Einzelbild herunterladen
 

M 122

ALittwoch, den 29. Mai 1895

22. Jahraana

M a erMZ ei t 11 g

mit Unterhaltungs-Krilage „Sterne und Ktumrn".

Erscheint täglich. Sonn- und Feiertage ausgenommen. — Bierkeljährlicher AbonnementSpreir ohne Bringerlohn und Bestellgeld in Fulda und auswärts 1 Mark 50 Psenma Inserate kosten die einspaltige Garmondzeile oder deren Raum 15 Pf., Reklamen die Petitzeile 25 Pf., bei Wiederholungen entsprechender Rabatt.

Wenn wir im Folgenden der weiland Umsturz- Vorlage eine kleine Grabrede halten wollen, so möchten wir besonders die soziale Bedeutung ihrer Einbringung wie ihrer Ablehnung betrauern. Sozialer Unverstand hat die Vorlage in's Leben gerufen. Es war der alte Unverstand, daß man mit äußeren Machtmitteln den sozialen Umsturz - Ideen und Umsturz - Bestrebungen wirksam beikommen könne, welcher die Vorlage einge­bracht hat. Es sollte ein neues Sozialisten-Gesetz auf dem Boden des gemeinen Rechtes sein; ein Gesetz, welches die offene Agitation eingedämmt, die geheime wieder um so mächtiger gemacht hätte; ein Gesetz, welches die Sozialdemokratie, welche jüngst im eigenen Lager so harte Kämpfe hatte, wieder so recht geeinigt hätte, wie es 1874 der Staatsanwalt Tessendorf und mehr noch das verflossene Sozialisten - Gesetz vom 21. Oktober 1878 bis 1. Oktober 1890 fertig gebracht hatten. Sozialer Unverstand hat aber auch die Vor­lage zum Falle gebracht. Es war dem Centrum ge­lungen, in der Kommission der Vorlage eine Fassung zu geben, welche wenigstens in etwa die Quelle des Uebels traf. Darob aber erschraken alle Heroen der

Mademoiselle stand in der Mltte der Vierziger. Sie war eine lebhafte Französin von angenehmem Aeußeren. Ihr eigentlicher Name war Eugenie Dabois, jedoch die jüngsten Mitglieder wußten ihn kaum, oder hatten ihn schon vergessen, ihnen war sie einfach: Mademoiselle.

Ein langjähriger Aufenthalt in der Familie Berg­stein hatte sie fast zu einem Mitglied derselben gemacht.

Die Interessen der Familie waren ihre eigenen, sie theilte treulich deren vielfache Sorgen und Kümmer­nisse ebenso, wie die wenigen Freuden. Hätte sie Burg­fels verlassen, so würde der wenig geregelte Hausstand zu Grunde gegangen sein.

Mit bewundernswürdiger Geschicklichkeit füllte Made­moiselle die Stellung einer Gouvernante, Köchin, Kranken­pflegerin, Gesellschafterin oder sogar des Hausmädchens aus, je nachdem ihre Dienste erforderlich waren. Sie war im Hause unentbehrlich; hing mit zärtlicher Liebe an den unter ihren Augen ausgewachsenen Kindern, die sie wie eine zweite Mutter liebte. Jedoch ihr heftiges Temperament, das hin und wieder sich Bahn brach, war der Grund, daß sie von den Kindern mehr ge­fürchtet als geliebt wurde, sogar Hans, ihr Liebling,

Br. Am Grabe der Umsturz-Vorlaae. I ”or dieser Frage zuEckgewichen und

' o •“ I doch wird sich wie beim Volksichul-Gesetzemwurfe und bei der Umsturz - Vorlage bei allen Fragen unseres öffentlichen Lebens, insbesondere bei der Alles beherr­schenden sozialen Frage, immer wieder die eine große und entscheidende Frage in den Vordergrund drängen: Atheismus oder Christenthum?

