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Samstag, den 18. Mai 1895

22. Jahrgang

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mit Unterhaltung» Keilage „Sterne und Klnmen".

Erscheint täglich, Sonn- und Feiertage ausgenommen. — Vierteljährlicher Abonnementspreis ohne Bringerlohn und Bestellgeld in Fulda und auswärts 1 Warf 50 Pfennig Inserate kosten die einspaltige Garmondzeile oder deren Raum 15 Pf., Reklamen die Petitzeile 25 Pf., bei Wiederholungen entsprechender Rabatt.

Die Nothlage der Landwirthschaft und der „Bund der Landwirthe".

Berlin, 16. Mai.

Heute sollten im Reichstag die Zucker st euer- gesetze berathen werden, nämlich das von den ver­bündeten Regierungen vorgelegte Nothsteuergesetz und der Antrag Dr. Paasche und Genossen. Da diese Ge­setzentwürfe den ersten wichtigen Schritt zur Hebung der Nothlage der Landwirthschaft bilden, und von deren Zustandekommen weitere wichtige Entschließungen der Regierungen abhängen, hatte man ein volles Haus und lebhafte Erörterungen erwartet. Die Bänke des Cen- trumS und der Linken waren gleich zu Beginn der Sitzung gut besetzt, dagegen war die rechte Seite des Hauses auffallend leer.

Als in die Berathung des Zuckersteuergesetzes, resp. der Erhöhung der Ausfuhrvergütung eingetreten werden sollte, bezweifelte ein sozialdemokratischer Abgeordneter die Beschlußfähigkeit des Hauses. Die alsbald vor­genommene Auszählung ergab die Beschlußunsähigkeit und deshalb mußte gemäß der Geschäftsordnung die Sitzung aufgehoben werden. Die Erwartung der Land­wirthschaft, endlich über die so wichtige Frage der Zuckerausfuhrvergütung Gewißheit zu erhalten und ein brauchbares Gesetz zu Stande gebracht zu sehen, war wieder einmal getäuscht worden; durch wessen Schuld? Von 95 Konservativen u. Freikons. fehlten 70 Mann „ 15 Antisemiten „ 11 „

„ 4 Bauernbündlern „ alle 4 „

„ 19 Polen „ 17 „

also von diesen 133 Abgeordneten, welche die Kern­truppe des „Bundes der Landwirthe" bilden, fehlten 102 Mann und nur 31 waren zugegen. Wo blieben diese anderen Retter der Landwirthschaft? —

Man kann aus diesem Gebühren ersehen, wie wenig ernst es Vielen damit ist, der Landwirthschaft wirklich zu helfen; wenn es dagegen gilt, sich Branntwein- Prämien und andere Vortheile zu verschaffen, fehlt fo leicht Keiner. Geben einzelne Führer des Bundes doch jetzt schon zu, daß es ihnen mit dem Anträge Kanitz gar nicht ernst sei, daß sie diesen lediglich als Agitationsmittel betrachten, um für ihre Zwecke Erfolge durchzusetzen.

„Bund der Bauernfänger" hat ein angesehenerLand- wirth des Kreises Fulda in der Wahlbewegung des Jahres 1893 diese Leute genannt; die Erfahrung hat ihm Recht gegeben.

]-[ „Die galoppirende Schwindsucht

hat sich der Mittelparteien bemächtigt." So ur- theilt mit Recht ein konservatives Blatt. Schwindsüchtig sind die Mittelparteien ja eigentlich schon lange, und es wäre längst mit ihnen zu Ende, wenn nicht einer­seits die Regierung durch die Angstwahlen von 1887 und 1893, wo es sich jedesmal um Militär­sorderungen handelte, den absterbenden Mittelparteien

Bit WHImg des WieuMm.

Roman von H. v. Remagen.

(76. Fortsetzung.)

An dem Morgen, da die Bäuerin das Glück der Reichen beneidet hatte, kehrten Boto und Theodora von ihrer Spazierfahrt zurück; nachdem sie ausge- stiegen, ergriff die junge Frau den Arm des Grafen und folgte ihrem. Gemahl in den Garten.

Sibilla's Wittwer fchritt langsam, in die Lektüre einer Zeitung vertieft, dahin; mit einem Male blieb er stehen und rief, das Blatt zusammenfaltend, aus: „Bravo, Bravissimo! das war recht!"

„Wovon sprichst Du, Boto?" fragte Theodora vor­tretend.

„Von einem Freunde, der sich gestern beim Ver­lassen des Theaters gelobtet hat."

„Finden Sie das recht?" fragte Bosak in feiner langsamen eintönigen Weise.

„Sicher: wenn eine Last einen drückt, wirft man sie weg; wenn das Leben unerträglich ist, macht man ihm ein Ende!"

