M 112 Donnerstag, den 16. Mai 1895 22. Jahrgcma
FuldakrWZeitiing
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Deutsches Reich.
Berlin, 14. Mai.
* Der Kaiser ist gestern im besten Wohlsein in Militsch eingetroffen und begab sich von dort alsbald zu Wagen nach Wirschkowitz. — Der geplante Besuch des Kaisers am schwedischen Hofe wird der ,Nya Dagligt Allahanda' zufolge im Juli stattfinden; wahrscheinlich trifft der Kaiser, von einem Geschwader begleitet, mit größerem Gefolge in Stockholm ein. — Dem Sultan von Sansibar ist vom Kaiser der Rothe Adler-Orden erster Klasse verliehen worden.
* Der kommandirende Admiral der Marine Freiherr v. d. Goltz ist auf seinen Antrag mit der gesetzlichen Pension zur Disposition gestellt worden und wird ä la suite des Seeosfizierkorps geführt. Kontreadmiral v. Reiche, welcher mit der Stellvertretung des Chefs derMarinestation der Ostsee betraut war, ist zum Vizeadmiral, die Kapitäne zur See Plüdde- mann und Tirpitz sind zu Kontreadmiralen befördert. Zum Nachfolger des Frhrn. v. d. Goltz ist Admiral Knorr ernannt.
* Ueber die Aufgaben des Reichstags und die Dauer der Session schreibt die,Kreuzztg.': Neuerdings hat man vielfach die Meinung aussprechen hören, der Reichstag werde etwa am 25. Mai seine jetzige Session schließen. Wir glauben gut unterrichtet zu sein, wenn wir ein derartiges Gerücht für durchaus falsch halten; bei manchem mag wohl der Wunsch der Bater des Gedankens gewesen sein. In den Kommissions- berathungen beinahe zu Ende geführt sind das Spiritusgesetz und die Gewerbesteuer-Novelle. In den nächsten Tagen sollen dem Reichstage die schon längst angekündigten und erwarteten Gesetzentwürfe betreffend die Börsenreform, die Bekämpfung des unlauteren Wettbewerbs und ein Noth-Zuckersteuer-Gesetz zugehen. Dazu tritt der unterm 9. d. M. von einer großen Zahl von Mitgliedern eingebrachte Entwurf eines Gesetzes betreffend den Handel mit Margarine u. s. w. Daß die Berathung dieser wichtigen Vorlagen den Reichstag auch über Pfingsten hinaus in beschlußfähiger Zahl zusammenhalten wird, ist wohl ununzweifelhaft, und noch sicherer dürfte es sein, daß die verbündeten Regierungen das lebhafteste Interesse daran haben müssen, daß die genannten Vorlagen, welche bereits in der Thronrede angekündigt worden sind, noch, in dieser Session zur Verabschiedung gelangen. Es kann also noch recht lange dauern!
* Zu den am 18. d. M. in Berlin stattfindenden ; Sachverständigen-Berathungen über die bessere Organi- i firung des Kredits für die Mittelstände auf dem Lande ? und in den Städten find auch mehrere Handwerker eingeladen worden, welche auf dem in Frage stehenden Gebiete über langjährige Erfahrungen verfügen.
* Die Erörterungen über den Fall der Umsturzvorlage dauern, wie man sich denken kann, wie in allen politischen Kreisen so auch in der Presse fort. Auch die ,Norddeutsche' fagt jetzt ihr Sprüchlein
Bit LrWmz des Wttngriidns.
Roman von H. v. Remagen.
(74. Fortsetzung.)
Alle schwiegen; vergebens suchte Theodora ein Gespräch in Gang zu bringen. Bosak gab keine oder einsilbige, zerstreute Antworten, Fräulein Waiser rang nach Athem, und Boto herrschte ungeduldig die Diener an, ob das Essen bald zu Ende sei.
Endlich wurde, seine Qual zu beenden, das Dessert aufgetragen. Da erhob sich Boto, nahm ein volles Glas Wein zur Hand, wandte sich an den Grafen von Barges und sagte in triumphirendem Tone: „Stoßen Sie mit mir an auf mein Glück, auf das Glück meiner schönen Gemahlin!"
„Von ganzem Herzen," entgegnete Bosak; da er aber schon das Glas den Lippen näherte, fügte er hinzu: „Auf das Glück der Tugend und auf das Verderben der Schuld!"
Boto's und Bosak's Augen begegneten sich, funkelnd vor Zorn und Wuth.
„Boto," sagte Theodora sanft, indem sie erröthete und die Augen niederschlug, „lieber Boto, laß mich Dir vorangehen. Bevor ich zur Ruhe gehe, will ich beten."
