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Donnerstag, den 23. Mai 1895

22. Jahrgang

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mit Unter!,altimgsKeitage „Sterne nnd Slnmen". ______

täofirh Sonn« und Feiertage arsgenommen. - Vierteljährlicher Abonnementspreis ohne Bringerlohn und Bestellgeld in Fulda und auswärts 1 Mark 50 Pfennig. ei^C,nt TTatTLE bw’riKtS ««rmonbjeMe oder dnen Raum 15 Pf., Reklamen die Petitzeile 25 Pf., bei Wiederholungen entsprechender Rabatt.

Des Festes Christi Himmelfahrt wegen erscheint die nächste Nummer am Freitag.

Deutsches Reich.

Berlin, 21. Mai.

* Der Kaiser, der nach dem Himmelfahrtstage Pröckelwitz zu verlassen und nach dem Neuen Palais zurückzukehren gedenkt, erlegte auf der gestrigen Pürsche zwei Rehböcke. — Die Kaiserin nebst Kindern und Gefolge wird längeren Sommeraufenthalt' in Wyk auf der Insel Föhr nehmen. Das Ober-Hofmarschallamt miethete dort, der ,Post' zufolge, vier Villen für die kaiserliche Familie.

* Heute hielt der Augustinusverein zur Pflege der kath. Presse in Berlin eine gut besuchte außer­ordentliche Generalversammlung ab. Die Versamm­lung ergab eine volle Verständigung über die Ver­handlung der schwebenden politischen Fragen. , Ein weiteres erfreuliches Ergebniß ist die Bildung einer neuen ostdeutschen Gruppe des Vereins.

* Der Fall Kotze scheint seiner definitiven Er­ledigung nahe zu sein. Dem Hofe nahestehende Per­sonen sprachen in den letzten Tagen wiederholt bei demselben vor, so u. A. Herzog Günther von Schles­wig-Holstein und Graf Hohenau. Im Anschluß hieran fei erwähnt, daß die Beilegung weiterer Differenzen nunmehr in eine bestimmte Hand gegeben zu sein scheint. Nach den einem hiesigen Lokalblatt zugehenden Nach­richten hat der Chef deS Großen Generalstabes, Graf Schlieffen, jetzt die Rolle des Vermittlers über­nommen, damit eine gerichtliche Erörterung schließlich doch noch vermieden werde.

* Wie man in kolonialen Kreisen erzählt, haben Kompetenzstreitigkeiten unter den Beamten unserer Kolonien in Dar-es-Salam kürzlich zu einem Duell zwischen dem Oberrichter Eschke und dem Landrath von Bennigsen geführt. Der Gouverneur hatte dem Landrath von Bennigsen den Auftrag ertheilt, die die dem Oberrichter unterstellten Bezirksgerichte zu besuchen und einer amtlichen Jnspizirung zu unterwerfen. Oberrichter Eschke erblickte darin einen Eingriff in die ihm selbst zustehenden Befugnisse und eine persönliche Beleidigung, für die er Genugthuung forderte. Es kam zum Zweikampf, in dem Landrath von Bennigsen leicht verwundet wurde, während sein Gegner wiversehrt blieb. Oberrichter Esche wird sich in den nächsten Tagen nach Deutschland einschiffen, um die ihm zuerkannte Festungsstrafe abzusitzen. Unsere „schwarzen Landsleute" in Afrika werden sich sonderbare Begriffe von der europäischen „Kultur" gebildet haben, als sie zwei hohe Beamte zum Schießeisen greifen sahen.

* An die Kaisermanöver in diesem Jahre soll sich den Münch. Neuest. Nachr.' zufolge ein großer Eisenbahn-Massentrausport anschließen. Die sämmt- lichen Fußtruppen sollen in Massen durch die Eisen­bahn in ihre Garnisonen befördert werden. Bei der Beförderung dieser großen Truppenmassen auf den

In den nächsten Tagen werden wir mit dem Abdruck der interessanten und spannend geschriebenen Novelle______

MK Belohnte Treue

aus der Feder der rühmlichst bekannten Schriftstellerin Clarisse Borges beginnen.

