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Donnerstag, den 30. Mai 1895

22. Jahrgana

ulimcrMZeitlliig

mit Unterhaltrrngs Beilage „Sterne und Klnmen".

Lrscheint täglich. Sonn- und Feiertage ausgenommen. — Vierteljährlicher Abonnementsprei» ohne Bringerlohn und Bestellgeld in Fulda und auswärts 1 Warf 50 Pfennig Inserate kosten bte einspaltige Garmondzeile oder deren Raum 15 Pf., Reklamen die Petitzeile 25 Pf., bei Wiederholungen entsprechender Rabatt.

Die italienischen Wahlen.

Am Sonntag — in Neuitalien wird bekanntlich jede Gelegenheit benutzt, um von Amtswegen den Sonntag zu entheiligen — ist in Italien eine neue Kammer gewählt worden. Warum mußte denn eigent­lich gewählt werden? Etwa, weil Ehren-Crispi, der allgewaltige Ministerpräsident, keine Mehrheit mehr in der bisherigen Kammer besaß? Keineswegs, die Regierungspartei hatte die Mehrheit. Der Grund war vielmehr der, daß die Opposition durch ihren schonungslosen Feldzug gegen die ehrenwerthe Person Signor Crispi's und besonders durch die Enthüllungen über Crispis finanzielle Beziehungen zu den berüchtigten Banca-Romana-Gaunern dem armen Herrn Crispi das Leben doch gar zu sauer machte, sodaß sich schließlich der vielgeschmähte Mann veranlaßt sah, an das Volk zu appelliren, eine neue Kammer wählen zu lassen. An das „Volk"? Je nun, allgemein ist das Wahl­recht in Italien just nicht, war es allerdings nach der Wahlreform von 1882 einigermaßen. Als jetzt neugewählt werden sollte, hat aber Herr Crispi als vorsichtiger Mann genau zugesehen, ob nicht mit diesem Wahlrecht „Mißbrauch" getrieben worden sei. Und siehe da! Es zeigte sich, daß fast die Hälfte aller Wähler bisher zu Unrecht das politische Wahlrecht ausgeübt hatte Natürlich hatten so brave Leute, wie die Anhänger des Herrn Crispi, sich solchen „Miß­brauchs" nicht schuldig gemacht, das konnten vielmehr nur solche schlechten Menschen, wie die Gegner des „italienischen Bismarck" thun. Daß besonders die Arbeiterklasse von der Verringerung der Wählerzahl oder — wie Herr Crispi sagt — der „Reinigung der Wählerlisten" betroffen wurde, beweist also nicht etwa, daß Herr Crispi Angst vor sozialistischen Wahlergeb­nissen hatte, sondern nur, daß die italienische Arbeiter­klasse auf einem betrübenden sittlichen Tiefstand steht. . .

Wie sehr die Wählerlisten der Reinigung bedurften, beweist die Thatsacke, daß in einer Gemeinde die Wählerzahl von 4000 auf 400 zusammengeschrumpft ist. So erzählt nicht etwa ein Gegner Crispi's, um dessen „Reinigungs"-Pläne zu verdächtigen, sondern ein Mitglied der seitherigen crispinischen Kämmerfraktion in der Berliner .National-Zeitung', deren römischer Korrespondent er ist. Das „Volk", das am Sonntag zu sprechen hatte, erfährt aber noch einige andere Abzüge. Davon brauchen wir nur einen zu erwähnen, weil dieser am schwersten, ja entscheidend ins Gewicht fällt: das sind die gläubigen Katholiken, die nach der Weisung des hl. Vaters an den Wahlen nicht theil- nehmen, damit es nicht den Anschein habe, als er­kannten sie die Rechtsmäßigkeit des jungitalienischen Staatswesens an. „Weder Wähler noch Gewählte!" ist der Grundsatz der gläubigen Katholiken in Italien, und so kommt es, daß es in der italienischen Kammer keine katholische Fraktion gibt, während in den Gemeinderäthen die Katholiken häufig die Mehrheit

innehaben. Diese Enthaltsamkeit der Katholiken hat auch jetzt wieder zur Folge gehabt, daß die Wahlbe­theiligung noch nicht 50 Prozent der Wählerzahl selbst nach den „gereinigten" Wählerlisten betrug.

