113 Freitag, den 17. Mai 1«vr> 22. Jayrgang
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mit Unterhaltungs-Beilage „Sterne und Klnmen".
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Deutsches Reich.
Berlin, 15. Mai !
* Der Kaiser brach gestern früh um 4 Uhr zur ' Pürsche von Schloß Wirschkowitz auf und erlegte acht Rehböcke. Gegen 11 Uhr Vormittags kehrte der Kaiser ■ nach dem Schlosse zurück und begab sich Abends noch i einmal auf die Pürsche. — Der Kaiser wird, der ,Post' ' zufolge, gleich von Schlesien aus die Reise nach O st - j Preußen zur Jagd antreten. Er trifft Freitag, j 17. Mai, früh morgens mit dem Sonderzuge aus ! Militsch in Thorn ein, um über Osterode und Mies- ; Walde nach Proekelwitz zu fahren. Wie verlautet, ' wird er in Thorn kurzen Aufenthalt nehmen, um die ; Schießstände des neuen Artillerie-Schießplatzes in ■ Augenschein zu nehmen.
* In der Angelegenheit des Ceremonienmeisters v. Kotze werden aller Wahrscheinlichkeit nach alle schwebenden Ehrenhändel insofern einen friedlichen Ausgang nehmen, als dabei die Pistole oder der Säbel keine Rolle mehr spielen werden. Die Beilegung dieses sensationellen Falles ohne ferneres Blutvergießen soll auf einen nicht mißzuverstenden Wink von höchster Stelle aus erfolgt sein.
* Eine Extraausgabe des Militär-Wochenblatts' bringt eine außerordentlich große Zahl von Veränderungen in den höheren Kommandostelle«. Danach ist nicht weniger als 3 Generallieutenants (Schuch, Spitz, Winning), 7 Generalmajors (Bock v. Wülfingen, v. Häseler, v. Heimburg, v. d. Knesebeck, v. Hantelmann, v. Oppen und Bothe) und einer größeren Anzahl von Obersten und Oberstlieutenants der Abschied - ertheilt.
* Die Ernennung des Admirals Knorr zum kom- ; mandirenden Admiral der Marine ruft die Erinnerung 5 an ein kleines Seegefecht aus dem Kriege von - 1870 wach. Herr Knorr hatte das Kommando über j das Kanonenboot „Meteor" und traf damals im Kriege in der Nähe von Havanna in Westindien mit dem ! französischen Aviso „Bouvet" zusammen. Die Besatzung ' des „Meteor" bestand aus 64 Mann und 3 Geschützen, die des „Bouvet" aus 100 Mann und 9 Geschützen. Das Gefecht begann damit, daß, nachdem einige Schüsse gewechselt waren, das französische Kriegsschiff seinen Gegner stark mit seinem Sporn streifte, so daß die Seitenboote zersplittert und die Geschütze ans ihren Lagen gehoben wurden. Zugleich riß die Fockraa des Bouvet den Großmast des Kanonenbootes durch die Wucht des Zusammenstoßes um. Kapitän Knorr brach trotz dieser Havarie das Gefecht nicht ab, sondern verfolgte den Feind und ließ aus unmittelbarer Nähe aus schnell wieder eingerichtetem 24pfündigem Geschütz einen Granatschuß auf den Bouvet abfeuern, > welcher so gut gezielt war, daß er in den Dampfkessel desselben einschlug. Der Bouvet, hierdurch wehrlos gemacht, nahm nun den Kurs mit vollen Segeln nach dem Hafen von Havanna. Obgleich der Meteor bei dem Zusammenstoß das Steuer-Reep gebrochen hatte
Bit ErWmg des WtenMns.
Roman von H. v. Remagen.
(75 Fortsetzung.)
„Was ist geschehen, was ist mit Theodora?" fragte ängstlich der Graf von Barges, indem er den Unglücklichen vom Boden hob.
„Sibillas Augen! ....£), ach! der Walzer!" So schrie Boto schaudernd und verbarg sich in der Sophaccke.
„Theodora! nur nach ihr frage ich!" preßte Bosak hervor und eilte, da er keine Antwort erhielt, im Fluge zu ihrem Zimmer.
„Oeffnet, öffnet!" schrie unterdessen die verlassene junge Frau und rüttelte an der Thür, welche Boto von Außen verriegelt hatte. „Oeffnet, ich will meinen j Mann sehen, ich will zu ihm!"
„Beruhigen Sie sich, mein Kind, es fehlt Boto nichts", sagte Bosak, indem er die Thür öffnete.
„Es fehlt ihm nichts?" entgegnete Theodora mit weitgeöffneten Augen und kaum ihm Stande, sich aufrecht zu erhalten von innerer Bewegung. „Ich glaube es nicht, ich muß es wissen, was ihm war. Soeben trat er in mein Zimmer, bleich und verwirrt, er sah ganz verstört aus; er eilte auf mich zu und — stieß mich zurück mit einem verzweifelten Schrei und floh!"
und seine Schraube dadurch unklar geworden war, setzte er die Verfolgung des Gegners fort, bis sich ihm eine spanische Korvette in den Weg stellte, die ihn daran erinnerte, daß er auf neutrales Gebiet gelangt sei. (Admiral Knorr ist 55 Jahre alt und gehört sckou seit 1854 der Marine an.)