Das zerstörte Kreuz.

Der alte Schmied war ein schweigsamer Mann, obwohl er „was erzählen konnte", denn er war weit berumgekommen im heiligen römischen Reich, in der Schweiz und Frankreich als fahrender Schmiedegeselle, i.üunal jedoch brachte ich ihn zum Reden, ohne daß ich es gerade beabsichtigt hatte. Wie gewöhnlich stand er da eines Abends vor seiner Schmiede und schmauchte sein Pfeifchen, als ich beim Vorübergehen einige Worte zu ihm sprach, auf die ich gar keine Antwort wollte. Ich lobte zwei neue Wagenräder, Erzeugnisse seiner Kunst, und kam dann, ich weiß nicht wie, auf die Güte des Eisens zu sprechen. Früher, m.’inte ich, sei das Eisen viel widerstandsfähiger gewesen gegen äußere Einflüsse wie jetzt; man braucht nur die Klammer und Riegel an alten Gebäuden zu betrachten und auch Sturmstangen (Eisenstangen, die an Kreuzen angebracht sind, um sie vor Umsturz zu bewahren) an alten Kreuzen, um davon überzeugt zu werden.

Eisenbahnen wird die volle Ausnutzung dieser letzteren gefordert werden. Auf voller Kriegsstärke bedarf ein Armeekorps 97 Eisenbahnzüge, eine Infanterie-Division mit Kavallerie-Regiment ohne Kolonnen oder Trains 24 Züge, eine Kavallerie-Division etwa ebenso viel.

* Der Seniorenkonvenk des Reichstages hat in Kenntniß der Absichten der Regierung sich dafür aus­gesprochen, daß die Session spätestens am nächsten Freitag geschlossen wird. Nur Zucker- und Branntweinsteuernovelle, der Nachtragsetat und das Gesetz über die Bestrafung des Sklavenraubs und Sklavenhandels werden noch erledigt, alles Andere fällt unter den Tisch.

* Das Abgeordnetenhaus will nach neuerer Ver­einbarung seine Pfingstferien bereits am Samstag, 25. Mai, beginnen und am 10. Juni beschließen.

* Die Konservativen — so wird in der ,Konserv. Korresp.' parteiamtlich bekannt gemacht — denken nicht daran, zur Beseitigung des Reichstagswahl­rechts Schritte zu thun. Es wird also nicht erklärt, daß die Konservativen nicht geneigt seien, solche Schritte, wenn sie von anderer (etwa freikonservativer) Seite ausgehen, zu unterstützen. Vorsicht bleibt also immer noch geboten!

* Die Reichstags-Kommission für kommu­nale Besteuerung des Weines konnte heute wegen Beschlußunfähigkeit nicht tagen, was um so mehr zu bedauern ist, da die Abweisung sicher erfolgt und schriftlicher Bericht darüber erstattet worden wäre, was für den Fall der Wiedereinbringung zum Nutzen hätte sein können. Der Schluß des Reichstages, welcher täglich zu erwarten ist, macht weitere Sitzungen der Kommission unnöthig, ja unmöglich.

* Cleve, 20. Mai. Der hiesige ,Volksfreund' ver­öffentlicht folgende Erklärung:

