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Veilsge juv Milftaeo Zeitung.

M 115

Sonntag, den 19. Mai 1895.

22. Jahrgang

Die kyiihlmg des TodteuMers.

Roman von fg. v. Remagen.

(77. Fortsetzung.)

In trübe Gedanken versunken, schritt sie, unachtsam des Weges, auf's Gerathewohl dahin; nach langem Einherwandern bemerkte sie endlich, daß sie sich mehr als gewöhnlich von ihrer Wohnung entfernt hatte, als gerade der Hufschlag zweier Pferde an ihr Ohr drang.

„Boto kehrt zurück," sagte sie mit einem Seufzer, und erhob sich, um den Reitern entgegen zu gehen.

„Bis hierher bist Du gekommen? Welch tüchtige Fußgängerin Du bist!" rief Boto, das Pferd parirend, aus.

„Sie werden müde fein, Kind," setzte Bosak hinzu.

„Ein wenig," erwiderte Theodora und ließ sich unwillkürlich wieder auf ihren Sitz fallen.

„Komm in den Sattel, lieber Engel, hier vor mich. Ich halte Dich mit meinen Armen, komm!" bat Boto, und streckte, sich tief hinabneigend, ihr die Hand ent­gegen. Sein bleiches Gesicht und seine großen blauen Augen belebten sich.

Es schien, als wenn seine schwache Gestalt plötzlich ungeahnte Kraft erhalten hätte, um Theodora mit einer Hand vom Boden zu heben.

„Du scherzest oder willst die Leute auf unsere Kosten zum Lachen bringen," entgegnete Theodora zu­rückweichend.

„Die Sonne geht unter, der Abend kommt, und niemand wird uns begegnen; und wenn auch, was liegt daran? Zudem schau, wie kühl die Lust ist, es ist wirklich kalt; komm, in einem Nu sind wir zu Hause!"

„Sie bieten ihr sicher keinen bequemen Sitz an," warf Bosak kopfschüttelnd ein.

„Komm, Theodora," Hub Boto, ohne auf die Be­merkung des Grafen zu achten, wieder an; „komm, widersprich mir nicht immer!"

Theodora erschrack. Sie mochte nicht einwilligen und wagte auch nicht zu widerstehen; zitternd ver­harrte sie im stummen Schweigen.

„Das ist Eigensinn," rief Boto aufgebracht.

„Ich habe Angst ... ich könnte fallen," stammelte die Aermste.

„Fallen, wenn meine Arme Dich umschlingen? das wäre unmöglich. Frisch, so komm doch! Geben Sie ihr die Hand, Herr Graf, ich bitte Sie darum."

Bosak stieg ab und hob nicht ohne Anstrengung die zitternde junge Frau in den Sattel. Indem er dann Boto empfahl, sie vorsichtig mit den Armen fest­zuhalten, stteg er wieder auf und folgte dem jungen Paare in einiger Entfernung.

Der Abend brach herein und Theodora, an die Brust ihres Gatten gelehnt, erzitterte jedesmal, wenn das Pferd nur den Kopf schüttelte. Wiederholt schrie sie vor Angst laut auf; da indeß kein Unfall passirte, schöpfte sie allmählich Muth und wagte es sogar nach einer Weile, das Köpfchen zu erheben und eine rothe Wolke zu betrachten, welche über dem Schlosse im Westen zu schweben schien.

„Schau, Boto," sagte sie, „welch' schöne Licht­erscheinung über dem Dache unseres Hauses!"

„Verwünschtes Haus!" brummte der Angeredete zwischen den Zähnen und setzte in dem Gedanken an das, was ihm den ganzen Tag durch den Kopf ge­gangen war, laut hinzu: „Höre, liebe Theodora, und widersetze Dich nicht meinem Wunsche; anstatt in diese düstern Mauern zurückzukehren, laß uns zur Stadt gehen; in einem beliebigen Hotel werden wir passendes Unterkommen finden."

„Ach, nein, nein!" schrie die junge Frau ängstlich.