* Ein ganzesBündel offiziöser Dementis und Richtigstellungen ist zu vermerken. Zunächst wird versichert, daß die preußische Regierung kein neues Vereinsgesetz einbringen werde. Dann werden die Meldungen von einem bevorstehenden Rücktritt ; des Herrn v. Bötticher als erfunden bezeichnet. \ Ferner erklärt die ,N. A. Z.', daß der Bundesrath i sich noch in dieser Woche mit dem Gesetzentwurf j gegen den unlauteren Wettbewerb beschäftigen ■ wird, kaum aber noch mit der Börsenreformvorlage, wie die .Post' gemeldet hatte.
* Ueber die Dauer der Parlamentssession liegen heute folgende Nachrichten vor: Der Reichstag wird der ,Nordd. Allg. Ztg.' zufolge nicht vertagt, sondern um die Mitte der nächsten Woche geschlossen werden. — Wie die ,Germania' erfährt, wird das Abgeordnetenhaus am 29. Mai in die Ferien gehen, die bis zum 11. Juni dauern werden. An eine Vertagung bis zum nächsten Herbst, wie verschiedentlich gemeldet wurde, wird nicht mehr gedacht. — Ein anderer Berichterstatter erklärt es für wahrscheinlich, daß das Abgeordnetenhaus am 30. Mai in die Pfingst- ferien gehen und die Sitzungen dann erst nach der Eröffnung des Nordostseekanals (also etwa am 21 Juni) wieder aufnehmen wird. Die Session soll dann bis spät in den Juli hineindauern. Das ist allerdings wahrscheinlich, wenn diese Angaben im Uebrigen auch nur Vermuthungen sind.
* Der «ationalliberaleu Partei singt die demokratische .Frankfurter Zeitung' einen längeren Grabgesang, dem wir folgende Sätze entnehmen: „Wo immer eine Ersatzwahl zum Reichstage erfolgt, im Süden. Norden, Westen ober Osten, tritt eine markante Erscheinung in beredten Ziffern vor die Augen: der Rückgang des Nationalliberalismus. Rückgang ist eigentlich nicht der bezeichnende Ausdruck für die Sache, man könnte besser Schwund oder Auflösung sagen. Organisation, Agitation versagen, mit welchem Eifer und welchen Mitteln sie auch versucht werden; zu Tausenden bleiben die früheren Wähler aus, die einst sichersten Dörfer fallen ab und versagen. So war es in Schmalkalden, Rinteln, Eisenach, Weimar, so hat sich's auch in Köln gezeigt. Im Jahre 1893 hatte die Partei in den Stadtbezirken, die an der ! Ersatzwahl betheiligt waren, 8433 Stimmen erhalten, gestern brachte es ihr Kandidat, ein angesehener Bürger vom besten Ruf, nur noch auf 3887, also nicht mehr auf die Hälfte der früheren Zahl. Das ist, wie die ,Köln. Volksztg.' richtig bemerkt, kein Rückgang mehr, sondern ein Zusammenbruch, zumal wenn man bedenkt, daß der Nationalliberalismus in Köln über das ver- breiteste Blatt verfügt und dieses es au dem kräftigsten
Bosak versank einen Augenblick in Nachdenken; auf seiner Denkerstirn erglänzte ein Strahl des Verständnisses : er hatte, wenigstens theilweise, den Schlüssel ; zu dem wahnsinnigen Benehmen Boto's gefunden. ; Doch konnte und wollte er Theodora nicht beängstigen und darum sprach er zu ihr: „Ich will Ihnen die i Wahrheit sagen, liebes Kind. Während ihr Herz im Gebete sich zu Gott wandte, hat Boto um seine Un- ■ geduld zu besänftigen, ein Glas nach dem anderen ge- ; leert; da Sie nun die Ursache wissen, so können Sie ; sich die Folge denken: als er zu Ihnen kam, war er nicht mehr fest auf den Beinen, eine Uebelkeit befiel ihn und darum drehte er sich auf dem Fuße um und floh."
„Trinken! in solcher Weise trinken!" rief Theo- . dora voll Entrüstung.
„Bemitleiden Sie ihn; dieses Mal ist er weniger ; schuldig als sie glauben."
„Ich muß streng mit ihm sein", versetzte Theo- , dora und fügte dann in entschiedenem Tone hinzu: ' „Mag er bleiben, wo er ist, ich werde mich zur Ruhe begeben."
„Thuen Sie das und schlafen Sie in Frieden, ? mein Kind."