Wir unterzeichnete katholifcheGeistliche des Kreises Cleve sehen zu unserem tiefen Bedauern, daß die gegenwärtige Nothlage der Landwirthschaft dazu benutzt wird, unsere Centrumspresse in schärfster Weise anzugreifen, als ob sie die landwirthschaftlichen Interessen nicht genügend vertrete und den Bestrebungen zur Abhilfe hindernd im Wege stände. Gehen diese Angriffe auch zunächst nur gegen die Centrumspresse, so treffen sie im Grunde das Centrum selbst. Das Centrum hat zu seiner Erhaltung die Presse so notwendig, wie der Baum seine Blätter. Wir sehen uns deshalb, zumal weil unser Kreis durch diese Kämpfe in besondere Mitleidenschaft gezogen ist, zu folgender Erklärung veranlaßt: 1) Diese Angriffe sind unbe­gründet. Centrum nnd Centrumspresse haben die ausgleichmde Gerechtigkeit nach allen Seiten, ohne Bevorzugung oder Zurück­setzung irgend eines Standes, als ihr Programm ausgestellt und dasselbe stets nach Kräften zu verwirklichen gesucht. 2) Diese Angriffe sind gefährlich. Sie tragen den Keim der Unzufrieden­heit selbst in die Kreise, welche bisher mit Math und Kraft und zum Theil auch mit Erfolg sich der drückenden Lage zu erwehren gesucht haben; sie bringen Zwietracht in die ruhmreiche und wirkungsvolle Einheit des katholischen Volkes und erschüttern den festen Bau des Centrums; sie sind um so gefährlicher, als sie von Solchen ausgehen — wir haben hier besonders die .Rhein. Volksstimme' im Auge — welche sich Vertreter des Centrums nennen. Wir bitten deshalb unsere katholischen Mitbürger in Stadt und Land, unbeirrt durch alle Angriffe, treu an unserer bewährten Centrumspresse festzuhalten. Das Centrum, von den Feinden nicht besiegt, darf von den Freunden niemals verlassen werden. Cleve, im Mai 1895. (Folgen die Unterschriften von

Nicht wenig erstaunt war ich, als der Schmied eine Antwort gab, und zwar eine seltsame:

„Ja, das alte Eisen war besser; aber man darf kein Hufeisen von solchen Sturmstangen machen lassen, sonst gehen die Pferde zu Grunde, welche damit be- schlagen werden."

„Was sollte das heißen?" fragte ich neugierig.

„Das will ich Euch erzählen", sagte er, „aber kommt herein in die Schmiede."

Ich folgte ihm in die durch das Herdfeuer matt erleuchtete Werkstätte und nahm auf dem Amboß Platz; er mir gegenüber auf der Werkbank.

„Ihr kanntet doch", so begann er, „den Weißgang­müller drunten?"

„Ja", sagte ich, „er war ja noch am Leben, als ich in diese Gegend kam; ich hörte viel von seinem Unglück erzählen."

„Hörtet Ihr auch, woher das Unglück kam?"

„Nun", meinte ich, Gott läßt Trübsal kommen über den Gerechten und Ungerechten, da kann man ja nicht urtheilen."

„Nicht urtheilen?" fiel da der Schmied etwas barsch ein, „ich sage Euch, das Unglück des vorher so stolzen Weißgangmüllers hat mit einer Sturmstange seinen Anfang genommen, das weiß ich. Zu allem Ueberfluß hat mir's der Martin drüben noch genauer

56 Geistlichen des Kreises Cleve, die Namen der beiden Herren Dechanten an der Spitze.)

Dieses mannhafte Eintreten der hochw. Geistlichkeit für die hart angegriffene rheinischeCentrumspreffe muß jeden Katholiken und Centrumsmann mit Freude und Genugthuung erfüllen.

Ausland.

* Pest, 21. Mai. Laut offiziösen Meldungen beabsichtigt die ungarische Regierung, die beiden von dem Magnatenhause abgeänderten kirchenpolitischen Vorlagen unverändert aufrechtzuerhalten. Es sei nunmehr zweifellos, daß auch die Majorität des Magnatenhauses dieselbe in ihrer ursprünglichen Fassung annehmen werde. Die Vorlagen, welche voraussicht­lich von dem Abgeordnetenhause wieder angenommen würden, würden an das Magnatenhaus zurückgelangen, welches sich jedoch wegen der im Juni stattfindenden Delegationssitzungen voraussichtlich erst im Herbst mit den Vorlagen beschäftigen wird.