Boto fuhr in erregtem Tone fort: „Du wirst mit mir kommen; und sehe ich auch da noch die schrecklichen Augen wieder, diese Augen, die mich umbringen — dann mache ich ihnen zugleich mit dem Leben ein Ende. Liebst Du mich, Theodora? ... Ha, wenn Du mich liebst, wird der Tod an meiner Seite Dir Wonne sein."

„Ich liebe Dich, Boto; es ist meine Pflicht, Dich zu lieben. Doch warum denkst Du an den Tod? Wir werden zusammen sterben, wenn Gottes Finger unsere Stunde bezeichnen wird. Ach, lieber Boto, sei doch vernünftig, Dein Vorhaben ist wahnsinnig."

„Gib Dir keine unnöthige Mühe, Du gehst mit mir, ich will es," sagte Boto, die Augenbrauen zu­sammenziehend, gleich als wenn er seine Verstandes­kräfte mit Gewalt auf einen einzigen Gedanken konzen- triren wollte.

„Nein, nein, Boto, lieber Boto!" wiederholte das geängstigte Weib.

„Dein Eigensinn reizt mich. Wohlan denn, einen Gruß noch an unser Haus, ein Lebewohl an den letzten Widerschein der Sonne. Wer weiß, ob wir morgen Aurora's Rosenfinger schauen werden."

Auf's höchste erschreckt durch solche Worte, wehrte

Theodora sich gegen die sie umschlingenden Arme ihres Gatten und öffnete den Mund, um den Grafen von Barges zu rufen. Allein Boto verschloß hastig ihre Lippen, gab wüthend dem Pferde die Sporen und raste in sausendem Galopp davon.

„Gerechter Gott, stehe mir bei!" schrie die Aermste, kaum noch des Athmens mächtig, während Boto ihren Ruf durch einen entsetzlichen gotteslästerlichen Fluch beantwortete.

Boto's Pferd stürmte dahin und der Graf von Barges, nicht wissend, was das bedeute, galoppirte hinterdrein.

Schon hatten sie das Landgut überholt und mit dem Winde um die Wette ging es weiter. Das Pferd stürmte dahin, bis jetzt noch regiert von kundiger Hand; allein auf einmal bäumte es sich wüthend in die Höhe, biß schäumend, den Nacken gekrümmt und das Maul unter den Bug gelegt, in die Zügel, und jetzt war sein zügelloses diabolisches Dahinjagen keinem Befehle seines Reiters mehr gehorsam. Theodora hatte das Bewußt­sein verloren, Boto aber, der eigenen Gefahr bewußt, zerrte vergeblich an den Zügeln und verfluchte Himmel und Erde.

Schon tauchten zu beiden Seiten der Straße die Häuser der Vorstadt auf; das Pferd raste weiter! Frauen und Kinder schrien ängstlich; das Pferd ließ sich nicht aufhalten, es stürmte weiter, bis plötzlich ihm ein Karren den Weg versperrte. Das erschien Botos Augen wie ein Rettungsstrahl; eitle Hoffnung! Das wüthende Roß bog nach links ab, verließ die Vorstadt und stürmte auf einem engen, gewundenen Nebenwege unaufhaltsam weiter, daß die Funken sprühten.

Plötzlich stutzte es. einen Augenblick: eine weiße Mauer versperrte ihm den Weg. Allein das gereizte Thier ließ sich dadurch nicht zum Gehorsam zurück­bringen! eine kleine Bresche in der Mauer benutzend, machte es einen Satz hinüber und — befand sich mitten zwischen Gräbern und Kreuzen, unter denen es einher­sprang, bis es an einem Marmordenkmal strauchelte und fiel.

Ein kläglicher Schrei durchzitterte die Lust, dann war alles still im Reiche der Tobten. Nach einigen Minuten erklang der Hufschlag eines Pferdes und das wiederholte Klingeln der Kirchhofsglocke. Es war Bosak.