„Ich hoffe es; denn mein Gewifsen ist ruhig", f erwiderte sie, indem sie die tiefe Trauer, welche das :
Appell au das Pflichtgefühl der „national" denkenden Bürger nicht hatte fehlen lasfen .... Die einst herrschend gewesene nationalliberale Partei befindet sich im letzten Stadium ihres absteigenden Lebens; ihr Schicksal wird überall dasselbe sein, mag sie, wie in Eisenach, Weimar und Köln noch einmal an das Wahlglück appelliren, mag sie, wie in Ulm-Geislingen ober Waldeck-Pyrmont refignirt von der Bildfläche verschwinden. Sie hat gesündigt und gebüßt, sie ist gewesen; da das deutsche Reich wahrlich nicht Leid zu tragen braucht um ihren Untergang, wird auch nirgends der Wunsch laut werden, daß ihr eine Auferstehung beschieden sein möge."
* Die Einnahme an Wechselstempelsteuer im Deutschen Reiche für die Zahl vom 1. April 1895 bis zum Schluffe desselben Monats betrug 715,340 M, was gegen die Einnahme int gleichen Zeitraum des Vorjahres ein Mehr von 10,573 M. bedeutet.
* Ulm, 15. Mai. Bei der gestrigen Reichstags- erfatz-Stichwahl erhielt Haehule (Deutsche Volkspartei) 9626 Stimmen. Der nationalliberal-agrarische Kandidat Ehmann erhielt 7626 Stimmen; Haehnle ist somit gewählt und der Wahlkreisden Nationalliberalen entrissen. Die Centrumspartei, welche hier überetwa 2000 Stimmen verfügt, enthielt sich der Wahl.
Ausland.
* Wie«, 15. Mai. Prinz Albrecht von Preußen, Regent des Herzogthums Braunschweig, ist heute früh mit einer preußischen Militär-Deputation hier eingetroffen, um dem Kaiser Franz Joseph den preußischen Feldmarschallstab zu überreichen. Mittags empfing der Kaiser, welcher preußische Uniform angelegt hatte, die Deputation. Prinz Albrecht hielt eine Ansprache an den Kaiser, überreichte ihm den Feldmarschallstab und ein Handschreiben Seiner Majestät des Kaisers Wilhelm. Im Laufe des Tages tauschte Prinz Albrecht mit den Erzherzogen Besuche aus.
* Pest, 15. Mai. Das Magnatenhaus verwarf heute mit 114 gegen 109 Stimmen alle aitf die Konfessionslosigkeit bezüglichen Bestimmungen des Gesetzes über die freie Religionsübung. (Das Gesetz muß daher abermals verstümmelt an das Abgeordnetenhaus zurückgehen. D. Red.) Darauf wurden für das Gesetz über die Rezeption der Juden 107 Stimmen und gegen dasselbe ebenfalls 107 Stimmen abgegeben. Der Präsident entschied für das Gesetz. Das Haus trat hierauf in die Spezialdebatte über das Gesetz ein. Der grundlegende § 2, welcher den Uebertritt zum Judenthum gestattet, wurde mit 105 gegen 94 Stimmen abgelehnt.
* Pest, 14. Mai. In hiesigen politischen Kreisen verlautet, die Abberufung des Nuntius Agli- ardi sei nunmehr beschlossene Sache. Msgr. Agliardi dürfte binnen Kurzem den Wiener Posten verlaffen. Die politifche Lage würde nach hiesiger Auffaffung dadurch eine höchst bedeutfame Wendung und voll- seltsame Benehmen Botos ihr verursachte, zu bergen sich bemühte und ihrem Wohlthäter freundlich die Hand drückte.
Vom tiefsten Miileid für die junge Gattin erfüllt, kehrte Bosak in den Speisesaal zurück, verschloß die Thür, damit die Dienerschaft von den Worten des Rasenden nichts vernehme und setzte sich, froh, daß Fräulein Waiser dem schrecklichen Auftritt nicht beigewohnt hatte, an Botos Seite.
Die auf der Tafel stehenden Lichter begannen zu verlöschen; bleiche Lichtstrahlen beleuchteten den Wittwer Sibillas, welcher nach Luft ringend, in ängstliche Seufzer ausbxach.
Boto lag auf dem Sopha; plötzlich erhob er sich, sah mit weit geöffneten Augen ängstlich um sich, und da er Bosak gewahrte, ergriff er dessen Hand und tief ängstlich aus: „Lassen Sie mich nicht allein! . . . . Dieser Leichnam verfolgt mich! o, ich habe Angst!"
„OhneZweifel", dachte Bosak, „hat erste getöbtet, unb jetzt verwanbeln seine Gewissensbisse sich in zeitweiligen Irrsinn, welchem aber leicht tödlliche Monomanie folgen könnte."
„Verlassen Sie mich nicht", fing ber Unselige von Neuem zu jammern an.
„Beruhigen Sie sich, Boto", sprach Bosak sanft, „beruhigen Sie sich; ich werbe hier bei Ihnen wachen.