* Paris, 21. Mai. Der Ministerrath be­schloß, einen Kredit zu verlangen, um aus Anlaß der seit dem Kriege von 1870 verflossenen 25 Jahre den für das Vaterland gefallenen Soldaten in Paris ein Denkmal zu errichten.

* Paris, 21. Mai. In der gestrigen Sitzung der Deputirtenkammer interpellirte Radier (radikal) über die „klerikale Propaganda" in der Armee und griff besonders den kommandirenden General des V. Armee­korps an, der seine Mannschaften veranlaßt habe, reli­giösen Zeremonien beizuwohnen. Der Kriegsminister, General Zur lind en, erwiderte, die von dem Redner angeführten Thatsachen seien übertrieben. Die Soldaten des V. Armeekorps hätten zwar an religiösen Feier­lichkeiten (es handelte sich um ein feierliches Hochamt. D. Red.) theilgenommen, die Feierlichkeiten hätten aber (!) zu Ehren der Jungfrau von Orleans stattgefunden. Der Kriegsminister lobte am Schluffe seiner Rede den Patriotismus der Armee. Der Ministerpräsident Rib ol erklärte, die Regierung wolle nicht die Freiheit und das Gewissen antasten; die Vorgesetzten müßten allen Soldaten die Erfüllung ihrer religiösen Pflichten er­leichtern, dürften aber keinen Zwang auf dieselben aus­üben; die Soldaten dürften sich keiner Genossenschaft anschließen. Die Regierung werde keine Propaganda in der Armee dulden. Hierauf schlug die Rechte eine einfache Tagesordnung vor, welche der Ministerpräsident ab leb,nie und die mit 510 gegen 63 Stimmen ver­worfen wurde. Der Ministerpräsident billigte alsdann eine Tagesordnung, worin von den Zusicherungen der Regierung Akt genommen und auf deren Festigkeit ge­rechnet wird, daß sie in der Armee die Freiheit des Gewiffens und die religiöse Neutralität sichern werde. Diese Tagesordnung wurde mit 335 gegen 218 Stimmen genehmigt und sodann die Sitzung geschlossen.

* Tokio, 20. Mai. Die japanischen Zeitungen sind voller Lob über die eingeborenen katholischen Soldaten und über deren bewundernswerthe Tapfer­

erzählt. Die Sache ist nichts anders, ich lasse mir's nicht nehmen. So hört! Der Weißgangmüller war früher ein wohlhabender Mann gewesen. Alles, was er anfing, ging von Statten. Das Vertrauen und das Ansehen, das er in der ganzen Umgegend genoß, war groß. Da lag eines Morgens das große Kreuz, das früher unten im Mühlweg stand, in Trümmern. Der Weißgangmüller ließ sich angelegen sein, bei den Leuten den Wind dafür verantwortlich zu machen — ein deutliches Zeichen für feine Schuld, denn es war in jenen Tagen nichts von Wind zu merken. Ich weiß übrigens von dem Martin drüben, der damals bei ihm in Diensten stand, daß der Müller das Kreuz hat umwerfen laffen durch den Michael Bender, den lahmen Bettler, der voriges Jahr plötzlich gestorben ist. Von dem werde ich Euch nachher erzählen.

Einige Tage nach dieser Affaire kam nun der Müller da an meiner Schmiede vorbeigefahren und lud die Sturmftange ab; ich sollte sechs Hufeisen und eine Ochsenkette davon machen. Dabei wollte er mir auch den Bären vom Wind aufbinden. Als ich ihm aber mit nicht mißzuverstehendem Gesichtsausdruck bemerkte, es habe ja gar kein Wind geweht, da wurde er roth bis an die Haarwurzeln und ließ die Peitsche gar un­sanft auf die Pferde niedersausen, um von meinem Hause schnell hinwegzukommen.