Nach alledem läßt sich denken und wurde auch vor­her von keinem Menschen bezweifelt, daß aus den Kammerwahlen wieder eine starke Crispi'sche Mehrheit hervorgehen würde. Von den 508 Abgeordneten sind weit über 300 „ministerielle". Um dieses Ergebniß richtig zu würdigen, muß man aber noch zweierlei be­denken: erstens kennt Italien solche geschlossenen Par­teien, wie wir sie besitzen, nicht. Sie nennen sich dort zwar auch nach allgemeinen Grundsätzen, z. B. „Radi­kale", „Konservative" u. s. w., aber bei den Wahlen sind zunächst lokale Interessen entscheidend, und diese machen sich dann auch in der Kammer so sehr geltend, daß der Parteiunterschied oft genug völlig verwischt wirh. Diese lokalen Interessen sind es aber zweitens auch, die der jeweiligen Regierung bei Wahlen einen so gewaltigen Vorsprung vor der Opposiüon geben. Wenn z. B. irgend eine Landstadt eine Bahn­verbindung dringend nöthig hat, so wird sie dieselbe doch nie erhalten, wenn ihre Bevölkerung überwiegend oppositionell wählt. Da sich nun der größte Theil der Bevölkerung aus den großen politischen Prinzipien herzlich wenig macht und vor allen Dingen auf „reelle" Vortheile ausgeht, so haben Kandidaten, die sich als oppositionell bezeichnen, in den meisten Ortschaften von vornherein keine Aussicht, gewählt zu werden. Die Folge davon ist, daß sich viele Kandidaten, gleichviel was sonst ihre politische Ueberzeugung war, bei den Wahlen verpflichten, der Regierungspartei beizutreten. Und so kommt es ferner, daß in vielen Wahlkreisen das für unsere Verhältnisse seltsame Schauspiel zu sehen ist, daß sich drei oder vier Kandidaten bekämpfen, die sich alle als „ministeriell", als regierungsfreundlich bezeichnen. Darin liegt ein starker Beweis dafür, wie tief schon die politische Korruption in Jungitalien sich eingefressen hat, die Korruption, um die sich Ehren- Crispi ja so hervorragende Verdienste erworben hat. Doch die Strafe bleibt nicht aus. Es ist Herrn Crispi früher schon einmal passirt, daß die große Mehrheit von „ministeriellen" Abgeordneten, die aus den allge­meinen Wahlen hervorging, ihm unter der Hand in eine Minderheit zerrann; es waren eben zu viel Talmi-Ministerielle darunter, die bei der Wahl nur das regierungsfreundliche Mäntelchen umgehängt hatten, um nur von den auf Staatshilfe erpichten Wählern in die Kammer entsandt zu werden. Es könnte Herrn Crispi leicht ein zweites Mal so gehen, obwohl er sich möglichst vorgesehen und dafür gesorgt hat, daß möglichst nur solche ministerielle Kandidaten aufgestellt hat, die schon seither seiner Kammerfraktion angehörten. Auf die Dauer kann aber jedenfalls Italien dem Ver- hängniß nicht entgehen, das die politische Korruption naturnothwendig heraufbeschwört. Herr Crispi sieht das selbst ein und besinnt sich darauf, daß es doch

Belohnte Treue.

Novelle von C. Borges.

(2. Fortsetzung.)

Die jungen Mädchen sahen einander betroffen an; sie liebten die Eltern zu sehr, um wissentlich deren Sorgen zu vermehren.

„Laß mich eine Stelle als Gouvernante annehmen, Mutter," bat Jenny, „dann würde hier der Haushalt kleiner und ich könnte Euch von meinem Gehalt unter­stützen. "

„Nein, mein Kind, wir können Dich gar nicht im Hause entbehren", wehrte die Mutter fteundlich ab. „Du gibst uns ja schon alles, was Du Dir sauer durch Privatunterricht verdienst, und Dein Gehalt als Handarbeitslehrerin hier an der Dorfschule können wir auch nicht vermissen."

„Wirst Du jemals das Geld zurückerstatten können, wenn es Dir gelingt, jetzt ein Darlehen zu erhalten?" fragte Thekla gespannt.

„In drei Jahren wird uns Tante Gertrud's Erbe zufallen", lautete die Antwort.

„Das hatte ich vergessen", rief das junge Mädchen erleichtert aufathmend. „Hätte die Tante ein ver- minstiges Testament gemacht, so brauchten wir nicht unsere Zuflucht zu diesem verzweifelten Schritt zu nehmen."

Tante Gertrud, eine merkwürdige alte Dame, hatte bei ihrem Tode vor zwei Jahren ihr ganzes bedeutendes Vermögen der Familie Bergstein vermacht, jedoch mit der Bestimmung, daß Kapital und Zinsen erst fünf Jahre nach ihrem Tode angegriffen werden sollen.

„Mache Dir keine Sorge, Thekla", tröstete die Mutter, „wenn es uns gelingt, das Geld zu erhalten, und anstatt der Zinsen Kost und Logis zu geben, so sind wir vor der Hand von jeglicher Noth befteit. Vielleicht ist auch ein Gast in unserem Hause weniger unangenehm, als wie Du Dir denkst. Selbstredend würde nur ein Herr oder eine Dame von Rang und Bildung in unserem Kreise Aufnahme finden, und die vermehrte Arbeit, die ein Gast nothwendiger Weise mit sich bringt, fällt auf Mademoiselle's Schulter, und die beklagt sich nicht."

„Vermuthlich, weil diese seltsame Idee von ihr herrührt", versetzte das junge Mädchen bitter.

„Weißt Du denn einen anderen Ausweg?" fragte )ie Französin mit überlegenem Lächeln.