Von dem Tone gerufen, erschien ein Mann mit einer Laterne in der Hand, überschritt den Kirchhof und wandte sich dem Gitterthore zu.

Wieder ertönte die Klingel mit besonderer Gewalt.

„Langsam, langsam! ich komme", sagte ruhig der Todtengräber. Endlich öffnete er das Gitter: „Was wünschen Sie, mein Herr? Womit kann ich Ihnen dienen?"

„Ein Pferd hat über die Kirchhofsmauer gesetzt. Lassen Sie mich sehen, was aus dem Reiter gewor­den ist!"

„Ein Pferd? Euer Gnaden belieben zu träumen."

„Ich sah es hinter der Mauer verschwinden, an dem Seitenweg von der Vorstadt her; dann hörte ich einen Schrei und seitdem nichts mehr."

„Von dem Seitenwege her, das kann sein; dort wird die Mauer reparirt."

„Ach, um Gotteswillen, lassen Sie mich eintreten", rief Bosak ungeduldig, stieß den Todtengräber ohne viele Umstände bei Seite und betrat den Kirchhof, in­dem er suchend seine Blicke umherschweifen ließ.

„Ohne mich werden Sie nichts finden", bemerkte der Mann mit der Laterne phlegmatisch, „wenn Sie mir daher folgen wollen, führe ich Sie an die Stelle, wo die Mauer reparirt wird."

Bosak achtete nicht im mindesten auf das weitere Geplauder des redseligen Todtengräbers, sondern folgte schweigend und beklommen seinem Führer; eiskalter Schweiß benetzte seine Stirne.

„Schauen Sie, mein Herr, Ihr Pferd weidet ruhig auf jenem Grabe", sagte der Wächter, auf das Thier zeigend, welches das Geräusch der nahenden Schritte hörend, die Ohren spitzte und sich wieder zur Flucht wandte. Bei diesem Anblick stieß Bosak einen Schrei aus und ging zitternd vorwärts.

„Kommen Sie hierher, mein Herr. Dort bemerke ich etwas Weißes . . . Wehe! es ist ein auf dem Boden ausgestrecktes Weib!"

Außer sich, überwälttgt von unermeßlichem Schmerze, stürzte der Graf von Varges hinzu und kniete vor Botos armer Gemahlin.

„Verzweifeln Sie nicht, mein Herr", Hub der Todtengräber mitleidig an. „Sehen Sie, sie athmet noch, sie lebt! Vier Blutegeln an die Schläfe und ich will sie im Ru kuriren ohne Arzt. Bringen wir sie in meine Hütte; ich will für sie thun, was in meinen Kräften steht."

„Ja", antwortete Bosak in Gedanken versunken.

„So laßt uns gehen. Doch schauen Sie, dort neben dem weißen Stein, unter dem eine reiche Tänzerin ruht, die einen verkommenen Studenten geheirathet hat — schauen Sie! schauen Sie!"

„Boto!" rief Bosak und lief, da er es nicht über's Herz brachte, Theodoras Gemahl ohne Hilfe zu lassen, zu ihm. Der Unglückliche lag regungslos, mit geöff­netem Munde, auf dem Rücken. Seltsamer Zufall! Er war auf Sibillas Grabstein gefallen.

„Alle Blutegel auf der Welt können hier nichts mehr helfen; der ist tobt!" sprach der Todtengräber in ernstem Tone.

„Todt . . . tobt!" wieberholte ber Graf v. Varges, seinen Blick abwenbenb, um bett Leichnam nicht zu sehen.

Am zweitfolgenben Tage, währenb Boto Senelk's Leiche in Sibillas Grab gesentt würbe, sehen wir ben Baron von Hauser ungebulbig in seiner Wohnung auf- uitb abgehen, da er, unbekannt mit den von uns berichteten Ereignisfen, täglich und stündlich auf einen zweiten Brief von Bosak wartete. Das erste Mal hatte der Graf von Varges ihm in kurzen Worten die von Boto und Theodora geschlossene Heirath mit- getheilt. Der Gedanke hieran, so herzzerreißend er für ihn war, hatte doch weniger Peinigendes für ihn als der Zweifel und die schreckliche Ungewißheit der Vergangenheit.