lichen Platz ^zwischen Jenny und^Magda ein, und der | vermied sie, wenn sie aufgeregt war. — Der ganze Haushalt ruhte auf ihren Schultern, denn auch Frau Bergstein saß vor ihrer Staffelei im Atelier ihres Gatten, und ihre kleinen, künstlerisch ausgeführten Bilder

langen hegen, zu einer gründlichen Prüfung zugezogen zu werden. Einstweilen ist nun sowohl durch den In­halt des Börsen-Gesetzentwurfs, als durch die Verzöge­rung der Einbringung desselben die Börse zufrieden gestellt, wie die letzten Börsen-Berichte melden. Es gibt also doch noch zufriedene Leute im deutschen Reiche. Alle offiziösen Entschuldigungs-Versuche aber können die Thatsache nicht umstoßen, daß in weitesten Kreisen des deutschen Volkes das Hinausschieden der Börsen- Reform um so auffälliger erscheint, als andere Gesetz- Entwürfe von nicht geringerer wirthschaftlicher Bedeu­tung, z. B. Militär-Vorlagen und Steuer-Gesetze, auch bei sorgsamer Prüfung viel weniger Zeit gebrauchen, um an den Reichstag zu gelangen.

* Mit der Frage, ob die landschaftlichen Pfand­briefe in Zukunft von der Reichsbank zu dem gleichen Satze wie die Staatsanleihen bestehen werden sollen, hat sich kürzlich eine von der Regierung einberufene Versammlung beschäftigt, an der Direktoren der Land­schaften, ferner Finanzministcr Miquel, der Reichs­schatzsekretär Graf Posadowsky und der Landwirth- schaftsminister v. Hammerstein-Loxten theilnahmen. Die Frage fand in dieser Versammlung ihre prinzipielle Erledigung, und es soll, um das in der Oeffentlichkeit alsbald zu bofumentiren, wie der ,Frks. Ztg/ gemeldet wird, demnächst im preußischen Herrenhause an die Regierung eine Anfrage hierüber gerichtet werden, welche diese in zustimmendem Sinne beantworten wird.

* Für die Zeit vom 1. April 1895 bis zum Schluß des Monats April 1895 sind im Deutschen Reich von Einnahmen (einschl. der kredistrten Beträge) an Zöllen und gemeinschaftlichen Verbrauchssteuer« sowie von anderen Einnahmen zur Ausschreibung gelangt: Zölle 335,464,78 M. (gegen denselben Zeitraum des Vor­

scharfe Blick Jenny's sah ihre Furcht bestätigt, neue Sorgen mußten über das Haupt der geliebten Eltern schweben, und Mademoiselle wußte davon.

wurden häufig besser bezahlt, als die größeren Gemälde des Künstlers.

Nach kaum beendigter Mahlzeit verließ Magdalena eilig das Speisezimmer. Sie mußte allein sein, um in ihrem Tagebuche das freudige Ereigniß der Annahme ihrer ersten Gedichte zu verzeichnen. Auch Thekla und Jenny erhoben sich, doch kaum näherten sie sich der Thür, als der Vater sie zurückrief.

„Ich will Euch lieber gleich sagen, was wir, Eure Mutter und ich, zu thun beschlossen haben, Kinder," begann der Vater, nervös mit seiner Serviette spielend. „Die einfache Thatsache ist, daß wir in großer Geld­verlegenheit sind. Unsere Besitzung ist so sehr mit Schulden belastet, daß wir sie verkaufen müssen, wenn wir nicht in kürzester Frist ein Darlehen von dreißig­tausend Mark erhalten."

Verkaufen! — Das Haus, worin sie geboren, und das ihnen lieb und theuer war! Dieser schmerzliche Gedanke fand ein vielfaches Echo in den Herzen der Kinder. Sie waren an Armuth gewöhnt, doch nur insofern, als dieses Schreckgespenst sich ihnen j in dürftiger Kleidung, einsamem Leben und Mangelßan

Belohnte Treue.

Novelle von C. Borges.

(1. Fortsetzung.)

