die prächtigen Rosen in eine prächtige Base, Held- rungen an.stchrer Seite bemühte sich, ihr die einzelnen Blumen darzureichen, dankbar für jeden Blick, der ihn bei dieser Beschäftigung traf.

Da trat Jenny unbemerkt in das Gemach. Eine leichte Röthe färbte ihre bleichen Wangen, um die feinen, dünnen Lippen zuckte es schmerzlich, als sie die Beiden betrachtete. Doch ein glückliches Lächeln erhellte ihren melancholischen Blick, als sie jetzt Heldinngens Gruß erwiderte. Es lag in seiner Natur, freundlich gegen Jeden, besonders gegen Damen zu sein, aber außer dieser ihm eigenen Zuvorkommenheit hatte er weiter keinen Blick für Thekla's Schwester.

In seinen Augen war sie nur ein bleiches schwäch­liches Mädchen, welches er für tiefere Gefühle unfähig hielt. Doch Jenny's scharfes Auge hatte schon feit

auf ihn zu gelegener Zeit zurückzukommen. Jedenfalls wäre es aber im Hinblick auf die anderweiten umfang­reichen und dringlichen Aufgaben des Reichstages nicht räthlich gewesen, jenen Entwurf in der gegenwärtigen Tagung wieder Dorzulegen."

* Die Betriebs - Ergebnisse der prentz. Staats- Eisenbahnen haben, wie im Vorjahre, so auch im ersten Monat des neuen Etats-Jahres eine erfreuliche Steigerung erfahren, so daß nicht nur der Eisen­bahnminister Thielen, sondern auch Finanzminister Miquel seine Freude daran haben kann. Im Monat April haben nämlich bei einer Erweiterung des Staats­bahnnetzes um 434,06 Kilometer die Betriebs-Einnah­men aus dem Personen- u. Gepäckverkehr 23,089,000 Mk., gegen das Vorjahr mehr 3,677,013 Mk. oder 131 Mk. pro Kilometer, aus dem Güterverkehr 49,438,000 Mk., gegen das Vorjahr 739,922 Mk. weniger oder 60 Mk. pro Kilometer ergeben. Die Einnahme aus beiden Quellen betrug demnach 72,527,000 Mark oder 2,937,101 Mk. mehr als im April 1894. Dazu kommen aus sonstigen Quellen 4,537,000 Mk. oder 104,950 Mk. mehr als im Vorjahre. Die gesammte Betriebs - Einnahme im April ergab 77,064,000 Mk. (2924 Mk. pro Kilom.) ober mehr gegen das Vorjahr 3,042,051 Mk.

* Aschaffenburg, 29. Mai. Nach dem berichtigten Gesammt-Wahlresultat erhielt Gerstenberger (Centr.) 10,512 Stimmen, Deckelmann (D. Vlksp.) 3500, Opificius (Soz.-D.) 1576 und Schulz (n. - l.) 1123 Stimmen. Gerstenberger ist also mit einer Mehrheit von übet 4000 Stimmen gewählt. Das Centrum hat hiernach gegen die letzte Wahl ca. 2000 Stimmen durch Heranziehung seiner Reserven ge- wonnen.

Ausland.

* Wien, 29. Mai. Im österreichischen Abge­ordnetenhause brachte gestern der Abg. Tuczek einen dringlichen Antrag, betreffend die Wahlreform, ein und verlangte sofortige Verhandlung über denselben. In namentlicher Abstimmung wurde der Antrag auf sofortige Verhandlung mit 128 gegen 69 Stimmen abgelehnt; der Antrag gelangte infolge dessen erst am Schluß der Sitzung zur Verhandlung. Der Abg. Geß- ntann beantragte, über die Tags zuvor auf die Inter­pellation, betreffend die Predigten des Pfarrers Deckert, abgegebene Antwort des Ministerpräsidenten die Debatte zu eröffnen. Der Antrag wurde in namentlicher Ab­stimmung mit 144 gegen 51 Stimmen verworfen. Am Schluffe der Sitzung begründete Tuczek seinen dring­lichen Antrag. Nachdem der Obmann des Wahlreform­ausschusses, Baron Widmann, erklärt hatte, der Be­richt könne bis heute überreicht werden und werde bann sofort gedruckt an ben Ausschuß vertheilt unb veröffent­licht werben, würbe bie Dringlichkeit mit 141 gegen 65 Stimmen abgelehnt. — Am 1. Oktober werben bie Stanbesämter in ganz Ungarn in Wirksamkeit treten.

längerer Zeit mit tiefem Schmerz beobachtet, baß ber junge Gutsherr nur Blicke unb Worte für ihre schöne Schwester hatte, bie gänzlich unempfindlich für diese Aufmerksamkeiten war; dieses Geheimniß verbarg sie neidlos in ihrem Herzen. Doch schmerzte es sie, daß Herr Heldrungen so wenig seine Liebe erwidert fand.

♦ * *

Der so sehr gefürchtete Freitag war allzu schnell gekommen. Der Wagen stand bereit, um den lästigen Gast abzuholen.

Herr Bergstein saß in seinem Atelier und wollte sich durchaus.nicht stören lassen. Seine Gattin hatte sich unglücklicher Weise am Tage zuvor den Fuß ver­staucht, und mußte ihn, nach strenger Anordnung des Arztes, mehrere Tage schonen. Hans war nach der Universität abgereist. Mademoiselle, wie gewöhnlich in der Küche beschäftigt, hatte befohlen, daß Thekla und Jenny zum Empfang nach der Station fahren sollten.

Thekla gehorchte nur widerstrebend. Sie gab während ber Fahrt ihren Unwillen über biefe An­ordnung so deutlich zu verstehen, daß die sanfte Jenny wirklich Mühe hatte, die erregte Schwester zu be­ruhigen.