„Wie sind sie einer nach dem andern dahinge­schwunden, meine goldenen Träume," sprach Jakob zu sich, „wie grausam sind sie zerstoben! Gibt es ein Glück in dieser Welt, so blüht es nur den Gottlosen, den Egoisten. Arme Theodora, du wirst keinen Friebea haben an der Seite dessen, der Sibilla in den Tod zog. Und doch müßte dir, o höchstes Wesen, die Tugend lieb sein."

Durch einen eintretenden Diener wurde Bosak gemeldet.

„Ich komme, Sie um eine Gefälligkeit zu bitten. Ich ersuche Sie nämlich, mir für einige Tage Ihr Haus abzutreten."

„Von ganzem Herzen, wenn ich mir nur das kleine Zimmer, das auf den Garten geht, vorbehalten kann."

„Unmöglich. Die gesellschaftlichen Rücksichten müssen beobachtet werden; es handelt sich nämlich um zwei Damen, von denen die eine sehr jung ist."

„Wenn das ist, so will ich Ihnen zu Gefallen so­fort ausziehen, allein sprechen Sie mir zuvor von der, deren Namen ich nicht mehr zu nennen wage."

„Später. Jetzt muß ich für meine Damen sorgen. Ich mag dieselben nicht in einen Gasthof bringen, und sie erwarten mich im Wagen vor der Thür. Wenn Sie mich mit mir hinabbemühen wollten, könnten die­selben aussteigen."

„So gehen wir denn," entgegnete er, ein wenig ärgerlich über das Benehmen des Grafen von Varges; als sie unten an der Thür angekommen waren, trat er bei Seite, da er nicht die geringste Neugier ver­spürte, zwei Damen zu sehen, welche ihn so ohne alle Komplimente aus dem Hause trieben.

„Steigen Sie aus, liebes Kind; steigen Sie aus, mein gutes Fräulein," bat Bosak, an den Wagenschlag tretenb.

Als Jakob von Hauser in ben Insassen des Wa­gens Fräulein Waiser und Theodora erkannte, stieß er einen Freudenschrei aus und mußte sich an dem Thürpfosten festhalten, um nicht umzusinken vor lieber» raschung.

„Baron," sagte der Graf von Varges in feierlichem Tone, „die Vorsehung schläft nicht, sie wartet: Boto ist tobt mtb Theodora kehrt zu Ihnen zurück."

(Schluß folgt.)

Literarisches.

* Grüße aus Nazareth. Jllustrirte Monatsschrift für alle Verehrer der heil. Familie, insbesondere sür die Mitglieder des „Allgemeinen Vereins christlicher Familien". Herausgegeben von P. Gr. von Linden 0. C. Dritter Jahr­gang 1895. Jährlich 12 Hefte von mindestens 32 Seiten Text mit zahlreichen Illustrationen zum Preise von nur 1 Mk. 20 Pfg. sür den ganzen Jahrgang. Verlag von F. X. Le Roux und Co. in Straßburg i. E. , _

Das einzige richtige Bild unseres Herlandes wird in dem vorliegenden fünften Heft dieser Monatsschrift mit einer aussührlichen Beschreibung und urkundlichen Be­stätigung seiner Echtheit den Lesern vorgeführt. Bon anderen hervorragenden Beiträgen dieses Heftes nennen wir noch den der „Maien-Königin" gewidmeten und mit einer hübschen Abbildung versehenen Artikel und den mit einem schönen Bilde des bekannten Malers Heinrich Hofmann geschmückten Aufsatz „Christi Himmelfahrt". Eine Reihe weiterer belehrender und unterhaltender Beiträge, schöner Bilder und hübscher Gedichte beschließen den Inhalt dieses prächtig ausgestatteten Heftes. — Wir können das Abonnement auf diese Monatsschrift allen Katholiken dringend empfehlen.