Herr Bergstein war, wie seine Familie fest über­zeugt war, ein tüchtiger Künstler, aber sein Talent war bis jetzt noch wenig anerkannt. Zahlreiche Ge­mälde, größtentheils geschichtliche Darstellungen, zu denen aber leider keine Käufer gefunden werden konnten, zierten die Wände seines Ateliers.

Ab und zu kam wohl ein reicher Engländer oder Amerikaner durch das ftiedliche Dörfchen Burgfels und zahlte hohe Preise für ein Gemälde, aber das war eine Seltenheit; inzwischen sah sich der Künstler ge- nöthigt, für einen Kaufherrn kleinere Landschaften, Stillleben ober Skizzen zu liefern, um bie Existenz seiner Familie zu erringen. — So hatte vor wenigen Wochen ein reicher Engländer für ein herrliches Ge­mälde, „Napoleon auf dem Felsen von St. Helena" darstellend, eine bedeutende Summe gezahlt, bie aber ber Vater ben ungeduldigsten Gläubigern sofort aus­händigen mußte, ohne auch nur einen geringen Theil für sich behalten zu dürfen.

Jetzt trat auch Mademoiselle mit einer dampfenden Schüssel voll Eier, die sie dem jungen Nimrod vor­setzte, in das Speisezimmer. Sie nahm ihren gewöhn-

Deutsches Reich.

Berlin, 27. Mai.

* Der Kaiser und die Kaiserin wohnten gestern in der Potsdamer Pfingstkapelle dem Gottesdienste bei. Heute srüh nahm der Kaiser im Neuen Palais die üblichen Vorträge entgegen.

* Der Kaiser hat, wie verschiedene Blätter melden, Anordnungen ertheilt, daß bei den diesjährigen Manöver« die denkbar möglichste Rücksicht auf ben Gesunbheitszustanb der Truppen info- ferne genommen werde, als mit peinlichster Sorgfalt darauf gesehen werden soll, daß die Biwakplätze ge­sundheitliche Schädigungen der Truppen nicht im Ge­folge haben. Außerdem sollen Feldlazarethe errichtet, und es soll daraus gesehen werden, daß die Eisenbahn möglichst in der Nähe ist, um Kranke rasch in gute Pflege schaffen zu können. Man wird diese Sorgfalt gewiß gerne anerkennen und wünschen, daß alle Offi­ziere sich dieses kaiserliche Vorbild zum Muster nehmen möchten.

modernen Bildung von den Vertretern der atheistischen Wissenschaft auf den akademischen Lehrstühlen herab bis zu den Vertretern der graphischen Gewerbe in Frank­furt a. M. Die Einen fürchteten, daß sie auch nicht einmal mehr in vertraulicher Unterhaltung ihrem atheistischen Herzen Luft machen könnten, und die An­deren, daß sie ihre unschuldigen Bildchen nicht mehr anfertigen dürsten. Dennoch wäre etwas zu Stande gekommen, wenn nicht die Thümmelei, die Schimpf- Freiheit, mit angetastet worden wäre. Das war zu viel verlangt für die Römlinge. Darum legte sich schließlich der Evangelische Bund wie immer in's Mittel, und selbst sonst ganz verständige Männer verloren die Fassung. Die Konservativen bröckelten bis auf einige wenige wieder ah. Die Vertreter der graphischen Ge­werbe hatten gesiegt!

Wir aber fragen am Grabe dieses vielgeschundenen Leichnams: Wie lange wird man sich noch der Er- kenntniß verschließen, daß man die Quellen des Uebels verstopfen muß? Wenn die Sozialdemokratie eine geistige Epidemie ist, dann wird man zu ihrer Ueber- windung auch dementsprechende Mittel anwenden müssen. Oder will man es auf ein neues Sozialisten-Gesetz an­kommen lassen? Es wäre das fast ebenso aussichtslos, wie einen neuen Kulturkampf zu beginnen. Will man aus der Sackgasse herauskommen, so mache man Ernst mit der entschiedenen Durchführung der christlichen Staatsidee und einer wirksamen Sozialreform. Freilich hat man in den maßgebenden Kreisen dazu nicht nur nicht den Muth, sondern auch nicht einmal den Willen.