„Aberglaube, thörichter Aberglaube!" Diese Worte
dazu, von dem man aber nicht weiß, ob es offiziös ist oder nicht. Unbedeutend genug ist es allerdings. Die Norddeutsche' will dem Cent rum am Zeuge flicken, indem sie auseinandersetzt, daß dem Centrum die Schuld an diesem Ausgange „trotz unserer wohlgemeinten (?) und auch das eigene Interesse dieser Partei (?) ins Auge fassenden Warnungen" zukommt. Das könnte uns an sich gleichgiltig sein, da das katholische Volk dem Centrum für die Ablehnung der Umsturzvorlage nur dankbar sein kann; aber zur Steuer der Wahrheit Mssen wir das offiziöse Blatt, das dem Centrum vorhakt, es hätte doch wenigstens in 2. Lesung für § 112 der Regierungsvorlage stimmen können, um eine dritte Lesung zu ermöglichen, darauf aufmerkfam machen, daß ebenso gut, ja noch viel besser die Regierung ihren Widerspruch gegen § 112 der Kommissionsfassung, nachdem sie bisher nicht wiedersprochen hatte, ruhig auch noch bis zur 3. Lesung hätte verschieben können. Dann würden auch die Konservattven und großenteils auch die Reichspartei und die Nationalliberalen in der 2. Lesung für die Kommissionsfasfung gestimmt und so eine 3. Lesung ermöglicht haben. Aber nein! das Cent rum sollte gedemüthigt werden, es sollte über den Stock springen, den ihm der Justizminister so herausfordernd vorgehalten, und einfach überall die Kommissions- faffung preisgeben. Das hätte man selbst einer Partei, die das allergrößte eigene Interesse an der Umsturzvorlage gehabt hätte, nicht bieten dürfen, viel weniger dem Centrum, von dem man doch wußte, daß es nur mit den allerfchwersten Bedenken an die Vorlage herangetreten war. Wir zweifeln auch gar nicht, daß Leute wie Herr Schönstedt und Herr v. Köller die Abweisung eines solchen Ansinnens an das Centrum vorausgesehen und — gewollt haben. Wir wissen zwar noch nicht, welche Pläne die Herren zu diesem Vorgehen veranlaßt haben, aber denken lassen sich solche Pläne schon — nach den nur scheinbar überwundenen Eulenburg'schen Plänen, die auf einen Umsturz von oben abzielten. Aber nur zu! Wir sind gerüstet.
* Die Stempelsteuer-Kommission hat ihre Aufgabe in erster Lesung erledigt. Der Finanzminister ist von dem Ergebniß der ersten Lesung nicht besonders befriedigt, das Land wird aber mit den Beschlüssen der Kommission um so zufriedener sein. Vor der zweiten Lesung soll in den einzelnen Fraktionen Stellung zu den Beschlüssen der ersten Lesung genommen und eine Unterkommission gewählt werden, welche mit der Staatsregierung über die gefaßten Beschlüsse unterhandeln soll. Hierdurch wird voraussichtlich die Aufgabe der Kommission für die zweite Lesung erheblich erleichtert und bedeutend abgekürzt. Es ist jedoch keine Aussicht vorhanden, daß das Gesetz noch vor den Pfingst- ferien ins Plenum gelangt, vielmehr wird man zufrieden sein müssen , wenn die zweite Lesung des Ge- setzentwm fs vor Pfingsten in der Kommission beendigt, während der Pfingstferien der Bericht entworfen und
kamen Boto in den Sinn, doch sprach er sie nicht aus, um sein Weibchen nicht gleich am ersten Abend nach der Hochzeit zu kränken, und sich vorbehaltend, dieselben später so lange zu wiederholen, bis er das gelehrige Kind dahin gebracht haben würde, zu denken, wie er, machte er eine Bewegung der Ungeduld und gab nur durch ein stummes Kopfnicken seine Einwilligung zu verstehen.
„Segnen Sie mich im Namen meiner Mutter," bat die junge Frau, vor ihrem Wohlthäter niederknieend.
Bosak legte stillschweigend und tiefgerührt beide Hände auf das blonde Engelsköpfchen.
„Bis morgen!" rief Theodora und verschwand.
Bosak und Boto blieben allein. Beide schwiegen. Der Erstere heftete seinen intelligenten, durchdringenden Blick auf den Boden, der Andere war die willenlose Beute einer beständigen, nervösen Reizbarkeit, er klopfte mit dem Fuße auf den Boden und rückte auf dem Stuhle hin und her.