„Ausgezeichnet", versetzte Bosak. „Ein Mensch von schwachen Armen und Beinen wirst eine Last, die seine Kräfte übersteigt, fort, während der Starke sie unge­beugt vorwärts bringt. Ein Mensch von schwachem

wieder etwas Kraft eingehaucht hätte, und wenn nicht andererseits die Konservativen immer noch oft genug die — sagen wir einmal: — Gutmüthigkeit be­säßen, bei den Wahlen in zahlreichen Kreisen, wo sie sehr gut mit eigenen Kandidaten durchdringen könnten, sich als Stimmvieh für einen landräthlichen u. s. w. Mittelparteiler herzugeben. Die Reichstagsersatz­wahlen haben aber überall den klaren Beweis ge­liefert , daß trotz aller äußeren Unterstützung die Mittelparteien unaufhaltsam ihrem Untergänge zueilen.

An die Sozialdemokraten haben die Mittelparteiler Pinneberg-Elmshorn verloren, wo an Stelle des freikonservativen Grafen Moltke der Sozialdemokrat v. Elm trat. Ferner siegte der Sozialdemokrat Gerisch in Plauen über einen Mittelparteiler, dem die Kon­servativen, die vorher das Mandat innegehabt hatten, das Feld überlassen hatten. In Eschwege-Schmal- kalden kam 1893 der Freikonservative mit 4280 Stimmen in die Stichwahl, während er 1895 mit 3106 Stimmen nur die dritte Stelle zu erreichen ver­mochte. In Weimar gingen die nationalliberalen Stimmen seit 1893 zurück von 3260 auf 2354, in Lennep-Mettmann von 10230 auf 3945, in Eisenach von 5328 auf 1925. In Rinteln- Hof geismar-Wolfhagen, wo 1893 noch ein Freikonfervativer mit einem Antisemiten in die Stich­wahl kam, trat 1895 an seine Stelle als Bewerber der Mittelparteren ein Nationalliberaler, und dieser brachte es auf ganze 1200 Stimmen! Die Mittel­parteiler waren also in den zwei Jahren bis zur völligen Bedeutungslosigkeit herabgesunken. In Wal­deck haben die Nationalliberalen, deren „Umsturz­vorkämpfer" Dr. Böttcher bisher den Wahlkreis vertrat, bis jetzt noch keinen Kandidaten für die Nachwahl auf­gestellt, nachdem Hr. Böttcher wegen seiner „erschütterten Gesundheit" eine abermalige Kandidatur abgelehnt hat. In Ulm, das früher der Nationalliberale Bantleon vertrat, haben die Nationalliberalen bei der Nachwahl ebenfalls keinen eigenen Kandidaten gehabt. Sie fügten sich einfach der dortigen „Wirthschaftspartei", einer Nachahmung des preußischen „Bundes der Landwirthe", und stimmten für bereit Kanbibaten Eh mann. Mit der „Wirthschaftspartei" zusammen haben sie aber nur 7620 Stimmen aufgebracht, während sie 1893 auf ihren Kandidaten allein 10,383 Stimmen vereinigten und dann in der Stichwahl siegten. Jetzt siegte der Demokrat Hähnle mit 9626 Stimmen, und zwar ohne die Hilfe des Centrums, das sich der Abstimmung enthielt.

Sehr beachtenswerth ist auch die Nachwahl in Köln. 1893 stimmten die eingemeindeten Vororte mit, jetzt — als die Wahl dieses Fehlers wegen kassiri war — nur die Altstadt. Vergleicht man nun die Stimmen­zahl, die 1893 in den alten Stadtbezirken abgegeben wurden, mit der Zahl der am Montag abgegebenen Stimmen, so ergibt sich, daß die Nationalliberalen von 1893 ca. 8500 auf 1895 ca. 3800 heruuterkommen sind. Früher kam wiederholt ein Nationalliberaler

Geiste, der sich unfähig hält, das widrige Schicksal zu ertragen, greift zur Pistole, um sich zu erschießen, oder zum Messer, um sich die Gurgel zu durchschneiden, oder zum Strick, um sich zu erhängen!"

„Selbstmord ist eine schwere Sünde, wenn er nicht aus Wahnsinn geschieht", fügte Theodora hinzu.

„Er ist eine edle Handlung!" sagte Boto begeistert.

„Wenn er nicht eine reine Folge von Irrsinn ist, dann ist er eine äußerst gemeine Handlung," versetzte Bosak und fuhr in ruhigem Tone fort: „Studireu Sie das Leben derer, welche, ohne die Vernunft verloren zu haben, Hand an sich legen, und Sie werden finden, daß es in der Regel die Last einer schändlichen Ver­gangenheit birgt. Wie Viele unter ihnen gibt es, die, um der Schande und der gerechten Bestrafung einer Schuld sich zu entziehen, eine schmachvolle Lebensbahn durch ein schmachvolles Ende beschließen!"

„Auch gegen Menschen mit verdrehtem Gehirn sind Sie so unerbittlich?" fragte Boto mit höhnischem Tone.

„Wo der Mensch nicht mit voller Erkenntniß und freiem Bewußtsein handelt, ist keine Schuld vorhanden. Solche Unglücklichen beweine, bemitleide ich."

„Bitte, verlassen wir dieses Gespräch, mich über­läuft eiskalter Schauder," sagte Theodora.