Thekla wandte sich unwillig ab; sie empfand ein bitteres Gefühl gegen den unbekannten Gast, der in Zukunft in dem stillen Kreise weilen sollte. Sie haßte >en unglücklichen Plan um so mehr, da sie gar keinen anderen Ausweg zur Erlangung des Zieles wußte.

„Füge doch der Anzeige bei, daß die Familie musikalisch, liebenswürdig und künstlerisch ist", bemerkte

besser ist, sagen zu können: „Mit Gott für's Vater­land!" Aber von frommen Redewendungen bis zur That ist ein weiter Weg, und Herr Crispi ist kaum der Mann, ihn noch zu finden und bis an's Ziel zu verfolgen.

Deutsches Reich.

Berlin, 28. Mai.

* Der Kaiser begab sich heute früh von der Wild­parkstation nach Jüterbog, um dort den Schießversuchen beizuwohnen. Nachmittags gedachte der Kaiser in Wildpark wieder einzutreffen. — Der Kaiser hat seiner Großmutter, der Königin von England, zu ihrem letzten Geburtstage mit einem sehr herzlich gehaltenen Handschreiben sein Bild übersandt, das in Hof­kreisen als sprechend ähnlich gerühmt wird. Es wird neben einem anderen Bilde des Kaisers, das sich bereits im Besitz der Königin befindet, im Saal der Tapisserien auf Schloß Windsor aufgehängt werden. Dieses schon vorhandene Bild stellt ihn als zehn­jährigen Knaben dar. Dort befinden sich übrigens auch zwei werthvolle Porträts von Kaiser Wilhelm I. und Kaiser Friedrich. — Dem Apostolischen Vikar in Aegypten, Erzbischof in partibus Monsignore F. Guido Cor belli in Alexandrien, ist der königliche Kronen­orden 1. Klasse verliehen worden.

* Das Staatsmivisterium hielt am Montag Nach­mittag eine Sitzung ab, um den Gesetzentwurf über die Organisation des Personalkrebits der mittleren Stände zu berathen, der nach der ,Rat.- Ztg/ noch in der nächsten Woche dem Abgeordneten­hause zugehen soll.

* Etwas früh zerbricht sich die ,Voss. Ztg.' den Kopf über das zukünftige Präsidium des Reichs­tages. Wenn der bisherige Präsident Frhr. v. Buol- Berenberg vom Landgerichtsrath zum Landgerichts­direktor befördert wird, so erlischt sein Mandat. Es ist also möglich, daß er bei Beginn der nächsten Session mandatlos ist oder es bald wird, sei es, daß er jetzt sein Mandat niederlegt und eine Neuwahl bis dahin nicht stattgefunden hat, sei es, daß er wartet, bis der Reichstag erklärt, daß er sein Mandat verloren habe. In diesem Falle würde er nicht Präsident werden können oder bald abdanken müssen. Die ,Voss. Ztg/ hat alsdann Herrn Abg. Spahn zum Präsidenten ausersehen. Es ist richtig, daß dieser sich als Präsident bereits sehr gut bewährt hat und des ersten Postens durchaus würdig ist. Wir wollen indeß auf versuchte Kombinationen nicht eingehen, sondern nur bestätigen, daß das Centrum in der nächsten Session auf den ersten Präsidenten bestehen wird, mag nun Frhr. v. Buol, der sich in seiner schwierigen Aw.ts- epoche ausgezeichnet bewährt hat, in der Lage sein, wieder den Posten zu übernehmen, ober mag der bis­herige zweite Vicepräsident dafür präsentirt werden. Vermuthlich werden auch die Konservativen sich bis

sie boshaft. „Es ist doch schade, nur halb zu thun,' ich — an Deiner Stelle — würde das schöne Familien­leben sehr empfehlen."

Der Künstler lächelte, obgleich die Worte seines verwöhnten Lieblings ihn verletzten. Aber ungeachtet mancher Einwendungen wurde die Anzeige abgeschickt, und die Familie wartete ungeduldig auf den Erfolg.

| 2. Kapitel.

Den Kopf in dieHand gestützt,"In"tiefe Gedanken versunken, saß Herr Bergstein in seinem Atelier. Er hörte nicht das Oeffnen der Thüre und die leichten Schritte auf dem Fußboden. Da legte sich eine leichte, zierliche Hand auf seine Schulter.

„Warum so ernst, so gedankenvoll, mein Lieber?" fragte schmeichelnd die Gattin und bemühte sich, eine tiefe Falte von seiner Stirn zu glätten.

Vor ihm, auf einem Seitentischchen, lag zerstreut eine beträchtliche Anzahl Briefe, theils eröffnet und gelesen, theils ungeöffnet und unwillig bei Seite ge­worfen. — Es waren Antworten auf das Inserat, dem Inhalte nach nur wenig verschieden, aber alle den Erwartungen nicht entsprechend.

Der größte Theil waren von spekulattvm Geldver­leihern eingesandte Cirkulare. Andere erboten sich, Geld gegen ungewöhnlich hohe Zinsen aufzutteiben, wieder Andere verlangten genügende Sicherheit, und