Inzwischen waren Bosak's Gedanken etwa folgende: „Weshalb mache ich ihn nicht kalt? Weshalb mache ich nicht Theodora an ihrem Hochzeitstage zur Wittwe? So schwach ich auch noch bin, so bin ich doch sicher stärker, als dieses von Ausschweifungen entnervte Gerippe. Wäre es nicht ein verdienstliches Werk, ein verderbliches Geschöpf zu zertreten und die Tugend vor
gleich nach den Pfingstferien festgestellt wird. Da nun die Pfingstferien gewohnheitsmäßig bis zu dem zweiten Dienstag nach Pfingsten dauern, also in diesem Jahre bis zum 11. Juni, und da die Festlichkeiten zur Einweihung des Nordostseekanals am 19. Juni beginnen, so scheint wenig Aussicht vorhanden zu sein, das Stempelsteuergesetz vor Ende Juni im Abgeordnetenhause zu erledigen. Damit ist auch, abgesehen von allen andern vorliegenden und vielleicht noch einlaufenden Vorlagen, die Frage nach der Dauer der Tagung entschieden; sie muß, wenn auch das Herrenhaus pünktlich zur Stelle ist, bis mindestens Anfang Juli dauern.
* Der Entwurf eines Zuckersteuer-NothgesetzeS ist dem Reichstage zugegangen. Nach § 68 des Zuckersteuergesetzes vom 31. Mai 1891 betragen die Zuschüsse für ausgeführten Zucker bis Ende Juli 1895 in der Klasse a 1,25 Mk., in der Klasse b 2 Mk., in der Klasse c 1,65 Mk. für 100 Kilogramm. Diese Zuschüsse sollen vom 1. August 1895 ab auf 1 Mk., 1,75 Mk. und 1,40 Mk. ermäßigt werden und mit dem 31. Juli 1897 überhaupt fortfallen. Mit Rücksicht auf die Lage, in der Zucker-Industrie und Land- wirthschaft in Folge der in den letzten Jahren ständig heruntergegangenen Zuckerpreise sich befinden, sollen nunmehr nach dem Entwurf für den Fall, daß weitergehende Aenderungen des Zuckersteuergesetzes vor dem 1. August d. I. sich nicht ermöglichen lassen, einstweilen die Zuschüsse in ihrer jetzigen Höhe aufrecht erhalten werden.
* Aus Bundesrathskreisen hört die,Post', daß angenommen werde, das Plenum des Bundesraths werde sich in dieser Woche u. A. such mit dem Börsenreformgesetz beschäftigen. Die Regierung scheint das Gesetz also doch noch vor Ablauf der Session im Reichstage wenigstens einbringen zu wollen. Die gestern von uns erwähnten Meldungen über den bevorstehenden Sessionsschluß sind übrigens, wie wir an dieser Stelle hervorheben wollen, keineswegs so zu verstehen, als ob bereits ein bestimmter Beschluß der verbündeten Regierungen über den Sessionsschluß vorläge. Sie wünschen allerdings, wie man jetzt, nach dem Fall des Umsturz- und Tabaksteuergesetzes, vernimmt, den baldigen Schluß der Session, aber ein Beschluß ist noch nicht gefaßt.
* Der April ist für die sozialdemokratische Parteikasse wieder recht ergiebig gewesen. Nach der im 'Vorwärts' erstatteten Monats-Bilanz sind an den Kriegs- Fonds der „Genossen" sehr erhebliche Beträge eingeliefert worden. Voran steht Berlin, aus den Wahlkreisen gingen Posten von 300, 2000, 1000, 1013, 700, 300, 100 und 800 Mk. ein, zusammen mehr als 6000 Mk., dazu kommt der Beittag der ,Borwärts'- Buchhandlung mit 4000 Mk. Auch Hannover, Hamburg und andere Großstädte waren eifrig für die Kasse bedacht. Die Familienfeiern, rothe Kindtaufe und Hochzeit, fehlen auch diesmal nicht. Der „National-Festtag" am 1. April hat den überzeugten Genossen ebenfalls entsetzlichen Qualen zu bewahren? .... Doch nein, das Leben ist nicht in unserer Gewalt, darum kann auch der Tod nicht in unserer Gewalt stehen; und da die Vorsehung schläft, so mag die Unschuld wieder wie immer das Opfer fein."
„Der fehlt auch gerade noch, dieser quälgeisttge Prahlhans!" dachte Boto seinerseits; „der fehlte gerade noch! Aber ich werde ihn mir schon vom Halse zu schaffen wissen; er täuscht sich ungeheuer, wenn er glaubt, in meinem Hause sich festsetzen zu können. Heute habe ich um des lieben Friedens willen geschwiegen; aber morgen hinaus mit der Lehrerin! hinaus mit denk sogenannten Beschützer! Theodora muß mir gehorchen; ich allein habe zu befehlen!"
Aus diesen Gedanken wurde er durch die Bemerkung des Fräulein Waiser gerissen, daß seine Gemahlin ihn erwarte.
Zwei Wege führten zu dem Wohngemach der jungen Eheleute. Auf dem einen gelangte man durch einen Korridor und ein kleines Arbeitszimmer zu demselben; auf dem anderen durchschritt man zwei große Säle, dieselben, in denen der letzte Ball Sibillas gehalten worden war, und eine Gallerte, welche in den erwähnten Korridor mündete.
Boto ging nie durch die Säle; sie erregten ihm Gewissensbisse. Allein an jenem Abende dachte er