„Sprechen wir statt dessen von unserer bevorstehen­den Reise", setzte die Erzieherin hinzu.

mit dem Centrumskandidaten in die Stichwahl, jetzt ist an ihre Stelle ein Sozialdemokrat getreten. „In Köln zeigt sich", so schreibt das christlich-soziale (gläubig­protestantische) ,Volk', „im Kleinen, was int Großen sich einst überall abspielen wird: der entscheidende Kampf wird geschlagen zwischen dem entschiedenen Christenthum und dem Atheismus. Alles, was dazwischen steht, Halbglaube, Vernunftschristenthum, Vermittlungsrheologie, kirchliche Mittelpartei und ähn­liches, muß Stellung nehmen, entweder nach rechts oder nach links, sonst wird es zerrieben.

Das ist eine Wahrheit, die auf katholischer Seite schon oft genug hervorgehoben wurde. Der unaufhaltsame Niedergang der Mittelparteien bei den Reichtagsersatz­wahlen ist ein neuer Beweis für diese Thatsache.

Deutsches Reich.

Berlin, 16. Mai.

* Der Kaiser hat der ,Berl. Kvrr/ zufolge be­stimmt, daß für diejenigen Schüler der Öberfeuer- werker-Schule, welche im Verfolg der im September v. I. eingeleiteten Unterfuchung „wegen Ungehorsams gegen einen Befehl in Dienstsachen, durch welcher ein erheblicher Nachtheil verursacht wurde", mit 6 Wochen und einem Tag Gefängniß ober einer geringeren Strafe belegt worben sinb, lediglich ans bieser Bestrafung ein Hinderungsgrunb für die Erneuerung der Kapitulation nicht hergeleitet werden soll. Ferner soll bei sonstiger Geeignetheit den Betreffenden der Eintritt in die Feuer­werks- bezw. Zeng-Laufbahn nicht versagt bleiben.

* Die Gerüchte über den Rücktritt des Staats­sekretärs v. Boetticher werden aufrechterhalten. Von einem Berliner Depeschenbureau, das sich nicht gerade großer Zuverlässigkeit erfreut, wird telegraphisch ge­meldet : „Die Demission des Staatsministers von Boetticher gilt als definitiv zum 1. Juli. Als Nach­folger kommen nur Frhr. v. Marschall und Herr Boediker, Präsident des Versicherungsamts, in Frage. Sobald der Wechsel in der Leitung des Aus­wärtigen Amts vollzogen sei, würde Graf Herbert Bismarck wieder in den diplomatischen Dienst treten und einen Botschafterposten erhalten." Diese letztere Nachricht kennzeichnet die Quelle, aus der die Gerüchte über den von gewisser Seite „bestgehaßten" Staats­sekretär von Bötticher stammen. Demgegenüber darf diesen Gerüchten wohl die Nachricht des ,Hamb. Storr.' ein Ende machen, wonach Minister v. Boetticher ge­sprächsweise erklärt haben soll, daß ihm von den ihm zugeschriebenen Rücktrittsabsichten nichts bekannt sei. — Herr v. Boetticher ist doch gewiß am besten in der Lage, seine eigenen Absichten zu kennen. Oder soll­ten etwa Koulissentteibereien stattfinden?

* Das Deutsche Reich auf eine Stunde aufzulösen, diesen grotesken — milde gesagt — Vor­schlag macht in allem Ernste die ,Schles. Ztg.', das führende Organ der Konservativen und Freikonservativen in der Provinz Schlesien. Sie empfiehlt den Staats-

„Ja, und beschleunigen wir dieselbe," erwiderte Bow, und mit einem Blick auf seine junge Frau fügte er bei: „Wir wollen nach Italien gehen; dort werde ich wieder werden wie früher. Hier, unter diesem trüben Himmel fühle ich mich elend und traurig; dort erwartet uns eine Zukunft voll Glück und Liebe; glaubst Du nicht, liebe Theodora?"

„Ich hoffe es, Boto," sagte diese traurig lächelnd.

„Komm doch zu mir, setz' Dich neben mich; laß' uns von Liebe sprechen; komm, komm!"

Theodora erblaßte, zagend trat sie einen Schritt vor und blieb stehen.

„Nehmen Sie mir's nicht übel", warf die Erzieherin dazwischen, „wenn ich Ihnen Ihr hübsches Weibchen für einen Augenblick entführe. Theodora muß mit mir zu einer armen Kranken gehen."

„Gerade jetzt?" herrschte Boto unwillig.

„Ich werde gleich zurück sein", versetzte Theodora, ergriff den Arm ihrer Lehrerin und entfernte sich eiligst.

„Den Krankenbesuch schützte ich nur vor; habe ich nicht recht gethan, Kind? Seine Miene begann schon wieder sich zu verwirren," bemerfte die Erzieherin, in dem Zimmer ihrer jungen Freundin Platz nehmend.

„Ach, Mutter, ich halte es nicht mehr aus! . . . Hätte ich es gewußt!" rief Theodora, ihrem so lange unterdrückten Schmerze Luft machend.