Zum zweiten Male ist man vor der vom Grafen Caprivi gestellten entscheidendenFrage gestanden: Atheis­mus ober Christenthum? Zum zweiten Male ist man

* Der Börse« - Gesetzentwurf ist bem Reichstage nicht unterbreitet worben, obschon er in der Thronrede angefiinbigt war. Die halbamtliche ,Berl. Korresp/ sucht diese Verzögerung zu rechtfertigen bezw. zu ent­schuldigen, indem sie auf die Reihe von Stadien ver- , , , xa.a... , ____

weist, welche der Entwurf bis zu seiner Fertigstellung I jahr's + 6,169,927 M.), Tabaksteuer" 564'723^M. zu durchlaufen hatte. Thatsächlich ist danach der jetzt I (— 63,709 Mark), Zuckersteuer 6,165,576 Mark festgestellte Entwurf am 3. Dezember 1894 an das (+ 1,162,994 Mark), Salzsteuer 2,960,683 Mark preußische Staatsministerium gelangt, und erst I (-(-97,019 Mark), Maischbottich- und Branntwein­drei Monate später wurde von diesem „nach ein- | materialsteuer 720,605 M. (— 203,788 M.), Ver­gehendem Votenwechsel" am 4. März 1895 Beschluß I brauchsabqabe von Branntwein und Zuschlag zu der- gesaßt. Am 11. März 1895 wurde die Allerhöchste selben 9,669,177 M. (— 245,714 M ), Brausteuer Genehmigung zur Einbringung derVorlage imBundes- 2,529,665 M. (— 129,487 M.), Uebergangsabgabe rath erbeten, und diese Embringung erfolgte nach Er- von Bier 290,131 M (+ 32,030 M); Summa theilung der Genehmigung am 26. März 1895. Inner- 56,445,042 M. (+ 6,818.972 M.) Stempelsteuer halb des Bundesrathes ist die Einholung der In- für a. Werthpapiere 1,453,371 M. (+ 645,673 M.), struktionen und die Berathung der Ausschüsse, welche b. Kauf- u. sonstige Anschaffungsgeschäfte 1,721,039 M. letzteren der Vorlage ein bedeutendes Maß von Arbeit (-!- 960,324 M.), c. Loose zu: Privatlotterien zugewendet haben, mit möglichster Beschleunigung vor 204,742 Mark (-j- 60,473 Mark), Staatslotterien sich gegangen, so daß nunmehr die Beschlußfassung des 761,040 M. (+ 582,040 M.), Spielkartenstempel Bundesrathes unmittelbar bevorsteht. „Es ergibt sich 96,502 Mark (+ 5502 Mark), Wechselstempelsteuer hieraus — so meint nun die,Berl. Korrck — daß für 715,340 M. (+ 10,573 M ), Post- und Telegraphen- die Förderung der Vorlage in allen (?) Stadien das Verwaltung 25,239,807 Mark (+ 1,607,516 Mark), Mögliche (?) geschehen ist und daß die Annahme, es Reichseisenbahnverwaltung 5,422,000 M. (-s- 378,000 sei innerhalb der führenden Ressorts der Reichsver- M.).' Die zur Reichskasse gelangte Ist-Einnahme ab- waltung jeweilig eine Stockung eingetreten, aus Irr- züglich der Ausfuhrvergütungen und Verwaltungskosten thum beruht. Fragen von so hoher wirthschaftlicher I beträgt bei den nachbezeichneten Einnahmen bis Ende Bedeutung berühren die Interessen zahlreicher Geschäfts- April 1895: Zölle 30,202,253 M. (+ 5,193,694 M ), und Verwaltungs-Zweige, welche das berechtigte Ver- Tabaksteuer 643,496 M. (— 113,066 M ), Zucker-